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Google stolpert über die Barrierefreiheit von Android

In einem Kommentar schrieb ich zu einem anderen Thema, dass einem Google fast leid tun könnte. Auf der einen Seite arbeiten sie beständig an der Weiterentwicklung von Android. Auf der anderen Seite profitieren die meisten Android-Nutzer nicht davon, weil die Updates durch die Hersteller nicht an die Nutzer weitergegeben werden. Google hat hier aus jeder Sicht versagt: die Nutzer profitieren nicht von Verbesserungen des Betriebssystems und Android-Handys werden ein Sicherheitsrisiko. Die Hersteller ihrerseits müssen – oder sollten zumindest – eigene Ressourcen aufwenden, um die Geräte auf die neueste Version zu bringen. Falls Microsoft bei Windows Phone eine andere Strategie verfolgt – ich weiß es leider nicht – könnte Android seine Vormachtstellung auf dem Mobilgeräte-Markt tatsächlich wieder einbüßen. Das Problem war eigentlich voraussehbar, weshalb es schlicht unverständlich ist, warum Google diesen Fehler gemacht hat. Andere Frage: Wie viele Leute werden noch ein Android-Gerät kaufen, wenn diese massenhaft von Hackern gekapert werden?

Googles Fehler in der Barrierefreiheit von Android

Ebenso groß ist Googles Versagen, was die Barrierefreiheit des Systems angeht. Dass sie relativ spät auf Barrierefreiheit gesetzt haben, könnte man ihnen noch verzeihen. Erst Apple hat überhaupt gewagt, ein touch-basiertes Gerät für Blinde zugänglich zu machen.

Was man Google nicht verzeihen kann ist die Fragmentierung der Zugänglichkeitshilfen. Zunächst müssen die Eingabehilfen im System eingeschaltet werden, danach darf man die passenden Apps aus dem Netz herunterladen. Es gibt nicht eine, sondern sehr viele Apps, die installiert werden müssen, um das Gerät überhaupt bedienbar zu machen.
Was mich wirklich geärgert hat ist, dass man das Gerät als Blinder oder Sehbehinderter nicht selbst einrichten kann. Man kann das Gerät nicht einfach an den Computer anschließen und dort konfigurieren. Die Apps müssen über den Appstore oder eine andere Quelle heruntergeladen und installiert werden. Sogar den Spaß, einen Google-Account samt CAPCHA übers Handy zu erstellen mutet Google einem zu.

Auf der Suche nach der verlorenen App

Für viele Aufgaben gibt es eine, zwei oder mehr Apps. Als Behinderter darf man sich die passende App aus dem Store aussuchen. Man kann sich auch die x Seiten durchlesen, die Google dankenswerterWeise zum Thema bereit gestellt hat. Schön und gut – aber wer will das schon? Selbst wenn man Zeit hat, gibt es angenehmere Dinge, mit denen man seine Zeit verbringen kann als Anleitungen zu lesen und Apps zu studieren.
Wirklich dämlich ist die mangelnde Anpassbarkeit der Android-Oberfläche für Sehbehinderte. Es wäre recht einfach gewesen, die Oberflächen an die eigenen Bedürfnisse anpassbar zu machen, indem man Schriftgrößen, Farben und Kontrast selbst einstellt. Die Antwort lautet wahrscheinlich: Es gibt eine App dafür! Es tut mir echt leid, aber für jeden Furz eine App zu installieren und wenn es auch so schnell geht ist absolut nicht die Lösung. Ich erwarte von jedem aktuellen Betriebssystem – ob Smartphone oder Desktop – ein Mindestmaß an Konfigurierbarkeit der Oberfläche.
Generell bin ich für den Open-Source-Ansatz. Es ist eine schöne Sache, dass es unzählige Hacks für Android gibt. Und dort, wo Hilfssoftware schon halbwegs gut funktioniert – auf dem Desktop – ist das schön. Nichts davon kommt aber Blinden auf einem Smartphone zugute, weil sie schlicht keinen kognitiven Zugang zum Gerät haben. Schade Google – schade Android.

Dezente Hinweise

Wer hat das nocht nicht erlebt: da schreibt jemand eine nette und freundliche Mail, um auf ein Problem hinzuweisen und erhält eine aus Textbausteinen zusammengesetzte Nicht-Antwort. Das statistische Bundesamt zum Beispiel hat nicht auf meinen Hinweis reagiert, dass das statistische Jahrbuch in PDF für Blinde NULL zugänglich ist. Die ARD ihrerseits hat Probleme, eine App barrierefrei zu bekommen.
Nun bin ich jemand, der eher positiv an eine solche Sache rangeht. Zum Einen wird die Barrierefreiheit – BITV hin, BITV her – in deutschen Behörden stiefmütterlich behandelt. Für mich sieht es von außen so aus, als ob da ein paar Agenturen ein paar automatische Testtools über die Portale laufen lassen und ein paar Checklisten abhaken und schon ist die Website per definitionem barrierefrei. Zum Anderen werden Aspekte der Barrierefreiheit vergessen, weil auch kein Betroffener in der Nähe ist, der die Nicht-Behinderten daran erinnert, dass in Deutschland neun Millionen Menschen mit Behinderung leben.
Deswegen macht es mir auch nichts aus, die Leute auf solche Probleme hinzuweisen. Ich bin dabei immer ausnehmend freundlich und höflich, für meinen Geschmack sogar ein wenig zu freundlich. Umso mehr ärgere ich mich darüber, mit einer Textbaustein-Nachricht mit Nonsens abgespeist zu werden.

Zaudern macht keine Barrierefreiheit

Deswegen plädiere ich dafür, solche Vorgänge im zweiten Schritt öffentlich zu machen. Wir haben als Behinderte einen Anspruch darauf, dass Angebote von öffentlichen Stellen barrierefrei zugänglich sind und es gibt keinen Grund, warum wir uns deswegen genieren müssen. Wenn die Behörden oder Unternehmen unseren freundlichen Bitten nicht nachkommen, gibt es ebenso wenig Grund, diesen Vorgang nicht öffentlich zu machen.

Warum im zweiten schritt?

Ich denke, es ist ein Zeichen von Fairneß, die Betreffenden im ersten Schritt im persönlichen Kontakt auf die mangelnde Barrierefreiheit ihrer Angebote aufmerksam zu machen. Wie ich schon sagte, ist mangelnde Barrierefreiheit meiner Erfahrung nach in den meisten Fällen der Unachtsamkeit und Unbedarftheit der Macher geschuldet. Daher ist eine betont freundliche Mitteilung angebracht, in der man dalegt, aufgrund welcher körperlichen Einschränkung man welche Funktionen oder Anwendungen der Website nicht benutzen kann.
Dann hört man natürlich so einen Blödsinn wie „Blinde benutzen unsere Website nicht“. Ich antworte dann: „Das stimmt nicht, ich bin blind und würde Ihre Website nutzen, wenn Sie barrierefrei wäre“.
Bevor man sich hier in einen endlosen fruchtlosen Dialog wirft, sollte man dem Ansprechpartner mitteilen, dass man vorhat, die Barriereunfreiheit der Website öffentlich zu machen. An dieser Stelle ist es oft hilfreich, die PR-Abteilung des Unternehmens oder der Behörde miteinzubeziehen, die mögen meistens keine negative PR, aus gutem Grund.
Im Endeffekt würde ich auch nicht davor zurückschrecken, tatsächlich die Öffentlichkeit zu suchen. Wichtig ist auch hier, dass man nüchtern und wahrheitsgemäß die Kritik an der Website darlegt und keine Beleidigungen oder falsche Aussagen unterbringt. Es dient zum einen nicht dem eigenen Anliegen, weil solche Aussagen zu sehr den Beißreflex der Gegenseite bedienen. Zum anderen wissen wir ja, wie klagefreudig unsere Lieblingsfirmen sind, wenn es um ihren Ruf geht.
Da die meisten Einrichtungen inzwischen Monitoring betreiben, kriegen sie das so oder so auch mit, man kann sie aber auch dezent darauf hinweisen, dass man da was geschrieben hat, was sie interessieren könnte…
Menschen mit Behinderungen in Deutschland sind für meinen Geschmack zu zahm, wenn es um konkrete Verbesserungen geht. Sie verlassen sich sehr stark auf mitgliederstarke Interessensverbände und politische Vertreter. Das mag funktionieren, wenn es um politisches Lobbying und um die Makroebene geht, auf der mittleren und unteren Ebene funktioniert es nicht ansatzweise. In Marburg gibt es überall akkustische Ampeln, weil die Blindenstudienanstalt und der Blindenverband dort sitzen, im Rest des Landes gibt es wahrscheinlich weniger akkustische Ampeln als in dem 80.000-Seelen-Dorf Marburg.

Hören statt sehen – Audios und Podcasts zum barrierefreien Web

Viele Vortragende stellen mittlerweile Audio-Mitschnitte ihrer Vorträge bereit. Vor allem Blinde, aber nicht nur sie profitieren von Audio. Die Präsentationsfolien sind zwar interessant, aber auch oft unverständlich, wenn man den Vortrag nicht gehört hat. Eine Liste nützlicher Guidelines und Hilfen zur Barrierefreiheit habe ich schon veröffentlicht.
Der Webdesign-Podcast Technikwürze beschäftigt sich öfter mit Barrierefreiheit. Im aktuellen Beitrag um Contao formerly known as Typolight widmen sich die Teilnehmer ausführlich dem Thema Zugänglichkeit des Redaktionssystems.

Einfach für Alle bietet eine Reihe von Podcasts an, die zwar schon ein wenig älter , aber immer noch hörenswert sind.

Wirklich schwer macht es der Webkongress Erlangen 2010. Hier kommt man auf verschlungengen Wegen zu vielen Folien und Mitschnitten der Vorträge. Eine große Zahl der Vorträge befasst sich auch mit Barrierefreiheit. Um an die Audios zu kommen, klickt man zunächst auf den Vortrag, scrollt zum Fuß der Beschreibung, klickt auf Vortrag in „Multimedia-Formaten im Videoportal der FAU“ und anschließend auf Download. Einfach, oder?

Web AXE ist ein englischsprachiger Weblog und Podcast zum Thema Barrierefreiheit. Von dem Podcast sind bisher 86 Episoden erschienen.

Auf Deutsch und Englisch ist der Webevangelist Christian Heilmann unterwegs. Seine zahlreichen Vorträge sind immer hörenswert und drehen sich oft um Barrierefreiheit.

Kongresse

  • Vorträge des A-Tag 2010 in Wien
  • Vorträge des A-Tag 2009 in Wien

Access-News vom 24. Juni 2010 – Fraunhofer testet und Google bringt was Neues

Das Fraunhofer-Institut für Informationstechnik hat herausgefunden, dass die meisten Dax-Websites nicht validieren und nicht barrierefrei sind. Wer hätte das gedacht, nachdem Opera mit seiner MAMA-Studie das schon lange festgestellt hat? Wer es ausprobieren mag, es gibt ein Testtool auf der Website von Fraunhofer. Ich befürchte fast, das diese automatischen Tests mehr Schaden als Nutzen anrichten. Der Website-Bastler braucht sich mit dem Thema Barrierefreiheit gar nicht mehr zu beschäftigen, sondern arbeitet säuberlich eine Reihe von Fehlern ab und wird durch eine Fehlerfrei-Meldung des Systems geadelt. Zudem werden Leute belohnt, die statische Websites oder Alternativ-Versionen für Behinderte anbieten, denn hier wird das Prüfprogramm nicht durch so überflüssige Dinge wie JavaScript oder Flash in seiner Arbeit gestört.

Google mit OCR und Spracherkennung

GoogleDocs hat jetzt Texterkennung. Mit OCR lassen sich Texte aus Graphiken und PDFs extrahieren. Laut Golem soll die Qualität der Erkennung bisher noch nicht berauschend sein. Das ist etwa nützlich für PDF-Dateien, die aus gescannten Dokumenten generiert wurden. Nebenbei ist die HTML-Anzeige von PDF-Dateien eine der nützlichsten Werkzeuge Googles.
Mit seinem Know How im Rahmen der Bücherscan-Aktion dürfte Google bei der Scan-Qualität deutliche Verbesserungen ermöglichen.

GoogleVoice ist eine Technik, mit der sich Sprachmitteilungen in Text umwandeln lassen, zum Beispiel zum Versenden von SMS. Voice ist jetzt öffentlich verfügbar, allerdings bisher nur auf Englisch.

Vermischtes

Marco berichtet, dass das neue IOS 4 Teile von WAI ARIA unterstützt.
Die Entwickler von Chrome arbeiten jetzt an der Unterstützung von Chrome durch Screenreader. Sie haben recht flott auf die Petition reagiert, die von Steve Faulkner letzte Woche beworben wurde.
WebAIM setzt seine HTML5-Reihe mit einem Beitrag über Canvas fort.

Access News der Woche vom 2. Juni – HTML5 und Tabletts

Letzte Woche erschien das erste deutschsprachige Buch zu HTML5 von Peter Kröner. Der Technikwürze-Podcast widmet HTML5 einen langen Beitrag, zu Gast ist Peter Kröner in persona.

Nur wenig jünger als HTML 4 ist der Internet Explorer 6. Microsoft selbst sagt seinem ungeliebtem Kind den Kampf an. Unter den Nutzern des IE 6 dürften auch recht viele behinderte Menschen, vor allem Blinde sein. Unsere Hilfssoftware ist selbst häufig veraltet und es ist immer ein gewagtes Experiment, von einer älteren Software-Version auf eine neue umzusteigen. Zugleich ist der IE 6, was die Unterstützung moderner Layouts und Techniken der Zugänglichkeit angeht derzeit der größte Hemmschuh. CSS wird unzureichend unterstützt, die JavaScript-Engine ist total veraltet und nicht zuletzt ist das Programm ein Sicherheitsloch.

Der Weblog Hyperkontext berichtet im Beitrag Nur erkennbare Funktionen werden genutzt über Funktionen, die von den Nutzern nicht erkannt werden und über unberechenbares Verhalten von Webseiten und welchen Schaden das Ganze anrichten kann.

In der letzten Woche kam das iPad nach Deutschland. Was immer man von dem Gerät im Besonderen und Apple im Allgemeinen halten mag, in dieser Preisklasse ist es derzeit der Computer mit der höchsten Barrierefreiheit. Wie das iPhone kommt das iPad mit dem Screenreader VoiceOver, sollte also ähnlich zugänglich sein wie das iPhone. Da ich selbst weder iPad noch iPhone in der Hand hatte, kann ich dazu leider auch nichts weiter berichten.
Apple vermiest diesen guten Eindruck allerdings mit einigen Fakten, die hoffentlich mit der nächsten Generation ausgeräumt werden:
– Datei-Austausch nur über iTunes
– die mangelnde Unterstützung von USB
– seinem Sonderweg beim Internet-Zugang
Ohne iTunes getestet zu haben, kein Gerät kann als Computer bezeichnet werden, wenn ein Dateiaustausch nur über bestimmte Programme möglich ist. Die Notwendigkeit von Spezialkabeln oder Dockingstations fehlt in die gleiche Kategorie. Und ein so großes Gerät nicht von Haus aus Internet-zugänglich zu machen ist nun wirklich unsinnig.

INCOBS hat in seinem Audio-Bereich eine Reihe von Audios zur SightCity 2010 bereit gestellt, Thema unter anderem mobile DAISY-Player.

Access-News der Woche – Media-Player, HTML5 und die Faulheit der Monopolisten

Access-News der Woche

Die Webgestalterin Sylvia Egger hat ihre Folien zur Frage „Was ist Barrierefreiheit“ auf Slideshare bereit gestellt.. In einem Blog-Beitrag befasst sie sich mit barrierefreien Media-Playern: Die Themen sind hier Tastatursteuerung, Unterstützung für Untertitel und Audiodeskription.

Der blinde Software-Entwickler Chris Hofstader ist neuer Direktor für barrierefreie Software bei der Free Software Foundation (FSF). Die FSF möchte ihr Engagement für barrierefreie Software verstärken und hat in Hofstader die passende Person gefunden. Er war auch eine Weile bei dem Jaws-Entwickler Freedom Scientific beschäftigt und meint dazu in einem Interview:

Ich habe kein Problem damit, Profit zu machen. Ich habe allerdings Schwierigkeiten mit Firmen, die trotz enormer Ressourcen nichts auch nur annähernd Innovatives
ausprobieren, um ihren Anwendern stärker unter die Arme zu greifen. Freedom Scientific, der kommerzielle Führer, ignoriert praktisch alle neuen Ideen aus der Forschungs-Community mit der Folge, das JAWS stagniert. Wir hätten uns eine Menge leisten können, zahlten aber lieber höhere Dividenden. Eine solche
Situation tritt nur ein, wenn eine Firma das Monopol in einer Nische ausübt. Hofstader in einem Interview mit dem Linux-Magazin

Dem kann ich aus vollem Herzen zustimmen. Wer sich über die hohen Preise von Profi-Software ärgert, sollte einmal einen kommerziellen Screenreader kaufen.

Wer des Englischen mächtig ist und sich für die Möglichkeiten der Barrierefreiheit von HTML 5 interessiert, wird bei WebAIM fündig:
HTML5 Video
Semantische Elemente in HTML5
Neue „Input“-Typen in Formularen

Google hat mit seinem neu gestalteten Webauftritt auch Elemente von WAI ARIA eingeführt. Die Orientierungspunkte benennen wichtige Regionen der Website eindeutig, so dass sie direkt ansteuerbar werden. Yahoo hat es übrigens schon länger eingeführt.

Zugänglichkeit – über Shells, GUIs und Audio

Das Leben des blinden Computernutzers bleibt immer spannend. Er darf sich jedes Mal aufs Neue überraschen lassen, ob er ein bestimmtes Programm bedienen kann oder nicht. Viele Programme lassen sich zumindest teilweise über Tastatur bedienen, viele andere aber nicht. Spaßig wird es, wenn sich Teile des Programms per Tastatur erreichen lassen, andere Funktionen aber hinter Icons auf der Programmoberfläche versteckt sind. Im zweifelsfall wird der Blinde nie erfahren, dass es solche Funktionen gibt. Blinde sind nämlich ebenso wenig geneigt, Dokumentationen zu lesen wie Sehende.

Dabei könnte alles so einfach sein, wenn die Programmierer und Entwickler die Tastatur nur als einen Zugangsweg betrachten würden, der mit der Maus gleich berechtigt ist. Spannend wird es jetzt, weil sich zwischen Maus und Tastatur nun der Dritte Weg über Touchpads etabliert. Alle komplexen mobilen Betriebssysteme werden ohne Anpassung für Touchscreens scheitern.

Es ist ein offenes Geheimnis: Benutzer von Tastatur und der Kommandozeile kommen nach einer gewissen Einarbeitung schneller zum Ziel als die Benutzer graphischer Oberflächen. Eine große Ausnahme ist die Fotobearbeitung. Die Textverarbeitung hingegen ist ein gutes Beispiel: Ein Darstellungsproblem ließe sich in HTML wesentlich schneller lösen als etwa in einem Word-Dokument.
Die Kommando-Zeile ist die Alternative zur GUI, die Tastatur ist die Alternative zur Maus, der audivitive Zugang ist die Alternative zum optischen Zugang.
Wenn man heutzutage mehrere Hundert Euro für ein Betriebssystem ausgibt, dann sollte man auch den Zugang bekommen, den man benötigt. Microsoft aber hat bis heute im Gegensatz zu anderen keinen auditiven Zugang zu seinen Betriebssystemen. Im Gegenteil, viele grundlegende Funktionen sind nur per GUI und Maus zugänglich. Das Unternehmen hat viel Geld in eine graphische Benutzeroberfläche gesteckt, die kein Mensch wirklich braucht, aber keinen Euro in einen Zugang, der auch Blinden zugute kommt.
Nebenbei bemerkt nutzen solche Zugänge auch Menschen mit Lern- oder Leseschwäche, die sich damit auch die Oberfläche erschließen oder sich lange Texte vorlesen lassen können.

WCAG 2.0 verstehen

Der aktuelle Podcast der Technikwürze beschäftigt sich in aller Ausführlichkeit mit den neuen Richtlinien zur Barrierefreiheit der Web Accessibility Initiative (WAI) des W3C. Der Podcast ist sehr ausführlich und geht sehr ins Detail und ist deshalb als erster Einstieg sehr gut geeignet, ich darf leider nicht auf die Datei direkt verlinken, siehe unten.
Einer der Sprecher war an der Übersetzung der Guidelines ins Deutsche durch die Aktion Mensch beteiligt.
Die vier Säulen der WCAG und die ein Dutzend ihr zu Grunde liegenden Prinzipien sind gut zu verstehen. Der Rest des Dokuments ist für Technik-Spezialisten gedacht. Das Ding ist weder auf Deutsch noch auf Englisch zum Runterlesen geeignet oder gedacht, die vier Säulen und Prinzipien sollte aber jeder kennen, der auch nur entfernt mit Webinhalten zu tun hat.
Die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung BITV ist die deutsche Grundlage für Entwicklungen, die im Wesentlichen auf den Guidelines des W3C basiert. Obwohl die WCAG 2.0 nun schon einige Jahre alt ist, wurde die BITV noch nicht auf den neuesten Stand gebracht. Bindend ist die Verordnung von 1999, was man den Seiten des Bundes auch ansieht. Die BITV wird in einer Blackbox ausgehandelt, keiner weiß, ob oder wann sie kommen wird.

OpenAccess – offener Diebstahl

Rudolph Walther regt sich in einem Artikel in der taz gewaltig auf. Leider hat der gute Mann in seinem heiligen Zorn zwei Dinge wild vermischt: Die Google-Buchsuche und OpenAccess.

Die Google-Buchsuche basiert auf Büchern, die von Google eingescannt und digital zur Verfügung gestellt werden. Google hat das im Schatten von Halblegalität gemacht, sich aber mittlerweile mit amerikanischen Rechteinhabern geeinigt. Nach wie vor macht Google aber diese Bücher eben nicht frei zugänglich, wenn Urheberrecht oder Copyright bestehen. Nur gemeinfreie Bücher sind offen zugänglich. Der Rest ist lediglich für Recherche zugänglich, ähnlich wie bei Amazon stehen Ausschnitte zur Verfügung, nicht aber der Volltext.

OpenAccess hingegen ist der Zugang zu – in erster Linie – wissenschaftlichen Arbeiten. Es gibt nun gar keinen Zusammenhang zur Google-Buchsuche.

Herr Walther scheint auch kein Freund von digitalen Archiven zu sein. Zurecht verweist er darauf, dass alte Datenträger und Dateiformate nur schwer zugänglich sind.

Um so mehr müsste gerade er sich über die Google-Buchsuche freuen. Hätte Google das Kölner Stadtarchiv durchgescannt, würden wir heute zumindest digital darin stöbern können, statt sprichwörtlich in Schutt und Staub nach Überresten zu suchen.

Ein guter Teil der von Google eingescannten Bücher sind derzeit nicht lieferbar, weil sie mangels Rentabilität nicht nachgedruckt werden. Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass viele dieser Titel sang- und klanglos in Vergessenheit geraten würden, wenn Google sie nicht im Web lebendig hält.

Jeder Student ärgert sich heute über geklaute, dauerausgeliehene, nicht lieferbare und nicht vorhandene Bücher in der Bibliothek. Neben mangelnder technischer Ausstattung ist der schwierige Zugang zu Fachliteratur eines der größten Probleme wissenschaftlicher Forschung.

Und die Wissenschaft ist nun das Musterbeispiel für ein Gemeingut. Es sind überwiegend Steuerzahler, welche die deutsche Wissenschaft finanzieren.

Wer sich für die Problematik interessiert, mag sich zwei Bücher der Bundeszentrale für politische Bildung herunterladen:

Urheberrecht im Alltag, unter anderem herausgegeben von Volker Grassmuck
Wissen und Eigentum, herausgegeben von Jeanette Hofmann, die Texte dieses Buches stehen unter Creative Commons License