Parallele Gesellschaften

Jeder von uns hat eine persönliche Erlebniswelt und ist zugleich von anderen Welten des Erlebens ausgeschlossen.

Eine Welt kann dabei so definiert werden, dass sie kulturell anders ist. Das heißt nicht unbedingt „ausländisch“, sondern vor allem, dass sie in ihren spezifischen Ausdrucksweisen anders ist.

Jemand, der keine Ahnung von Kunst hat, fühlt sich von dem Verhalten des Kunstverständigen abgestoßen. Diese Leute pflegen ein bestimmtes Verhalten, bewegen sich in bestimmten Kreisen und sprechen in einer Art Geheimsprache.

Man kann leicht den Eindruck gewinnen, es herrsche eine Art Verschwörung vor, dazu angetan, dich aus diesem illustren Kreis herauszuhalten. Und so ist es auch.

Der Kenner erkennt den Unkenner an dessen verständnislosen Blick, an seiner Unfhäigkeit, die Verhaltensvodes und Sprachstile nachzuahmen.

Das ist kein Spezifikum der Kunst, sondern in vielen anderen Peer Groups verbreitet: den verschiedenen Wissenschaften, diversen Sportarten, aber – und darauf wollen wir hier heraus – in der Schicht der Besser Betuchten.

Was Michael Hartmann als klassenspezifischen Habitus bezeichnet hat, der Gehobene oder der sich dafür hält, spült es aus jeder Hautpore hervor. Er hält sich für etwas Besseres.

Eine, zwei, viele Persönlichkeiten

oder das Geheimnis der eigenen Identität

Viele Leute sagen, sie seien auf der Suche nach sich selbst. Da steckt mehr dahinter, als man zunächst glauben mag. Gehen wir Konstruktivismus aus, den ich hier gerne porpagiere, dann können wir nichts so wahrnehmen, wie es „tatsächlich“ ist. Denn es gibt nichts außerhalb unserer eigenen Wahrnehmung, was wir als Maßstab nehmen können und nichts als die Sprache unserer Gedanken, um unsere Eindrücke zu beschreiben.

Wenn wir aber nichts objektiv wahrnehmen können, so trifft dies umso mehr für die Selbstwahrnehmung zu. Wir haben mindestens zwei, wenn nicht drei Persönlichkeiten in uns.

1. Die Person, die wir wirklich sind

2. Die Person, von der wir glauben, wir seien so

3. Die Person, die wir gerne wären und die wir anderen vormachen wollen.

Es gibt – oh Überraschung – auch noch eine vierte Person. Diese Person steckt nicht in uns, sondern in den Anderen: Unser Bild in den Anderen, denn auch sie nehmen uns nicht nur anders wahr, als wir das wollen, als wir wirklich sind oder wie wir gerne sein würden. Sie nehmen uns wahr durch irh spezifisches Raster.

Wenn ich dich nicht sehen kann

kannst du mich doch auch nicht sehen?

 

Oder auch nicht. Wenn man ein optische sichtbares Handikap hat, was über das Alltägliche hinausgeht, etwa ein höheres Alter, dass einen an einen Gehwagen oder ähnliches bindet, steht man unter ständiger Beobachtung.

Angeblich gewähnt man sich ja daran, dass man im Big Brother-Container ständig beobachtet wird und vergisst die Kameras sehr schnell.

Auch der Blinde denkt nicht ständig daran, doch ab und an wird er sich dessen bewusst. Da rufen etwa besorgte Eltern die eigenen Eltern oder die Schulleitung oder weiß Gott wen an, um die offensichtliche Hilflosigkeit des Blinden kund zu tun. Allerdings sieht ein Blinder fast immer hilflos aus. Der Stock macht ihn in den Augen der Anderen hilflos und whrlos.

Schließlich steht auch in seinem Ausweis, er sei auf ständige Begleitung angeewiesen und „Hilflos“, womit e den Status eines Kleinkinds oder eines geistig Unzurechnungsfähigen hat.

Mimik, Gestik und das Geheimnis des Sich-Verstehens

Ein kurzer Blickkontakt, ein verständiges Nicken, ein kurzes Lächeln und schon hat man einen neuen Kontakt gefunden.  Das ganze Geheimnis des Sich-Verstehens besteht darin, die Mimik, die Körperhaltung und die Gesik des Anderen zu verstehen.

Blinde können das in der Regel nicht. Es gibt da bestimmte Ausnahmen, auf die ich an anderer Stelle evtl. noch mal eingehe. Das Problem von Blinden besteht natürlich darin, dass sie die Körpersprache nicht sehen können. Die Stmme ist ein brauchbarer, aber kein vollständiger Ersatz.

Das ist einer der Gründe, warum Blinde lieber unter sich bleiben. Hier spielen körpersprachilche Signale keine Rolle. Man kommuniziert immer auf der gleichen Ebene.

Hier liegt wiederum eine Schwierigkeit vieler Sehender. Implizit erwarten sie nämlich, dass man auf ihre Körpersprache eingeht. Wenn zwei Menschen miteinander reden, führen sie eine Art komplexen Tanz auf, der häufig darin besteht, dass sie ihre Bewegungen gegenseitig spiegeln. Das passiert volkommen unbewusst. Wenn es aber aus irgend einem Grund nicht passiert, merkt der andere Gesprächspartner dies unbewusst und spürt, dass ihm sein Gegenüber irgendwie unsympathisch wird, one dass er genau sagen kann, woran er das festmachen soll.

Blinde können auch das natürlich nicht.

Ying und Yang – oder wie eines zum anderen führt

Der Buddhismus hat in seiner lahmsten und weichgespültesten Form ein „Anything goes“ als Motto. Jeder kann sich als Buddhist bezeichnen, ohne auch nur ein Stückchen seines Lebens zu verändern.

Der Dalai Lama ist der elquenteste bekannte Vertreter des Buddhismus inDeutschland. Die tibetische Schule, die er vertrit, ist bei seinen Fans weitgehend unbekannt, er verrät auch in seinen zahlreichen populären büchern nichts darüber.

Der Buddhismus hat aber einige Grundaussagen, die für sich sprechen können und auch mit dem rationalen Verstand erfassbar sind. Ich glaube noch immer fest daran, dass es gut ist, auch kleine Gesten der Höflichkeit und Nettigkeit zu erweisen. Andern die Türe aufhalten, Platz für einen Kinderwagen machen, andere Leute im Supermarkt vorzulassen. Das kostet meistens nichts, andererseits erwarten wir oft von anderen, dass sie uns einen solchen Dienst erweisen, ohne das wir das für sie tun würden.

Und darin steckt die ganze Wahrheit buddhistischen Denkens, ohne dass wir uns deswegen als Buddhisten bezeichnen sollten oder könnten. Man ist immer ein Spiegel des Anderen.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Aber den Spaß muss man sich doch gönnen, den Humor von Gesellschaftsschichten auseinander zu nehmen.

Blinde und Sehbehinderte lachen oft über Zwischenfälle, die mit ihrem Manko zu tun  haben. Zum blinden-Smalltalk gehören Schilderungen gradioser Unfälle, kuriose Zusammenstöße oder dümmliches Verhalten von Sehenden, a never ending story. Es sei uns gegönnt, wir lachen mehr über uns selbst als über andere.

Männer blödeln herum. Sie lachen über geballten Unsinn, den sie gemeinsam aneinander reihen.
Männer haben oft einen Humor, der makaber oder öbszön auf Ausstehende wirken würde, aer auch nur ein Weg ist – meistens – um mit den Grausamkeiten des Alltags fertig zu werden. Diesen Humor muss deshalb in Anwesenheit von Frauen oder Fremden zügeln, was nicht immer gelingt.

Worüber Frauen lachen, wissen wir leider nicht. Der weibliche Humor ist ein Geheimnis, dass Männer wohl nie ergründen werden.

De Selbstironie ist ein Kunst, der fast nur von Briten gut beherrscht wird. In Deutschland darf man nur über Nicht-Deutsche lachen, weder über sich selbst – das ist Schwäche – oder über andere Deutsche – unkolegial – es sei denn, sie sind gerade nicht anwesend.

Auch der Humor der Deutschen ist ein Geheimnis für sich, je höher man steigt, desto merkwürdiger wird er. Irgendwann darf man nur noch über Woody Allen oder merkwürdige Dialekte lachen.

Multi-Welten

Wer meine Blog-Tätigkeit eifrig verfolgt hat wird wissen, dass ich ein Anhänger der Mulitweltenthese bin. In dieser These geht es darum, dass unser Geirn für die Erstellung der Wirklichkeit verantwortlich ist und wir uns infolge dessen in unserer Wahrnehmung fundamental unterscheiden. Die Tätselfrae ist, warum trotz divergierender Wahrnehmung uns verständigen können. Es muss irgend wie parallele Bahnen der Wahrnehmung geben.

Es ist aber kein Geheimnis, dass Kommunikation scheitern kann und permanent scheitert. Paul Watzlawick RIP hat das sehr schön deutlich gemacht. Sie scheitert zwischen den Geschlechtern, den Generationen, den Kulturen, zwischen Gesellschaftsschichten und selbst unter Gleichaltrigen, Gleicberufenen. Dieses Scheitern bietet unendlichen Stoff für Literatur und Film.

Deshalb müssen wir lernen, auf den Anderen zuzugehen, denn er ist in der Regel ebenso unsicher wie wir. Manchmal möcte er auch einfach nicht – aber es lont sich immer, es zu versuchen.

gibt schlimmeres

An dieser Stelle möchte ich zwei Zitate von zwei verschiedenen namenlosen Menschen bringen, die wiederum von dem amerikanischen Soziologen Erving goffman nieder geschrieben wurden. Ich werde das hier nicht weiter kommentieren, den Goffmantext findet man in seinem Standardwerk „Stigma“ erschienen im Suhrkamp-Verlag.

Gesunder Geist wie auch gesunder Körper können beide verkrüppelt sein. Die Tatsache, daß „normale“ Menschen herumkommen, sehen, hören können, bedeutet nicht, daß sie wirklich sehen oder hören. Sie können gegenüber den Dingen, die ihr Glück verderben, ganz blind sein, gegenüber dem dringenden Verlangen anderer nach Freundlichkeit vollkommen taub; wenn ich an sie denke, fühle ich mich um nichts mehr verkrüppelt oder invalide als sie. Vielleicht kann ich auf irgendeine kleine Art und Weise das Mittel sein, das ihnen die Augen für die Schönheiten rings um uns öffnet; Dinge wie ein warmer Händedruck, eine Stimme, die es zu ubeln drängt, ein Frühlingshacuh, Musik zum Lauschen, ein freundliches Nicken. Diese Menschen sind wichtig für mich und ich fühle gerne, daß ich ihnen helfen kann.

In diesem Licht können wir zum Beispiel wahrnehmen, daß einige Unzulänglichkeiten wie die Unfähigkeit, menschliche Liebe zu akzeptieren, was effektiv das Lebensglück fast zum Verschwinden vermindern kann, eine fast schlimmere Tragödie ist als Blindheit. Aber es ist ungewöhnlich für den Menschen, der unter einer solchen Krankheit leidet, auch nur zu wissen, daß er sie hat und daher vermag er nicht einmal Mitleid mit sich selbst zu empfinden.

Die etwas andere Wahrnehmung

Ich betone immer wieder, dass die Art der Wahrnehmung sich nicht nur von Kultur zu Kultur oder zwischen den Geschlechtern unterscheidet, sondern das jeder einzelne Mensch eine andere Art der Wahrnehmung hat. Der in Ehren ergraute große Herr der deutschen Gegenwartsliteratur Siegfried Lenz drückte dies besonders schön in einem Interview aus:

Entweder man ist Schriftsteller – oder man ist es nicht. Wenn man einer ist, schreibt man unaufhörlich. Selbst dann, wenn man nicht den Kugelschreiber in der Hand hat. Allein die Qualität der Wahrnehmung ist anders. Wir Schriftsteller sind unendlich viel mehr der passiven Wahrnehmung ausgesetzt. …[Zwischenfrage]… Nein, so ökonomisiert habe ich mein Dasein noch nicht, dass ich alles daraufhin abmustere, welche mögliche Eignung es haben könnte für das, was ich am Schreibtisch tue. Aber man hat eine Art der konservierenden Beteiligung. Anderes recherchiert man bewusst.(Interview in Die Zeit)

Im Grunde ist es exakt das, was ich mit dem anderen Sehen meine. Blinde verfügen oft – nicht alle und nicht immer – über eine Empathie und eine Beobachtungsgabe, die über die Fähigkeiten der Sehenden hinausgeht. Das müssen sie auch, denn anders ist ein Zusammenleben mit Sehenden nicht möglich. Wir können nicht auf die Mimik schauen, um die Laune der Anderen zu erkennen.

Manchmal kommt man sich aber auch wie ein Autist vor, jemand, der die Gefühle der Anderen nicht lesen oder verstehen kann.

Hilfstechnik

Eine sehr kleine Einführung.

Die wichigste Software für den Blinden ist die Sprachausgabe. Sie basiert in der Regel auf Phonemen, das heisst auf Lauten, die synthetisch oder durch natürliche Sprecher aufgezeichnet worden und dann in Echtzeit aneinadergereiht werden. Das klingt dann so ähnlich wie menschliche Sprache, wobei der Unterschied noch immer eklatant ist. Es klingt ein wenig nach Roboter, wobei sich schon einiges getan hat. Die Software kann mittlerweile richtig betonen, wenn sie sich an Satzzeichen orientiert. Es treten aber manchmal kuriose Aussprachefehler auf, wo man sich fragt, was dieses Wort eigentlich bedeuten soll. ViaVoice sagt z. B. gerne Kanzenungleichheit. Und meint Chancenungleichheit. Das Wort Chance kann es aber korrekt – sprich französisch Schonze aussprechen.

Die Sprachausgabe erhält ihre Informationen über den Screenreader, dieser ist also die Schnittstelle zwischen Computersoftware und Sprachausgabe. Der Screenreader liest die Fenster-Informationen aus. Er kann aber praktisch nur Text und bezeichnete Graphiken erkennen. Bilder analysieren kann er nicht, erst recht keine Videos oder Animationen.

Der Screenreader dint auch als Schnittstelle zur Braillezeile. Die Braillezeile ist die Ausgabe für die Braille- oder Punktschrift.
Daneben gibt es diverse Zoomsoftware, die Ausschnitte eines Bildschirms vergößern kann.
Diese Software kann man übrigens kostenlos testen. Die bekanntesten Produkte sind Jaws und Zoomtext, jeweils in Demos erhältlich. Jaws ist zumindest für Sehende kaum zu bedienen, diese Software gehört zu den wenigen Programmen überhaupt, die von Blinden logischerweise besser bedient werden können, da sie vollständig tastaturgesteuert ist.
Bleibt noch zu sagen, dass Soft- und Hardware extrem teuer sind.

Ich bin behindert – Ihr enthindert mich