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Social-Media-Kurse – zu viel von zu wenig

Es gibt ein neues Ding im Internet – Social Media. Okay, das war nicht witzig. Zwangsläufig mit einigen Jahren Verspätung kommen die großen Kurse zum Social-Media-Einsatz im Unternehmen.
Viele dieser Kurse mögen für die blutigen Anfänger spannend sein, doch ein allgemeiner Fehler ist bei allen Kursen zu beobachten: sie beschäftigen sich zu sehr mit den einzelnen Plattformen und zu wenig mit Strategie. Warum ist das wichtig?
Zum einen, weil die Plattformen wechseln wie die Jahreszeiten. Niemand spricht heute noch von MySpace, VZ oder Second Life – das waren die Stars 2008. Eben so schnell kann es mit Facebook vorbei sein. Abgesehen davon hat man mehr davon, diese Plattformen spielend kennenzulernen.
Strategien hingegen kann man nicht nebenbei lernen. Man muss es irgendwie hinbekommen, konsistente Botschaften über längere Zeiträume hinweg zu vermitteln.
Natürlich benötigt man dafür konkrete Beispiele. Aber: die Plattform lernt man einmal kennen und das wars. Die Strategie lernt man einmal kennen und kann sie dann auf allen Plattformen ausrollen.
Mir scheint, dass die meisten Leute, die an solchen Kursen teilnehmen keinen Spieltrieb haben. Wenn man aber mit der gleichen Verbissenheit Online-PR betreibt wie die klassische PR betrieben wird, wird man nie entspannt mit den Medien arbeiten können. Am Ende feuern alle Organisationen den gleichen Senf aus ihren Tuben ab. Die Social-Media-Profile werden austauschbar wie Fruchtsäfte, die anders aussehen und doch alle gleich schmecken. Niemand hat den Mut, etwas Neues auszuprobieren, weil er nur das tut, was er im Kurs gelernt hat.

Werkstattbericht – wie entsteht ein Blogbeitrag?

Da ich arbeitsmäßig recht eingespannt bin, möchte ich heute einmal beschreiben, wie ein Blogeintrag entsteht. Der Leser soll einen Eindruck davon bekommen, wie viel Zeit und Arbeit in einem 300 – 400 Worte langen Beitrag steckt, den er in vielleicht einer Minute überfliegt.

Ein Königreich für eine Idee

Am Anfang ist der Gedanke. Irgendwie habe ich keine Lust zu schreiben, was alle Anderen schon endlos durchgekaut haben. Die 33 besten Suchmaschinentricks, die fünf besten Conversions-Ratschläge oder eine Runde Selbstbeweihräucherung, das muß nicht sein.
Hat man erst einmal eine Idee, muß man überlegen, ob sich daraus genug für einen Blogbeitrag gewinnen lässt: Gibt es einen neuen Zusammenhang, einen unbeachteten Aspekt, etwas, auf das im Idealfall noch keiner gekommen ist? Und ist das dann auch spannend für eine größere Leserschaft? Und wenn ja, passt das zu meinem Blog? Und habe ich genug Ahnung von dem Thema, um darüber schreiben zu können?
Dann schreibe ich die ersten Notizen zu dem Beitrag oder schon den ersten Entwurf. Die besten Ideen kommen, wenn man gerade etwas Ganz anderes macht. Im Idealfall sollte man immer etwas zu schreiben bei sich haben, es reicht aber auch das eigene Handy. Hier kann man sich kurze Notizen machen, die man für diesen Beitrag oder auch einen ganz anderen verwenden kann.
Schließlich kommt der Zeitpunkt, an dem ein Text finalisiert wird. Ich habe meistens drei oder vier Texte gleichzeitig in der Pipeline und warte auf den entscheidenden Kick, um sie zu finalisieren. Ich schreibe so gut wie nie spontane Beiträge. Und manche Beitragsentwürfe gehen den Weg alles Irdischen und landen im Altpapier. Gibt es eigentlich eine Wiedergeburt bei Papier, Recycling und so?

Auf der Suche nach der verlorenen Formulierung

500 Wörter runterschreiben, das geht unheimlich schnell. Würde ich das Geschriebene unmittelbar veröffentlichen, dann würde keiner meiner Leser das verstehen. Zum Einen fehlt häufig die Struktur, zum Anderen haben viele Formulierungen Ecken und Kanten.
Ohne den Feinschliff, die Strukturierung und das gnadenlose Kürzen wäre der Blog-Beitrag bestenfalls ein dadaistisches Gedicht, schlimmer als eine automatische Übersetzung durch den Google-Translator.
Stimmen alle Formulierungen halbwegs, kommt die finale orthographische Korrektur. Da gehen trotzdem einige Rechtschreibfehler durch. Dennoch sollte man die schlimmsten Schnitzer rausbekommen.

Ihr Besucherlein kommet!

Von der Idee über den Beitragsentwurf zur finalen Publikation vergehen einige Stunden. An manchen Beiträgen habe ich viele Stunden gearbeitet. Wer nicht selber schreibt, ahnt kaum, wie viel Zeit auch in kurzen Beiträgen stecken kann. Wenn ich für einen Auftraggeber arbeite, kann ich am Ende des Tages eine Rechnung schreiben. Für meinen Blog bekomme ich keinen müden Euro, obwohl er mir manchmal mehr Arbeit macht als mein Job.
Deswegen ist für den Blogschreiber, der einigermaßen regelmäßig schreibt auch wichtig, Leser für sich zu gewinnen. Ja, ich schaue regelmäßig auf die Besucherstatistik und ich freue mich, wenn die Zahl der Besucher in die Höhe steigt. Denn bis auf die spärlichen Kommentare und Links, die hier einfließen ist das die einzige Form von Anerkennung für die Arbeit, die Blogger leisten.
Im Gegensatz zu anderen Webmastern schalte ich hier keine Werbung, nicht einmal, um die Serverkosten zu refinanzieren. Ich verwende keine Schleichwerbung oder gesponserte Posts. Ich bitte auch nicht um Spenden, weil es ungefähr 5 Milliarden Menschen gibt, denen ein Euro mehr helfen würde als mir.
Die zweite Motivation hier zu schreiben besteht schlicht darin, den eigenen Namen unter einen öffentlich zugänglichen Beitrag setzen zu können. Ich freue mich über eine gelungene Formulierung, einen gut geschriebenen Beitrag und eine runde Argumentation. Wer keinen Spaß an einer guten Aufbereitung hat, sollte weder Blogs schreiben noch sie lesen.
Eine weitere Motivation zum Publizieren hat Christian Heilmann so ausgedrückt:

I
love to share my research and information, because when you set them free they can inspire and help others to get their own voices heard.

Creating And Distributing Presentations On The Web

Persönliches Wissensmanagement mit Weblogs und Co.

Jeden Tag stößt man auf neue Ideen oder Gedanken. Dabei benötigt man sehr viel Disziplin, um diese Gedanken sinnvoll zu notieren, so dass man sie
1. wiederfindet
2. und auch noch Jahre später versteht
Unser Gedächtnis ist ein recht komischer Apparat, man kann sich daran erinnern, dass da mal eine bestimmte Idee war, aber auf die Idee selber kommt man nicht mehr.

Wenn man unter Wissensmanagement genau das versteht, Ideen und Gedanken sinnvoll zu formulieren, zu kategorisieren und zu sammeln, dann sind Weblogs und andere Web-2.0-Anwendungen genau das Richtige.
Die Voraussetzung ist, dass das Weblog tatsächlich öffentlich ist, weil man ansonsten nicht die nötige Disziplin hat, einen Gedanken allgemein verständlich und nachollziehbar zu formulieren. Das ist aber die wichtigste Voraussetzung für ein vernünftiges Wissensmanagement. Wenn Andere deinen Gedanken verstehen, dann wirst du es in zehn Jahren vermutlich auch noch können.
Im Prinzip wären auch Anwendungen wie Googles Such-Historie eine sinnvolle Sache. Wer bei Google eingeloggt ist, dessen Suchaktivitäten über die Google-Suchmaschine werden automatisch aufgezeichnet. Wer viel im Internet surft, kennt das Problem, dass man eine schöne Seite gefunden hat, sich aber nicht mehr an den Namen der Seite oder die entsprechenden Suchbegriffe erinnern kann.
Wer also seine Beiträge sauber mit Kategorien und Schlüsselwörtern versieht, schöne Überschriften und Links gesetzt hat, der hat sehr gute Chancen, seine ideen auch wiederzufinden. Alle Weblog-Systeme haben eine recht gute Suchmaschine integriert, so dass die Suche nach alten Gedanken kein Problem darstellen sollte.
Wer es lieber kurz mag, kann natürlich auch Twitter benutzen, mit Link-Shortener und Hash-Tags kann man auch mit 140 Zeichen effizient arbeiten.
Es kommt auch nicht selten vor, dass man über Kommentare weitere gute Ideen erhält. Wenn ich eine gute Idee habe und du hast eine gute Idee, dann sollten wir uns austauschen, hinterher haben wir beide eine gute Idee mehr.

Schutz durch Atomisierung – warum es keine gute Idee ist, seine Aktivitäten im Web 2.0 allen zugänglich zu machen

Der Trend im Web 2.0 geht dahin, sämtliche Aktivitäten im Web an einer zentralen Stelle sichtbar zu machen. Das Non-Plus-Ultra ist die Verschmelzung von Offline und Online via Geo-Tagging: Wer mit einem GPS-Handy gesegnet ist, kann mit bestimmten Diensten erreichen, dass jede Person sehen kann, wo er sich derzeit aufhält.
Die Atomisierung der Aktivitäten im Social Web schützt den Nutzer davor, schnell identifiziert und vor allem analysiert zu werden.
Für Stalker, Identitätsdiebe und Blödmänner ist das Social Web eine ideale Quelle, um ihre Opfer auszuhorchen. Bei den Journalisten Tina Kroll haben für Identitätsdiebe Name und Geburtsdatum ausgereicht, um ihr einen großen finanziellen Schaden zu bereiten, auch netzpolitik hat berichtet. Erstaunlich ist, dass bisher noch nicht wesentlich mehr Fälle bekannt geworden sind.
Hier liegt im Übrigen eine Gefahr der Unified Communications, ein Accout für alle Web-2.0-Aktivitäten. Es reicht dann aus, einmal den Zugang zu stehlen oder zu knacken, um einen Menschen vollständig zu komprimitieren.
Neben der Sparsamkeit mit Daten sollte man also genau das Gegenteil von dem tun, was heute im Social Web üblich ist: falsche Namen, falsche Geburtsdaten, unterschiedliche Nicknames, viele, viele verschiedene Anbieter für Dienste nutzen und an keiner Stelle zugeben, unter welchem Namen man bei einem anderen Dienst angemeldet ist.
Vor einiger Zeit hatte der amerikanische Medienkonzern Viacom versucht, sich per Gerichtsbeschluss die Benutzerdaten von YouTube herausgeben zu lassen. Er wollte damit Verstöße gegen das Copyright verfolgen. Dabei rächt sich, dass Google als Eigentümer von YouTube sämtliche Daten auf Dauer speichert und seine Benutzer identifizierbar sind, auch wenn sie Pseudonyme verwenden.
Kleines Update: In vielen Netzwerken ist es ein Verstoß, wenn man sich mit falschem Namen anmeldet, nur so als Hinweis.
Nebenbei bemerkt zwingen uns die Netzwerk-Effekte heute, nicht nur selbst mit unseren Daten sensibel umzugehen. Wir müssen auch sorgfältig mit den Daten Anderer umgehen und die Anderen dazu bringen, selbst sensibel mit ihren und den Daten Dritter umzugehen. Weil jeder jeden über sechs Ecken kennt und weil das Netz es enorm erleichtert hat, über diese Beziehungen auch Rückschlüsse auf die jeweiligen Personen zulässt, müssen Personendaten wie wertvolle Güter behandelt werden. Dazu gehört, dass man darauf verzichtet, Menschen mit vollem Namen im Netz zu nennen und dass man sie um Erlaubnis bittet, bevor man Fotos mit ihnen ins Netz stellt.

Jeder Mensch ein Schriftsteller – das E-Book und die Zukunft des Lesens und Schreibens

„In jedem Fall werden wir nicht darauf verzichten, literarische Fiktionen zu lesen, denn sie sind es, in denen wir nach einer Formel suchen, die unserem Leben einen Sinn gibt. Im Grunde suchen wir unser Leben lang nach einer Geschichte unseres Ursprungs, die uns sagt, warum wir geboren sind und warum wir leben. … Manchmal hoffen wir, unsere persönliche Geschichte mit der des Universums ineins zu bringen.“ Umberto Eco. Im Wald der Fiktionen. Carl-Hanser Verlag 1994, Seite 182

Es sind nicht alle Bücher so stumpfsinnig wie ihre Leser. Es finden sich manchmal Aussprüche in ihnen, die genau auf unsere Verhältnisse zutreffen, die, wenn wir sie richtig lesen und verstehen, für unser Leben heilsamer sein können als der Morgen oder der Frühling und vielleicht allen unseren Angelegenheiten ein neue Wendung geben. Wie viele hatten nicht einem Buch eine neue Ära ihres Lebens zu verdanken! Irgendwo ist das Buch vielleicht vorhanden, das unsere Wunder erklärt und uns neue Wunder offenbart. Was uns selbst noch unaussprechlich erscheint, findet sich vielleicht bereits irgendwo ausgesprochen. Die gleichen Fragen, die uns beschäftigen, beunruhigen und verwirren, haben von jeher alle Menschen beschäftigt. Nicht eine einzige von ihnen ist übergangen worden. Und jeder hat sie seiner Veranlagung nach mit seinen Worten und seinem Leben beantwortet.“ Henry David Thoreau. Walden

Die Jahre 2009/2010 dürften entscheidend für den Durchbruch des E-Books werden: Neben Sony werden eine ganze Reihe weiterer Anbieter wie Amazon, TXTR und andere Geräte anbieten, die via E-Ink-Technik das elektronische Lesen erleichtern wollen.
Gedruckte Bücher bald Geschichte?
Mit den Geräten sollte auch die Zahl deutschsprachiger Angebote steigen, die Augenblick noch gering ist.
Derzeit bleibt noch zu befürchten, dass die Buchindustrie die gleichen Fehler machen wird wie die Film- und Musikindustrie zuvor: Inkompatible Formate, restriktive Schutzmechanismen und unangemessene Preispolitik.
Im Gegensatz zu früher wird das Lesen flüchtiger: ein Buch war bisher ein physischer Gegenstand, den man besitzen, ins Regal stellen, verkaufen oder ausleihen konnte. Vorstellbar sind mehrere Eigentumsmodelle. Für einen niedrigen Preis wird ein Buch angeboten, welches nur auf einem bestimmten Gerät lesbar ist, das aber weder weiter verkauft noch anders weiter gegeben kann.
Für einen höheren Preis oder gar den Ladenpreis müssen allerdings die gleichen Bedingungen gelten wie für gedruckte Bücher: Weitergabe, Übertragung von einem Gerät auf ein anderes, Ausdrucken.
Das digitale Buch hat das Potential, das Veröffentlichen und Lesen von Texten nachhaltig zu verändern. Vor allem im Web 2.0 dominiert derzeit noch das Schreiben von Häppchen-Texten. Auch mit guten Bildschirmen ist das Lesen am Bildschirm weder angenehm noch energetisch effizient. Einen kompletten PC laufen zu lassen, um darauf Texte zu lesen oder Musik zu hören, ist sicherlich nicht zielführend.
Vor allem unbekannte Schriftsteller haben via Eigenverlag die Möglichkeit, ihre Texte kostengünstig an den Leser zu bringen. Auch bekannte Autoren erhalten nur einen Bruchteil des Kaufpreises, der Rest geht an Verlage und Buchhandel. Vor einigen Jahrzehnten gab es noch ganze Magazine mit Kurzgeschichten, die zwischenzeitlich ausgestorben sind, aber eine ideale Lektüre für die Heimfahrt von der Arbeit darstellen.
Auch Weblogs und andere benutzergenerierte Inhalte in Textform lassen sich wegen ihrer Kürze ideal auf solchen Geräten lesen. Das selbe gilt für längere Zeitungs- und Magazintexte wie Features und Reportagen, die kaum jemand gerne am PC lesen möchte. Dazu müsste sich allerdings die Qualität der Bilddarstellung verbessern, die auf E-Book-Readern eher mau ist.
Joseph Beuys meinte, jeder Mensch sei ein Künstler. Man kann weiter gehen und sagen, jeder Mensch ist ein Schriftsteller. Zumindest ist jeder Mensch ein Experte für ein bestimmtes Thema und in der Regel kann er auch interessant über ein Thema schreiben, welches ihn persönlich begeistert.
So mancher Weblog hat bereits eine größere Reichweite als manche Lokalzeitung. Spezialblogs zu eher abseitigen Themen können eine kleine, dafür aber um so interessiertere Leserschaft erreichen.
Letzten Endes kann sich das Ganze auch finanziell lohnen: Eine interessierte Leserschaft ist eher bereit, kleine Beträge zu bezahlen. Dabei macht „Kleinvieh auch Mist“.
So mancher etablierter Schriftsteller erhält nur einen Bruchteil des Buchpreises und muss sich mit Übersetzungen oder anderen Arbeiten seinen Lebensunterhalt verdienen. Nur ein Bruchteil der Schriftsteller kann nur vom Schreiben leben.

Lesenswertes

Politisches Engagement – mausetot oder nur im Koma?

Die Studenten sind heute unpolitisch – zumindest laut der Zeit. Man beruft sich dabei auf eine Studie der Uni Konstanz, deren Ergebnisse wiederum der Focus zusammen fasste. 1983 haben sich demnach noch 53 Prozent der Studierenden für Politik interessiert, heute seien es nur noch 37 Prozent. Und

Ein dramatischer Wandel vollzog sich laut Studie auch bei den politischen Zielen von Studenten. So befürworten aktuell jeweils 52 Prozent die „Förderung von Technologien“ sowie die „harte Bestrafung von Kriminellen“. 1985 hatten sich lediglich 35 beziehungsweise 29 Prozent für diese Ziele ausgesprochen. Ein Viertel der Studenten plädiert für die „Begrenzung der Zuwanderung von Ausländern“, 17 Prozent fordern die „Abwehr kultureller Überfremdung“ ebenda

Das heißt praktisch natürlich nichts. Die Zahl derjenigen, die unbegrenzte Zuwanderung und „kulturelle Überfremdung“ befürworten, dürfte sehr gering sein. Es sagt im Grunde auch nichts darüber, wie intensiv sich ein Mensch mit Politik beschäftigt. Das heutige Engagement ist eher projekt- als gruppenbezogen.

Gruppierungen wie Greenpeace, der Nabu oder auch Parteien sind ideologisch zu festgefahren und zu starr, um Jugendlichen ein attraktives Umfeld für ein dauerhaftes Engagment zu bieten. Zudem erwarten sie Geld, ohne eine relevante Gegenleistung zu erbringen.

Das Engagement in einzelnen Projekten ohne feste Mitgliedschaft ist hingegen attraktiver, wird aber durch starre Hierachien in den jeweiligen Gruppierungen kaum unterstützt.

Besonders bedauerlich ist die mangelhafte Kommunikation über Websites oder Web 2.0. Wer eines der wöchentlichen Gruppentreffen verpasst, muss uninformiert bleiben. Kommunikation findet nur Face-2-Face statt.

Dabei bieten Websites, Blogs oder Twitter eine interessante und für Jugendliche eine interessante Möglichkeit: Einerseits lernen sie hier den professionellen Umgang mit diesen Tools, andererseits können sie durch regelmäßigen Austausch eher als „feste Freie“ gewonnen werden.

Das Rätsel Social Web

Heute Morgen erhielt ich von StayFriends eine Mail, sie wollten mehr von mir wissen. Dieses edle Anliegen muss ich leider ablehnen, da mir StayFriends nicht die Daten seiner Mitarbeiter herausgeben mag. Wenn ich über Oliver und Co. alles weiß, was sie von mir wissen möchten, denke ich darüber nach, ob ich ihnen das Meine auch verraten möchte.

Was uns zu einem der größten Rätsel des Social Web führt: Wieso verraten viele Leute in ihren Profilen mehr, als sie selbs ihren Eltern oder entfernten Bekannten preis geben würden? Gnerell lassen sich dafür drei Gründe ausmachen:

1. Sie glauben, das Web sei so groß, dass ihre Daten hier ohnehin untergehen.
2. Sie glauben, kein Mensch interessiere sich für ihre Informationen, abgesehen von ihren Freunden oder Bekannten.
3. Sie wissen, dass es um so leichter ist, neue Kontakte zu gewinnen, je mehr sie von sich freigeben.

Auf Kontaktbörsen, die Urformen des Social Web, kommt man schließlich nicht darum herum, alles Mögliche von sich zu verraten, da sich Beziehungen fast nur über Gemeinsamkeiten aufbauen lassen.

In Zukunft werden wir lernen müssen, insgesamt sparsamer mit unseren Daten umzugehen. Die Marketingbranche setzt gerade erst dazu an, unsere Daten systematisch zu sammeln. Die Branche ist noch nicht so innovativ und technikaffin, dass sie die Daten einsammeln und auswerten kann, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie das hinbekommt. Entsprechende Programme existieren bereits.

Leserbindung durch Communitybuilding

Die meisten Zeitungen haben heute Anhängsel im Internet. Nun ja, vielleicht sind die Printprodukte nun Anhängsel des Webauftritts. Zumindest ist die Zeit vorbei, wo man seine Artikel einfach nur online gestellt hat, als ob das Web aus Texten bestehe.

Was tatsächlich fehlt, ist eine Leserbindung im Web. Die Zeitungen haben es relativ verschlafen, hier frühzeitig anzufangen. Dabei gibt es gute Vorbilder, in Deutschland etwa das Online-Magazin Telepolis. Hier ist an jeden Artikel ein Forum drangehängt, welches nicht immer zu lesen lohnt. Allerdings stehen da gelegentlich auch intelligente Kommentare drin, manche User sind schon seit vielen Jahren dabei und haben mehr Kommentare bei TP hinterlassen als irgend einem anderen Medium.

Geradezu schlabbrig wirken da die angehängten Foren bei welt.de oder taz. Beide haben – und da sind sie in der Online-Zeitungslandschaft keine Ausnahme – kein Management ihrer Community. Die Beiträge werden absteigend hintereinander angezeigt. Spam soll durch Captchas ausgebremst werden, doch das, was durch die Filter kommt, ist qualitativ auch nicht wesentlich besser.

Welt online wimmelt somit von Kommentaren, durch die man sich durchblättern mag – aber wer tut das? Bei der taz hingegen sind Kommentare relativ rar gesät.

Wie das Beispiel Telepolis aber zeigt, ermöglichen Communities eine Leserbindung. In Communties können sich wie im Social Web üblich, Beziehungen entwickeln. Man lernt sich kennen, diskutiert regelmäßig miteinander, freut sich, wenn man sich wieder trifft. Wie im wahren Leben.

Communities sind also nicht nur aufwendige Zeitverschwendung, sie sind praktisch der einzige Weg, die Bindung der Leser zu erhöhen und zu sichern.

Lost in Space – Deutscher Wahlkampf im Netz

Der bisherige Umgang deutscher Parteien mit dem Netz ist eher wenig beeindruckend. Im Superwahljahr 2009 – Europawahl, Bundestagswahl, diverse Länder- und Kommunalwahlen – zeigen die Deutschen, was sie von Obamas wahlkampf gelernt haben.

Dabei gibt es natürlich große Unterschiede zu beachten. Obama hat die besten Leute der Zunft für viel Geld engagieren können. Und er hat seinen Wahlkampf so ausgerichtet, dass das Netz darin eine große Rolle spielt.Zudem hat er zwei Jahre vor der Wahl mit dem Aufbau des Web-Wahlkampfs begonnen. Und natürlich hat er den klassischen Wahlkampf fortgeführt. Hier ist seine Einführungsrede bei der Vereidigung:

In Deutschland müsste ein Internetwahlkampf von seinen Botschaften natürlich anders aufgezogen werden. Patritiotismus und Pathos kommt hierzulande kaum an.

Doch das ist nicht das eigentliche Hindernis. Deutsche Parteien leben hauptsächlich von kommunalen Mitgliedern, die die Hauptlast des Wahlkampfes tragen. Sie stehend frierend im Regen, lassen sich von älteren Menschen zuschwätzen, die sonst niemanden zum Reden haben und von Passanten beschimpfen, die sie persönlich für die Politik der Bundesregierung verantwortlich machen. Vielleicht noch schlimmer ist die kalte Ignoranz, die ihnen von desinteressierten Leuten entgegenschlägt.
Hier ein Vcast von Thorsten Schäfer-Gümbel:

Es fehlt eine junge engagierte aber lockere Basis, die den Wahlkampf im Web übernehmen könnte. Das System in den USA ist anders. Präsidentschaftswahlkämpfe mobilisieren oft viele Anhänger, und deren Freunde und deren Freunde. Doch auch in Deutschland gibt es viele Jüngere, die sich engagieren möchten, ohne in eine Partei oder andere Gruppierung einzutreten. In den USA hat man verstanden, wie man diese jungen Leute zeitweise mobilisieren kann.
Zudem fehlt den Parteien das Geld, um Experten zu engagieren, die die Basisarbeit übernehmen könnten. Erschwerend kommt der Faktor hinzu, dass es Deutschland noch relativ wenige Spezialisten für Online-Marketing, Online-Kommunikation und Online-Campaining gibt. Eine Adword-Kampagne bei Google zu starten macht einen noch nicht zum Onlinemarketingspezi.
Und last not least fehlt das Interesse und der Mut, neue Technologien auszuprobieren. Einige Diskussionen unter Journalisten über Twitter oder Facebook sind erschreckend. Nicht so sehr, weil sie diese Tools ablehnen, sondern weil sie sie ablehnen, ohne sie überhaupt ausprobiert zu haben und offenbar ohne zu wissen, worum es dabei eigentlich geht.