Verkehrswende barrierefrei – was Behinderung und Klimaschutz gemeinsam haben

Der Klimaschutz wird zurecht in vielen Medien diskutiert. Eines der wichtigsten Anliegen dabei ist eine Verkehrswende. Seltsamerweise höre ich da kaum Stimmen von behinderten Menschen oder ihren Verbänden, Auf den Veranstaltungen zu diesem Thema kommen die Anliegen behinderter und älterer Menschen im Grunde nicht vor. es ist Zeit, das zu ändern.
Kleines Update: Ich wurde gefragt, ob dieser Beitrag etwas mit dem Verkehrsunfall in Berlin zu tun hat, an dem ein SUV beteiligt war. Dem ist nicht so, ich hatte den Beitrag in der Schublade und ihn zufällig an diesem Wochenende fertig geschrieben. Von dem Unfall habe ich nur am Rande gehört. Leider ist es so, dass viele moderne Autos eher sportlich gestaltet sind, das scheint ein Synonym für unbequem zu sein. Für viele ältere Leute ist es schwierig, in konventionelle Autos einzusteigen, übrigens auch in die nicht bordstein-gleichen Busse. Wie ich an anderer Stelle schrieb hat die Regierung nicht nur den Klimawandel, sondern auch den demografischen Wandel verschlafen. Vielmehr scheint sie paralysiert zu sein und nicht in der Lage, auf die Probleme unserer Zeit adequate Antworten zu finden. Mein Beitrag richtet sich nicht gegen SUVs oder bestimmte Autos, sondern gegen den motorisierten Individualverkehr als solchen.

Der tägliche Verkehrsinfarkt

Niemand ist mit der heutigen Verkehrssituation in der Großstadt zufrieden: Pendler stehen im Stau, die Öffis sind die meiste Zeit überfüllt, verspätet und unzuverlässig, Fahrradfahrer leben gefährlich und die Fußgänger werden so behandelt, als ob sie nicht existieren.
Auf dem Land finden wir das Gegenteil: Es gibt teilweise keine Verkehrsversorgung, so dass die Menschen von der Großstadt ohne eigenen fahrbaren Untersatz praktisch ausgeschlossen sind. Das gilt natürlich auch für Behinderte, die nicht in der Stadt leben wollen oder können. Motorisch Behinderte sind viel stärker von der Wohnungsknappheit betroffen, weil sie barrierefreie Wohnungen und Zugänge brauchen. Diese Wohnungen sind vor allem in den Ballungszentren praktisch nicht mehr zu bekommen. Behinderte sind deshalb oft gezwungen, in die Peripherie der Städte oder aufs Land mit der schlechten Infrastruktur zu ziehen.

Keine Verkehrswende ohne uns

Das Problem der Verkehrswende lässt sich klar in einem Satz zusammenfassen: Die Politik traut sich nicht an einen großen Wurf heran, der aber notwendig wäre. Stattdessen doktert sie an einzelnen Symptomen herum, die das Problem aber eher verschärfen. Jüngstes Beispiel dafür sind die Elektro-Scooter. Ein paar Radwege, Elektro-Ladestationen und Elektro-Autos lösen aber exakt kein einziges Problem, sie werden selber zu einem Problem. Als Super-Lösung erscheint das Fahrrad.
Nun bin ich durchaus ein Freund der Fahrradisierung der Innenstadt. Aber nicht unter heutigen Bedingungen. In Bonn gibt es jetzt schon viele Bürgersteige, die wegen abgestellter Fahrräder, anderer Fahrzeuge und dem ganzen anderen Zeug für Behinderte unbenutzbar sind. Das gilt für Blinde mit ihrem Blindenstock, für Rollstuhlfahrer, für Rollator-Nutzer, für Personen mit Kinderwagen und so weiter. Auf die Straße auszuweichen ist teils nicht machbar und teils gefährlich. Wir können uns lebhaft vorstellen, was passiert, wenn auf den Bürgersteigen noch mehr Fahrzeuge, Ladestationen und so weiter dazu kommen.
Hinzu kommt, dass auch die Fahrradfahrer selbst eine Bedrohung sind. Ich stelle jeden Tag fest, dass auf Personen mit einem Blindenstock gar keine Rücksicht genommen wird. Warum muss man trotz ausreichend breiter Wege 10 Zentimeter an mir vorbei rasen, obwohl man den Stock genau gesehen hat? Ich kann nicht anders als das als asoziales Verhalten zu bewerten.
Die Fahrradfahrer fordern mehr Rücksichtnahme von Autofahrern. Gegenüber Fußgängern verhalten sie sich aber wie Rambos auf zwei Rädern. Ich habe tatsächlich nichts dagegen, wenn sie auf den Bürgersteigen unterwegs sind, aber mir leuchtet nicht ein, warum sie das nicht in einem vernünftigen Tempo tun. Wenn alle künftigen Radfahrer sich so verhalten, dann verzichte ich lieber auf die Verkehrswende. Nicht die Fahrradfahrer, sondern die Fußgänger und andere Nutzer des Bürgersteigs sind die am meisten gefährdete und behinderte Gruppe im Straßenverkehr.

Was zu tun ist

Man muss kein Verkehrs-Experte sein, um das Notwendige auszusprechen. Offenbar fällt es aber doch dem Laien, also mir, zu. Das Problem ist, dass wir den großen Wurf brauchen, denn das Rumgefrickel der letzten 40 Jahre hat die Probleme nur verschärft. Es müssen mehrere Maßnahmen parallel durchgeführt werden:

  • Der private Autoverkehr muss weitgehend aus der Innenstadt verschwinden. Das Car-Sharing muss konsequent gefördert werden, denn die meisten privaten autos stehen die meiste Zeit ihrer Existenz ungenutzt herum und tun nichts, als Platz weg zu nehmen.
  • Die Auto-Parkplätze insbesondere in den Innenstädten müssen reduziert und zu Abstellplätzen für Fahrräder und andere Kleinfahrzeuge umgestaltet werden. Am besten überdacht und mit einem passablen Diebstahlschutz.
  • Der ÖPNV muss massiv ausgebaut, billiger, zuverlässig und barrierefrei werden.
  • Das Tempo in der Innenstadt muss heruntergefahren werden: Tempo 30 ist vollkommen ausreichend. Parallel sollen Fahrräder und andere Klein-Fahrzeuge dazu berechtigt sein, die Straßen zu nutzen und zwar gleichberechtigt mit den verbleibenden Groß-Fahrzeugen. Den Groß-Fahrzeugen müssen sämtliche Vorrechte entzogen werden, die sie aktuell auf der Straße genießen. Es müssen keine neuen Radwege gebaut werden, für die in der Innenstadt ohnehin kein Platz wäre.
  • Die Bürgersteige sollen den Fußgängern, Rollstuhlfahrern, Rollator-Nutzern und anderen langsamen Personen vorbehalten bleiben, Maximal-Tempo 6 km/h. So können auch ältere Menschen, die elektro-Kleinfahrzeuge verwenden wollen, sich aber nicht auf die Straße trauen mobil bleiben. Die Kommunen müssen dafür sorgen, dass ausreichend komfortabel nutzbare Flächen freibleiben. Slalom-Laufen ist keine Lösung. In jedem Fall muss so viel Platz sein, dass zwei Personen aneinander vorbeigehen können, ohne dem Anderen auf die Pelle zu rücken.
  • Es braucht flexible und günstige Lösungen, auch für Behinderte, um Zentrum und Peripherie besser miteinander zu verknüpfen. Eine Möglichkeit sind barrierefreie Anruf-Sammeltaxis oder barrierefreies Car-Sharing.
  • Die Fußgänger und andere langsame Nutzer des Bürgersteiges sollen als gleichberechtigte Partei neben Klein- und Großfahrzeugen wahrgenommen und behandelt werden.

Es versteht sich von selbst, dass man für besonders herausgeforderte Personen wie Familien mit kleinen Kindern, Gehbehinderte, chronisch Kranke und so weiter besondere Lösungen braucht. Für den gesunden Durchschnitts-Bürger hingegen muss das Privat-Auto möglichst unattraktiv und der ÖPNV im gleichen Zuge möglichst attraktiv werden.
Heute ist genau das Gegenteil der Fall: Wer nicht muss, nutzt den ÖPNV nicht. Die Deutsche Bahn hat ihre Zuverlässigkeit in den letzten Jahren offenbar systematisch verschlechtert. Wir haben wie in vielen Bereichen seit Jahrzehnten Stillstand.
Weiterhin wird bei der Verkehrswende der zweite Schritt vor dem ersten gemacht: Der erste Schritt wäre, die Mobilitätsanlässe drastisch zu reduzieren. Zu den möglichen Maßnahmen gehören der Ausbau des Internet-Zugangs auch in der Peripherie, ein funktionierendes eGovernment, eine großzügige Home-Office-Regelung und der konsequente Einsatz von Fern-Kommunikation, um unnötige Dienstreisen zu verringern. Auch das sind Maßnahmen, von den viele behinderte Menschen profitieren könnten.

Fazit

Die Verkehrswende ist nur ein Aspekt, der uns beim Klimawandel betrifft. Vieles spricht dafür, dass uns Behinderte der Klimawandel besonders treffen wird. Fast alle Behinderten leben in Entwicklungsländern. Sie sind nicht mobil und den Folgen von Dürre und Überschwemmungen praktisch schutzlos ausgeliefert. Doch auch hierzulande sind viele Betroffen. Das Thema Strohhalme mag uns banal erscheinen, für die Betroffenen ist es durchaus relevant.
Umso wichtiger ist es, dass sich mehr Behinderte bei den Diskussionen um den notwendigen Wandel einbringen.
Ich finde es bedauerlich, dass einige Beteiligte versuchen, einen Generationen-Konflikt aufzumachen. Wenn eine Verkehrswende vernünftig gestaltet wird, können alle profitieren: Die Kinder und die Jugend, die Mittel-Alten und die Senioren. Denn im Grunde, das schrieb ich oben, ist niemand mit der heutigen Situation in den Städten zufrieden, selbst die Autofahrer wünschen sich heimlich, dass es weniger Autoverkehr und weniger aggressives Verhalten auf den Straßen gäbe.

Zum Weiterlesen

Barfuß-Schuhe – Vorteile für Blinde

Heute gibt es einen gänzlich untechnischen und uniklusiven Beitrag: Es geht um das Thema Barfuß-Schuhe und Blindheit. Für Sehende dürfte dieser Beitrag weniger interessant sein.

Was sind Barfuß-Schuhe

Barfußschuhe sollte man korrekter als Minimal-Schuhe bezeichnen. Sie haben eine sehr dünne Schuh-Sohle und auch der Rest ist sehr minimalistisch gestaltet. Sie sind sehr leicht, leichter als Sandalen oder als viele Hausschuhe.
Blinde Personen können von dem Trend zum Barfuß-Gehen profitieren. Das Gehen mit nackten Füßen ist für Blinde eher schwierig. Sie können weniger gut Pfützen, Scherben, Dreck und anderen Problemen ausweichen. Deswegen ist das Gehen mit Barfuß-Schuhen oder Minimal-Schuhen für uns sinnvoller. Gerade beim Laufen auf Wiesen besteht das Risiko, sich Zecken einzufangen oder mit anderen teils gefährlichen Insekten in Kontakt zu kommen, deshalb bin ich kein Freund des reinen Barfuß-Gehens.
Vorneweg sei vor all zu hohen Erwartungen gewanrt: Barfuß-Gehen gilt als das neue Allheilmittel. Weil Barfuß-Gehen zu unserer Natur gehört, soll es auch gut sein. Das ist in aller Regel Unsinn. Im Gegenteil: Ein zu schneller oder unsachgemäßer Umstieg kann schwere Schäden verursachen und dann ist die Kur schlimmer als das Problem, welches damit gelöst werden sollte, aber vielleicht gar nicht existiert oder andere Ursachen hat. Bei einer Vorschädigung des Haltungs-Apparats sollte unbedingt ein Arzt konsultiert werden, bevor man die Schuhe zuhause lässt.
Das Barfuß-Gehen die natürlichste Fortbewegungsart ist, mag stimmen. Doch auch wenn der Mensch zu hoher Bequemlichkeit neigt, haben viele Erfindungen ihren tieferen Sinn. Unsere Vorfahren sind überwiegend auf weichen Gründen gelaufen, wir laufen fast immer auf harten Böden, so dass wir beim Barfuß-Laufen abfedern müssen. Die tausendfachen Stöße beim Gehen auf harten Böden können insbesondere den Füßen, den Gelenken, Knien und dem Rücken schaden.

Die Vorteile für Blinde

Blinde rutschen häufig von Bürgersteigkanten ab, wobei der Fuß umknicken kann. Verstauchungen und Verletzungen sind bei Blinden relativ häufig. In konventionellen Schuhen bleibt der Fuß unbeweglich, die Sohle ist steif und häufig hat sie kein gutes Profil, wodurch der Fuß weniger in der Lage ist, ungerade Ebenen auszugleichen. Tritt man zuerst mit der Verse auf, erhöht sich das risiko, dass man Höhenunterschiede schlechter erkennt und ausgleichen kann.
Ist der Fuß nackt bzw. steckt in einem Schuh mit flexibler Sohle, tritt man anders auf. Höhenunterschiede können früher erkannt und frühzeitig ausgeglichen werden. Der Fuß kann außerdem durch seitliche Drehungen mit leichten Höhenunterschieden besser umgehen, weil er beweglicher ist.
Durch die dünnere Sohle von Minimalschuhen haben wir ein stärkeres Gespür für die Boden-Beschaffenheit. Gerade in der freien Natur empfinden es viele Menschen als angenehm, durch Gras, Sand oder Kies zu laufen. Da Blinden die visuelle Dimension fehlt, kommt für sie durch das Nutzen von Minimalschuhen eine neue Wahrnehmungs-Dimension dazu. Dieses neue Feeling kann sehr angenehm sein.

Anderes Gehen

Zu beachten ist, dass das Gehen in Barfuß-Schuhen sowie barfuß anders ist als das Gehen in konventionellen Schuen. Im Allgemeinen ist die Schrittlänge kürzer, das Auftreten weicher und der Gang langsamer. Das liegt daran, dass die Füße die Aufgabe der Dämpfung übernehmen müssen.
Wichtig ist, weich aufzutreten und abzurollen. Treten wir auf wie bei normal gepolsterten Schuhen, würden wir die Fußgelenke, die Knie, die Wirbelsäule und den Rest des Körpers bei jedem Schritt einem starken Stoß aussetzen. Auf Dauer würde das enormen Schaden anrichten. Deswegen sollte auch jeder mit einer Vorschädigung im Haltungsbereich zumindest einen Facharzt befragen, bevor er umsteigt. Die populäre Behauptung, man solle auf dem Vorfuß statt auf der Ferse auftreten, scheint falsch zu sein.

Bessere Orientierung und reichere Sinnes-Wahrnehmung

Barfuß-Schuhe können zu einer besseren Orientierung beitragen. Zwar sind die Böden in der Stadt im Wesentlichen gleich und weisen wenige spezifische Merkmale auf. Doch sind sie durchaus vorhanden: Es gibt Böden mit Rillen, mit unterschiedlichen Formen von Pflastersteinen, es gibt Gullis minimale Unebenheiten und noch einiges mehr. Das kann einem gerade bei Wegen, die man häufig läuft bei der Nah-Orientierung helfen. Man kann diese Eigenheiten mit Barfuß-Schuhen deutlich leichter erspüren als mit unflexiblen Schuhen.
Ein schöner Nebeneffekt ist, dass die Sinnes-Wahrnehmung bereichert wird. Jeder Blinde setzt seine Hände konsequent ein. Doch die Füße können ähnlich interessante Sinnes-Eindrücke vermitteln, das Potential ist groß, wird aber durch Schuhe und Socken verkümmert.

Nachteile für Blinde

Die Vor- und Nachteile von Barfuß-Schuhen im Allgemeinen sind viel diskutiert worden. Deshalb möchte ich hier nur auf die Nachteile für Blinde eingehen.
Die Schuhe sind vergleichsweise niedrig. Dadurch wirkt es sich stärker aus, wenn man etwa durch Pfüttzen läuft. Das Wasser schwappt bei tieferen Pfützen über den Rand des Schuhes, außerdem können die Hosenbeine schneller verschmutzt werden. Als ich eines Morgens über eine Wiese lief, hatte ich relativ viel Dreck an den Hosenbeinen eingesammelt, ohne es zu merken.
Da die Polsterung fehlt, können Sachen, die einem auf den Fuß fallen oder gegen die man tritt wesentlich mehr Schmerzen verursachen bzw. das Verletzungsrisiko erhöht sich. Man sollte in jedem Fall Schuhe verwenden, bei denen der Zehenbereich zusätzlich geschützt ist.

Fazit

Barfußschuhe gibt es in allen möglichen Varianten und Sohlen-Stärken. Am besten lässt sich im Fachgeschäft beurteilen, welches Modell zum eigenen Laufstil passt. Man sollte zunächst ein einziges Paar der avisierten Marke kaufen. Denn erst draußen stellt sich heraus, ob es sich in den neuen Schuhen gut läuft.
Am Ende muss jeder selbst entscheiden, was für ihn am beste funktioniert. Am Anfang sollte man es auf jeden Fall nicht übertreiben. Es dauert einige Monate, bis sich Muskeln, Sehnen und Faszien angepasst haben. Das heißt, am Anfang sollte man eher kurze Strecken damit gehen.
Ich habe mit günstigen Surfschuhen angefangen, um erst mal auszuprobieren, wie gut es funktioniert. Erst später bin ich auf bessere Schuhe umgestiegen.

Warum wir konstruktiver mit Behinderung umgehen müssen

Heute muss ich euch ein Geständnis machen – ich lese relativ wenige Beiträge zum Thema Behinderung – sei es Media classic oder Social Media. Das hat viele Gründe, unter anderem kommt da nichts mehr wahnsinnig Neues, wenn man schon fast zehn Jahre dabei ist. Ein anderer Grund ist aber, dass mich die Berichte auf Dauer frustrieren. Ich plädiere deshalb für einen konstruktiveren Umgang mit dem Thema Behinderung in den klassischen und sozialen Medien. Konstruktiv ist hier im Sinne von Constructive journalism gemeint, heißt, dass man den Fokus nicht nur auf negative Entwicklungen legt, sondern auch über positive Entwicklungen berichtet.

Behinderung ist nicht so schlimm oder?

Es gibt einen Grund-Widerspruch in der Behinderten-Bewegung, den sie bislang nicht auflösen konnte: Einerseits möchte sie zeigen, dass Behinderte durchaus nicht unglücklich sind, ein gutes Leben führen können, selbständig sein können und so weiter. Von den Medien wird gefordert, dass sie Behinderte nicht nur als Opfer darstellen sollen.
In der Praxis sind aber 90 Prozent der Beiträge, die von behinderten Menschen kommen und über ihre Situation handeln negativ gefärbt. Ich verzichte hier auf Beispiele, ihr mögt euch selbst einen Überblick verschaffen. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass in den klassischen Medien Behinderte häufig als Helden oder Opfer dargestellt werden, die Journalisten haben im Web recherchiert, wie es von ihnen erwartet wird und das ist das Ergebnis ihrer Recherche.
Nun liegt es in der Natur der Sache, dass Positives keinen Nachrichtenwert hat: Heute 100 Prozent der Flugzeuge sicher gelandet wird man wahrscheinlich nie in der Zeitung lesen. Und natürlich handelt es sich in jedem Fall um authentische, persönliche Erfahrungen, über die dieses Individuum das erste Mal berichtet.
In summa zeichnen diese Berichte aber kein positives Bild darüber, wie es ist, eine Behinderung zu haben. Und wenn man mehrere dieser Berichte von unterschiedlichen Individuen gelesen hat, verdichtet sich dieses negative Bild zur Gewissheit. Es gibt einen Effekt der Selbstverstärkung: Je mehr negative Erfahrungen man liest, desto stärker verdichtet sich das negative Bild und zwar sowohl bei Nicht-Betroffenen als auch bei Betroffenen selbst, obwohl Letztere es ja besser wissen sollten.
Kennt ihr das: Wenn doch mal jemand etwas Positives berichtet, wird früher oder später jemand kommen, der sagt, das sei die Ausnahme oder er wirft eine negative Erfahrung ein, was dann eine Kaskade an weiteren negativen Erfahrungen nach sich zieht. Anscheinend neigen wir eher dazu, negative Erfahrungen als den Regelfall zu betrachten und positive als Ausnahme.
Wenn umgekehrt jemand über negative Erfahrungen berichtet, wird man wahrscheinlich nur einzelne positive Stimmen finden. Die Meisten werden zustimmen, kurioserweise auch Nicht-Behinderte, die über gar keine eigene Erfahrung verfügen.
Auch das wirkt sich auf diejenigen aus, die gerade erst behindert geworden sind. Da sie selbst keine Erfahrungen machen konnten, haben sie keine andere Wahl, als diese Äußerungen für bare Münze zu nehmen. Was aber macht es auf Dauer mit den Leuten, wenn sie auf Dauer nur negativen Aussagen hören?

Frisch Behinderte vom Internet fernhalten?

Gelegentlich erreichen mich Anfragen von Personen, die frisch erblindet sind oder ihren Angehörigen, in der Regel Hilfeanfragen von Leuten, die auf meine Website gestoßen sind. Ich leite sie zum Blindenverein weiter, da ich nicht geeignet oder legitimiert bin, anderen Personen in dieser Situation zu helfen. Doch häufig berichten sie mir, dass sie sich schon auf Website X oder im Forum Y umgesehen haben und ob die Gesellschaft tatsächlich so blindenfeindlich sei.
Ich muss die Leute dann erst mal beruhigen: Ja, es gibt viele Probleme und es gibt viele Personen, die nicht hilfsbereit sind. Doch im Großen und Ganzen funktioniert es und die meisten Leute sind hilfsbereit oder guten Willens, aber unsicher.
Faktisch könnte ich den Betroffenen aber mit wenigen Ausnahmen keine Website oder Blog empfehlen, wo sie sich einen anderen Eindruck verschaffen könnten – inklusive meinem, da ich mehr über Barrierefreiheit als über Blindheit schreibe.
Nebenbei fällt mir auf, wie humorfrei die deutsche Behinderten-Szene ist. Mit ein paar Ausnahmen – die machen das in der Regel beruflich – könnte ich wiederum keine Website empfehlen, die humorvoll mit dem Thema Behinderung umgeht. Ich tue das ein wenig auf Twitter, bin da aber meiner Wahrnehmung nach die Ausnahme.
Interessant wäre in dem Zusammenhang, welchen Effekt das auf junge Engagement-Willige mit Behinderung hat. Wenn sie sich auf InstGramm oder Twitter die Kanäle jetziger Aktivisten anschauen, wird sie das motivieren, sich im Bereich Behinderung zu engagieren? Oder werden sie sich anderen Themen wie etwa dem Klimaschutz zuwenden. Ich sehe durchaus die Gefahr, dass der Behindertenbewegung der Nachwuchs ausgeht.

Was tun?

Hier also meine Lösungsvorschläge:
1. Es braucht neben den legitimen negativen Berichten auch positive Erfahrungen. Ich behaupte mal, fast alle Berichterstatter könnten über mehr positive als negative Erfahrungen berichten. So ließe sich auch ein negativer Bericht mit einem positiven Fazit schließen. Es verzerrt die Realität, wenn einem 999 Mal geholfen wird, man aber über das eine Mal berichtet, wo das nicht geschehen ist.
2. Ein wenig Humor schadet nicht. Ab und zu mal eine Anekdote oder ein Witz helfen gerade neu Betroffenen. Damit ist übrigens kein Sarkasmus gemeint, den versteht nämlich keiner und lustig ist er auch nicht.
3. Wenn man keinen positiven Effekt erzielen kann, sollte man sich überlegen, ob man nicht auf den Bericht verzichtet. Positiv heißt in dem Zusammenhang, dass man eine positive Änderung anstößt, jemanden zum Nachdenken bewegt oder einen Menschen positiv erreicht, der bisher nicht informiert war. Nicht positiv ist, die Leute zu erreichen, die ohnehin schon bekehrt waren, möglichst viele Likes und Retweets oder viele zustimmende Kommentare zu bekommen. Hier mal ein schönes Zitat von Sokrates, das wohl jede Generation nach ihm unterschreiben würde:

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

Heißt, wann immer man sich negativ über die Gesellschaft äußert, wird man zustimmende Kommentare bekommen. Die „Früher-war-alles-besser“-Fraktion neigt wie wir alle dazu, die Vergangenheit zu verklären. Wir alten Hasen wissen das natürlich und können mit einem nachsichtigen Lächeln oder Kopfschütteln über solche Bemerkungen hinweg sehen. Doch sowohl die frisch Betroffenen, ihre Angehörigen, aber auch die vielen Unbeteiligten können das nicht ohne weiteres und gerade für sie sollten wir mehr Verantwortung übernehmen.
4. Sprecht mehr persönlich miteinander: Das befremdlichste Phänomen auf Facebook sind Berichte von Behinderten, die über negative Erfahrungen mit ihren Mitmenschen berichten. Fragt man nach, kommt heraus, dass sie mit den Personen, die den Ärger verursacht haben gar nicht gesprochen haben. Natürlich ist das eine Form des Coping, also des Umgangs mit angestautem Frust. Andererseits hat dieses Coping für die Leser des Beitrages eher den gegenteiligen Effekt, ihr Frust steigt, weil die Welt so ungerecht zu Behinderten ist.
Abschließend passend zu diesem Beitrag ein weiteres Zitat von Sokrates:

Plötzlich kam ein Mann aufgeregt auf ihn zu. „Sokrates, ich muss dir etwas über deinen Freund erzählen, der…“
„Warte einmal, „unterbrach ihn Sokrates. „Bevor du weitererzählst – hast du die Geschichte, die du mir erzählen möchtest, durch die drei Siebe gesiebt?“
„Die drei Siebe? Welche drei Siebe?“ fragte der Mann überrascht.
„Lass es uns ausprobieren,“ schlug Sokrates vor.
„Das erste Sieb ist das Sieb der Wahrheit. Bist du dir sicher, dass das, was du mir erzählen möchtest, wahr ist?“
„Nein, ich habe gehört, wie es jemand erzählt hat.“
„Aha. Aber dann ist es doch sicher durch das zweite Sieb gegangen, das Sieb des Guten? Ist es etwas Gutes, das du über meinen Freund erzählen möchtest?“
Zögernd antwortete der Mann: „Nein, das nicht. Im Gegenteil….“
„Hm,“ sagte Sokrates, „jetzt bleibt uns nur noch das dritte Sieb. Ist es notwendig, dass du mir erzählst, was dich so aufregt?“
„Nein, nicht wirklich notwendig,“ antwortete der Mann.
„Nun,“ sagte Sokrates lächelnd, „wenn die Geschichte, die du mir erzählen willst, nicht wahr ist, nicht gut ist und nicht notwendig ist, dann vergiss sie besser und belaste mich nicht damit!“

Wie die Wirtschaft von Barrierefreiheit profitieren kann

Der European Accessibility Act ist soeben verabschiedet worden. Er verpflichtet Teile der Privatwirtschaft zur Barrierefreiheit, darunter Banken, Buchverlage und Online-Shops. Ob die schon von ihrem Glück wissen?
Da unsere Wirtschaft von kurzfristigem Denken geprägt ist, sehen sie die Vorteile der Barrierefreiheit für sich nicht. Gerade deswegen sind Verpflichtungen sinnvoller als Freiwilligkeit. Das möchte ich in diesem Beitrag näher ausführen.

Das Kosten-Dilemma

Im Grunde würde der Staat der Privatwirtschaft einen Gefallen tun, wenn er sie zur Barrierefreiheit verpflichtet. Ich muss zur Erklärung ein wenig ausholen.
Barrierefreiheit ist natürlich ein Kostenfaktor – das lässt sich nicht leugnen. Die bestehende Infrastruktur muss umgebaut werden. Die Kosten sind teils recht hoch, vor allem, wenn es um Umbaumaßnahmen geht. Es gibt aber keine Verpflichtung, Einzelne müssten also vorpreschen und es umsetzen. Die Kosten dafür müssen auf die Produkte umgelegt werden, anders geht es ja in der Wirtschaft nicht. Wenn ich aber anfange und meine Konkurrenten nicht nachziehen, werden meine Produkte teurer. Die kostenbewussten Käufer gehen aber dorthin, wo die Produkte am billigsten sind. Diesbezüglich brauchen wir uns nichts vorzumachen, Barrierefreiheit ist real genau so wenig ein Attraktor wie Bio.
Wenn aber alle Barrierefreiheit umsetzen müssen, relativiert sich das Ganze. Alle Produkte werden ein wenig teurer, aber der nicht-barrierefreie Konkurrent hat keinen Kostenvorteil. Erforderlich sind dafür aber einheitliche Standards.
Klar ist aber auch: Ohne eine kräftige Förderung wird es nicht gehen. Kleinbetriebe wie Arztpraxen können die Kosten eines barrierefreien Umbaus kaum stämmen. Wenn es aber nur eine oder gar keine barrierefreie Arztpraxis gibt, schränkt das die Wahlfreiheit von gehbehinderten Menschen ein. Wobei Arztpraxis durch einen beliebigen anderen Begriff wie Arbeitsplatz, Apotheke oder Restaurant ersetzt werden kann. Und Gehbehinderte sind das anschaulichste Beispiel, wir können jede andere Behindertengruppe nehmen.

Der Vorteil für die Anbieter

Längerfristig betrachtet haben die Anbieter Vorteile, die auf Barrierefreiheit setzen. Der demografische Wandel ist oft thematisiert worden, aber die Folgen scheinen den Beteiligten nicht klar. Ein Großteil der Bevölkerung kommt in ein Alter, wo sie Einschränkungen in der Beweglichkeit, in den Sinneswahrnehmungen und in der kognitiven Verarbeitungsfähigkeit haben werden. Die Schwelle, wo das zu leichten Einschränkungen führt beginnt weit vor dem, was amtlich als Behinderung anerkannt wird. Diese Menschen werden Probleme haben, Produktbeschriftungen, Speisekarten oder Bedienungsanleitungen zu lesen. Die Beipackzettel von Medikamenten sahen ja schon immer so aus, als ob sie für die Lektüre durch Ameisen ausgelegt waren, irgedwann wird sie keiner mehr ohne Lupe lesen können.
Heißt konkret, auch wenn man keinen Rollstuhl oder Rollator braucht, wird man Probleme haben, eine Treppe hochzukommen. Im Zweifelsfall wird man also das Café vorziehen, wo man keine Treppe steigen muss und die Speisekarte ohne 200 Prozent Zoom lesen kann. Das gilt im übrigen auch, wenn man ansonsten noch relativ fit ist und längere treppenfreie Strecken problemlos laufen könnte.
Übrigens sind das – bei aller berechtigten Kritik an der Altersarmut – die Personen, die mehr Geld und mehr Freizeit haben als die hippen Jugendlichen und jungen Familien, die als bevorzugte Zielgruppe gelten. Teile der Tourismusbranche haben das zumindest schon erkannt.
Die Wirtschaft spürt das sicherlich auch schon, sie sind ja nicht dumm. Doch dürfte hier das Kostendilemma durchschlagen, das ich oben beschrieben habe. Leider taugen Apple und Co. hier nicht als Beispiel. Sie spielen gewinn- und umsatzmäßig in der höchsten Liga.

Barrierefreiheit spart auf lange Sicht Geld

Der Wohnungsmarkt ist für gehbehinderte Menschen eine Katastrophe. Rollstuhlgeeignete Wohnungen müssen häufig bundesweit gesucht werden. Der Umbau einer bestehenden Wohnung ist wenn überhaupt möglich für eine Privatperson mit durchschnittlichem Einkommen kaum zu stämmen. Denken wir an Rollatoren, wird der Bedarf in den nächsten Jahren stark steigen. Wohnungen, die jetzt nicht barrierefrei sind müssen teuer nachgerüstet werden.
Krankenkassen und andere Träger stöhnen schon heute über die Kosten, die sie für Reha und Hilfsmittel übernehmen müssen. Wie wird das aber aussehen, wenn ein Viertel der Bevölkerung darauf angewiesen ist?
Anderes Beispiel: Es ist nicht recht nachvollziehbar, warum die neuen ICEs nicht mit schwellenlosen Zugängen oder integrierten Rampen versehen sind. Die Mobilitätszentrale ist zweifellos bemüht, doch schränkt sie am Ende des Tages die Wahlfreiheit und Flexibilität gehbehinderter Menschen auf eine Weise ein, die nicht tolerierbar ist.
Ich könnte auf diese Weise noch viele Beispiele aneinander reihen. Die Kosten durch mangelnde Barrierefreiheit sind enorm, nur dass sie heute im Wesentlichen nicht durch die Firmen, sondern durch den Staat und die Sozialversicherungen, also durch uns alle getragen werden. Wie ich oben gezeigt habe, wird das nicht mehr lange gut gehen, deshalb sollte der Staat einheitliche Vorschriften zur Barrierefreiheit schaffen.

Community-finanzierte Hilfsmittel – was Spenden und Crowdfunding bewirken können

Viele Menschen mit Behinderung benötigen Hilfsmittel im Alltag oder zur Nutzung eines Computers. Einige Hilfsmittel erleichtern bestimmte Aufgaben, andere Technologien sind unverzichtbar.
Leider sind viele Hilfsmittel für Privatpersonen unerschwinglich. Ein Screenreader – das ist ein Programm, mit dem Blinde ihren Computer bedienen können – kostet zwischen 2.000 und 3.000 Euro. Ein Braille-Display, das Inhalte des Computers als Blindenschrift ausgibt kostet bis zu 10.000 Euro. Deshalb sind Menschen mit Behinderung oftmals mit veralteter Technik oder Software konfrontiert, während ihnen neue Funktionen oder bessere Hilfsmittel vorenthalten bleiben.
Hinzu kommt, dass Hilfsmittelentwickler Innovationen nur langsam aufgreifen. Der Markt ist relativ klein, die Entwicklungskosten relativ hoch.
Vieles ist heute möglich, was noch vor fünf Jahren undenkbar war. Viele Smartphones und Tablet-PCs haben zum Beispiel Schnittstellen für Hilfstechnik wie Sprachein- und ausgaben integriert, auf denen die Entwickler aufbauen können.
Die Behinderten-Communities selbst haben heute Möglichkeiten, zur Entwicklung besserer Hilfstechnik beizutragen. Zwei dieser Möglichkeiten wollen wir hier vorstellen: das klassische Spendenwesen und das Crowdfunding.

Spendenfinanzierung

Vor allem OpenSource-Projekte finanzieren sich über Spenden. Während sich viele Entwickler praktisch ehrenamtlich engagieren, entstehen trotzdem Kosten für Geräte, Entwicklungsumgebungen und vieles mehr, die über spenden von der Community mitfinanziert werden können. Ein Beispiel dafür ist der kostenlose Screenreader Nonvisual Desktop Access (NVDA). Er ist der einzige offene und kostenlose Screenreader für Windows-Systeme und in einigen Bereichen der kommerziellen Konkurrenz überlegen. NVDA ist ein klassisches OpenSource-Projekt, jeder, der Zeit und Interesse hat kann an seiner Weiterentwicklung mitwirken. Wer nicht über die nötigen technischen Kenntnisse verfügt, kann das Projekt mit einer Spende unterstützen.

Crowdfunding – der Schwarm bezahlts

Crowdfunding bedeutet, dass der Schwarm die Finanzierung eines Projektes übernimmt. Es ist ein Kunstwort aus Crowd = Masse und Fundraising = Spenndensammeln und leitet sich von Crowdsourcing ab. Während beim Crowdsourcing der Schwarm kleine Aufgaben übernimmt, um ein großes gemeinsames Ziel zu erreichen finanziert der Schwarm beim Crowdfunding die Umsetzung kleinerer oder größerer Projekte.
Möchte man etwa eine App entwickeln, die Menschen mit Behinderung hilft, hat aber weder das nötige Geld noch das technische Know-How, könnte man über ein Crowdfunding-Projekt die entsprechenden Gelder akquirieren, um einen Programmierer für die Entwicklung zu bezahlen. Für Crowdfunding gibt es spezielle Plattformen wie Kickstarter.com.
Der typische Ablauf für ein Crowdfunding-Projekt sieht so aus: Der Entwickler hat eine Idee, die er auf einer Crowdfunding-Plattform vorstellt. Er legt außerdem fest, wie viel Geld er über die Plattform erhalten möchte und wie lange er um Unterstützung auf der Plattform werben möchte. Der Unterstützer bietet einen Beitrag seiner Wahl zur Unterstützung an. Wenn die nötige Summe in der anvisierten Zeit erreicht wird, erhält der Entwickler das Geld und kann mit der Umsetzung seiner Idee beginnen. Kommt die erhoffte Summe nicht zusammen, bekommen die Unterstützer in der Regel das Geld zurück. Die Prozedur kann sich je nach gewählter Plattform unterscheiden. Ähnlich wie beim Sponsoring erhalten die Unterstützer je nach Beitrag gestaffelte Dankeschöns wie die Erwähnung auf der Projektseite oder eine Vorabversion des Projektergebnisses.

Spenden sammeln versus Crowdfunding

Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Crowdfunding und Spenden. Spenden werden über einen längeren Zeitraum gesammelt, teilweise sind sie zweckgebunden, überwiegend werden sie aber für die Organisation als solche gesammelt. Außerdem ist das Spendenwesen eine feste Einrichtung, es wird permanent nach Spendern gesucht.
Crowdfunding-Projekte hingegen sind zeitlich begrenzt. Der Crowdfunder versucht, innerhalb einer bestimmten Zeit eine bestimmte Menge Geld für ein ebenfalls zeitlich begrenztes Projekt zu erhalten. Er kann vorhandene Plattformen nutzen und muss keine spezielle Spendenorganisation aufbauen.
Beiden Finanzierungsformen gemein ist, dass auch schon relativ kleine finanzielle Beiträge zum Erfolg eines Projektes beitragen können. Um zum Beispiel 10.000 Euro zu erhalten müssten rund 1.000 Personen durchschnittlich 10 Euro spenden. Natürlich muss dafür ein wenig Marketing betrieben werden, Crowdfunding ist keinesfalls ein Selbstläufer. Außerdem muss die Community auch bereit sein, die Projekte auch finanziell und nicht nur ideell zu unterstützen. Dabei entfaltet das Internet seinen Reichweitenvorteil: mit guten Projektideen lassen sich viele tausend potentielle Unterstützer erreichen.
Crowdfunding ist deshalb vor allem für kleinere Projekte interessant, die von den Hilfsmittelanbietern nicht angegangen werden, weil sie nicht genügend Gewinn abwerfen oder die Zielgruppe als zu klein eingeschätzt wird. Oft werden die Projekte nach ihrer Beendigung als OpenSource an die Community übergeben, so dass sie von ihr weiterentwickelt werden können.

Fazit

Die community-finanzierte Entwicklung von Hilfsmitteln wird die klassische Hilfsmittelversorgung ergänzen und nicht ersetzen. Vor allem durch die Alterung der Gesellschaft ist absehbar, dass ehr viel mehr Menschen günstige und einfach bedienbare Hilfsmittel benötigen werden. Durch Spenden und Crowdfunding kann jeder ein Stück dazu beitragen, das solche Hilfsmittel entwickelt werden.

Wir brauchen eine Stiftung Warentest für Hilfsmittel

Das Internet hat den Zugang zu Informationen über Hilfsmittel erleichtert. Leider hat die Zahl und die Unterschiedlichkeit der Hilfsmittel zugenommen. Und das auch, wenn man die diversen Apps, die ähnliche Zwecke wie Hilfsmittel erfüllen können nicht dazu nimmt. Betrachten wir ein paar Beispiele. Dedizierte Hilfsmittel sind Geräte, die als Hilfsmittel ausgewisen sind, häufig von der Krankenkasse übernommen werden und in der Regel einen ganz bestimmten Zweck erfüllen. Davon zu unterscheiden sind Alltagsgeräte, die wie Hilfsmittel verwendet werden, auch wenn sie ursprünglich nicht dazu gedacht sind: Smartphones, Tablet-PCs, sprachgesteuerte Assistenzsysteme und so weiter. Ich nenne hier nur Hilfsmittel, von denen ich zumindest ein wenig verstehe, Rollstühle und Ähnliches muss ich deshalb ausklammern.

Blinden-Hilfsmittel

Aktuell gibt es einen kleinen Boom an Hindernis-Erkennungssystemen für Blinde: Schuhe, Gürtel, Gerätschaften für den Blindenstock und so weiter. Es ist praktisch unmöglich, neutrale Informationen jenseits des Marketing-Blablas der Hersteller zu bekommen, die natürlich so gut wie nichts taugen. Mobilitätstrainer, die Blinden Orientierungstechniken beibringen, kennen häufig einzelne Gerätschaften und können viel aus eigener Erfahrung berichten, kennen aber selten alle verfügbaren Gerätschaften, ihre Stärken und Schwächen im Detail und im Vergleich zueinander.
Weiteres Beispiel sind Braillezeilen: Bei meinem letzten Besuch auf der Fachmesse SightCity hatte ich eine kleine Braillezeile der Firma Humanware in der Hand: Ein echter Plastikbomber, er wirkte sogar für meine geringen Ansprüche schlecht verarbeitet. Diese kleinen Braillezeilen werden häufig in Rucksäcken oder Jackentaschen verstaut und müssen dann, selbst wenn sie in einer Schutztasche sind oft mehr aushalten als große Braillezeilen, die so gut wie nie bewegt werden. Wahrscheinlich war hier das geringere Gewicht von Kunststoff ausschlaggebend, aber sicher bin ich mir nicht.
Und dann die OrCam, ein Hilfsmittel, das maßlos gehypt wurde. Sie kann tatsächlich nichts, was ein handelsübliches Smartphone mit ein paar Apps nicht auch kann: Erkennung von Farben, Texten, Gesichtern… Ihr einziger vorteil ist, dass sie an einem Brillenbügel befestigt werden kann. Hier hätte mich ernsthaft interessiert, ob sie im Vergleich mit sagen wir der App SeeingAI fürs iPhone tatsächlich besser abschneidet. Meine Vermutung ist nein. Der Grund ist ganz einfach, schon ein älteres iPhone dürfte bessere Technologie verbaut haben und SeeingAI ist das Prestige-Projekt des Milliarden-Konzerns Microsoft. Wie viel AI darin steckt, wissen wir natürlich nicht, aber es ist sicherlich mehr als die OrCam jemals haben wird. Aber wie gesagt, ein objektiver Vergleich würde das beweisen.
Spannend wäre die Frage, was Apps zur Farberkennung tatsächlich taugen, vor allem im Vergleich zu ausgewachsenen Farberkennungsgeräten, die fast so viel kosten wie ein Smartphone, aber weniger paktisch sind. So was ließe sich problemlos objektiv testen, nur macht es keiner.

Hörgeräte

Das gleiche Trauerspiel finden wir verschärft bei Hörgeräten. Hier gibt es das Zusatzproblem, dass es ein Wirrwarr an Marken und Akkustikern gibt: Die Akkustikerkette X verkauft nur Hörgeräte der Marke Y, manchmal einfach nur gebrandet, manchmal aber auch nicht. Heißt im schlimmsten Fall, nimmt man diese Kette, hat man eventuell nur Hörgeräte zur Wahl, die alle nicht optimal für das eigene Hörproblem sind.
Hinzu kommt, dass die Krankenkasse nur den Minimalbetrag bezahlt, die Akkustiker aber gerne mal – häufig unnötige – Extras berechnen: Mini-Hörgeräte, Zusatz-Geräte für spezielle Einsatzzwecke, sogar für den Pipifax Bluetooth-Konnektivität zum Smartphone wird extra zur Kasse gebeten.
Hinzu kommt, dass durch die Apps häufig weitere Einstellmöglichkeiten für die Hörgeräte möglich sind. Es ist also keineswegs irrelevant, für welches Gerät man sich entscheidet, schon die Wahl des Akkustikers kann über die künftige Hörqualität entscheiden.
Und jetzt versuchen Sie einmal, objektive Informationen zu den einzelnen Geräten, ihre eventuellen Leistungen, Funktionen und Zusatzkosten zu bekommen. Das ist auf jeden Fall eine langwierige und unddankbare Aufgabe.

Warum persönliche Erfahrungstests nichts taugen

Wir sind uns glaube ich einig, dass die Verkäufer generell schlechte Berater sind. Das Kapitalismus-Prinzip versagt nirgendwo so stark wie beim Hilfsmittelmarkt. Aber wo sollen die Infos sonst herkommen?
Nun gibt es in der Blindenszene einige Leute, die Hilfsmittel testen. Allerdings sind solche Ergebnisse immer sehr subjektiv oder verfälscht. Legendär unter blinden Technikfans sind die Tests von INCOBS wegen ihrer miserablen Qualität. Da sollte jemand, der offensichtlich keine Ahnung von Android und Talkback hatte mit einem veralteten Gerät und einer veralteten Version sämtlicher Programme testen, wie barrierefrei Android für Blinde war.
Und natürlich ist keine Privatperson finanziell und zeitmäßig in der Lage, alle Gerätschaften einer Kategorie ausführlich zu testen, zu bewerten und die Ergebnisse zu veröffentlichen, zumindest wenn sie einem normalen Job nachgeht. Hier könnte ich mir am ehesten eine Art Crowdsourcing vorstellen, bei dem also viele Einzelpersonen ihre Hilfsmittel nach bestimmten festgelegten Kriterien bewerten. Das aber birgt die Gefahr der Manipulation.
Nein, am besten wäre eine Institution, die nicht am Verkauf eines bestimmten Hilfsmittels verdient. Sie müsste ein möglichst objektives Bewertungsverfahren am besten mit selbst betroffenen Versuchspersonen entwickeln und durchführen. Sie müsste die Hilfsmittel möglichst längere Zeit in der Praxis testen. Im Grunde sollten die Krankenkassen ein Interesse an so einer Institution haben, denn sie bezahlen so ziemlich alle Hilfsmittel, nur ein kleiner Teil wird von anderen Trägern wie den Integrationsämtern übernommen.
Leider ist eine solche Institution nicht in Sicht. Am liebsten wäre mir ja die c’t oder I fix it, denn gerade Braillezeilen für Blinde sind häufig so konstruiert, dass sie nicht einfach repariert werden können. Die Firmen wollen mehrfach abkassieren: für den Verkauf, für die Wartung, für den Tausch der Akkus und warhscheinlich noch für die Entsorgung, wenn das gute Stück nach 3,5 Jahren seinen Geist aufgibt. An der c’t finde ich gut, dass sie zwar Produkte vergleicht, aber keine in der Regel sinnfreie Rangliste bastelt. Die macht im Zusammenhang mit Hilfsmitteln noch weniger Sinn als anderswo, weil Hilfsmittel oft spezielle Einsatzzwecke erfüllen müssen.

Demokratie – nicht ohne Inklusion

In diesem Blogbeitrag möchte ich das Thema Demokratie aus der Perspektive der Inklusion betrachten. Das ist ein Beitrag zur BLOGPARADE WAS BEDEUTET MIR DIE DEMOKRATIE? #DHMDEMOKRATIE.

Keine Inklusion ohne Demokratie

Ohne Demokratie gibt es keine Inklusion. In allen politischen Systemen jenseits der Demokratie werden die Menschen bevormundet. Oft mit einer väterlichen, wohlwollenden Attitüde, aber in jedem Fall bevormundet.
Dies gilt insbesondere für Menschen mit Behinderung. Nur in der Demokratie sind wir in der Lage, uns offen und frei zu äußern und eine Öffentlichkeit für unsere Situation zu gewinnen. Nur in der Demokratie können wir auch die Regierung und die öffentlichen Stellen kritisieren, unsere Rechte einklagen und auch Recht bekommen.

Minderheiten sind unterrepräsentiert

Leider sind in allen politischen Gremien sowie in den Parteien die Minderheiten unterrepräsentiert – dazu gehören auch Menschen mit Behinderung.
Für die Lebendigkeit und Repräsentativität der Demokratie ist es aber wichtig, dass Menschen aus allen Schichten und mit unterschiedlichen Hintergründen in den Gremien präsent sind. Das erhöht die Legitimation der Entscheidungen und sorgt für eine höhere Akzeptanz in diesen Gruppen. Denn gerade dort finden wir viele Menschen, die der Demokratie kritisch gegenüber stehen, die nicht wählen gehen und von der Politik frustriert sind.
Es bringt aber auch neben der Legitimität einen anderen Vorteil: Wenn Menschen mit Behinderung präsent sind und beteiligt sind, werden die Themen Inklusion und Barrierefreiheit automatisch mitgedacht. Schon durch ihre Anwesenheit, vielmehr aber auch durch ihre aktive Beteiligung bringen sie diese Themen zur Sprache.

Nichts ohne uns

Ein bekannter Slogan der Behindertenbewegung lautet „Nichts über uns ohne uns“. Das bedeutet, dass wir in allen Angelegenheiten beteiligt werden müssen, die uns betreffen.
Ich würde aber noch weiter gehen und den Slogan auf „Nichts ohne uns“ verkürzen. Wir müssen und sollten uns in allen Bereichen beteiligen, in denen wir kompetent sind. Denn es ist wichtig, dass unsere Stimme überall gehört wird, wenn wir wollen, dass Inklusion überall umgesetzt wird.

Ohne Inklusion keine Demokratie

Die Demokratie als politisches System muss stetig weiter entwickelt werden. Heute gehört dazu, dass Menschen aus Minderheiten-Gruppen aktiv eingebunden werden. Und wie oben dargestellt vor allem, aber nicht nur in Angelegenheiten, die sie selbst betreffen. Sie sollen in allen Bereichen präsent sein.
In diesem Sinne meint Inklusion die Einschließung der größtmöglichen Zahl an unterschiedlichen Personen. Es hilft dabei, auch unpopuläre Entscheidungen wie etwa zum Klimaschutz auch in anderen Bevölkerungsgruppen zu legitimieren.
Am Ende profitieren alle, denn Inklusion heißt nicht, dass Menschen aus Minderheiten gewinnen. Inklusion heißt, dass alle gewinnen.

Jeder nur ein Kreuz – behindert zur Wahl des EU-Parlaments

In wenigen Wochen stehen die Wahlen zum EU-Parlament an. Heute möchte ich meine behinderten Mitleser nicht nur dazu ermutigen, mitzuwählen und das Parlament nicht den Menschenhassern und Faschisten zu überlassen. Wenn ihr die Möglichkeit habt, solltet ihr ins Wahllokal gehen und nicht an der Briefwahl teilnehmen. Ich werde es auch machen.
Dafür gibt es zwei Gründe: Der profane ist, dass ich vergessen habe, die Wahlunterlagen rechtzeitig anzufordern.

Der weniger dämliche ist, dass ich es für wichtig halte, Gesicht zu zeigen. Oder vielmehr, Blindenstock, Rollstuhl und Rollator zu zeigen. Um das zu erklären muss ich ein wenig ausholen.

Zeigt her eure Hilfsmittel

Barrierefreiheit wird noch heute primär als Behindertengerechtigkeit verstanden und auch verkauft. Statt die Vorteile für alle Nutzer aufzuzeigen erweckt man nach wie vor den Eindruck, man würde uns einen Gefallen tun, wenn man eine Rampe über die Stufe legt. Das wirkt sich auch auf die Wahl aus: die Wahl kann nicht zum Event der junge Familie werden, weil die Eltern mit dem Kinderwagen nicht reinkommen.

Eine Ursache der mangelnden Barrierefreiheit dürfte darin bestehen, dass Behinderte in der Gesellschaft nach wie vor kaum sichtbar sind. Die Verantwortlichen und auch die Unverantwortlichen haben keine konkrete Person vor Augen, wenn sie an Barrierefreiheit denken sollen. Wir lachen gerne darüber, wenn ein Webmaster behauptet, seine barriereunfreie Website würde nicht von Behinderten besucht. Aber für viele Kleinunternehmer wie Frisöre, Kneipenwirte oder Shopbetreiber ist das Realität: sie haben nie einen Kunden mit sichtbarer Behinderung zu Gesicht bekommen, auch wenn ihr Geschäft generell zugänglich ist.

Nach wie vor ist es wahrscheinlich, dass die Wahlleiter und auch die Crews in den Wahllokalen den ganzenTag keinen Menschen zu Gesicht bekommen, egal, wie barrierefrei ihr Lokal ist. Die Frage darf ja nicht laut gestellt werden, schwingt aber unterschwellig immer mit: Warum sollen wir uns die Mühe machen, wenn die eh alle Briefwahl machen oder gleich gar nicht wählen?

Ich kann natürlich verstehen, dass ein Rollstuhlfahrer nicht das Abenteuer auf sich nehmen will, vor Ort die böse Überraschung zu erleben, dass er an der Schwelle des Wahllokals nicht weiterkommt. Auch Blinde oder Sehbehinderte wollen lieber in Ruhe zuhause ihr Kreuzchen machen, statt sich unter unnötigen Zeitdruck zu setzen. Dann bleibt aber die Frage: Warum das Wahllokal barrierefrei machen? Wir können diese Frage noch ausweiten: Wofür brauchen wir barrierefreie Märkte, wenn wir eh alles im Internet kaufen? Warum soll das Kino barrierefrei sein, wenn man sich eh alles übers Internet reinzieht? Ihr versteht, worauf ich hinauswill. Es geht nicht um das ökonomische Argument, dass sich jede Investition in x Jahren amortisieren muss. Es geht darum, dass Bewusstsein für Behinderung zu wecken und überhaupt die Notwendigkeit für Barrierefreiheit bewusst zu machen. Ob es nun eine oder zehn Millionen Behinderte sind, Zahlen in dieser Größenordnung sind immer unbegreiflich. Manchmal reicht es aber aus, einen einzigen Behinderten persönlich zu kennen, um zu verstehen, was Barrierefreiheit bedeutet.
Ein großer Erfolg der Behindertenbewegung ist, dass rund 80000 Menschen, die unter vollständiger Betreuung stehen, an der EU-Wahl und den folgenden Wahlen teilnehmen können. Behinderung wirkt also.
Auch würde ich es gerne sehen, wenn es behinderte Wahlhelfer gäbe. Bei Blinden könnte es schwieriger werden, das kann ich schlecht einschätzen. Aber Personen im Rollstuhl, Gehörlose oder mit Down-Syndrom sollten im Wesentlichen problemlos unterstützen können, vorausgesetzt, das Wahllokal ist barrierefrei.
Deshalb werde ich am 26. Mai 2019 meinen Stimmzettel in meinem Wahllokal ausfüllen und ich hoffe, ihr macht das auch.

Was die Wissenschaft aus Behinderungen lernen kann

In diesem leicht überarbeiteten Beitrag aus meinem Buch „Was ist Blindheit“ möchte ich zeigen, welchen Beitrag Behinderung bei der medizinischen und kognitiven Forschung leistet.
Da ich mich nur mit Blindheit ausreichend auskenne, werde ich nicht auf andere Erkrankungen eingehen. Allerdings dürften auch für Gehörlosigkeit, Bewegungs-Unfähigkeit oder psychische Erkrankungen ähnliche Annahmen gelten. Wer es im Detail von Fachleuten wissen will, dem seien die Bücher von Oliver Sacks und V.S. Ramachandran empfohlen.

Blindheit als Studienobjekt

Blindheit wird schon seit langem wissenschaftlich untersucht. Es geht vielfach darum, die Ursachen von Augenerkrankungen herauszufinden und eine Erblindung zu verhindern. Es soll aber auch untersucht werden, wie sich Gehirn und Verhalten ändern, wenn ein Mensch nicht sehen kann. Orientierungsweisen von Blinden sind zum Beispiel für das Militär interessant. Soldaten im Einsatz müssen sich gelegentlich durch unbekanntes Gelände bewegen. Die Sichtweiten können dabei sehr gering sein. Ein Vorbild für die Brailleschrift war die von einem Militär entwickelte Nachtschrift.
Sehen ist der für den Menschen wichtigste Sinn. Ein Großteil der Gehirnkapazität ist darauf ausgelegt, visuelle Eindrücke zu verarbeiten. Das Sehen ist nicht nur für die Orientierung oder für alltägliche Aufgaben wichtig. Es spielt auch eine große Rolle in der sozialen Interaktion und Kommunikation. An den Unterschieden zwischen Geburts-Blinden und Sehenden lässt sich hervorragend studieren, welcher Teil der Körpersprache erlernt oder angeboren ist.
Neuronale und soziale Aspekte werden vor allem von Kognitionspsychologen erforscht, deren Ergebnisse wollen wir uns hier näher anschauen.

Gehirn und Sinne

Das Gehirn ist außerordentlich anpassungsfähig. Viele Blinde erbringen große Leistungen, wenn es um die Interpretation von Hör-, Geruchs- und Tastsignalen geht.
Es fällt Geburts-Blinden Kindern wesentlich leichter, sich auf die blinde Welt einzustellen. Je älter ein Mensch bei seiner Erblindung ist, umso schwerer wird es ihm fallen, sich an die Blindheit anzupassen. Das hängt damit zusammen, dass Kinder sich generell schneller anpassen können, für sie ist das Leben an sich ein stetiger Lernprozess. Geburts-blinde Kinder müssen sich gar nicht umstellen, aber auch ältere Kinder können sich schnell anpassen.
Neben der kognitiven Flexibilität, also der Anpassung von Gehirn- und Sinnesleistungen gibt es weitere Herausforderungen für ältere Menschen. Der richtige Umgang mit dem Blindenstock erfordert ein gewisses Maß an Feinmotorik, für die Blindenschrift braucht man ein Mindestmaß an Feinfühligkeit in den Fingern. Älteren Menschen fällt es wesentlich schwerer, diese Techniken zu erlernen, weil sie die physiologischen Voraussetzungen oft gar nicht mehr mitbringen.
Es kommt aber noch ein individueller Faktor dazu: Je aktiver ein Mensch ist, desto anpassungsfähiger ist er auch. Leider neigen viele ältere Blinde dazu, vor allem zuhause zu bleiben oder nur in Begleitung Ausflüge zu machen. Muskeln, die nicht trainiert werden bauen ab. Gleiches gilt für Sinnesreize, die nicht ausreichend stimuliert werden.
Es gibt keinen speziellen Platz im Gehirn, in dem Sinnesinformationen verarbeitet werden. Stattdessen zerlegt das Gehirn die eingehenden Signale, um sie in unterschiedlichen Arealen weiterzuverarbeiten. Nehmen wir an, ein roter Ball rollt auf uns zu: Dann werden die Informationen rot, rund und Rollen von unterschiedlichen Teilen des Gehirns verarbeitet. Vor allem beim Sehen ist das auch nicht weiter erstaunlich. Wir verwenden unser Sehvermögen, um uns zu orientieren, Fußball zu spielen oder zu lesen. Diese zahlreichen Aufgaben können nur bewältigt werden, wenn unterschiedliche Teile des Gehirns ins Spiel kommen. Deshalb ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass das Gehirn Blinder nicht wesentlich anders funktioniert als das Sehender. Unterschiede gibt es natürlich: Der Schwerpunkt Sehender liegt eben auf der Verarbeitung visueller Informationen, während Blinde diese Ressourcen zur Verarbeitung der Informationen anderer Sinne verwenden, vor allem Haptik und Akustik.
Anscheinend wird das visuelle Zentrum nicht nur genutzt, um Sehreize zu verarbeiten. Es kommt auch bei der Erzeugung visueller Vorstellungen und in Träumen zum Einsatz, also in Fällen, in denen man eigentlich nichts aktiv sieht. Dieser Gedanke liegt zumindest nahe, wenn man sich die verschiedenen Erfahrungen Blinder anschaut. John Hull berichtet, dass er einige Zeit nach seiner Erblindung alle visuellen Vorstellungen einbüßte. Er vergaß sogar, dass Gegenstände so etwas wie eine visuelle Erscheinungsform haben mussten. Andere berichten hingegen von gutem Vorstellungsvermögen. Der blinde Psychologe Zoltán Törey konnte vor seinem inneren Auge eine visuelle Repräsentation erzeugen, die es ihm zum Beispiel ermöglichte, sein Dach neu zu decken. Viele blinde Frauen haben eine sehr genaue Vorstellung davon, welche Frisur, welche Kleidung oder welches Make-up ihnen steht. Liegt es daran, dass sie gut beraten werden oder gibt es da doch doch mehr?
Eine weitere spannende Frage ist, ob Blinde sich den Aufbau komplexer Objekte ähnlich gut einprägen können wie Sehende. Wir wissen, dass Sehende ein hervorragendes Gedächtnis für Gesichter haben. Das geht so weit, dass man Menschen wieder erkennt, die man nur kurz gesehen hat und die man vielleicht nach Jahren wieder trifft, wobei sich Statur, Frisur oder Kleidung geändert haben können.
Blinde dürften eine Art taktiles Gedächtnis haben, dass es ihnen erlaubt, sich komplexe Formen besser zu merken als Sehende. So konnte der blinde Biologe Geerat Vermeij neue Molluskenarten anhand winziger Abweichungen identifizieren. Blinde setzen stark auf taktile Orientierungspunkte, um sich besser zurechtzufinden. Dazu gehören auch geringe Unterschiede im Asphalt, Veränderungen der Bodenbeschaffenheit oder Kanten mit unterschiedlichen Höhen. Blinde können sich auch ausgezeichnet die Position von Gegenständen zum Beispiel auf dem Frühstückstisch merken. So können sie zielsicher nach der Kaffeetasse greifen oder sie auf die Untertasse zurückstellen.
Das erscheint zunächst nicht besonders bemerkenswert, allerdings werden viele dieser Unterschiede nur indirekt wahrgenommen, zum Beispiel durch die Schuhe oder über den Blindenstock.
Eine weniger erfreuliche Erkenntnis der Neuro-Psychologen ist, dass die multisensorische Wahrnehmung besser funktioniert als die Wahrnehmung über einen einzelnen Sinn. Das heißt zum Beispiel, dass wir einen Menschen besser verstehen, wenn wir seine Worte hören und seine Lippenbewegungen sehen. Tatsächlich können geübte Lippenleser bis zu 30 Prozent von den Lippen ablesen. Bei Sehenden ohne diese Fähigkeit ist es natürlich deutlich weniger, dennoch trägt das Lippenlesen passiv zum Verstehen bei. Die Bemerkung «Sprich bitte lauter, es ist dunkel» ist also gar nicht so abstrus. Das Lippenlesen trägt dazu bei, dass man Menschen auch in lauten Umgebungen wie in Diskotheken verstehen kann. Abgesehen davon, dass man an solchen Orten wohl keine tiefschürfenden Diskussionen führen wird.
Es zeigt aber auch, wie komplex die Verarbeitung von Sinnesinformationen ist. Das Gehirn führt nicht nur die Sinnesreize zusammen, sondern reichert sie mit Erinnerungen und Emotionen an. Das Spannende an diesen Erkenntnissen ist, dass das Gehirn eben nicht wie ein Computer funktioniert. Wir können uns das Gehirn als ein Netzwerk verschiedener Einheiten vorstellen. Einheiten, die häufiger verwendet werden verbinden sich stärker, während wenig genutzte Verbindungen schwächer werden.
Allen Spät-Erblindeten fällt es mehr oder weniger schwer, sich an die neue Situation anzupassen. Die Botschaft für sie – und alle anderen, die vor ähnlichen Problemen stehen – Üben, Üben, Üben. Das Schlimmste, was sie tun können ist, zu versuchen, der Herausforderung aus dem Weg zu gehen.

Geburts- und Spät-Erblindete

Auch der Unterschied zwischen Geburts- und Spät-Erblindeten beschäftigt die Forschung. Die meisten Forscher suchen gezielt nach Geburts-Blinden, weil bei ihnen die Unterschiede zu Sehenden am stärksten hervortreten bzw. am einfachsten festzustellen sind. Das Gehirn Geburts-Blinder hat nie gelernt, visuelle Reize zu verarbeiten. Das macht es mithilfe bildgebender Verfahren einfacher, zu untersuchen, welche Teile des Gehirns für das Sehen tatsächlich wichtig sind. Man sollte eigentlich annehmen, dass es sagen wir nach ein paar Jahren, gar keinen Unterschied bei der kognitiven Informationsverarbeitung zwischen Geburts- und Spät-Erblindeten mehr gibt. Das ist aber nicht der Fall.
Viele Fragen sind noch nicht eindeutig geklärt. Wie gut ist das Gehirn Spät-Erblindeter zum Beispiel in der Lage, den visuellen Cortex für andere Aufgaben zu verwenden? Können Spät-Erblindete ähnlich gute räumliche Vorstellungen entwickeln wie Geburts-Blinde? Wenn wir bedenken, dass Erblindungen vor allem im reifen Alter auftreten, werden solche Fragen immer wichtiger.
Das Gehirn Geburts-Blinder verarbeitet taktile Informationen anders als das Spät-Erblindeter. Geburts-Blinde können den visuellen Cortex, der die Seh-Informationen verarbeitet für die taktile Wahrnehmung nutzen. Bei Spät-Erblindeten wird zwar der Bereich vergrößert, der für die Verarbeitung taktiler Reize zuständig ist, allerdings verarbeiten sie diese Reize anders als Geburts-Blinde. Wissenschaftler können heute die Sehrinde teilweise abschalten. Bei einem solchen Versuch waren Geburts-Blinde nicht mehr in der Lage, Braille zu lesen, während Spät-Erblindete weniger Probleme hatten.
Die spannende Frage ist, ob Spät-Erblindete bei genügend Übung ebenso fit beim Orientieren oder Braille-Lesen werden können wie Geburts-Blinde. Die nächste Frage wäre, welche Faktoren dafür entscheidend sind, dass Spät-Erblindete solche Leistungen erreichen: Hängt es nur von Training und Erfahrung ab oder gibt es weitere Faktoren, die bei der Erlangung und Verbesserung dieser Fähigkeiten hilfreich sein können?

Mit den Ohren Sehen

Es gibt Menschen, die Gerüche oder Musik als Farben erleben oder umgekehrt. Diese Wahrnehmung nennt man Synästhesie. Auch Blinde Menschen können Synästhetiker sein. Forscher überlegen seit längerem, wie sinnliche Erfahrungen durch einen anderen Sinn ersetzt werden können, man nennt das Sinnes-Substitution.
Die Hebrew University of Jerusalem erforscht zum Beispiel, wie sich visuelle Eindrücke in Töne übersetzen lassen. Das Ziel ist es, über verschiedene Klänge und Klangkonstellationen quasi visuelle Eindrücke zu vermitteln.
Ein Beispiel: Blinde nehmen nur den Teil des Raumes wahr, den sie mit ihrem Körper oder dem Blindenstock erreichen können. Über Geräusche, Luftzug oder Echo können sie vielleicht noch sagen, wie groß ein Raum ist oder wo das nächste Hindernis ist. Aber sie haben kein dreidimensionales Abbild der Umgebung, wie es ein Sehender problemlos erzeugen kann. Das soll sich mit Sinnesersatzgeräten ändern. Da sie einen Sinn, in diesem Fall das Hören verwenden, um einen anderen Sinn – das Sehen – zu ersetzen, nennt man solche Geräte Sinnes-Ersatz-Geräte, Englisch Sensual substitute Device. Statt einem Blinden zu erklären, wie eine Landschaft aussieht oder was Farben sind werden ihm akustische Analogien in Form von Klängen oder Klanglandschaften offeriert.
Untersuchungen der Hebbrew University zeigen, dass Blinde mit ein wenig Training schnell lernen, ein mentales Abbild der Umgebung oder von Objekten zu entwickeln. Die Forscher haben zum Beispiel eine Klangfolge generiert, die die blinde Versuchsperson als Gesicht identifizieren konnte. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass der Teil des Gehirns für diese Aufgabe eingesetzt wird, der eigentlich für die Verarbeitung visueller Eindrücke zuständig ist.
Man mag fragen, ob eine verbale Beschreibung in diesem Fall nicht sinnvoller wäre. Das ist sie nicht. Stell dir vor, du würdest einen Film mit einer Audiobeschreibung für Blinde schauen. Schalte das Bild weg und höre dir nur die Audiodeskription an. Du wirst schnell feststellen, dass zwar wesentliche Aspekte des Films beschrieben werden, die Audiodeskription aber viele visuelle Eindrücke gar nicht vermittelt. Auch wenn die Audiodeskription zeitlich beliebig ausbaubar wäre, könnte sie dennoch keinen adäquaten Ersatz für die visuelle Darstellung bieten. Ebenso wäre es bei textlichen Beschreibungen. Dies liegt einfach daran, dass eine sinnliche Erfahrung am besten durch eine andere sinnliche Erfahrung ersetzt werden kann.

Erfahrungen mit dem Orbit Reader 20 – der ersten günstigen Braillezeile

Seit kurzem bin ich Besitzer des Orbit Reader 20, der ersten halbwegs günstigen Braillezeile. Meine Erfahrungen möchte ich hier zusammenfassen. Das Gerät ist beim BVHD für 650 € erhältlich. Wem die 20 Zeichen des Orbit Reader zu wenig sind, der Canute mit 360 darstellbaren Zeichen soll dieses Jahr erscheinen und ebenfalls zu einem für uns leistbaren Preis erhältlich sein.
Für meine sehenden Mitleser, dieser Artikel dürfte für euch nicht so spannend sein. Ein wenig Hintergrund möchte ich aber mitgeben: Günstige Braillezeilen sind der heilige Gral der Blinden-Hilfstechnik. Die Geräte kosten rund 100 € pro darstellbarem Zeichen, für eine Zeile mit 80 darstellbaren Zeichen sind schon mal 10.000 € fällig. Dass Hilfsmittel teuer sind, sind behinderte Menschen gewohnt, aber gerade bei einer Braillezeile fallen Preis und Leistung nicht wirklich zusammen. Es gibt wohl keine Industrie, die so konsequent an den Interessen ihrer Kunden vorbei arbeitet und es sich auch noch leisten kann wie die Hilfsmittel-Industrie. Aber darüber haben ich und andere schon viel gemeckert.
Zwar wird schon seit vielen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten an günstigen Alternativen gearbeitet, aber der Orbit Reader ist tatsächlich das erste Projekt mit einem marktfähigen Produkt. Wir wünschen uns noch mehr davon.
Und weiter gehts mit dem Test-Bericht.

Das Äußere

Außen besteht der Orbit Reader komplett aus einem Kunststoff. Die Verarbeitung wirkt gut. Er ist mir am ersten Tag gleich runtergefallen und hat dabei keinen Schaden genommen.
Die Größe des Gerätes entspricht etwa einem kleinen, dickeren Paperback. Das Gewicht würde ich auf etwas zwischen 300 und 400 Gramm schätzen. Den meisten dürfte es also zu schwer für die Jackentasche sein. Das könnte aber für eine robuste Verarbeitung sprechen, für Grobmotoriker wie mich sehr wichtig.
Man kann eine spezielle Tragetasche erwerben – die mir zu teuer war. Außerdem gibt es Ösen, in denen ein Schlüsselring oder Band durchgezogen werden könnte.
Um Bücher zu lesen und Texte zu schreiben bzw. abzuspeichern benötigt man eine SD-Karte, eine Karte war beigelegt. Hinten befindet sich ein Anschluss für Micro-USB zum Aufladen und Verbinden an den PC, der Einschalter sowie der Einschub für die SD-Karte.
Der Akku kann über eine Klappe auf der Unterseite getauscht werden. Ein Kritikpunkt an vielen kommerziellen Braillezeilen ist, dass der Akku nur mit Expertise getauscht werden kann. Einige Zeilen funktionieren auch mit externer Stromversorgung nicht mehr, wenn der Akku defekt oder tiefenentladen ist. Wie schon gesagt, die Hilfsmittel-Industie und ihre Kundenfreundlichkeit.
Kommen wir zu den Bedienelementen, sie befinden sich alle auf der Oberseite. Ganz oben ist die Tastatur zur Eingabe von Braille. Darunter sind vier Cursortasten sowie eine mittlere Taste zum Bestätigen. Darunter sind drei Tasten, die Mittlere ist die Leertaste, bei den anderen habe ich die Funktion noch nicht herausgefunden.
Unten befinden sich dann die 20 Braillemodule in einer Reihe. Links und rechts davon befinden sich zwei Kippschalter, die zum Weiterschalten der Zeile gedacht sind. Cursor-Routing-Tasten gibt es nicht.

Die Braille-Darstellung

Kommen wir zu dem, was die Meisten blinden Leser interessieren dürfte: Das Gerät kann 20 Zeichen in 8-Punkte-Braille darstellen. Die Module sind hervorragend fühlbar, ich und mein Mittester würden sagen besser als bei meiner Humanware, die das Zehnfache gekostet hat. Die Reaktionszeit ist gut, auch hier sehe ich keinen Unterschied zur Humanware.
Das Ein- und Ausfahren der Module ist deutlich lauter als bei anderen aktuellen Zeilen. Das mag den Einen oder Anderen stören, dürfte aber nur in ruhigen Umgebungen deutlich auffallen.

Lesen

Es können nur Textdateien und spezielle Brailleformate verarbeitet werden, also kein Word, Richt-Text, HTML oder ePub. Für solche Formate bräuchte man also ein externes Gerät und würde den Orbit als Braillezeile verwenden. Das Gerät kann keine Konvertierung von Braille durchführen, es gibt also keine Kurzschrift oder Computer-Braille, wenn sie nicht im Ursprungsformat bereits vorhanden ist. Das dürfte aber bei Geräten dieser Art ohne großes Betriebssystem üblich sein.
Das Erstellen von Notizen habe ich noch nicht ausführlich getestet. Ich liefere das bei Gelegenheit aber gerne nach.

Der Orbit Reader als externe Braillezeile

Der Orbit Reader ist als Stand-Alone-Gerät angelegt. Er kann aber auch als externe Braillezeile verwendet werden. Das muss in den Einstellungen aktiviert werden.
Dazu ist nicht viel zu sagen, die Koppelung mit iPhone und NVDA hat problemlos und auf Anhieb funktioniert, auch hier besser als bei der Humanware. Da ich Braille am PC und Smartphone generell wenig nutze, kann ich nicht viel mehr dazu sagen.

Die Praxis

Ich wollte ein Gerät haben, mit dem ich Wartezeiten sinnvoll totschlagen kann und trotzdem die Ohren frei habe. Gedrucktes Braille ist oft nicht praktikabel: Die Bücher sind zu groß oder gehören den Blindenbibliotheken und würden meinen Rucksack nicht unbeschadet überleben. Außerdem ist das Angebot an Texten, die mich interessieren in diesem Bereich zu gering. Ein Braille-Drucker ist für eine Privatperson ebenfalls nicht sinnvoll.
Meine 40er-Zeile war mir zu unhandlich, das Koppeln mit einem externen Gerät macht in der Praxis immer mal Probleme und ich konnte mich damit nicht anfreunden, für die Aufgabe des Lesens immer zwei Geräte betreiben zu müssen.
Zwar gibt es kleine Braillezeilen schon seit einiger Zeit. Sie waren mir aber für das,, was sie leisten zu teuer und zehn oder zwölf darstellbare Zeichen wäre mir auch zu wenig. Selbst in der Kurzschrift gibt es im Deutschen viele Wörter, die mehr als 12 Zeichen benötigen.
Für meine Zwecke ist der Orbit Reader in jedem Fall ausreichend. Reine Textdateien reichen mir für meine Lektüre erst mal aus. Allerdings ist die Vollschrift wirklich nervtötend, vor allem auf so kleinen Displays.
Längere Zeit im Stehen mit dem Gerät zu lesen wird wahrscheinlich nicht klappen. Es ist einen Ticken zu groß und zu schwer, um es längere Zeit entspannt in einer Hand halten zu können. Notizen im Stehen machen sollte aber mit ein bisschen Übung möglich sein, zumindest solange man keine Romane schreiben will. Mit mittelgroßen Händen kann man das Gerät halten und mit den Daumen tippen. Angenehm ist anders, aber für kleinere Notizen sollte s reichen.
Bisher glaube ich, dass sich der Kauf gelohnt hat. Das wird sich aber erst mittelfristig zeigen.
Wenn ihr Fragen habt, gerne in die Kommentare schreiben.

Ich bin behindert – Ihr enthindert mich