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Eine, zwei, viele Persönlichkeiten

oder das Geheimnis der eigenen Identität

Viele Leute sagen, sie seien auf der Suche nach sich selbst. Da steckt mehr dahinter, als man zunächst glauben mag. Gehen wir Konstruktivismus aus, den ich hier gerne porpagiere, dann können wir nichts so wahrnehmen, wie es „tatsächlich“ ist. Denn es gibt nichts außerhalb unserer eigenen Wahrnehmung, was wir als Maßstab nehmen können und nichts als die Sprache unserer Gedanken, um unsere Eindrücke zu beschreiben.

Wenn wir aber nichts objektiv wahrnehmen können, so trifft dies umso mehr für die Selbstwahrnehmung zu. Wir haben mindestens zwei, wenn nicht drei Persönlichkeiten in uns.

1. Die Person, die wir wirklich sind

2. Die Person, von der wir glauben, wir seien so

3. Die Person, die wir gerne wären und die wir anderen vormachen wollen.

Es gibt – oh Überraschung – auch noch eine vierte Person. Diese Person steckt nicht in uns, sondern in den Anderen: Unser Bild in den Anderen, denn auch sie nehmen uns nicht nur anders wahr, als wir das wollen, als wir wirklich sind oder wie wir gerne sein würden. Sie nehmen uns wahr durch irh spezifisches Raster.

Die etwas andere Wahrnehmung

Ich betone immer wieder, dass die Art der Wahrnehmung sich nicht nur von Kultur zu Kultur oder zwischen den Geschlechtern unterscheidet, sondern das jeder einzelne Mensch eine andere Art der Wahrnehmung hat. Der in Ehren ergraute große Herr der deutschen Gegenwartsliteratur Siegfried Lenz drückte dies besonders schön in einem Interview aus:

Entweder man ist Schriftsteller – oder man ist es nicht. Wenn man einer ist, schreibt man unaufhörlich. Selbst dann, wenn man nicht den Kugelschreiber in der Hand hat. Allein die Qualität der Wahrnehmung ist anders. Wir Schriftsteller sind unendlich viel mehr der passiven Wahrnehmung ausgesetzt. …[Zwischenfrage]… Nein, so ökonomisiert habe ich mein Dasein noch nicht, dass ich alles daraufhin abmustere, welche mögliche Eignung es haben könnte für das, was ich am Schreibtisch tue. Aber man hat eine Art der konservierenden Beteiligung. Anderes recherchiert man bewusst.(Interview in Die Zeit)

Im Grunde ist es exakt das, was ich mit dem anderen Sehen meine. Blinde verfügen oft – nicht alle und nicht immer – über eine Empathie und eine Beobachtungsgabe, die über die Fähigkeiten der Sehenden hinausgeht. Das müssen sie auch, denn anders ist ein Zusammenleben mit Sehenden nicht möglich. Wir können nicht auf die Mimik schauen, um die Laune der Anderen zu erkennen.

Manchmal kommt man sich aber auch wie ein Autist vor, jemand, der die Gefühle der Anderen nicht lesen oder verstehen kann.