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Schutz durch Atomisierung – warum es keine gute Idee ist, seine Aktivitäten im Web 2.0 allen zugänglich zu machen

Der Trend im Web 2.0 geht dahin, sämtliche Aktivitäten im Web an einer zentralen Stelle sichtbar zu machen. Das Non-Plus-Ultra ist die Verschmelzung von Offline und Online via Geo-Tagging: Wer mit einem GPS-Handy gesegnet ist, kann mit bestimmten Diensten erreichen, dass jede Person sehen kann, wo er sich derzeit aufhält.
Die Atomisierung der Aktivitäten im Social Web schützt den Nutzer davor, schnell identifiziert und vor allem analysiert zu werden.
Für Stalker, Identitätsdiebe und Blödmänner ist das Social Web eine ideale Quelle, um ihre Opfer auszuhorchen. Bei den Journalisten Tina Kroll haben für Identitätsdiebe Name und Geburtsdatum ausgereicht, um ihr einen großen finanziellen Schaden zu bereiten, auch netzpolitik hat berichtet. Erstaunlich ist, dass bisher noch nicht wesentlich mehr Fälle bekannt geworden sind.
Hier liegt im Übrigen eine Gefahr der Unified Communications, ein Accout für alle Web-2.0-Aktivitäten. Es reicht dann aus, einmal den Zugang zu stehlen oder zu knacken, um einen Menschen vollständig zu komprimitieren.
Neben der Sparsamkeit mit Daten sollte man also genau das Gegenteil von dem tun, was heute im Social Web üblich ist: falsche Namen, falsche Geburtsdaten, unterschiedliche Nicknames, viele, viele verschiedene Anbieter für Dienste nutzen und an keiner Stelle zugeben, unter welchem Namen man bei einem anderen Dienst angemeldet ist.
Vor einiger Zeit hatte der amerikanische Medienkonzern Viacom versucht, sich per Gerichtsbeschluss die Benutzerdaten von YouTube herausgeben zu lassen. Er wollte damit Verstöße gegen das Copyright verfolgen. Dabei rächt sich, dass Google als Eigentümer von YouTube sämtliche Daten auf Dauer speichert und seine Benutzer identifizierbar sind, auch wenn sie Pseudonyme verwenden.
Kleines Update: In vielen Netzwerken ist es ein Verstoß, wenn man sich mit falschem Namen anmeldet, nur so als Hinweis.
Nebenbei bemerkt zwingen uns die Netzwerk-Effekte heute, nicht nur selbst mit unseren Daten sensibel umzugehen. Wir müssen auch sorgfältig mit den Daten Anderer umgehen und die Anderen dazu bringen, selbst sensibel mit ihren und den Daten Dritter umzugehen. Weil jeder jeden über sechs Ecken kennt und weil das Netz es enorm erleichtert hat, über diese Beziehungen auch Rückschlüsse auf die jeweiligen Personen zulässt, müssen Personendaten wie wertvolle Güter behandelt werden. Dazu gehört, dass man darauf verzichtet, Menschen mit vollem Namen im Netz zu nennen und dass man sie um Erlaubnis bittet, bevor man Fotos mit ihnen ins Netz stellt.

Unsichtbar

Die afroamerikanische Literatur spielt eine überproportinal wichtige Rolle in den USA. Sie haben einen eigenen Stil geprägt, den ein Literaturwissenschaftler vielleicht besser einordnen kann als ich. Zwischen Alex Haley und Toni Morrison findet sich eine breite Palette von Strömungen. Was sie gemeinsam haben, ist eine wesentlich intensivere Art des Schreibens, des Ausdrucks von Emotionen und der Darstellung von Subjektivität. Es ist nicht jedermanns Sache, mich hat es sehr stark an die anglophone indische Literatur von Arundhati Roy erinnert.

Es gibt ein schönes Buch von dem leider eher unbekannten Autoren Ralph Ellison. Dabei geht es nicht um das Unsictbar sein an sich, sondern um das Nicht wahrgenomen werden. Es gibt sehr viele Leute, die man sieht, ohne sie wahrzunehmen. Seien es nun die Kellner im Restaurant, das Reinigungspersonal, Praktikanten, Obdachlose, Asylanten, Bettler, diese Reihenfolge ist keine Absicht. Auch als Behinderter wird man nicht wahrgenommen. Die Leute wollen nicht sehen, dass man existiert.
Vielleicht haben sie Angst, uns in die Augen zu gucken. Vielleicht fühlen sie sich zu weit über uns, als uns eines blickes zu würdigen. Vielleicht fürchten sie um ihr Prestige, wenn sie mit uns verkehren. Vielleicht wollen sie uns nicht sehen. Vielleicht haben sie Angst davor, so wie wir zu werden.

Der namenlose Protagonist von Ellison wird durch die Rassenwirren der USA der 40er Jahre getrieben. In der Schule, bei der Arbeit, bei seinem Engagement wird er stets als ein Objekt, eine Ansammlung von Zuschreibung gesehen. Zuletzt ergibt er sich in sein Schicksal, ein Unsichtbarer zu sein.