Schlagwort-Archive: Zeit

Slow Time – über den Zusammenhang von wirtschaftlichem Erfolg und Beschleunigung

Zeit ist relativ, so wie alle Sphären menschlicher Wahrnehmung. Eine Minderheit von Menschen versucht stets, gegen den Zeitgeist zu schwimmen. Einige versuchen z. B., die Langsamkeit wieder zu entdecken. Ähnliches versucht auch die Slow-Food-Bewegung. Es hat aber schon seinen Grund, warum wir so schnell leben, und warum viele sich in ihrer Freizeit langweilen, wenn sie nichts zu tun haben. Die Rastlosigkeit ist der Motor wirtschaftlichen Erfolges. Oder umgekehrt, wir sind erfolgreich, wenn wir rastlos sind, wenn wir uns keine Pause gönnen und wenn wir uns schnell langweilen, wenn wir nichts zu tun haben.
Robert Levine hat dies festgestellt: Das durchschnittliche Lauftempo des Stadtmenschen hängt mit dem wirtschaftlichen Erfolg des jeweiligen Ortes zusammen. Im Norden ist man schneller unterwegs als im Süden, in der Stadt schneller als auf dem Dorf und je größer die Stadt, desto schneller ist man unterwegs. Je reicher ein bestimmter Ort ist, desto mehr Armbanduhren bzw. Handys mit Uhrzeit werden mitgeführt und die Uhrzeit ist dort exakter eingestellt, wo „Zeit Geld“ ist.
Kaum ein Mensch, der nicht mit stolz geschwellter Brust verkündet, wie wenig Zeit er doch hat. Ein voller Terminkalender ist ein Statussymbol. Und wir alle kennen jene Leute, die uns ungefragt ihre gesamte Tätigkeitspalette vortragen, die alles in allem wenig interessant ist.
Da fühlt man sich fast an Michael Endes Kindermärchen „Momo und die grauen Männer“ erinnert, nur das die grauen Männer heute in der Mehrheit sind und Momo zwischen Schule, Klavier- und Ballettunterricht keine Zeit mehr findet, etwas anderes zu tun.
Wenn ein Mensch zuviel Zeit hat, gilt er oft als Angehöriger der Unterschihct. Das „Unterschichten-Fernsehen“ meint zumeist Sendungen, die am späten Nachmittag laufen, also zu einer Zeit, wo anständige Menschen arbeiten oder sich um ihre Kinder kümmern und keine Zeit zum Fernsehen haben.
Kurioserweise ist es zumindest in höheren Kreisen Japans geduldet, wenn man in Konferenzen oder in der Schule einschläft. Das wird als Zeichen der Überanstrengung interpretiert.