Warum Blinde code-basiert am Computer arbeiten sollten

Die Gestaltung von Printprodukten gehört normalerweise nicht zu den Aufgaben, die von Blinden erledigt werden. Beim Desktop Publishing geht es weniger um das Schreiben von Texten als um die ästhetische Gestaltung. Bekannte DTP-Programme sind Adobes Indesign, Quark Express oder das freie Scribus. Keines dieser Programme ist für Blinde vernünftig einsetzbar.
Die einfache Textgestaltung ist keine große Herausforderung. Funktionen wie Zeilenabstand, Textausrichtung Seitenränder usw. lassen sich in den gängigen Textverarbeitungen über die Menüs erledigen. Schwierig wird es zum Beispiel wenn einzelne Textpassagen von dieser Formatierung abweichen. Wir kennen das, wenn zum Beispiel Text aus einem anderen Dokument kopiert wurde, für den Blinden ist es schwierig, das zu erkennen. Eine Erleichterung nicht nur für Blinde kann dabei die Arbeit mit Code sein.

HTML und CSS

Rudimentäre Textgestaltung ist mit HTML und CSS bereits möglich. Da CSS und HTML rein auf Code-Basis bearbeitet werden können, können auch Blinde damit arbeiten.
Ein Problem besteht darin, dass die Standards von jedem Programm anders verarbeitet werden. Man kann sich also vor allem als Blinder nicht sicher sein, dass die vorgenommenen Formatierungen so verarbeitet werden. Pfade gibt es in CSS 2 bisher gar nicht, die Formatierungsmöglichkeiten sind also derzeit noch eingeschränkt. Eine interessante Alternative zur Strukturierung von Texten ist zum Beispiel Markdown.
In CSS gibt es zudem die Möglichkeit zur Definition eigener Klassen. Mit den HTML-Containern DIV und SPAN lassen sich damit ähnlich wie in graphischen Textverarbeitungen Formatvorlagen definieren. Stellen Sie sich vor, Sie hätten Hunderte von Word-Dokumenten und Ihre Firma denkt, ein neues CSR wäre angebracht. Wenn Sie rückwirkend Ihre Word-Dokumente ändern müssten, könnten Sie einen Praktikanten wochenlang beschäftigen. Wenn Sie eine Formatvorlage in CSS angelegt hätten, das in alle Dokumente eingebunden ist, müssten Sie nur ein paar Zeilen Code ändern.

XML

XML ist eine Metasprache zur Formulierung von Auszeichnungssprachen. Es bildet die Basis für viele bekannte Formate wie Scalable Vektor Graphics (SVG).
XML könnte als gute Basis für DTP dienen. In SVG lassen sich z.B. Pfade definieren. Mit XSSL-FO lassen sich Vorlagen für PDF erstellen, auch XSL ist für diesen Bereich interessant. Allerdings ist der Lernaufwand für diese XML-Sprachen recht hoch.

LaTeX

TeX ist ebenfalls eine textbasierte Auszeichnungssprache. Im Gegensatz zu XML ist der eigentliche Zweck von LaTeX die Gestaltung von Texten. Latex wird bereits von Blinden eingesetzt, um zum Beispiel mathematische Formeln zu schreiben. Der Einsatz durch Blinde wird hier diskutiert.

Andere Zielgruppen

Auch für andere Behinderte kann das DTP über Auszeichnungssprachen interessant sein: zum Beispiel für Menschen, die keine Maus benutzen können. Ihr Vorteil liegt darin, dass sie die Ergebnisse ihres Schaffens kontrollieren können, während Blinde dazu keine Möglichkeit haben. Ich fände es sinnvoll, wenn die gängigen DTP-Programme eine textbasierte Auszeichnungssprache als alternativen Bearbeitungsmodus anböten, so wie jeder WYSIWYG-Editor für Webseiten einen Modus für HTML anbietet.
Sehr häufig lassen sich Darstellungsfehler auch in der Codeansicht leichter korrigieren als mit der Maus, es profitieren also alle, die damit arbeiten müssen.

Bessere Bedienbarkeit

Vielleicht ist es für Blinde nicht wirklich sinnvoll, Druckerzeugnisse zu gestalten. Einen Vorteil habe ich aber schon erwähnt: Textverarbeitungen mögen viele Vorteile haben, aber für Blinde ist es schwierig, die korrekte Formatierung eines Dokumentes vorzunehmen und zu überprüfen. Ob man sich nun Shortcuts oder Formatierungsanweisungen merken muss, macht im Endeffekt keinen Unterschied.
Und auch für Sehbehinderte hat es Vorteile. Viele mögen mit Vergrößerungssoftware und Maus schnell arbeiten können, aber mit Code geht es immer noch einen Tick schneller. Kurioserweise haben die Entwickler von Zoomtext – der bekanntesten Vergrößerungssoftware – die Shortcuts für die Bedienung der Software teilweise mit den Shortcuts von Word belegt. Damit ist die Tastaturbedienung extrem eingeschränkt.
Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Späterblindete oder Menschen mit einem geringen Sehrest wie ich Interesse an der ästhetischen Gestaltung von Texten haben. Diese Vorstellungen lassen sich aber mit DTP-Programmen oder der Textverarbeitung nicht umsetzen.

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