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Die Orthographie im Web – wie das WWW die Haltung zur Rechtschreibung beeinflusst

Der Prozess des Schreibens ist komplexer, als man auf den ersten Blick denken mag. Während man noch versucht, einen Gedanken in schriftliche Sprache zu fassen, müssen jahrelang gelrente Regeln über Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik im Hinterkopf mitgedacht werden.

Obwohl Textverarbeitungen mit eingebauten Rechtschreibfunktionen heute zum Standard gehören, scheint die Zahl der Personen zuzunehmen, die keinen Wert auf korekkte Orthographie liegen. Orthographische Fehler gehören im Web – aber mittlerweile auch offline – zum Alltag.

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen:

– Die schiere Zahl der Schreiber und Texte hat durch das Web derart zugenommen, dass zwnagsläufig auch mehr Fehler gemacht werden. Das Schreiben für die Öffentlichkeit war früher einem zahlenmäßigen beschränkten Kreis gestattet.
– Die Flüchtigkeit des Lesens hat im Web zugenommen: Es werden mehr Texte angesehen, aber wenige Texte werden tatsächlich von vorne bis hinten durchgelesen. Das ist meistens weder nötig noch möglich, da E-Mails, Artikel und SMS en Mass eintreffen und bei genauer Lektüre kaum zu bewältigen wären.
– Die Beherrschung der korrekten Orthographie nimmt ab. Tageszeitungen in gedruckter und digitaler Form wimmeln von Fehler in der Syntax. Diese Artikel, die praktisch immer von professionellen Journalisten verfasst werden, wurden offenbar nicht noch einmal durchgesehen. Zugleich nimmt aber auch die Kenntnis der Leser darüber ab, wie korrekt geschrieben wird. Wo sich der Deutsch-Lehrer entnervt an den Kopf schlägt, liest der Laie einfach darüber hinweg.
– Aus Kostengründen werden oft – vor allem im Internet – keine Lektoren mehr eingesetzt.
– Redaktionssysteme verfügen oft über keine gut bedienbare Rechtschreibkontrolle. Oftmals werden die Texte direkt hier eingetippt, also ohne automatische Rechtschreibprüfung.

Einer der wichtigsten Gründe mag aber sein, dass viele digitale Texte derart flüchtig sind, dass die Tippfehler von niemandem registriert werden. Ein Text kann mehrere Minuten auf der Startseite stehen, um dann Auf-Nimmer-Wiedersehen in den Untiefen der Website zu verschwinden.

Viele werden das als Niedergang des Abendlandes bewerten. Doch die Entwicklung ist differenziert zu betrachten. Der einzige praktische Nutzen der Orthographie besteht darin, dass sie die Verständlichkeit fördert: Ein falsch gesetztes oder fehlendes Komma erschwert oft die Verständlichkeit. Die Demokratisierung des Schreibens hat aber eben auch zur Folge, dass viele Menschen viele Fehler machen, weil für sie das Sich-Ausdrücken im Vordergrund steht, die Orthographie aber eines der komplexesten Themen ist, die man sich antun kann.

Rettet die deutsche Sprache – lernt Fremdsprachen!

Die selbsterklärten Sprachpfleger beklagen allenthalben den Verfall der deutschen Sprache. Unter starker Kritik stehen die Marketingleute, die für den pseudo-englisch-deutschen Mischmasch verantwortlich gemacht werden. In Frankreich gibt es – etwas kurios anmutenden – Versuch, englische Begriffe wie Internet oder Computer einzufranzösischen. Davon wurden wir bisher verschont.

Sicherlich ist so manches ziemlicher Unsinn, was die Marketingleute so hervorzaubern. Schlimmer ist aber das Bürokratendeutsch und der Fachjargon, die sich in den normalen Sprache breit machen. “In Kenntnis setzen” ist Bürokratendeutsch für sagen.

Wer sich die Sprachpfleger anguckt oder anliest, stellt auch fest, daß kein normaler Mensch so spricht wie diese Intellektuellen es tun. Sie treffen es auch selten. es ergibt kaum Sinn, Worte eins zu eins aus dem Englischen zu übersetzen. Mit dem englischen Wort “Community” ist ein wenig mehr gemeint als “Gemeinschaft”, der “Computer” ist etwas mehr als eine Rechenmaschine und fast schon ein deutscher Begriff. Das englische Wort “manipulation” bedeutet übrigens etwas anderes als das deutsche Manipulation. Manipulation meint im Englischen lediglich Veränderung im positiven wie im negativen Sinne, während die Manipulation im Deutschen immer negativ konotiert ist, im Sinne von Fälschung.

Das Problem heute ist die mangelnde Bereitschaft, Fremdsprachen gut zu lernen. Je größer ein Land, desto weniger Fremdsprachen werden gesprochen. Das schränkt aber drastisch die Möglichkeiten ein, die Strukturen der eigenen Sprache kennen zu lernen. Die hyperkomplexen Regeln der deutschen Orthographie, Syntax und Grammatik kennt kaum ein Deutscher.

Wer aber ein Gefühl für die eigene Sprache entwickeln will, muss deshalb Fremdsprachen lernen.

Erstaunlich im übrigen, dass einige der bekanntesten deutschsprachigen Schriftsteller Ausländer sind: Da wären etwa Feridun Zaimoglu oder Ilja Trojanow zu nennen. Die besten Bücher sind in Deutschland Übersetzungen, die überwiegend sehr gut gemacht sind. Die Übersetzer, die hinter dem Originalautoren zurückbleiben, sind dadurch die wichtigsten Sprachpfleger.