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Die Wahrheit ist irgend wo da drin – oder auch nicht

Suchmaschinen sind ein nützliches Instrument, doch um sie vernünftig verwenden zu können, sollte man wissen, wie sie funktionieren. Suchmaschinen wie Google produzieren ihre eigene Wahrheit, wie Wikipedia ihre eigene Wahrheit hat. Wikipedias Wahrheit basiert auf Belegen. Zu welchen Unfällen das führen kann, hat der Fall von und zu Guttenberg gezeigt. Ein Scherzkeks hat dem Herren mit den vielen Namen noch einen mehr spendiert. Andere Medien wie SpON sprangen auf und übernahmen die lange Liste von Namen inklusive dem überzähligen Vornamen. Ein Wikipedianer löschte zunächst den falschen vornamen im Artikel, sah sich nach weiteren Quellen um, fand sie im Spiegel und setzte den falschen Vornamen wieder ein. So wäre Herr Guttenberg im reifen Alter fast zu einem neuen Vornamen gekommen.

Wir kennen dieses Problem aus der wissenschaftlichen Forschung. Die Geisteswissenschaften greifen überdurchschnittlich stark auf Quellen zurück. Wer kritische Quellenanalyse betreibt, versucht natürlich, für umstrittene Informationen mehrere Quellen zu verwenden, wobei er das Risiko eingeht, dass sämtliche Quellen auch nur voneinander abgeschrieben haben. Wie etwa die vier Evangelisten des Neuen Testaments.

So funktioniert auch der Google PageRank. Der Erfolg der Wikipedia ist zuletzt Google zu verdanken. Bei sehr vielen – auch fachspezifischen – Themen spuckt Google als erstes Suchergebnis Wikipedia aus. Zumindest ist WP sehr oft auf der ersten Suchseite.

Auch wenn die Wikipedia-Artikel überwiegend in Ordnung sind, stellt sich doch die Frage, warumoffenbar alle auf deren Artikel verlinken, statt eine andere Quelle zu wählen, die vielleicht inormativer ist.

DerPageRank führt dazu, dass populäre Meinungen noch weiter gepuscht werden. Es entsteht ein Top-Ten-Effekt:

Nehmen wir an, ich suche Informationen zur Fotosynthese. Ich schaue mir die ersten zwanzig Suchergebnisse von Google an. Ich verlinke vier dieser Artikel auf meiner Website. Damit erhöhe ich die Wahrscheinlichkeit, dass der nächste Pflanzenneugierge genau auf die gleichen Suchergenisse zur Fotosynthese stößt wie ich. Und zwar auch dann, wenn er eben nicht von meiner Seite startet.

Statt also möglicherweise randständigere Aspekte der Fotosynthese erfahren zu können, wird er genau die gleichen Meinungen lesen, die ich gelesen habe. Er wird ebenfalls vier Ergebnisse aus den ersten zwanzig Ergebnissen verlinken. Und immer so fort.

Die Kritik richtet sich allerdings nicht gegen Google. Was imer google über sich selbst sagen oder denken mag: Google ist ein gewinnorientiertes Privatunternehmen. Die Kritik richtet sich gegen die Suchenden, die sich zu stark auf Googles Suchergebnisse verlassen.

Wikipedias Wahrheit – Wahrheitstheorien

Die Wahrheit und ihre Findung ist eine der wichtigen Themen der Philosophie. Viele meinen ja, Wissenschaftstheorie – also das Zustandekommen von Wissen, seine Validierung und gegebenenfalls Falsifizierung – sei heute die letzte und sicher wichtige Aufgabe der Philosophen.

Wahrheit ist, was funktioniert, meinen etwa die Pragmatisten wie William James. James meint etwa, es sei einfacher, an Gott zu glauben, weil der idelle Gewinn größer ist, während Nichtglauben Einem keinerlei Vorteile bringt.

Wikipedia ist allerdings heute näher an der gängien Sissenschaftstheorie. WPs Wahrheit basiert darauf, dass eine Aussage irgendwo belegt ist. Nun ja, die Qualität der Quellen sollte schon akzeptiert sein: renommierte Wissenschaftler, Universitäten, Fachzeitschriften… Die meisten geisteswissenschaftlichen Fakultäten verfahren ebenso, was besagter Autor allerdings nicht erwähnt.

Das Problem besteht darin, dass auch anerkannte Quellen falsch liegen können. Statt gegensätzliche Auffassungen und Minderheitenmeinungen zu akzeptieren, versucht Wikipedia, einen objektiven Point of View einzunehmen. Kein Plädoyer für Verschwörungstheorien, aber die meisten Flame Wars entstehen eben aus dieser Problematik. Dort, wo die Wissenschaft sich uneins ist, brauchen auch Internetschreiber nicht einer Meinung zu sein.

Einmal lügen Sie immer – warum Befragungen nie richtig funktionieren

Umfragen sind sehr beliebt, um ein Meinungsbild zu erhalten. Doch es gibt viele Gründe, warum Befragte nicht das sagen, was sie wirklich denken, auch dann, wenn Befragungen anonym sind:

  1. Der Fragensteller oder Fragenbogen-Verteiler ist ein älterer Mensch, eine Frau, ein Ausländer, ein Muslim oder gehört irgendwie nicht zum Durchschnitt. Wenn es um Senioren, Frauen, Ausländer usw. in den Befragungen geht, wird der Befragte oft Hemmungen haben, zu sagen was er denkt. Oft wird er liberalere Positionen vertreten, als er wirklich hat.
  2. Der Befragte lügt absichtlich. Weil er gerade keine Lust hat, einen Fragebogen auszufüllen. Weil er Spaß daran hat, Umfragen zu manipulieren. Weil… Bei Multiple-Choice-Fragen neigen einige Leute dazu, die Fragen nach kleinen Mustern auszufüllen, ohne die eigentliche Frage zu lesen. Wer den zehnten fünfseitigen Fragebogen vor sich liegen hat, verliert schlicht irgendwann das Interesse.
  3. Der Befragte glaubt – sehr oft – liberaler zu sein oder – seltener – konservativer zu sein, als er ist.
  4. Der Befragte antwortet so, wie er glaubt, dass es von ihm erwartet wird.

So erklärt sich der Bradley-Effekt. Der Afroamerikaner und Bürgermeister von Los Angeles Tom Bradley wollte 1982 Gouverneur Kaliforniens werden und lag in den Umfragen deutlich vorne. Die Wahlen gewann sein Mitbewerber. Legendär ist die Präsidentschaftswahl Thomas Dewey versus Harry S. Truman. Dewey gewann die Wahl – nicht, wie eine Zeitung voreilig verkündete. Zuvor galt Dewey als Favorit.
Um die Sache endgültig ad absurdum zu führen; es kann auch sein, dass jemand sagt, er würde nie einen Schwarzen wählen, es am Ende aber doch tut. Er sagt das, was man von ihm erwartet, weil er ein Konservativer ist. Von dem erwartet wird, dass er einen Weißen wählt. Man kann das den umgekehrten Bradley-Effekt nennen.
Die Ursachen sind vielfältig: Ausschlaggebend dürfte aber sein, dass ein “Liberaler” nicht zugeben will – nicht einmal vor sich selbst – dass er keinen Schwarzen wählen mag oder die Demokraten ablehnt. Ein Konservativer hingegen mag – wegen seiner Peer-Group, seinem sozialen Netzwerk – nicht zugeben, dass er pragmatisch wählt oder bereit ist, einen Liberalen oder Schwarzen zu wählen.
Das Gleiche könnte man in Deutschland beobachten: Wer in einem eher christlich geprägten Dorf aufwächst, wird wahrscheinlich nicht zugeben, dass er die Gründen wählt. Wer andererseits zur Öko-Schickeria gehört, wird vor seinen Freunden verschweigen, dass er heimlich die Steuersenker von der FDP wählt.
Es gibt in der empirischen Sozialforschung eine ganze Reihe von Hinweisen darauf, wie sich Umfragen manipulieren lassen. Die Fragen selbst lassen sich suggestiv stellen, die Statistik lässt sich manipulieren, die Zielgruppe kann gezielt auf die erwünschten Ergebnisse hin ausgewählt werden. Auch wenn die Sozialforschung versucht, solche Manipulationen auszuräumen, ist das nur eingeschränkt möglich.
Wenn einem Unternehmen die Ergebnisse einer Umfrage nicht passen, kann es diese einfach noch einmal durchführen. Wir ändern die Zielgruppe, “modifizieren” die Fragestellung und schwupp – haben wir die erwünschten Ergebnisse. Es ist keine Manipulation im wörtlichen Sinne, aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit.
Die klassische Marktforschung arbeitet ebenfalls mit den empirischen Methoden der Sozialforschung. Einer der Schwerpunkte sind Fokusgruppen, das heißt, eine ausgewählte Gruppe von Menschen wird eingeladen, um den Erfolg eines Produktes oder einer Dienstleistung zu testen. Malcolm Gladwell zeigt in seinem Buch “Tipping Point”, dass diese Befragungen oft nicht richtig funktionieren. Ein berühmtes Beispiel ist der Geschmackstest von Coca Cola vs. Pepsi. Angeblich schmeckt Pepsi Cola im Blindtest besser als Coca Cola. Das galt aber nur für den ersten Schluck, tränke man die ganze Dose bzw. Flasche, würde Coca Cola in Geschmackstests besser abschneiden. Ob das stimmt, lassen wir dahin gestellt sein. Coca Cola fühlte sich aber genötigt, die New Coke auf den Markt zu werfen, einer der spektakulärsten Flops in der Geschichte der Konsumgüter überhaupt.
Die Menschen sind vor allem bei neuen Produkten oder Entwicklungen eher kritisch. So würden viele Filme oder Fernsehserien durchfallen, weil das Konzept zu ungewöhnlich oder seiner Zeit voraus ist. Tablets sind überflüssig, haben selbst die Gadget-Freaks gesagt und sich anschließend in die Schlange gestellt, um das erste iPad zu bekommen.
Im Konstruktivismus sagt man, die Welt sei ein Ergebnis der Wahrnehmung. In der Praxis heißt das, ein Beobachter, der wahrgenommen wird, verändert automatisch die Situation. Die meisten Wildtiere z.B. wittern das Fernsehteam, auch wenn es mit Fernobjektiven arbeitet.
Es gibt das Weiße-Kittel-Syndrom. Es besagt, dass ein mensch automatisch nvervös wird, wenn ihm ein Arzt entgegentritt, der ihn untersuchen soll. Der Puls geht hoch, Schweiß bildet sich und das verfälscht natürlich die Ergebnisse. Ergo ist jede Studie, die in einer Laborsituation stattfindet nicht so aussagekräftig, wie es die Presseabteilungen der Unternehmen oder Institute vollmundig verkündigen.
Last not least ist auch folgende Überlegung interessant: Tiere, die eingesperrt werden erleiden ähnliche Symptome wie menschen, die eingesperrt werden. Wer den Affen dabei zugesehen hat, wie sie pausenlos im Kreis rennen zweifelt an den Märchen von der artgerechten Tierhaltung in Zoos. Wie ist also ein Experiment zu bewerten, in dem ein in einem Labor eingesperrtes Tier bis zur Erschöpfung einen Hebel drückt, um sich eine Dröhnung zu verpassen?

Weiterlesen

  • Malcolm Gladwell.Der Tipping Point.Goldmann-Verlag
  • Walter Krämer. So lügt man mit Statistik. Piper 2009
  • Theorie der Schweigespirale

Die Lehre der Bilder

Ein Bild kann alles sagen und zugleich dessen Gegenteil Eine etwas merkwürdige Geschichte trug sich vor einigen Jahren nach dem Libanonkrieg zu. Ein Bild ging um die Welt, junge Leute, offensichtlich wohlsituiert, sitzen leger in einem Sportwagen, während hinter ihnen ein Trümmerfeld zu sehen ist, welches einmal ein Haus gewesen sein mag. Empörung machte sich breit, bis jemand die Leute aufstöberte, die auf dem Foto zu sehen waren. Es waren Einwohner Beiruts, die gekommen waren, um Hilfe beim Wiederaufbau zu leisten, glaubt man diesem TP-Artikel.
Ob das wiederum stimmt, werden wir nie erfahren, denn das Bild sagt uns relativ wenig darüber, was diese Leute vorher oder nachher getan haben, was sie gerade denken und warum sie in die Kamera schauen. Wie man im dem Artikel zugehörigen Forum lesen kann, hält jeder Kommentator seine persönliche Interpretation bei.
Der Artikel zeigt allerdings – unabhängig davon, was denn nun richtig ist – wie manipulativ die Message von Bildern sein kann.