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Schneller schreiben als Denken – Stenographie für den Computer

Ob Zehn-Finger oder Ein-Finger-Suchsystem, das Tippen langer Texte ist ein langwieriger und undankbarer Job. Die Computerspracherkennung scheint auf einem guten Weg zu sein, es wird aber wohl seine Gründe haben, warum sie sich bisher nicht auf breiter Front durchgesetzt hat. Die wenigsten Leute können druckreif sprechen und an einer manchmal zeitaufwändigen Korrektur von Rechtschreibung und Grammatik kommt man nicht vorbei.

Wer sich also keinen Sekretär leisten kann und auf das viele Schreiben nicht verzichten mag, muss sich nach einer Alternative umsehen. Stenographie wäre eine Möglichkeit. Steno ist aber nur zum handschriftlichen Mitschreiben geeignet, mir ist keine Möglichkeit bekannt, Steno auf einer PC-Tastatur einzugeben. In diesem Fall hat man sogar Mehrarbeit, zunächst muss alles in Steno notiert werden, um es anschließend abzutippen. Ideal wäre es, wenn Steno direkt in den Computer eingegeben wird und sich in normalen Text umwandelt, wie das bei der Autokorrektur der Textverarbeitung passiert. Dabei werden häufig falsch geschriebene Worte korrigiert und einige Abkürzungen wie MFG ausgeschrieben.

Die Blindenschrift ist für diesen Fall ideal. Neben der normalen Brailleschrift – der Vollschrift – existiert eine Kurzform – die Kurzschrift. Die Kurzschrift besteht aus einzelnen Zeichen, die geläufige Zeichenketten wie „sch“, aber auch ganze Worte wie „sich“ in einem Zeichen zusammenfassen. Das Wort „schließlich“ zum Beispiel würde in Kurzschrift aus nur 5 Zeichen bestehen: sch, l, ie, ß, lich. Das System der deutschen Kurzschrift wird hier dargestellt.

Ein kleines Problem ist die Groß- und Kleinschreibung, sie wird in Braille nicht verwendet. Eine Lösung bestünde darin, ein auf der Standardtastatur vorhandenes Sonderzeichen wie die Raute vor groß geschriebene Worte oder Buchstaben voranzustellen. Der etwas aufwändigere Weg bestünde darin, sämtliche Kürzungen anzulegen, wobei Groß- und Kleinschreibung jeweils beachtet werden. Eine groß geschriebene Kürzung bleibt ausgeschrieben groß, eine klein geschriebene klein.

Fast alle Kürzungen in Braille bestehen aus ein oder zwei Buchstaben, einige aus einem Komma und einem Buchstaben. Da es im Deutschen kaum Wörter mit einem oder zwei Buchstaben gibt, lassen sich diese Zeichenketten ohne Verwechslungsgefahr einsetzen.

Der Vorteil von Braille gegenüber Steno besteht darin, dass hier fast nur Zeichen verwendet werden, die im normalen Alphabet vorkommen, im Gegensatz zu Steno, das einen eigenen Zeichensatz besitzt, der von der Tastatur nativ nicht unterstützt wird.

Der Vorteil einer Kurzschrift besteht darin, dass man praktisch in Denkgeschwindigkeit schreiben kann. Der durchschnittliche Tipper schafft mit Leerzeichen zwischen 120 und 240 Anschläge, wobei letzteres schon ein ordentliches Tempo wäre. Das dürften etwa 50 Silben sein. Ein Stenograph schafft bis zu 300 Silben pro Minute und mehr, was schneller als Sprechgeschwindigkeit ist.

Warum sollte man sich diesen Aufwand antun? Denn das alles ist mit Arbeit verbunden. Meines Wissens nach gibt es derzeit kein System auf dem Markt, wie ich es beschrieben habe. Das hat seinen Grund, man kommt nämlich nicht darum herum, ein mehr oder weniger komplexes System auswendig zu lernen. Damit das System funktioniert, müsste man bei meinem System einige Dutzend Kürzungen auswendig lernen. Andererseits muss man sagen, dass das Ganze interessante Möglichkeiten für Vielschreiber eröffnet. Sie können die Phase, in der sie intellektuell am leistungsfähigsten sind, effektiv ausnutzen, weil sie in Denkgeschwindigkeit schreiben könnten. Wessen intellektuelle Phase sich auf zwei bis drei Stunden beschränkt, ärgert sich über die Zeit, die er mit dem Aufschreiben oder Abtippen seiner Ideen verbringen muss. Ein Redemanuskript ließe sich auf einer Seite zusammenfassen, natürlich nur die wichtigsten Stichpunkte. Ein Zitat oder eine ganze Vorlesung ließen sich in Echtzeit mitschreiben, ob das alles im Einzelfall Sinn macht, ist eine andere Frage. Vor allem das Schreiben auf unbequemen Tastaturen wie bei PDAs oder Smartphones ließe sich abkürzen.

Ich bin übrigens darauf gekommen, als ich das Buch „Imperium“ von Robert Harris las, eine erzählerische Biographie des römischen Redners Cicero. Ciceros Sekretär Tiro erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive. Tiro hatte eine eigene Kurzschrift entwickelt, um die Gedanken seines Herren aufzuschreiben.

edit: Mit der klassischen Autokorrektur der Textverarbeitung würde das Kurzschriftsystem leider nicht funktionieren, stelle ich gerade fest. Die Autokorrektur funktioniert nur bei ganzen Wörtern. Wollen wir aber Teile von Wörtern abkürzen, müssten wir in mühseliger Kleinarbeit zumindest die geläufigsten 200 Wörter oder mehr schon einmal abspeichern. Um einigermaßen flüssig arbeiten zu können, müssten es wohl eher 1000 Wörter sein, womit wir noch nicht die Sonderformen abgedeckt haben. Schließlich und schließlich, ausschließlich, einschließlich, anschließend oder abschließend, alle denkbaren formen müssten gespeichert werden. Einem Programmierer würden hier die Augen tränen, denn für ähnliche Aufgaben sollte man nicht so viel Aufwand treiben. Ich werde mir wohl etwas anderes überlegen müssen.

Update: Für den Mac gibt es den Text Expander, der die oben genannten Aufgaben erfüllen kann. Man erstellt eine Datenbank mit Textbausteinen, die dann über Kürzel automatisch in den Text eingefügt werden. Der Clou ist, dass das Tool systemweit zur Verfügung steht, also auch für die Textverarbeitung oder fürs Internet. Im Golem-Forum werden vergleichbare Tools für Windows erwähnt. Ich habe noch keines der Systeme ausprobiert.