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Ist selfHTML tot?

Wer sich ein wenig mit HTML beschäftigt, kommt eigentlich nicht an Deutschlands größter Referenz vorbei: selfHTML. Ich dachte also, das sei der erste und beste Anlaufpunkt, um Informationen über HTML 5 und die neuen Standard für Formulare XFORMS zu bekommen. Fehlanzeige, schockiert stelle ich fest, dass das Projekt seit 2007 eingefroren ist.
Dabei dürfte mit HTML 5, CSS 3 und der WCAG 2.0, den neuen Richtlinien für Barrierefreiheit, der Bedarf an Informationen stark gestiegen sein.
In den letzten drei Jahren dürfte sich rund um das Web mehr getan haben als von 2000 – 2007. Der Firefox hat auf dem deutschen Markt den Internet Explorer eingeholt, der IE ist in einer neuen Version erschienen, Opera hat diverse Updates gemacht, Chrome und Safari sind neue Wettbewerber bei Windows-Computern. CSS 3 und HTML 5 könnten in absehbarer Zeit verabschiedet werden und einige der genannten Browser unterstützen bereits Teile der Spezifikationen. Das mobile Web wird langsam Realität, neue Endgeräte, Betriebssysteme und Browser erobern den Markt.
Mit anderen Worten: der Bedarf für eine Referenz ist gigantisch, aber zumindest im deutschsprachigen Web gibt es keine Referenz mehr, die diese Bereiche abdeckt.
Im siteeigenen Blog wird die Frage diskutiert, ob man ein Wiki einrichten sollte. Natürlich sollte man nichts überstürzen, jede verfehlte Aktionen kostet Zeit und Nerven und könnte das endgültige Aus bedeuten. Wer vergleichbare Projekte kennt weiß, wie viel Aufwand und Energie dahinter steckt, das Projekt am Leben zu erhalten. Ich frage mich allerdings schon, warum jetzt erst solche Fragen diskutiert und warum offenbar in den letzten drei Jahren keine anderen Projekte ausprobiert wurden. Warum wurde das klassische Modell, auf dem selfHTML entstanden ist, nicht einfach weiter geführt?
Man wird wohl nicht daran vorbei kommen, das W3C selbst als Referenz zu nehmen, denn es sieht nicht so aus, als ob in Deutschland sich in absehbarer Zeit etwas brauchbares entwickeln wird. Schade eigentlich, denn ich habe viel mit selfHTML gearbeitet und war immer froh darüber, mir keine teuren Bücher und stundenlanges Wühlen in mittelmäßigen Foren leisten zu müssen.

kleines Update vom 12.3.2010: Okay, langsam werden mir die Gründe dafür deutlich, warum selfHTML sich nicht weiter entwickelt hat, nachzulesen in einem ellenlangen Forenthread, der sich aus dem Blogeintrag entsponnen hat. Die Programmierer haben sich einen eigenen XML-Dialekt samt Versionsmanager ausgedacht, die Betreiber waren selbst zu eingespannt und frustriert, um das Projekt groß weiter zu entwickeln und die Kommunikation trug nicht dazu bei, die Hilfewilligen einzuladen. Natürlich läuft viel Arbeit im Backend, die man im Frontend gar nicht mitbekommt.
Man plant derzeit einen neuen Wiki-Versuch, leider gibt es auch hier keine regelmäßigen Statusupdates. Trotzdem wünsche ich viel Erfolg. Stefans Vorschläge klingen auf jeden Fall vielversprechend.

Keep it simple – Verständlichkeit und Barrierefreiheit

Eine Faktor, der bei der Barrierefreiheit praktisch immer vernachlässigt wird ist die Verständlichkeit. Um Verständlichkeit für eine möglichst große Gruppe von Menschen zu erreichen, ist durchaus auch der Einsatz von Bildern sinnvoll. Bilder illustrieren eine Aussage und können, wenn sie sorgfältig ausgewählt wurden, den Beitrag gut ergänzen. Natürlich spielen Bilder auch in der Navigation einer Website eine große Rolle: Pfeile, stilisierte Drucker oder Briefe werden sehr viel schneller aufgenommen als die Zeichenketten „zurück“, „Drucken“ oder „Versenden“.
Daneben zählen natürlich auch die Klassiker des guten Schreibens: Das Erklären von Fremdworten, das Vermeiden von Fachjargon, der Verzicht auf literarische Ausschmückungen, auf komplexe Satzkonstrukte und auf überflüssigen Ballast. Jeder Beitrag muss stets die W-Fragen „Was“, „Wer“, „Wie“, „Warum“ beantworten. Oder anders: der Artikel muss zeigen, was war, was ist und was sein sollte.
Zu einem guten Beitrag gehört eine saubere Gliederung, eine optische Aufteilung mit Absätzen und Zwischenüberschriften und bei entsprechender Länge auch eine Zusammenfassung.
Wer soll damit erreicht werden? Im Grunde jeder, Akademiker vergessen gerne, daß die Mehrheit der Bevölkerung nicht studiert hat und dies auch nicht deshalb tun wird, um einen Text verstehen zu können.
Um es kurz zu machen: öffentliche Behörden schneiden hier am schlechtesten ab. Doch auch andere Seitenbetreiber tun sich schwer damit, sobald man etwa auf die Allgemeinen Geschäftsbedingungen stößt. Dabei sind es gerade die AGB, die jeder lesen und verstehen sollte.
Es ist eher so, daß die bekannten Boulevard-Zeitungen hier am besten abschneiden. Der Erfolg dieser Zeitungen basiert darauf, daß sie die Dinge in einer kurzen Überschrift auf den Punkt bringen können – was immer man von den Zeitungen ansonsten halten mag.
Auch das World Wide Web Consortium hat hier keinen Vorbildcharakter. Die Veröffentlichungen des W3C sind im Techniker-Englisch abgefasste Spezifikationen, die nur für Erfahrene zugänglich sind.
Abschließend muß man feststellen, daß es mehr und nicht weniger Arbeit ist, einen Text allgemeinverständlich zu machen. Es sieht aber nicht so aus, als ob die öffentlichen Einrichtungendie Absicht haben, ihre Webauftritte darauf hin zu überprüfen.
Im Gegenteil, in aller Welt, ob in Deutschland, in Indien oder in England, überall ist die Bürokratie verliebt in ihren Fachjargon: eine Mischung aus Bürokraten-Sprech, Juristen-Jargon und neuerdings auch halbübersetzten angloamerikanischen Modeworten.
Wie man es anders macht, zeigt die englischsprachige Wikipedia, die viele Artikel in simplified English anbietet.