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Faszination Nahtod

Es gibt zwei Arten von Literatur, die Faszination auslösen, weil sie reale Situationen beschreiben: Die Surival-Literatur und das Schreiben von personen, die eine schwere Krankheit überstanden haben. Beiden Arten von Schriftstellern glaubt man, dass sie ein Stück mehr Lebensweisheit erlangt haben. Sei es nun Reinhold Messner, der seinen Bruder zurücklassen musste, um selbst zu überleben. Oder der Journalist John Krakauer, der auf der Spitze des Mount Everest den Großteil seiner Mitreisenden zurückließ. Sei es Lance Armstrong, der seinen Hodenkrebs besiegte und – mit oder ohne Doping – die Tour de France gewann.

Besonderserschütternd war Christoph Schlingensiefs Bekenntnis, als er sich zum ersten Mal nach seiner Genesung im Süddeutschen Magazin äußerte:

“Ich lasse mich da fallen. Ich möchte wissen, warum ich mich selbst nicht wirklich gemocht habe. Ich möchte verstehen, warum es abends für mich so wichtig war, mir mit einer Flasche Rotwein die Birne vollzuhauen. Ich will das nicht mehr. Ich möchte gern geliebt werden.”

Es klingt makaber, aber es ist etwas Wahres dran: Dem Tod von der Schippe zu springen, dem Tod leibhaftig zu begegnen läßt die banalen Alltagssorgen als das erscheinen, was sie sind: nebensächlich, kleingeistig, selbstgerecht, egozentrisch. Dem Tod von der Schippe zu springen ist wie ein zweites Leben geschenkt zu bekommen, das man unverkrampft und entspannt genießen kann, weil es nichts gibt, was Einen noch verletzten kann.