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Texten für Alle

Gutes Schreiben ist eine Kunst für sich. Viele Leute bieten interessante Inhalte an, verpacken sie aber so, dass sie unlesbar werden. Manchen Weblogs und anderen Textquellen merkt man nach fünf Wörtern an, dass sie von Juristen, Soziologen, Pädagogen, Informatikern oder anderen Experten geschrieben wurden. Der Fachjargon einiger Disziplinen treibt dem gutwilligen Leser den Schweiß auf die Stirn und lässt auch so manchen Viel-Leser ratlos zurück.
Wer nicht nur für sich selber schreibt, sollte einige elementare Regeln beherzigen. Nebenbei sollte man im Hinterkopf behalten, dass die meisten Autoren professionelle Lektoren haben, die nicht nur für Verständlichkeit sorgen sollen, sondern auch logische Widersprüche, Gedankensprünge und sinnfreie Ausflüge ihrer Schützlinge ausbügeln.
Wie lauten also diese Regeln?
– Verbal statt nominal: Kaum etwas ist schlimmer als eine Reihe von Substantiven
– aktiv statt passiv: “man…”, “jeder…”
– keine komplexen Konstrukte: “Dies würde dazu führen, dass…”
– Fremdwörter vermeiden
– Fachjargon vermeiden, besonders Juristen- oder Pädagogen-Sprech
– sparsam mit Metaphern
– sparsam mit Webjargons, starken Satzzeichen wie Frage- oder Ausrufezeichen, sparsam mit Emoticons, insbesondere dem Smiley. Häufiger Einsatz von Emoticons wirkt außerhalb von Foren oder Chats unprofessionell. Inflationär eingesetzt erzeugen sie den Eindruck, der Schreiber würde entweder sich selbst nicht ernst nehmen oder sich über sein Gegenüber lustig machen. Das Ausrufezeichen verliert seine stilistische Wirkung, schließlich betonen wir auch beim Reden nicht jeden einzelnen Satz.
– konkret und anschaulich statt abstrakt und metaphysisch: lebensphilosophische Banalitäten sollten dem Dalai Lama und Paolo Coelho überlassen bleiben
– Tipp- und Rechtschreibfehler vermeiden: Ich ärgere mich auch über jeden meiner Tippfehler. Fakt ist, dass der Leser über Rechtschreibfehler stolpert. Kommata und andere Satzzeichen sind dort wichtig, wo sie die Lesbarkeit fördern. Zudem ist es echt peinlich, wenn der Name eines bekannten Regisseurs gleich mehrfach flasch geschrieben wird, so wie beim Deutschlandfunk.
Der Rest ist Übung und Geschmackssache: ein Ratgeber erfordert einen anderen Stil als ein Blog-Eintrag. Wer sich selber einen Gefallen tun möchte, sollte seine Texte von jemand anderem gegen lesen und kritisieren lassen.

Typographie

Unter Typographie verstehe ich die Gesamtgestaltung eines Textes, das betrifft das Kerning – der Abstand der Buchstaben zueinander – Zeilenabstand, Absatzausrichtung und vieles mehr. In mehreren Jahrhunderten Textgestaltung haben sich Regeln ausgebildet, die auch für das Web gelten. Und das um so mehr, weil Texte am Bildschirm nach wie vor nicht gut zu lesen sind.
– kein Blocksatz, die Abstände zwischen den Worten sehen einfach dumm aus (schade um das WordPress-Standard-Theme)
– Absätze geben dem Text und den Gedanken Struktur und dem Auge eine Orientierungsmöglichkeit.
– Zwischenüberschriften bieten eine Art kurzer Zusammenfassung und Erlauben das Überfliegen des Textes.
– Gut lesbare Schriftarten fördern das Weiterlesen. Nur weil ein Monitor 22 Zoll Diagonale besitzt, sind 10 Pixel nicht lesbarer.
– Buchstaben- und Zeilenabstand sollten so gewählt werden, dass der Text angenehm zu lesen ist, ohne dass man die anderen Zeilen aus dem Blick verliert. Ich erinnere mich mit Grauen an die Reclam-Hefte, die nicht nur wegen ihres zumeist schweren Inhalts schlecht zu lesen waren.
– Elemente wie Zitate oder Aufzählungen sollten entweder textlich oder via HTML als solche zu erkennen sein. Eine Aufzählung von fünf Gründen für dieses oder jenes in einen Satz mit zahlreichen Kommata, Gedankenstrichen, exotischen Klammern und Anführungszeichen zu packen zeugt von der Faulheit des Schreibers. Ein Zitat ist eine Einfügung fremden Materials und sollte entsprechend auch gekennzeichnet sein.

Und weiter?

Stilfragen sind Geschmacksfragen. Dennoch gibt es Regeln, an die sich jeder Schreiber halten sollte.
– Die Gedanken sollten klar formuliert werden. Literarische Ambitionen sind oft nett zu lesen, aber meist auch unverständlich.
– Der Kern der Sache sollte immer im Blick behalten werden. Philosophische und gedankliche Ausflüge, Lebensfindung und Selbstverortung haben in Texten nichts zu suchen, die eigentlich etwas anderes zum Thema haben.
– Kurz und knapp ist zumeist besser als lang und blumig. Der Leser ist nicht immer bereit, dem Schreiber endlos auf seinen gedanklichen Pfaden zu folgen.
Gute Schreiber fallen nicht vom Himmel, Schreiben erfordert Übung und Geduld. Viel Erfolg.

Die Aufhebung der Anonymität – schützen Pseudonyme und Nicknamen die Privatsphäre?

Wer sich längere Zeit an einem bestimmten Forum beteiligt, stellt sehr bald fest, dass wenige Nutzer sehr oft aktiv sind, während viele Nutzer nur ab und an dabei sind. Die bekannten Nutzer erkennt man oft am Schreibstil wieder, wenn sie etwa ihre Nicknamen verändern. Ähnlich ist das auch bei “Trollen”, Diskussionsstörern, die früher oder später igonriert werden und deshalb häufiger ihre Nicknamen wechseln. Auch sie werden am “Trollstil” wiedererkannt. Das nennt sich Stilometrie. Das Forenbeispiel zeigt, dass man diese Stilerkennung auch sehr intuitiv verwenden kann.
Schon seit langem gibt es Versuche, die Schreiber bestimmter Texte zu identifizieren: ob es um Erpresser-Schreiben, Bekennerschreiben oder illegale Publikationen geht, stets kann es wichtig sein zu wissen, ob die Texte von einem bestimmten Autoren stammen. Dazu benötigt man eine längere Schreibprobe dieser Person. Inzwischen scheint es Software mit recht guter Erkennung zu geben.
Die Idee der Stilometrie ist nicht neu. Gelegentlich erkennen Experten, dass Kunstwerke nicht von den berühmten Künstlern stammen, denen sie zugerechnet werden. Oder umgekehrt, das Kunstwerk eines Unbekannten wird einem bekannten Künstler zugeordnet – alles mit drastischen Folgen für den monetären Wert des Kunstwerks. Statt Farbwahl, Pinselführung oder sonstiger Eigenart lassen sich bei der Stilerkennung ähnlich typische Eigenschaften identifizieren: hartnäckige Fehler in der Orthographie, ein Faible für bestimmte oder seltene Worte und Phrasen, die Verwendung bestimmter Metaphern, bevorzugte Satzkonstruktionen, die Verwendung bestimmter Adjektive und Verben sowie unzählige statistische Methoden.
Interessant wird es dann, wenn Texte aus der Vergangenheit den Schreiber einholen. Für Historiker wie für die Staatsanwaltschaft kann es etwa höchst interessant sein herauszufinden, wer bestimmte Schreiben der RAF verfasst hat. Andererseits ließe sich auch herausfinden, dass Leute ihre Bücher nicht selber geschrieben oder plagiert haben. Uralte vergessene Forenbeiträge ließen sich ihren Schreibern zuordnen, wodurch sie identifzierbar werden.
Voraussetzung für das alles ist natürlich, dass eine Original-Schreibprobe in ausreichender Länge vorliegt, wobei natürlich die Zahl der Proben recht groß sein müsste, um für eine Untersuchung interessant zu werden.

Insofern muss man die Frage in der Überschrift eindeutig bejahen. Vor allem in Staaten mit mangelnder Meinungs- und Pressefreiheit kann die Anonymität lebenswichtig sein. Das Web spielt eine große Rolle, wenn es um die Verbreitung ungenehmer Informationen geht. Daher ist es für Menschen, die diesen undankbaren Job übernehmen wichtig, nicht nur Werkzeuge zur Anonymisierung, sondern auch zur Pseudonymisierung ihrer Texte zu haben, damit sie unerkannt bleiben können.