Mein Rückblick auf das m-Enabling-Forum 2018

Menschen schauen sich eine Präsentation auf dem M-Enabling-Forum an.Am 27.9.2018 fand das M-Enabling-Forum 2018 in Düsseldorf parallel zur Rehacare statt. Es war ein reichhaltiger Tag. Heute gibts einen kleinen Rückblick. Leider weiß ich nicht, ob und wie die Teilnehmer ihre Inhalte online stellen. Wenn das passiert, werde ich das hier verlinken.

Organisation

Für meinen Geschmack organisatorisch nicht ganz geschickt: Konferenzen sollten frühestens um 10 Uhr beginnen. Und 9 Stunden waren dann zu viel des Guten.
Ein offenes W-Lan fürs Twittern wäre auch nett gewesen. Hier hat man Potential für die Öffentlichkeitsarbeit verschenkt. Im Saal selbst gab es gar keinen Mobil-Empfang, auch ein wenig seltsam für eine Messe Düsseldorf.
Auch hätte man mehr Interaktionen und Interaktionsmöglichkeiten mit dem Publikum ermöglichen sollen. So glich es eher einer Produkt-Schau

Das Programm

Wenn man ein paar dieser Konferenzen besucht hat und im Thema ist, erfahrt man irgendwann nichts mehr Neues. Im Vordergrund steht vor allem der Austausch unter den Besuchern.
Interessant und für mich neu waren die Bemühungen, Barrierefreiheit zu zertifizieren. Ich selbst bin kein Fan solcher Programme. Sie riechen immer ein wenig nach Stempel drauf und für die nächsten zehn Jahre erledigt. Doch mag es in einigen Fällen sinnvoll sein.

Apple nervt

Nervtötend war das Statement von apple. Ich nutze gerne die Geräte von Apple. Was mich allerdings ärgert ist, wenn ein Konzern, der fast 1 BillionenDollar wert ist so tut, als ob Barrierefreiheit für ihn kein Geschäftsfaktor wäre. – Die Eyes-Free-Technologien zum Beispiel kommen auch Autofahrern zugute. Es gibt reichlich Blinde, welche gleich mehrere Produkte von Apple besitzen. Da kann man nicht ernsthaft so tun, als ob Barrierefreiheit reine Wohltätigkeit wäre. Wohlgemerkt, es stört mich nicht, dass Apple damit Geld verdient, sondern dass sie so tun, als ob das nicht so wäre. So ist Apple kein Vorbild für andere Unternehmen, die Barrierefreiheit ernst zu nehmen. Denn es kommt bei apple so rüber, als ob sie für die Barrierefreiheit drauf zahlen müssten. Es wäre dann ein Verlust-Geschäft, so gewinnt man in der Privat-Wirtschaft keine Freunde für die Barrierefreiheit, sondern schadet ihr indirekt.
Absurd wird es dann, wenn Apple Pseudo-Entwicklungen für sich reklamiert. Armbänder zur Sturzmeldung und tragbare Notruf-Systeme gab es schon lange. Wenn man Apple so hört könnte man meinen, sie hätten es für die Apple Watch erfunden. Und die App Kurzbefehle ist sicherlich nett, früher nannten wir das Makros und brauchen es vor allem, weil Siri so miserabel ist. Hier stellt sich eher die Frage, warum es das nicht schon in iOS 6 gab.

Fazit: Rausgehen oder reinholen

Und hier noch meine drei nicht ganz neuen Erkentnisse aus der Konferenz:
Erstens: Es ist zwar immer nett in der Barrierefreiheits-Szene. Diese ist aber klein und scheint mir in der Zeit, in der ich dabei war kaum gewachsen zu sein.
Entweder geht man aus der Szene raus, zum Beispiel auf andere Messen oder Kongresse. Oder man holt diese Leute gezielt rein.
Meine zweite Erkenntnis: Es fehlt eine zentrale Instanz, die Informationen und Nachrichten zur Barrierefreiheit bündelt. Es gibt viele Projekte, die einfach nicht bekannt sind. Die Szene ist nicht nur in Deutschland sehr atomisiert. Es bräuchte ein neues Einfach für alle.
Meine dritte Erkenntnis ist, dass zu wenig über existierende Bedienungshilfen aufgeklärt wird. Von den drei großen Software-Anbietern Apple, Google und Microsoft macht es letzteres am besten: Bei Microsoft bekommt man die Bedienungshilfen schon bei der Erst-Installation und im Anmeldebildschirm angeboten. Bei Apple und Google muss man – zumindest in den mobilen Betriebssystemen – danach suchen. Das heißt, man muss im Prinzip schon wissen, dass es Hilfen gibt. Dafür gibt es keinen nachvollziehbaren Grund. Ich habe gerade erst ein Android-Phone eingerichtet und ihr würdet gar nicht glauben, wie viel Platz auf dem ersten Screen ist, auf jeden Fall genug, um den Start von Bedienungshilfen anzubieten. Wenn ihr das lest, ihr Großen Drei, bitte mehr Geld in Aufklärung und weniger in PR-Maßnahmen stecken.

Amazon Echo – warum barrierefreie Webseiten sinnvoller werden als je zuvor

Stilisierter LautsprecherAmazon hat mal wieder eine ganze Reihe von neuen Produkten vorgestellt. In diesem Beitrag möchte ich zeigen, warum der smarte Lautsprecher Echo mit der Spracheingabe auch barrierefreien Webseiten einen Schub geben könnte.

Alles über Semantik

Ein Schlüsselfaktor für barrierefreie Webseiten ist semantisches und seinen Zwecken entsprechend eingesetztes HTML.
Leider muss man sagen, dass in erster Linie bisher vor allem Blinde davon profitieren. Natürlich bringen Labels Vorteile für motorisch Behinderte und Sehbehinderte können eigene Stylesheets definieren, um sich Inhalte besser zugänglich zu machen. Aber ob das tatsächlich jemand in dem Maße nutzt, bleibt offen.

Vorlesen leicht gemacht

Doch in dem Maße, in dem Geräte ohne eigenes Display auf den Markt drängen, wird es wieder interessant. Wie bringe ich zum Beispiel dem Echo bei, wo der Inhalt einer Webseite beginnt, schließlich will ich nicht die Navigation und anderen Schmus vorgelesen haben, der am Anfang einer Webseite steht. Wie bringe ich ihn dazu, von Absatz zu Absatz, zur nächsten Überschrift, zu einem bestimmten Bereich der Webseite zu kommen? Für einen Sehenden erscheint dieses Problem eigentlich unlösbar. Doch wer arbeitet schon seit Jahr und Tag ohne Display? Exakt, blinde Menschen und das in der Regel ohne große Probleme.
Und hier kommt eine sinnvolle Semantik ins Spiel. Gibt es zum Beispiel nur eine Hauptüberschrift auf der Unterseite, die H1, hat auch eine Maschine keine Probleme, den Anfang des Artikels zu finden. Werden die neuen elemente aus HTML5 wie Navigation, Article, Footer und so weiter korrekt eingesezt, wird die Sache zusätzlich erleichtert. Selbst die Alternativtexte könnten somit einer wesentlich größeren Gruppe nützlich sein.
Auch komplexe Interaktionen mit der Website wie das Aufrufen von Punkten aus der Navigation, das Suchen innerhalb einer Unterseite, das verwenden der Suchfunktion der Website und so weiter sind durchaus möglich. In der Regel wird das länger dauern als mit einem Display, doch muss man es ja auch nicht übertreiben, wenn das visuelle Interface Smartphone nur einen Handgriff entfernt ist.

Formulare per Sprache ausfüllen

Doch war es das noch lange nicht. Heute sind Webseiten interaktiv und interaktiv heißt fast immer Formulare. Sind die Formulare sinnvoll semantisch ausgezeichnet, also so, dass eine Maschine die Aufgabe eines Inputfeldes, den Status und so weiter erkennen kann, dann dürfte es auch kein Problem mehr sein, solche Formulare komplett per Sprache auszufüllen. Natürlich wird man das für komplexere Formulare derzeit nicht machen. Aber auch das könnte nur eine Frage der Gewöhnung sein.

Macht eure Website barrierefrei

Je stärker die Spracheingabe in den Alltag einkehrt, desto mehr werden die Nutzer auch erwarten, damit im Prinzip alles erledigen zu können. Ich prophezeie einmal, dass diese Entwicklung sich stark auf die Gestaltung von visuellen Benutzeroberflächen auswirken wird, ähnlich wie es das Smartphone getan hat. Man wird zum Beispiel gezwungen sein, die Zahl der Links oder die Komplexität von Formularen zu reduzieren und eine an der Spracheingabe optimierte Benutzerführung zu etablieren.
Vor allem ältere Blinde, die mit dem Screenreader nicht so vertraut sind, könnten von dieser Entwicklung profitieren. Aber auch funktionale Analphabeten und ältere Menschen, die teils von der Technik überfordert sind, könnten dank einer Spracheingabe die Möglichkeiten des Internets wesentlich leichter nutzen. Nebenbei könnte es Amazon gelingen, die Haus-Automatisierung massentauglich zu machen, daran sind selbst Apple und google bisher gescheitert.

Barrierefreie PDFs – Microsoft Office und LibreOffice im Vergleich

Barrierefreie Dokumente können sowohl mit Microsoft Office als auch mit LibreOffice erstellt werden. Beide Office-Pakete können auch barrierefreie, also getaggte PDFs speichern. In diesem Beitrag möchte ich die einzelnen Funktionen vergleichen.
Hinweis: Dieser Artikel basiert auf eigenen Erfahrungen sowie auf den offiziellen Anleitungen der Anbieter. Es kann durchaus sein, dass es Funktionen gibt, die mir nicht bekannt sind. Ich gehe hier in erster Linie auf Word und Writer ein.
Im ersten Abschnitt geht es um Funktionen, die beide Programme anbieten. Im zweiten Teil geht es um Besonderheiten der Programme.

formatvorlagen

Ganz grundlegend für barrierefreie Dokumente sind die Formatvorlagen. Diese finden wir sowohl in LibreOffice als auch in Microsoft Office. Mit ihnen werden Struktur-Informationen wie Überschriften, Listen oder Absätze hinterlegt.

Bildbeschreibungen

Ebenfalls in beiden Paketen finden wir die Möglichkeit, Bildbeschreibungen für Blinde zu erstellen. MS Office bietet seit 2016 automatische Bildbeschreibungen und Bilder lassen sich als dekorativ für Blinde unsichtbar machen.

Sprache und Metadaten

In beiden Paketen können metadaten wie Autor und Titel hinterlegt werden. Ebenfalls kann die Sprache des Textes sowie von Textpassagen festgelegt werden, damit sie Blinden in der korrekten Sprache vorgelesen werden.

Umfliessen

Generell funktioniert der Umfliessen-Modus in exportierten PDFs bei beiden Office-Paketen. Allerdings hat MS Office spätestens seit der Version 2013 einen Bug: Auf Seiten, in die eine Grafik eingefügt wurde funktioniert der Umfliessen-Modus nicht.

Tagged PDFs

Beide Office-Pakete können die genannten Struktur-Informationen ins PDF übernehmen.

LibreOffice

In diesem Abschnitt geht es um Besonderheiten von LibreOffice.

Lesezeichen

LibreOffice kann Lesezeichen exportieren. Das kann MS Office nach wie vor nicht. Die Lesezeichen werden etwa im Acrobat Reader auf der Linken Seite als immer sichtbares und komfortables Inhaltsverzeichnis angezeigt. Bei langen Dokumenten ist das praktisch.

Vor- und Nachteile von LibreOffice

Der Vorteil von LibreOffice besteht darin, dass sich die Funktionen immer am gleichen Ort finden und nicht so oft umbenannt oder verschoben werden wie in MS Office.
Leider scheint man aber seit der Version 3 von OpenOffice auch nichts mehr großartig an der Funktion geändert zu haben. Damals war das eine großartige Sache. Ich hätte mir aber schon gewünscht, dass man ein paar neue Features hinzufügt. Symptomatisch ist, dass die offizielle Anleitung der Document Foundation seit der Version 5.2. nicht aktualisiert wurde.

MS Office

Im Folgenden geht es um Besonderheiten von MS Office.

Tabellen

In Word kann eine nur für Blinde sichtbare Beschreibung zu Tabellen hinzugefügt werden. Außerdem kann die erste Zeile als Überschriftenzeile gekennzeichnet werden.

Prüffunktion

Ein Vorteil von Microsoft Office ist die seit Office 2010 integrierte Prüffunktion. Sie kann Probleme mit der Barrierefreiheit in den Dokumenten aufzeigen. Das ist natürlich super für Probleme, die sich automatisiert aufspüren lassen.

Vor- und Nachteile von MS Office

Microsoft hat die Funktionen seit Office 2007 stetig weiter entwickelt. Mittlerweile gibt es automatisch generierte Bildbeschreibungen oder die Möglichkeit, Bilder als dekorativ auszuzeichnen. Es gibt außerdem ausführliche Anleitungen zu barriefereien Dokumenten im Internet.
Der Nachteil ist aber ebenso offensichtlich: Für meinen Geschmack sind die Tools zu verstreut und sehr kompliziert zu finden. Immerhin braucht man drei Klicks , um einen Alternativtext hinzuzufügen.
Hinzu kommt, dass sie oftmals von Version zu Version verschoben oder umbenannt werden. Dass die Ribbons immer weiter mit Funktionen aufgeblasen werden, die 99 Prozent der Nutzer nie brauchen werden, macht Office selbst nicht wirklich zugänglich.
Ein weiterer Nachteil des Version-Chaos ist, dass es manche Funktionen in manchen Versionen gar nicht gibt. So funktionierte bei einer Kollegin auf dem Mac der Export als Tagged PDF nicht. Er sollte über die Cloud möglich sein, obwohl es sich um ein Desktop-Office handelt. Meine Assistenz hat eine andere Version von MS Office offenbar speziell für Studierende, wo gleich alle speziellen Barrierefreiheits-Optionen fehlten. Es bleibt das Geheimnis von Microsoft, was man sich bei dieser Produktpolitik denkt.

Fazit: Es gibt keinen Sieger

Wägt man die Vor- und Nachteile der beiden Office-Pakete ab, gibt es keinen eindeutigen Sieger. Microsoft nervt mit den hohen Preisen und der eigenwilligen Produktpolitik. LibreOffice schleppt die Funktion seit der Abspaltung von OpenOffice einfach mit. Natürlich sind die Ressourcen solcher OpenSource-Produkte begrenzt. Doch gerade für die Wissenschaft, aber auch für andere Bereiche wäre eine leistungsfähige Alternative zu MS Office und dem zu komplizierten Adobe Acrobat wünschenswert.
Für Blinde indes ist die Entscheidung leider recht einfach. Während Writer noch teilweise zugänglich ist, lässt sich das von Impress nicht behaupten. Hier kann NVDA zum Beispiel nicht erkennen, ob eine Folie bereits Inhalte enthält. Wenn wir also barrierefreie Dokumente mit Office-Anwendungen erstellen wollen, führt leider kein Weg an Microsoft vorbei. An dieser Stelle muss ich ausnahmsweise auch NV Access, die Macher von NVDA kritisieren. Zwar kommt an den meisten Arbeitsplätzen MS Office zum Einsatz. Doch hättte man sich als OpenSource-Projekt vielleicht doch stärker auf die Zusammenarbeit mit anderen OpenSource-Projekten konzentrieren sollen. Was für Screenreader gilt, gilt natürlich auch für Office-Pakete – nicht jeder hat das Geld, sie sich zu leisten.

Weiterführendes

Was sehen Blinde eigentlich?

Nichts, wird die volksmündliche Antwort lauten. Leider ist die Situation aber ein wenig komplizierter. In diesem Beitrag werden wir uns anschauen, was Blinde visuell wahrnehmen können.

Eine kleine Begriffskunde

Wie immer ist es sinnvoll, die Begriffe zu kennen:

  • Wir sprechen von vollblind, wenn jemand nichts oder so gut wie nichts sehen kann.
  • Gesetzlich blind sind Menschen, die einen bestimmten Sehrest unterschreiten. Das betrifft entweder die Sehschärfe, die im Visus angegeben wird. Oder die Größe des Gesichtsfeldes. Diese Gruppe wird als Sehrestler bezeichnet.

Beide genannten Gruppen sind im gesetzlichen Sinne blind. Davon abgrenzen können wir die hochgradig Sehbehinderten, die Sehbehinderten und natürlich die Sehenden. Letztere haben entweder keine oder zumindest nicht solche Sehprobleme, die sich nicht mit Brillen oder Kontaktlinsen ausgleichen lassen. Die Grenzen zwischen hochgradig sehbehindert und Sehrest-Blinden ist fließend. In der Regel arbeiten
hochgradig Sehbehinderte noch visuell am Computer und benutzen keinen Blindenstock. Die Sehrestler arbeiten in der Regel mit Screenreader und Braille und verwenden einen Blindenstock im Alltag. Doch gibt es hier keine absolute Regel.

Ich sehe was, was Du nicht siehst

Sehen ist die Verarbeitung von Licht. Entweder wird Licht ausgestrahlt, zum Beispiel von einem Bildschirm oder es wird reflektiert. Das war es schon, alles, was wir sehen, ist die Reflektion von Licht. Manchmal lohnt es sich, sich an diese einfache Tatsache zu erinnern.
Das Spektrum des Sehens unter Sehrestlern ist relativ groß. Was der Eine sieht, sieht der Andere nicht und umgekehrt. Wenn ein Sehender einem anderen Sehenden etwas zeigt, z.B. auf der Straße, kann er ziemlich sicher sein, dass der Andere es auch sehen wird. Unter Sehrestlern ist die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Personen das Gleiche erkenne, relativ gering. In meiner Schulzeit konnte einer meiner Freunde Personen am Gesicht erkennen, aber keine Schwarzschrift lesen. Schwarzschrift nennen wir Blindgänger die gedruckte Schrift. Ich kann bis heute ein wenig Schwarzschrift lesen, wenn sie so groß wie eine Zeitungsüberschrift ist. Aber ich konnte in meinem ganzen Leben niemanden am Gesicht, der Kleidung oder am Gang erkennen.
Die Mess-Instrumente, die Augenärzte verwenden sind natürlich nicht auf Unsereins ausgelegt, sondern auf Normal-Sichtige. Ich weiß leider nicht, ob es spezielle Messmethoden für sehschwache Personen gibt oder ob solche Mess-Instrumente überhaupt sinnvoll wären.

Sehen mit dem ganzen Körper

Wer lediglich auf das Sehen achtet, verkennt viele andere Faktoren. Im Computerbereich würde man das integrierte Informationsverarbeitung nennen. Da ist natürlich das Gehör. Aber auch der haptische Kontakt zum Boden, der Geruchsinn. Der Geschmacksinn als fünfter Sinn ist an der Stelle nicht so wichtig. Sehende benutzen solche Faktoren oft unbewusst. Der Geruchssinn zum Beispiel funktioniert sehr stark intuitiv. Aber auch das Gehör spielt eine Rolle: Wem ist es noch nicht passiert, dass er das Auto hinter sich zuerst gehört hat und dann zur Seite sprang, ohne sich umzudrehen und zu gucken, ob es einen tatsächlich gleich überfährt?
Als weiterer Faktor kommen Gedächtnis und Erfahrung hinzu. Als kleines Kind bereits mussten wir lernen, visuelle und auditive Reize zu unterscheiden. In unserem Gedächtnis gibt es tausende Geräusche. Jeder erkennt zum Beispiel das charakteristische Geräusch eines entriegelnden Kofferraums, eines bremsenden Fahrrads oder eines tappenden Hundes, auch wenn wir kein Auto, kein Fahrrad und keinen Hund haben.
Als weiteren Faktor haben wir die Situationsabhängigkeit: An einer Straße dürfen wir mit anderen Gegenständen rechnen als im Park oder im Wald.
Und das Gedächtnis verrät uns, dass das Gelbe da vorne, wo wir jeden Tag vorbei gehen ein Briefkasten und keine gelbe Tonne ist. Grob geschätzt nutzen wir 90 Prozent unseres Lebens immer die gleichen Wege. Wenn jemand in unsere Wohnung spazieren und unsere Bücher umstellen würde, würden wir das sofort merken. Und zwar nicht, weil wir ein so ausgefeiltes Ordnungssystem haben, sondern weil uns das Muster der Aufstellung vertraut ist. Wenn aber etwas jeden Tag anders ist, wie die Autos, die an der Straße parken, achten wir in der Regel nicht darauf. Wenn wir wissen, was etwas ist, reichen auch sehr unscharfe Seheindrücke, um es zu erkennen bzw. Veränderungen zu bemerken.

Im Gegensatz zum Menschen, wir schauen mal von der künstlichen Intelligenz und Fuzzy Logic ab, versteht ein Computer nur ja oder nein. Er wird sich zwangsläufig entscheiden, ist es ein Mensch oder ein Laternenpfahl? Ein Mensch hingegen könnte schlussfolgern, das Objekt könnte ein Mensch sein, aber Menschen stehen normalerweise nicht stocksteif in der Gegend rum. Es wird also doch ein Pfahl sein. Befindet es sich hingegen mitten auf einem Bürgersteig, wird es wohl eher ein Mensch sein.

Fazit

Es ist also schlicht gesagt unmöglich, einem anderen Menschen exakt zu beschreiben, was man als Sehrestler wahrnimmt. Wir behelfen uns immer an Beispielen, die aber oft unzureichend sind. Deswegen dürft ihr auf die Frage: „Was siehst du eigentlich?“ nie eine klare Antwort von uns erwarten.
Das scheint die Frage zu sein, die Sehende am meisten verwirrt, wenn sie mit Sehrestlern zu tun haben. Leider ist das eine Frage, auf die es keine eindeutige Antwort gibt oder jemals geben wird.

Barrierefreies Web ist gutes Handwerk

Anlässlich des Global Accessibility Awareness Day am 17. Mai hatte ich verschiedene Tweets zum Thema barrierefreie Webgestaltung abgesetzt. Unter anderem schrieb ich sinngemäß: „Barrierefreie Webseiten sind keine Extra-Leistung, sondern gutes Handwerk. Hohe Preisaufschläge sind also nicht gerechtfertigt“. Für diese Aussage habe ich ein paar kritische Nachrichten bekommen. Deshalb möchte ich das kurz erklären.

Ein Button ist ein Button ist ein Button

Wenn etwas so aussieht wie ein Button und wenn es sich verhält wie ein Button, dann sollte es auch in HTML ein Button sein.
Kurz zur Erklärung: Man kann design-technisch etwas erstellen, was wie ein Button aussieht und so funktioniert, aber im Code einfach nur JavaScript ist, der hinter eine Grafik gelegt wurde, die wie ein Button aussieht. Warum macht man so was? Weil man entweder faul, doof oder beides ist. Der Aufwand, einen echten Button in HTML zu basteln ist exakt 0 Prozent höher als eine Grafik mit JavaScript zu unterlegen. Doof, weil man offensichtlich keine Ahnung hat, wie man vernünftigen Code schreibt und wahrscheinlich irgendeine Anwendung verwendet, mit der man sich die Elemente zusammenklickt. Ich als absoluter Laie wäre dazu in der Lage, so etwas in HTML anzulegen. Wer sich Webentwickler nennt, sollte das hinbekommen, das ist sozusagen das kleine Ein-Mal-Eins des Webdesigns.
Das Gleiche gilt natürlich für alle anderen Bereiche. Wer HTML und CSS ihrem Zweck gemäß einsetzt, hat bereits einen Großteil der Anforderungen von Barrierefreiheit erfüllt. Aber das ist nun wirklich kein Kunststück. Wer aber seine Website heute noch mit div id=“navigation“ verschandelt, hat keine Ahnung von seinem Handwerk.
Nun kann man argumentieren, dass der Spaghetti-Code niemanden interessiert, schließlich soll es gut aussehen und funktionieren. Aber nein, es bringt massive Nachteile mit sich. Ein Programm kann hingehen und den Container „Content“ in eine lesefreundliche Variante umwandeln. Google kann den Content sauber von der Navigation oder der Fußzeile unterscheiden. Wer also nicht sauber codet, verschlechtert neben der Barrierefreiheit unter anderem seine Position bei Google.
Und natürlich der Screen Reader: Er kann erkennen, dass etwas ein Button ist und der Blinde kann gezielt alle Buttons einer Website anspringen. „Anklickbar, anklickbar, anklickbar“ hingegen ist für Blinde nicht hilfreich.
Umso schlimmer ist es, dass wir uns immer noch über solche Themen unterhalten müssen, dass wir immer noch auf nicht-gelabelte Formularelemente und ähnliche Dinge stoßen.

Barrierefreie Lösungen finden

Was ist aber mit komplexen dynamischen Anwendungen wie Kalender-Widgets oder Lightboxen.
Tatsächlich gibt es für die meisten komplexen Anwendungsfälle frei verfügbare Patterns oder Lösungen, die sich übernehmen oder zumindest nachbauen lassen. Es wäre heute also kein Problem mehr, dem Kunden barrierefreie Webseiten sozusagen unterzuschieben, ob er sie will oder nicht.
Eine barrierefreie Lösung zu recherchieren und einzubauen kostet eben so viel Zeit wie eine nicht-barrierefreie Lösung einzubauen.

Wann Kostenaufschläge gerechtfertigt sind

Natürlich gibt es noch weitere Anforderungen der Barrierefreiheit, die durchaus komplexer sind. Das Anpassen der Patterns an die eigenen Erfordernisse etwa erfordert zusätzlichen Aufwand, wenn sich der Entwickler einarbeiten muss. Doch müssen Patterns immer angepasst werden, etwa aus Design-Gründen.
Eine Ausnahme gilt auch dann, wenn externe Barrierefreiheits-Experten eingeschaltet werden. Die wollen natürlich separat bezahlt werden.
Eine weitere Ausnahme gilt dann, wenn spezifische Tests mit behinderten Menschen zusätzlich durchgeführt werden. Diese Tests sind aufwendig und teuer. Eventuell wird auch ein Honorar oder eine Aufwandsentschädigung an die Testpersonen gezahlt.
Zudem können im Rahmen der Barrierefreiheit zusätzliche Absprachen mit dem Auftraggeber notwendig sein. Es muss etwa ein Konsens darüber erreicht werden, welcher Standard erfüllt werden soll und welche zusätzlichen Anforderungen es gibt.
Über besondere Anforderungen wie Leichte Sprache oder Gebärdensprache spreche ich hier nicht. Hier sind die Kostenaufwände natürlich erheblich. Das hat aber mit der Web-Agentur nichts zu tun.
Doch für den ganz normalen Programmier-Alltag sind hohe Kostenaufschläge für Barrierefreiheit selten gerechtfertigt. Viele Diskussionen und Probleme würden sich erübrigen, wenn Web-Entwickler einfach sauberen und bestimmungsgemäßen Code schreiben würden. Analoges gilt für native Apps. Einfach die Guidelines der OS-Anbieter lesen und sich daran halten, das scheint so manchen Entwickler zu überfordern.

Künstliche Intelligenz und Barrierefreiheit

Vorneweg: Aufgrund der DSGVO habe ich die Kommentar-Funktion vorübergehend abgestellt, also nicht wundern.
In den letzten Jahren feiert die künstliche Intelligenz-Forschung ein großes Revival und wahrscheinlich ihren endgültigen Einzug in den Mainstream. Warum das auch für behinderte Menschen gut ist, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

Künstliche Intelligenz – und ich kann selbst entscheiden

Barrierefreiheit konsequent umgesetzt erhöht die Kosten oft erheblich. Wer schon einmal eine mittelgroße Website in Leichte Sprache übersetzen lassen wollte, weiß sicher, was ich meine. Von Gebärdensprache sprechen wir erst gar nicht.
Das schränkt aber auch die Wahlfreiheit behinderter Menschen ein. Wer auf Gebärdensprache angewiesen ist, muss sich mit den wenigen vorhandenen Angeboten begnügen oder einen Gebärdendolmetscher engagieren. Es ist aber ein Gebot der Demokratie und der Inklusion, auch solche Gruppen zu unterstützen.
Andererseits werden die Übersetzungsprogramme immer leistungsfähiger. Während die Qualität dieser Programme vor allem von Rechenpower und Mustererkennung abhängig war, kommt immer stärker die KI ins Spiel. Sie kann Zusammenhänge und Muster deutlich besser erkennen als rein statistisch arbeitende Algorithmen. Neuronale Netze können trainiert werden und lernen dazu. Sie werden mit der Zeit immer besser.
An anderer Stelle hatte ich schon ausgeführt, welche Möglichkeiten die KI bieten würde, um die Leistungsfähigkeit von Screenreadern zu verbessern.

Bildbeschreibungen

Es gibt bereits Tools, die automatische Bildbeschreibungen erzeugen. Solche Tools werden etwa von Facebook dazu verwendet, um Bildbeschreibungen automatisch zu ergänzen. Auch im aktuellen MS Office sollen solche Werkzeuge vorhanden sein.
Was die Tools derzeit noch ausspielen ist manchmal brauchbar und manchmal nicht. Doch werden die Algorithmen stetig besser.
Während einzelne Bilder sich noch recht gut von Menschen beschreiben lassen, wird es schwierig, wenn es um tausende von Bildern geht. Das ist zum Beispiel für Unternehmen interessant, die viele Bilder beschreiben lassen wollen, etwa im eCommerce. Oder für Bilddatenbanken. Vernünftige Bildbeschreibungen zu einem akzeptablen Preis zu erhalten ist schwierig. Ein ausreichend gut trainierter Algorithmus macht das im Handumdrehen.
Der Vorteil für Blinde und Sehbehinderte ist, dass sie Bildbeschreibungen in ganz unterschiedlicher Ausführlichkeit erhalten könnten. Für die Einen reicht „Schwarzer Turnschuh“ vollkommen aus. Andere wollen vielleicht wissen, welche Muster vorhanden sind, welcher Schwarz-Ton und so weiter.

Spracherkennung und automatische Beschreibungen

Eine Achilles-Ferse von Apple ist die im Vergleich schlechte Spracherkennung. Versucht einmal, etwas Englisches wie einen Songtitel zu diktieren. Auch in diesem Bereich könnte die KI deutliche Fortschritte bringen.
Das hieße zum Beispiel dass Audio- und Video-Inhalte deutlich schneller und günstiger in Text transkribiert werden könnten. Sogar Untertitel für Gehörlose sind denkbar, wenn sich die Erkennung von Geräuschen auch so gut entwickelt.
Ich könnte mir sogar vorstellen, dass es irgendwann automatische Audiodeskriptionen gibt. Bis dahin ist es aber sicher noch ein längerer Weg.

Automatisches Tagging von Dokumenten

Im Internet liegen Millionen nicht-barrierefreier Dokumente, vor allem PDF-Dateien. Bestehende und neue Dokumente barrierefrei zu machen, wie es etwa von der neuen EU-Richtlinie gefordert wird, ist weder personell noch finanziell machbar. Der Aufwand ist zu groß und selbst wenn es finanzierbar wäre, es gibt gar nicht genügend qualifizierte Personen für diese Aufgabe.
Eine Lösung wäre, die Dokumente automatisch barrierefrei zu machen. Musterkennung von Text-Elementen ist heute keine große Herausforderung mehr, ebenso ist die automatische Beschreibung von Bildern und Grafiken schon mit heutiger Technik machbar. Sind die Dokumente innerhalb einer Organisation nach einer bestimmten visuellen Struktur aufgebaut, könnte ein Algorithmus, der entsprechend trainiert wurde das mit einer akzeptablen Fehlertoleranz problemlos bewerkstelligen.

Mehr Kontrolle für den User notwendig

Solche Beispiele ließen sich endlos aneinander reihen. SeeingAI etwa von Microsoft kann Gegenstände oder Umgebungen erkennen und beschreiben. Die Möglichkeiten, die es in einer nicht allzu fernen Zukunft geben könnte, vermögen wir uns heute noch nicht vorzustellen.
Ein Problem besteht allerdings darin, dass diese Programme allesamt in der Hand der großen Player sind. Von Open Source in der KI habe ich bisher nicht gehört.
Das heißt, diese Tools können nur in geschlossenen Umgebungen verwendet werden. Möchte ich einen Alternativtext zu einem Bild, soll ich es erst mal bei Facebook hochladen. Für Untertitel lade ich das Video bei YouTube hoch. Mal abgesehen von Datenschutz und mangelndem Komfort schränkt das die Möglichkeit der Selbstbestimmung doch drastisch ein.
Interessant wird die KI, wenn ihre Kernfunktionen unabhängig von einer bestimmten Plattform bereit stehen. Ich möchte etwa jede beliebige Seite in Leichte Sprache übersetzen oder mir von einem beliebigen Bild einen Alternativtext erstellen lassen, ohne Copy-Paste oder Hick-Hack mit einem Datensammler. Erst dann kann die KI für uns ihre volle Wirkung entfalten.

Welchen Browser verwenden Blinde?

Es ist gar nicht so lange her, dass Blinde im Grunde nur einen Browser auf dem Desktop benutzen konnte. Die Frage hieß Jaws/Internet Explorer oder NVDA/Firefox. Heute hat sich die Situation stark verändert. Da ich mich mit Jaws seit der Version 11 nicht mehr auskenne, beziehen sich alle folgenden Aussagen nur auf NVDA.

Die neue Browser-Vielfalt

NVDA kann schon seit längerem mit anderen Browsern zusammenarbeiten: Edge funktioniert prinzipiell, ist aber nicht wirklich komfortabel. Gleiches gilt für den Internet Explorer.
Nach der Veröffentlichung von Firefox Quantum haben sich viele Blinde nach Alternativen umgesehen. Quantum macht im Zusammenspiel mit NVDA nach wie vor Probleme und eine Lösung zeichnet sich nicht ab. Gerade komplexe, aber auch einfache Seiten machen mit Firefox Quantum keinen Spaß mehr.
Dabei machen sowohl Google Chrome als auch Opera eine recht gute Figur. Beide funktionieren zumindest was das Surfen angeht recht gut. Die Interaktion mit komplexen Inhalten wie Formularen habe ich bisher nicht intensiv getestet.
Ich bin aber deshalb neugierig geworden und habe alternative Browser auf iPhone und Android ausprobiert. Und was soll ich sagen? Auf dem iPhone funktionieren Firefox, Chrome und Opera Mini sehr gut und sind teils schneller als Safari. Nicht falsch verstehen, alle Browser haben ihre Macken, etwa unbeschriftete Buttons und nervige Meldunge. Doch im großen und Ganzen funktionieren sie gut. Safari ist gerade bei komplexen Websites für meinen Geschmack zu langsam.
Auf Android habe ich nicht so intensiv getestet, aber auch hier funktionieren Firefox und Opera prinzipiell mit TalkBack.

Der meistgenutzte Browser unter Blinden dürfte der Safari auf dem iPhone oder iPad sein. Die Zahl blinder iPhone-Nutzer ist recht hoch und die meisten bevorzugen den integrierten Browser.
Auf dem Desktop dominieren Firefox und Internet Explorer. Nimmt man den Safari auf dem Mac dazuk, dürften fast 100 Prozent der blinden User erfasst sein.

Fazit: Mehrere Browser

Es ist natürlich eine gute Nachricht für uns, nicht für Entwickler. Niemand könnte heute eine Website mit allen denkbaren Kombinationen aus Betriebssystem, Screenreader und Browser mit ihren unterschiedlichen Versionen testen. Aber dafür gibts ja die Webstandards.
Für uns ist es gut, dass wir jetzt die Wahlfreiheit haben. Der Trend geht meines Erachtens dahin, dass wir uns jeweils den besten – sprich schnellsten oder am besten bedienbaren – Browser für die jeweilige Anwendung suchen. Umfangreiche Websites mit Opera, Formulare ausfüllen mit Firefox und so weiter. Ich kann die Blinden nur ermutigen, auch andere Browser intensiv zu testen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass manche Dinge in einer bestimmten technischen Kombination, also Browser X und Screenreader Y funktionieren und in anderen nicht. Das liegt ein Stück weit am unterschiedlichen Umgang mit Webtechniken. Es lohnt sich also auch deshalb, unterschiedliche Browser auszuprobieren, wenn etwas nicht funktioniert.

Lange Texte barrierefrei anbieten

Zu einem der wichtigsten Komponenten der Text-Verständlichkeit gehört die Textlänge. Sehbehinderte, Lese-Anfänger und Lese-Unerfahrene sowie Menschen mit Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen mögen keine langen Text-Wüsten.
Kurze Texte gehören im Internet- und vor allem im Smartphone-Zeitalter ohnehin zum guten Ton. Dabei ist Kürze kein Wert an sich. Es geht vielmehr darum, sich auf die jeweils relevanten Informationen zu beschränken und alles Unwichtige wegzulassen.
Nun ist es aber nicht immer machbar, einen Text zu kürzen. Wir wollen uns in diesem Beitrag ansehen, welche Alternativen es zum langen Text auf einer Webseite gibt.

Mehrere Unterseiten

Die einfachste Lösung ist, einen Text auf mehrere Unterseiten zu verteilen.
Aus Lesersicht ist das die schlechteste Lösung. Scrollen ist den meisten Menschen lieber als klicken. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aussteigt ist an der Stelle, wo er weiter klicken sollte am höchsten.
Sucht man nach einer bestimmten Information, muss man sich durch im schlimmsten Fall mehr als drei Seiten durchblättern. Das macht heute noch kaum jemand.
Blinde müssen sich bei jedem Seitenaufruf neu orientieren. Bei schlecht strukturierten Webseiten ist das schwierig.

Verlinktes Inhaltsverzeichnis

Selten benötigt man alle Informationen, die in einem langen Text enthalten sind. Die Wikipedia hat dieses Problem gelöst, indem sie dem Text ein verlinktes Inhaltsverzeichnis voranstellt. Man kann zwischen Textstelle und Inhaltsverzeichnis mittels seiteninterner Links hin und herspringen.

Das Akkordeon

Eine Variante des verlinkten Inhaltsverzeichnisses, die man immer häufiger sieht ist das Akkordeon. Dabei bekommt man alle Überschriften des Textes angezeigt. Bei einem Klick auf eine Überschrift klappt der darunterliegende Text-Abschnitt aus.
Diese Variante ist für Blinde generell nutzbar. Wichtig ist, dass die ausklappbaren Elemente für den Screenreader als anklickbar erkennbar sind. Ansonsten wundert sich der Blinde, warum er lauter Überschriften, aber keine zugehörigen Infos findet. Und natürlich sollte der jeweils ausgeklappte Text-Abschnitt für den Blinden lesbar sein. Auch für alle anderen Nutzer sollte sichtbar sein, dass etwas anklickbar ist.
Ein Streitpunkt ist, ob ein Ausschnitt ausgeklappt bleiben sollte, wenn man einen anderen Abschnitt anklickt. Ich halte das generell für sinnvoll, weil es sein kann, dass man sich mehrere Abschnitte parallel ansehen oder Informationen abgleichen möchte.

Welche Variante ist wann sinnvoll?

Das Verteilen vieler kurzer Texte auf mehrere Unterseiten ist heute nicht mehr zeitgemäß. Niemand hat ein Interesse daran, sorgfältig verstreute Informationen zusammen zu puzzeln.
Das verlinkte Inhaltsverzeichnis bietet sich an, wenn Texte gerne überflogen werden. Außerdem ist es sinnvoll, wenn sich jemand wahrscheinlich mehrere Teile des Textes anschauen wird. Auch bei stark verschachtelten Texten wie etwa bei langen Wikipedia-Artikeln erscheint das Inhaltsverzeichnis sinnvoll. Das Akkordeon ist meines Erachtens nur dann sinnvoll, wenn die einzelnen Text-Abschnitte nicht zu umfangreich sind.
Das Akkordeon-Prinzip bietet sich an, wenn ein Text nicht nach einer bestimmten Informationshierarchie aufgebaut ist. Das heißt, man muss nicht einen bestimmten Abschnitt gelesen haben, um einen bestimmten späteren Abschnitt zu verstehe. Sind bestimmte Informationen in jedem Fall notwendig, sollten sie vorangestellt und immer ohne Klick sichtbar sein.
Gerade für die ellenlangen FAQs bietet sich das Akkordeon an. Es kommt selten vor, dass man sich alle Fragen und Antworten durchlesen muss oder möchte.
Ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Leser den gesamten Text lesen wird, etwa bei Unterhaltungstexten, sollte er vollständig auf einer Seite sein. Ein verlinktes Inhaltsverzeichnis stört im Grunde niemanden, ist aber tatsächlich erst notwendig, wenn der Text überlang ist. Wenn also die Wahrscheinlichkeit, dass der Text in einem Rutsch durchgelesen wird eher gering ist. Außerdem ist ein verlinktes Inhaltsverzeichnis vor allem sinnvoll, wenn die Text-Überschriften, aus denen es generiert wird selbst erklärend sind. In Unterhaltungstexten werden eher Teaser-Überschriften eingesetzt, die nicht selbst-erklärend sind.

Lohnt sich ein Besuch auf der SightCity?

Graue Figur mit Blindenstock und SonnenbrilleSoeben bin ich von der SightCity 2018 zurückgekehrt. Ich war jetzt zum dritten Mal in sechs Jahren da. Für mich ist es hauptsächlich eine Möglichkeit der Kontaktpflege. Dennoch möchte ich hier ein kurzes Fazit ziehen.

Wenige Innovationen

Während es in anderen Branchen zyklisch neue Entwicklungen gibt, tut sich in der Hilfsmittelbranche relativ wenig. Weder beim Preis noch bei der Technik gibt es viel Neues zu entdecken. Hier ein paar Sachen, die ich entdeckt habe.
Eine wirklich coole Sache ist der Orbit Reader, dessen erste Charge jetzt in den USA verkauft wurde. Ich habe ihn kurz in der Hand gehabt, er ist leicht, die Braille-Darstellung fühlt sich gut an und die Brailletastatur ist gut nutzbar. Ich hoffe, dass er bald in Deutschland verfügbar sein wird.
Der Hersteller American Printing House entwickelt parallel ein mobiles Display, welches auch Vektorgrafiken darstellen können soll. Leider wird es vermutlich mindestens 5000 US-Dollar kosten, also für Privatpersonen unerschwinglich. Andererseits wird es immer noch deutlich günstiger sein als alles, was wir derzeit Vergleichbares haben. Schließlich kosten konventionelle Braillezeilen mit 80 darstellbaren Zeichen nach wie vor rund 10.000 €.
Ein ähnliches Konzept verfolgt das Gerät tactonom. Das Gerät kann, wenn ich es recht verstanden habe, auch Rastergrafiken darstellen. In jedem Fall kann es auch Grafiken oder Tabellen aus Excel darstellen. Leider ist es nicht mobil wie das Gerät von APH. Derzeit ist das Gerät nur ein Prototyp.
Gerne hätte ich mir auch das Canute angesehen. Dabei handelt es sich ebenfalls um ein großflächiges Braille-Display, das relativ günstig sein soll. Der Anbieter war nicht als Außsteller präsent, sondern ist über die Messe gewandert. Leider habe ich ihn nicht erwischt. Aber zumindest im Bereich Braille scheint sich nach rund 20 Jahren Stillstand etwas zu tun.

Wenig innovative Messe

Aber nicht nur die Aussteller, auch die Messe selbst ist wenig innovativ. Der Ausstellungsplatz ist eindeutig zu klein und für Blinde ungeeignet, die allein unterwegs sind. Man kommt sich ständig in die Quere, weil die Durchgänge zu schmal sind. Es gab auch einige Rollstuhlfahrer, die kaum durch die Massen durchkommen konnten.
Überhaupt wird recht wenig für Blinde getan. Wie treffe ich denn andere Blinde, die ich kenne, wenn ich nicht weiß, dass sie da sind? Erkennen kann ich sie nur per Zufall. Warum schafft die SightCity nicht eine Möglichkeit, sich digital zu vernetzen?
Ich musste zwei Mal hingucken, um zu sehen, dass das Vortragsprogramm tatsächlich aktuell war. Es hätte Copy-Paste aus 2017 sein können. Da hat der übliche Verdächtige mindestens zum 4. Mal gezeigt, die Blinde iPhones nutzen. Das ist bestimmt super-spannend für die Blinden, VoiceOver gibts ja erst seit neun Jahren. Der Rest kam mir auch fatal bekannt vor. Im Grunde will man nichts Neues, scheint mir. Ich habe mehrfach Vorschläge für Vorträge eingereicht, und man fannd sie keiner Antwort würdig. Das nennt man wohl Öffentlichkeitsarbeit.
Überhaupt scheint es keine Öffentlichkeitsarbeit zu geben. Social Media? Fehlanzeige. Ein Twitter-Account oder einen offiziellen Hash-Tag sucht man vergeblich. Die Aussteller denken sich einfach selber einen aus. Dadurch gehen die schönen Möglichkeiten der Vernetzung verloren, die das Internet bieten würde.

Innovationen finden woanders statt

Im Grunde hat sich ein großes Paralleluniversum entwickelt. Google, Microsoft und natürlich Apple sind die größten Anbieter von Computer-Hilfsmitteln, kommen aber auf der SightCity nicht vor. Die Hersteller von Apps wie Blindsquare, SeeingAI und so weiter kommen auf der SightCity nicht vor. Dabei werden Tablets und Smartphones heute von vielen Menschen stärker genutzt als Personalcomputer.
Daneben hat sich die Maker-Szene mit 3D-Druck und ähnlichen Techniken etabliert. Auch hier passiert unheimlich viel, etwa in den Blindenschulen aber auch außerhalb. Auch das kommt auf der SightCity nicht vor.
NVDA, sicherlich der bedeutenste PC-Screenreader neben Jaws in Deutschland, ihr habts erraten, kommt auf der SightCity nicht vor. Könnte es sein, dass die Organisatoren im Tiefschlaf liegen?

SightCity lohnt sich nicht

Als Fazit muss ich sagen, dass sich die SightCity nicht wirklich lohnt. Zumindest nicht jedes Jahr. Die Messe muss wesentlich moderner, blindengerechter und auch mutiger werden, was das Rahmenprogramm angeht.

Fahrradfahrer und Blinde – eine fast unendliche Liebesgeschichte

Ein Fahrradfahrer steht auf dem HinterradAngeblich soll es ja einen epischen Kampf zwischen Blinden und Fahrradfahrern geben, so ähnlich wie zwischen Highlander und dem anderen Highlander. In Wirklichkeit sind Blinde und Fahrradfahrer die besten Buddies. Deswegen möchte ich hier mit einigen Mythen bei den Fahrradfahrern aufräumen, bevor wir anfangen, uns gegenseitig die Köpfe abzuschlagen.

Der Bürgersteig gehört den Fahrradfahrern

Fahrradfahrer wundern sich oft, warum so viele Leute auf ihrem Fahrradweg, volksmündlich als Bürgersteig bezeichnet, herumlaufen. Als tolerante Menschen klingeln sie einfach so lange, bis diese Unbefugten vor Schreck umfallen. Weil Blinde bekanntermaßen nicht sehen, klingelt man einfach besonders laut und oft, damit sie das noch besser hören.
Da der Bürgersteig den Fahrradfahrern gehört, ist es nur natürlich, dass sie ihr Fahrrad dort abstellen. Es sollte so stehen, dass niemand, der breiter ist als 10 Zentimeter daran vorbeikommt, ohne auf die Straße zu gehen. Damit wird das Fahrrad besser belüftet. Wen stört es, wenn Rollstuhlfahrer nicht vorbei können, Blinde am Lenker hängenbleiben, über das Vorderrad stolpern oder Kinderwagen auf die Straße ausweichen müssen. Das trainiert doch die Gelenke.

Eine Haaresbreite Abstand reicht

Blinde lieben es, wenn Fahrradfahrer auf lautlosen Rädern einen Zentimeter an ihrer Schulter vorbei rasen. Aber warum gehen diese doofen Blinden nicht straight gerade aus, sondern weichen ab und zu nach links oder rechts ab? Haben die keine Augen im Hinterkopf oder zumindest Blinker am Allerwertesten, damit man sieht, welche Richtung sie als Nächstes einschlagen wollen?
Genauso super finden es Blinde, wenn man eine Handbreit an der Spitze ihres Blindenstocks vorbeifährt. Auch Blinden-Führhunde wissen das zu schätzen. Der Schreck bringt Herrchen und Hündchen den heiß begehrten Adrenalinstoß. Wer braucht da noch Kaffee?
Niemand kann von Fahrradfahrern erwarten, dass sie langsamer fahren, ausweichen, stehen bleiben oder gar kommunizieren.

  1. Sind Fahrradfahrer stumm und wir wissen ja, wie schwierig es ist, Gebärdendolmetscher zu bekommen, vor allem welche, die auf dem Gepäckträger Platz nehmen wollen.
  2. Haben es Fahrradfahrer immer eilig. Nicht auszudenken, was passiert, wenn man die ersten 60 Sekunden von den Simpsons verpasst.

Fazit: Blinde lieben Fahrradfahrer

Ja, ich bekenne es öffentlich: wir lieben Fahrradfahrer. Sie sorgen für den Adrenalinkick am Morgen, halten unsere Reflexe frisch und sorgen dafür, das unser Gehör nicht verkümmert.
War dieser Beitrag eigentlich ironisch gemeint? Vielleicht.