Suchmaschinenoptimierung und Barrierefreiheit – was die SEO-Szene von uns lernen kann

Suchmaschinenoptimierung ist fast so alt wie das World Wide Web. Doch gibt es viele Querverbindungen zur Barrierefreiheit. Erfahren Sie, warum SEO-Verantwortliche sich auch um die Barrierefreiheit ihrer Webprojekte kümmern sollten. In diesem Beitrag gehe ich nur auf Google ein, weil Google fast synonym mit Suchmaschine ist und die Konkurrenten ähnliche Algorithmen verwenden.

Semantik/Maschinen-Lesbarkeit

Trotz allem Gerede über Künstliche Intelligenz sind Suchmaschinen und andere Technologien nach wie vor auf maschinen-lesbare Informationen angewiesen. Google kann wie ein Screenreader einen Text-Abschnitt nicht als Überschrift oder Absatz einordnen. Überschriften sind aber für Mensch und Maschine wichtig: Es geht darum, die Relevanz eines Textes zu einem bestimmten Thema zu gewichten. Je mehr wichtige Keywords in einer Überschrift vorkommen, desto wichtiger ist der Text zum jeweiligen Thema – so meint zumindest Google. Deswegen wird Text stärker gewichtet, wenn er in den HTML-Tags für Überschriften steht als wenn er im Fließtext ist.
Maschinen-Lesbarkeit wird immer wichtiger: Je besser Daten wie Adressen, Veranstaltungstermine und ähnliches von Google erkannt werden können, desto bessere Chancen hat die Website auf ein gutes Ranking. Komischerweise redet kaum einer der SEO-Gurus über die Verwendung von semantischen Auszeichnungen, wie sie von Schema.org propagiert werden. Auch assistive Technologien (AT) würden davon profitieren, obwohl mir zugegebenermaßen noch keine AT bekannt ist, die Schema-Daten automatisch erkennen kann.
Google stellt im haus-eigenen Browser Chrome mittlerweile Bild-Beschreibungen für Bilder zur Verfügung, wenn sie keine Beschreibung für Blinde haben. Ich vermute, dass ist ein Abfall-Produkt des Crawlings: Google ist natürlich stark interessiert an den Inhalten von Bildern und trainiert so seine Bilderkennung. Es kann die von Menschen erstellten Alternativtexte mit dem abgleichen, was der Algorithmus erkannt hat – das ist klassisches Maschinen-Lernen.

Schlanke und schnelle Website

Die Websites sind in den letzten Jahren immer größer im Sinne von Speicherplatz geworden. So manche Seite bringt mehrere Megabyte auf die virtuelle Waage – nebenbei gesagt ist das auch ein ökologisches Problem, es wird nämlich unnötig viel Speicherplatz und Bandbreite verbraucht. Eine optimierte Website kann mit HTML, CSS, Javascript und ein paar optimierten Bildern 200 Kilobyte groß sein. Das verringert die Ladezeit sowohl für Google als auch für assistive Technologien.
In der SEO-Szene ist man einhellig der Meinung, dass der Page Speed einer der wichtigsten On-Site-Faktoren für Google geworden ist. Das hat natürlich mit der Dominanz der Smartphones zu tun: Kein Mensch will mehrere Sekunden warten, bis die ersten Inhalte geladen wurden. Ein wichtiger Faktor für die Lade-Geschwindigkeit ist schlanker und sauberer Code. Das heißt unter anderem, dass man CSS und Javascript möglichst in eigene Dateien auslagert und nicht im Code jeder Unterseite unterbringt. Das ist auch eine Basis-Anforderung von Barrierefreiheit – die Trennung von Verhalten, Struktur und Gestaltung. Das verringert nicht nur die Ladezeit für AT, sondern ermöglicht auch eine flexiblere Darstellung der Inhalte.
Nebenbei bemerkt hat Google auch ein ökonomisches Interesse an schlanken Websites: Wer täglich mehrere hundert Millionen Webseiten crawlen muss, freut sich über jedes eingesparte Kilobyte. Zwar hat Google viel Rechen-Power am Start, aber natürlich freut man sich auch dort, wenn man ein paar große Rechenzentren einsparen oder für andere kostenpflichtige Dienste verwenden kann.
Die beiden bekanntesten Portale zur Web-Barrierefreiheit in Deutschland sind einfach-fuer-alle.de und barrierefreies-webdesign.de. Beide Seiten ranken für viele Suchbegriffe zur Barrierefreiheit weit oben und schneiden bei einem Speed-Test hervorragend ab, jeweils 91 von 100 Punkten im Test von Google Speed Insights. Auch wenn digitale Barrierefreiheit nicht zu den Mega-Themen gehört, gibt es durchaus alternative Portale.

Mobile first

Mobile First – also die bevorzugte Gestaltung von Webseiten unter dem Aspekt der Smartphone-Freundlichkeit – ist heute unter Web-Entwicklern angesagt. Kein Designer, der etwas auf sich hält, bastelt heute noch eine eigene Version für Smartphones und Desktops. One fits All ist also angesagt, die Website soll auf unterschiedlich großen Displays gut angezeigt werden. Google crawlt heute bevorzugt die mobile Version der Website und ihre Qualität ist einer der wichtigsten Faktoren für die Gewichtung bei der Anzeige der Such-Ergebnisse. Auch das ist in der Barrierefreiheit ein alter Hut. Schon seit Jahrzehnten wird gefordert, dass Webseiten sich auf unterschiedliche Displays problemlos anzeigen lassen und Zoomen sowie Textvergrößerung ist ja eine der Kern-Anforderungen der Barrierefreiheit. In der WCAG 2.1 ist die Anforderung hinzugekommen, dass eine Webseite sowohl vertikal als auch horizontal verwendbar sein sollte.

Informationsarchitektur und Benutzerfreundlichkeit

Was oben geschildert wurde ist in gewisser Weise ein alter Hut: Google hat lediglich die Gewichtung verschoben, weil viele Websites strukturell sehr ähnlich geworden sind. Der letzte Schritt war die Umstellung der Gewichtung auf Mobile First, aber auch das ist schon einige Jahre her. Der nächste Schritt wird es sein, die Informations-Architektur und Benutzerfreundlichkeit auf Websites maschinell zu analysieren. Zwar gibt es menschliche Quality Rater, die Webseiten manuell überprüfen. Das sind jedoch relativ wenige Personen und Webseiten. In den frei zugänglichen Google Playbooks lässt sich nachlesen, wie Google sich das vorstellt. Wahrscheinlich ist, dass auch hier Faktoren wie semantische Segmentierung, Lesbarkeit, Verständlichkeit der Inhalte, saubere Strukturierung eine gute maschinelle Übersetzbarkeit und eine schlanke Website eine große Rolle spielen werden.
Meines Wissens sind Google und Co. nach wie vor nicht annähernd in der Lage, einen Text zu „verstehen“, wie ihn ein Mensch verstehen würde. Das heißt, man setzt nach wie vor auf Statistik und Rechenpower. Doch auch damit lässt sich schon einiges erreichen. Man muss kein Stilist sein, um zu erkenne, dass ein Satz mit acht Wörtern tendenziell verständlicher ist als ein Satz mit 30 Wörtern und fünf Satzzeichen. Ein Text, der mit Absätzen, Überschriften und Listen in HTML strukturiert ist dürfte eher von einem Profi stammen als ein Text, der aus nur visuell unterschiedlich formatierten Texten besteht.

Vertrauenswürdigkeit und Autorität

Als weiterer Faktor ist die Vertrauenswürdigkeit und Autorität einer Website zu gewichten. Das ist besonders wichtig für heikle Themen wie Gesundheit und Finanzen, die SEO-Szene spricht auch von YMYL – Your Money, Your Life. So ziemlich alle großen Algorithmen-Updates der letzten Jahre haben auf Seiten zum Thema Gesundheit durchgeschlagen, teils sprechen wir von Schwankungen um die 30 Prozent bei Sichtbarkeit und Besucherzahlen.
Mit aktuellen Mitteln lässt sich die Vertrauenswürdigkeit und Autorität einer Website nur schwer analysieren – zumindest heute. Man wird wohl primär auf etablierte Marken wie Amazon, Wikipedia, Mercedes und so weiter schauen. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass Google die Webseiten öffentlicher Stellen zu einem Thema stärker gewichtet als Webseiten von Unternehmen oder NGOs. Nachlesen lässt sich das Ganze in den Quality Rater Guidelines von Google.
Die Vertrauenswürdigkeit ist ein weicher Faktor der Barrierefreiheit, wie ich es in meinem Buch genannt habe. Insbesondere Internet-Newbies drohen, auf betrügerische Websites hereinzufallen. Insofern wirkt sich auch indirekt positiv auf die Barrierefreiheit aus, dass fragwürdige oder betrügerische Websites geringer gewichtet werden bzw. aus dem Index fliegen. Bedauerlich ist das für kleinere Webportale, sie haben weniger Power, um eine Marke und die entsprechende Bekanntheit aufzubauen. Es wird spannend sein zu sehen, wie sich Googles Analysefähigkeiten bzgl. Informationsarchitektur, Usability, Vertrauenswürdigkeit und Autorität entwickeln werden. Und wie sich das Ganze auf die SEO-Szene und am Ende auf die Qualität der Website auswirken wird.

Geräte-unabhängige Eingaben

Google zwingt die Webmaster immer stärker, ihre mobilen Seiten zu optimieren. Wer die Search Console benutzt, bekommt häufiger Hinweise auf schlechte Usability, es wird etwa gesagt, dass Buttons zu klein oder zu eng nebeneinander sind.
Auch hier liegt die Verbindung zur Barrierefreiheit nahe. Eine Website soll unabhängig von einem bestimmten Eingabegerät sein: Es soll keine Rolle spielen, ob eine Website per Maus, Tastatur oder Touch gesteuert wird. Wer seine Website auf Maus-Klicks optimiert hat, wird früher oder später Probleme mit Smartphone-Usern bekommen.

Untertitel machen Videos zugänglich

Eine Herausforderung für Suchmaschinen sind Videos. Zwar hat die automatische Spracherkennung große Fortschritte gemacht. Doch optimal ist sie bei weitem nicht. Wer jedoch geschlossene Untertitel einsetzt, verschriftlicht das Gesagte und sorgt so dafür, dass Videos durch Suchmaschinen leichter gewichtet werden können. Es wäre einmal interessant zu untersuchen, ob Videos mit ähnlichem Inhalt bei YouTube besser ranken, wenn sie Untertitel enthalten.

Könnte Barrierefreiheit ein SEO-Faktor werden?

Einige Elemente der Barrierefreiheit tragen zur SEO bei. Barrierefreiheit an sich ist aber noch kein Faktor für die Gewichtung einer Website.
Der Gedanke ist allerdings nicht so abwegig: Der Sprung zwischen Usability, Informationsarchitektur und Barrierefreiheit ist nicht so groß.
Da es außerdem im Heimatland von Google strengere Regeln zur Barrierefreiheit gibt, könnte Google aus Prestige-Gründen – Prestige für sich selbst versteht sich – barrierefreie Webseiten höher ranken. Es gibt neben den oben erwähnten einige weitere Faktoren wie das Vorhanden-Sein einer Barrierefreiheits-Erklärung, Gebärdensprach-Videos, Texte in Leichter Sprache und noch einige mehr, die sich algorithmisch leicht ermitteln und gewichten lassen.

Fazit

Dieser Artikel ist durchaus nicht als Lobhudelei auf Google gemeint. Die Macht dieses Privat-Unternehmens ist so groß, dass alle Website-Betreiber, die von Traffic abhängig sind, sich dessen Regeln unterwerfen müssen. Google kann also das Web nach seinen Vorstellungen umbauen. Zudem beinhaltet Googles Logik die Benachteiligung kleiner Website-Betreiber gegenüber großen Marken. Google und YouTube spielen auch eine unrühmliche Rolle bei der Verbreitung von Hass, Hetze, Mobbing und Verschwörungstheorien. Das Thema Datenschutz möchte ich gar nicht erst aufmachen. Dennoch kann man nicht leugnen, dass Googles Vorstellungen einer guten Website positiv zur Web-Barrierefreiheit beitragen können.

Rückblick und Ausblick – Neues zur Barrierefreiheit 01/2020

Im ersten Newsletter des Jahres 2020 darf ein kleiner Rückblick auf wichtige Ereignisse in Jahr 2019 nicht fehlen. Ein alles überragendes Ereignis gab es meines Erachtens weder in Deutschland noch international. Falls Sie dieser Rückblick nicht interessiert, springen Sie zur Überschrift „Interessante Artikel“.

Das war 2019 in Sachen digitale Barrierefreiheit

Die EU-Richtlinie 2102 trat bereits 2018 in Kraft und die ersten großen Folgen waren in 2019 zu spüren. Im Jahr 2020 laufen die ersten Fristen ab, so dass die Richtlinie ihren endgültigen Durchbruch feiern dürfte.
Der European Accessibility Act wurde von der EU im Frühjahr verabschiedet. Wegen der langen Übergangsfristen und der eher zahmen Vorgaben wird er erst in einigen Jahren zu wirklich relevanten Veränderungen führen.
Die deutsche Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung wurde im Mai aktualisiert. Im Prinzip gelten jetzt die internationalen Richtlinien zur Web-Barrierefreiheit EU-weit.
Für viel Aufregung sorgte 2019 der Fall Domino’S Pizza. Domino’s wurde in den USA von einem US-amerikanischen Blinden verklagt, weil deren Apps und Webseiten nicht barrierefrei waren. Der Kläger gewann, woraufhin Domino’s beim obersten Gerichtshof der USA Beschwerde gegen das Urteil einlegte. Die Pizzakette argumentierte, dass Barrierefreiheit im digitalen Bereich im Americans with Disabilities Act nicht klar definiert und überhaupt zu teuer sei. Der Fall hätte Präzedenz-Charakter haben können. Allerdings nahm das Gericht die Beschwerde von Domino’s nicht an. Beobachter gehen davon aus, dass das Urteil in den USA langfristig auch Folgen für andere Privat-Unternehmen haben wird. Das dürfte nebenbei gesagt auch für Websites gelten, die von deutschen Unternehmen für US-Amerikaner betrieben werden. Die Zahl der Klagen wegen nicht-barrierefreier Websites scheint in den USA in den letzten Jahren stark gestiegen zu sein.
Für Nebenbei interessant: Apples haus-eigene Office-Lösung sowie das Desktop-Publishing-Tool Quark Express erlauben seit 2019 das Erstellen barrierefreier PDFs. Zumindest Ersteres dürfte dazu beitragen, dass mehr barrierefreie PDFs in Umlauf kommen.

Interessante Artikel

Barrierefreiheit ist kein Geschenk, sondern ein Grundrecht. Darauf weist der Inklusions-Aktivist Raul Krauthausen in seinem Blog hin.
Raul Krauthausen. Barrierefreiheit ist kein Geschenk…
Im Blog EU Schwerbehinderung wird ebenfalls die aktuelle Situation kommentiert: Auch behinderte Menschen denken vor allem an die Barrieren, mit denen sie selber konfrontiert sind. Sie sollten einen Blick für die Barrieren entwickeln, mit denen andere Menschen konfrontiert sind, so die Kern-Aussage.
EU-Schwerbehinderung. Trotz Behinderung nicht barrierefrei – Jeder lebt in seiner eigenen Welt
Wie oben erwähnt wurde die BITV 2019 aktualisiert, heißt aber nach wie vor BITV 2.0. Das ist problematisch, worauf der Barriere-Kompass verweist. Bei vielen Stellen ist nicht angekommen, dass es neue Anforderungen gibt.
Barriere-Kompass. BITV 2.1 oder BITV 3.0 aber nicht BITV 2.0
Die weiteren Beiträge sind auf Englisch. Der blinde Peter Slatin beschreibt den Ärger mit der Barrierefreiheit: Der Ärger besteht darin, dass Barrierefreiheit immer noch als Extra behandelt wird. Erst kommt das Design, dann die Barrierefreiheit. Stattdessen sollte Design – oder jeder andere Bereich – das Thema Barrierefreiheit gleich mit abdecken. Witzig ist in dem Zusammenhang der Begriff Human Centered Design, auf wen oder was sollte sich Design sonst konzentrieren?
Forbes. The Trouble with Accessibility
Im Guardian erschien ein Interview mit der Rechtsanwältin Haben Girma. Die junge Dame ist taubblind und engagiert sich für die Rechte behinderter Menschen. Sie meint, dass ihr Engagement zu einer besseren Gesellschaft für alle Menschen beiträgt, also nicht nur für behinderte Menschen.
Guardian. My disability has been an opportunity for innovation
Die Website 24 Accessibility hat einen Adventskalender mit 24 Artikeln zu unterschiedlichen Bereichen digitaler Barrierefreiheit veröffentlicht. Da ist tatsächlich auch für Nicht-Techies einiges Interessantes dabei. Schauen Sie zum Beispiel auf die Artikel „What adding people with disabilities to your team brings to the mix“, „World-building accessibility literacy“ oder „Accessible Products: Beyond Code“.
24 Accessibility
Ein umfangreiches Tutorial der Universität von Kent zeigt, wie wissenschaftliche Inhalte in Dokumenten und anderswo barrierefreier aufbereitet werden können.
University of Kent. Accessible resources: documents, presentations and spreadsheets
Auch Veranstaltungen sollen natürlich möglichst barrierefrei sein. Die Zero Conference hat ihre Richtlinien für barrierefreie Veranstaltungen veröffentlicht.
Zero Project. INTRODUCING THE ZERO PROJECT CONFERENCE ACCESSIBILITY GUIDELINES
Eher für die Spezialisten interessant: Die Arbeitsgruppe des W3C für Web-Barrierefreiheit sucht nach Personen, die sich an der Weiterentwicklung der Barrierefreiheits-Richtlinien beteiligen wollen.
Zum Aufruf der WAI

Veranstaltungen

Anfang des Jahres machen viele Menschen schon die erste Terminplanung. Aktuell sind mir keine interessanten Veranstaltungen zu Barrierefreiheit für Januar oder Februar bekannt. Neu in meine Liste aufgenommen habe ich zwei Termine: Die Aktion Mensch veranstaltet Anfang März eine Konferenz zu Arbeit und digitaler Barrierefreiheit. Die Beyond Tellerrand Ende April ist eine Konferenz zu Internet-Technologien. Dort wird unter anderem auch Leonie Watson sprechen, eine der internationalen Korifäen in Sachen digitale Barrierefreiheit. Diese und weitere Veranstaltungen finden Sie in meiner Veranstaltungs-Liste zu Barrierefreiheit.
Das World Wide Web Consortium veranstaltet ab dem 28. Januar 2020 einen kostenlosen englischsprachigen Online-Kurs zur Einführung in die Web-Barrierefreiheit. Dabei geht es weniger um Coding als um eine allgemeine Einführung und Sensibilisierung sowie Tipps zur praktischen Umsetzung. Dabei profitiert man auch von dem sehr aktivem Austausch im zugehörigen Forum. Weitere Infos zum Kurs.
Last not least möchte ich auf meine eigenen Schulungen verweisen. Für den Kurs am 27.1.2020 in Berlin sind noch einige Plätze frei. Weitere Infos zu meinen Barrierefreiheits-Workshops.

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Verdrängen Sprachausgaben und smarte Lautsprecher die Blindenschrift? – ein launiger Kommentar zum Braille-Tag 2020

mein name in brailleEigentlich wollte ich dieses Jahr nichts mehr zum Braille-Tag schreiben – irgendwie ist alles gesagt, nur noch nicht von mir. Dann stieß ich auf diese etwas merkwürdigen Diskussionen auf Twitter. Demnach verdrängen smarte Lautsprecher und Sprachausgaben Braille. Ich bin noch nicht alt genug, vermute aber, dass diese Diskussionen schon seit den 80ern geführt werden. Also, seitdem die synthetischen Sprachausgaben aufkamen.
Es erinnert mich ein wenig an die Sehenden-Diskussionen um den Verlust der Handschrift. Da werden esoterisch anmutende Thesen darüber angestellt, welche Verbindung zwischen der Bewegung der Hand beim Kritzeln und dem Denken bestehen. Wahrscheinlich denken die gleichen Leute auch, der amerikanische Geheimdienst könnte mit Mobilfunkwellen in ihren Kopf schauen.

Mehr Braille als je zuvor

Richtig ist, dass Braille heute präsenter ist als je zuvor: Schauen Sie in den Mediekamenten-Schrank, auf viele Broschüren oder Visitenkarten, Aufzüge, an die Sitze vieler Fernzüge und so weiter.
Es stimmt, dass es in vielen Fällen zu wenig Literatur in Braille gibt. das liegt aber daran, dass die Nachfrage nach solcher Literatur generell rückläufig ist. Es macht keinen Sinn, dass die Braillebibliotheken große Mengen an Büchern vorhalten, die so gut wie gar nicht ausgeliehen werden. Hier macht eventuell ein Print-on-Demand-Service Sinn, also die Produktion eines Buches erst, wenn es nachgefragt wird.

Die Sprachausgabe ist praktischer

Richtig ist aber auch, dass die Sprachausgabe in zahlreichen Fällen praktischer ist. Wenn man nicht von Kindesbeinen an Braille liest, ist es sehr schwer, ein angenehmes Lesetempo zu erreichen. Ich würde grob geschätzt 6 mal so lange brauchen, um meine Arbeit zu erledigen, wenn ich nur mit Braille arbeiten würde. Ja, durch die Übung würde ich irgendwann schneller werden, aber das Tempo der Sprachausgabe würde ich nie erreichen. Und hätte so keine Chance, effizient und konkurrenzfähig zu einem Sehenden zu arbeiten.
Die meisten Personen erblinden heute im Erwachsenen-Alter. Sie lernen wenn überhaupt erst spät Braille. Für sie sind Smartphones und die Lautsprecher nicht der beste, sondern oft der einzige Zugang zu Internet und Technologien.

Kein Verdrängen, sondern ein Nebeneinander

Die Schrift verdrängte das Gedächtnis, das Radio das Schreiben, das Fernsehen das Denken und dank dem Internet gibts kein Fernsehen mehr. Sie haben sich also nur eingebildet, gestern das Dschungel-Camp gesehen zu haben,
Insgesamt hat Braille weder an Bedeutung gewonnen noch verloren. Wie schon häufiger dargestellt geht es eher darum, dass die Gesamt-Zahl blind geborener Kinder und damit der nativen Braille-Leser zurückgeht. Wenn man von den blinden Viel-Lesern, den blinden Akademikern und ein paar anderen Hoch-Qualifizierten absieht, kommen die meisten Blinden tatsächlich ohne Braille oder mit sehr rudimentären Kenntnissen aus. Es sind vor allem die Berufstätigen, die es können sollten.
Richtig ist aber auch, dass das aktive Lesen von Braille im Berufs-Alltag wichtiger wird. Ich glaube, dass korrekte Orthografie und Braille-Lektüre stark miteinander zusammenhängen. Wenn man sich den Unsinn ansieht, den manche Blinde unkorrigiert mit der Spracherkennung eindiktieren zweifelt man daran, dass diese Personen eine Job-Perspektive haben werden.
Ansonsten ist aber klar, dass wir einen Mix unterschiedlicher Zugänge und Technologien brauchen. Für meinen Geschmack sind die smarten Lautsprecher immer noch zu dummm, sie können nach wie vor keine beliebigen Webseiten oder Bücher vorlesen. Wenn man in seinem Alltag Wege gefunden hat, ohne Braille auszukommen, freut mich das für diese Personen.

Die ungelösten Probleme von Braille

Ich bin weit davon weg, ein Experte für Braille zu sein. Mir scheint aber, dass wir die Probleme von Braille nach wie vor ungelöst vor uns herschieben. Der Katzenjammer bringt allerdings relativ wenig, ansonsten würden wir uns bemühen, sie zu lösen. Ich wiederhole sie noch mal, falls Sie einschlafen sollten, holen Sie sich doch eine Koffein-Tablette aus dem Medikamentenschrank, dann können Sie schon mal Braille-Lesen üben. Falls kein Braille auf der Medikamenten-Schachtel drauf steht, schreiben Sie eine böse Mail an den Hersteller.
1. Braille-Druck ist in der gesamten Produktions-Kette zu teuer, sowohl als natives Braille-Buch als auch bei Hybriden aus Braille- und Schwarz-Schrift.
2. Digitale Braillezeilen sind nach wie vor zu teuer. Braille-Schreibmaschinen sind nicht nur teuer, sondern schwer.
3. Braille ist vor allem für ältere Menschen schwer zu erlernen. Das hat natürlich was mit den Problemen des Lernens im Alter zu tun, aber auch mit der hohen Sensibilität, die zum Unterscheiden und Erfassen der Punkte notwendig ist.
Last not least gibt es schlicht zu wenige wohnort-nahe und finanzierbare Angebote für Spät-Lerner. Fast alles findet im Rahmen von Schulen, anderen Blinden-Einrichtungen und dann fast nur als Teil einer blindentechnischen Grundausbildung statt. Für Menschen, die nicht zur Schule gehen oder keine berufliche Reha erhalten ist es kaum möglich, Braille zu lernen. Zumindest in diesem Bereich könnten die Blindenverbände meines Erachtens mehr machen.

Wie der Föderalismus Behinderte behindert

Der deutsche Föderalismus ist historisch gewachsen und mag in vielen Fällen sogar seine Berechtigung haben. Doch gerade für behinderte Menschen erweist er sich häufig genug als Ärgernis.

Irgendwie schwerbehindert

Die Regeln, nach denen man schwerbehindert ist sind bundesweit gleich. Sie sind in der Versorgungs-Medizin-Verordnung, von Pastorentöchtern liebevoll VersMedV abgekürzt festgelegt. Soweit so schön. Sie beantragen also im Land NRW Ihren Schwerbehindertenausweis, können von Münster nach Köln oder umgekehrt umziehen und den Ausweis behalten. Aber ziehen Sie ein paar Kilometer weiter, sagen wir nach Osnabrück oder Koblenz, müssen Sie den Ausweis neu beantragen. Das klingt läppisch, in Wirklichkeit ist es aber so, als ob Sie den Ausweis vollständig neu beantragen würden. Ich fasse das mal zusammen: Land A erkennt Sie als schwerbehindert an, Land B muss Sie noch mal als schwerbehindert anerkennen, obwohl bundesweit die gleichen Regeln gelten. Bei gesetzlich Blinden ist das Ganze sogar noch relativ einfach, wobei es dennoch Monate dauern kann. Zum Beispiel für Menschen, die nach Berlin ziehen, wie ich mir habe sagen lassen. Bei nicht eindeutigen Fällen, also wenn der Schweregrad der Behinderung nicht ohne Weiteres festgelegt wird, kann sich das Verfahren Jahre hinziehen, wobei man in vielen Fällen Widerspruch einlegen muss, was den Prozess um Monate und manchmal Jahre verlängern kann.
Das Ganze ist ein überflüssiger bürokratischer Akt, der nebenbei gesagt nicht nur auf Seiten der behinderten Menschen, sondern auch bei den Behörden viele Ressourcen bindet, die sinnvoller investiert werden könnten.
Nicht eindeutig sind die Regeln, was die Gültigkeit des Behindertenausweises angeht. Als ich in den Nuller Jahren nach Hessen zog, war mein NRW-Ausweis unbefristet. Falls der Messias nicht zurückkehrt, ist bei meiner Behinderung absehbar keine Besserung zu erwarten. Im Land Hessen glaubt man jedoch anscheined an dessen baldige Rückkehr, weshalb der Ausweis auf fünf Jahre befristet wird. Aber natürlich erst, nach dem ich einen deutschen Paß hatte, vorher wurde er auf ein Jahr befristet, weil meine Aufenthaltserlaubnis keine fünf Jahre gültig war, nebenbei bemerkt war ich damals portugiesischer Staatsbürger, also Bürger der Europäischen Gemeinschaft, wie sie damals noch hieß und hatte 20 Jahre in Deutschland gelebt.
Der Wahnsinn ist damit aber noch lange nicht beendet. Wenn Sie nämlich Integrationshilfen wie Arbeitsassistenz, persönliche Assistenz oder Ähnliches vom Land erhalten, dürfen Sie das am neuen Wohnort auch neu beantragen. Muss ich dazu sagen, dass auch diese Anträge Monate oder Jahre dauern können und das kaum ein Arbeitgeber bereit ist, das mitzumachen? Das Prozedere bei der persönlichen Assistenz ist langwierig, selten bekommt man im ersten Anlauf die Stunden bewilligt, die man tatsächlich benötigt. Hoffen wir einmal, dass es mit dem Bundesteilhabegesetz einfacher wird.

Die sozialen Unterschiede

Und die Geschichte ist leider noch immer nicht zu Ende: Denn die Hilfen in den Bundesländern sind sehr unterschiedlich. Meines Wissens ist die Blindenhilfe die einzige finanzielle Hilfe, die bundesweit gewährt wird. Die Blindenhilfe ist einkommensabhängig: Nur wer Sozialhilfe, ALG II oder gar nichts erhält hat Anspruch auf die Blindenhilfe in voller Höhe. In Nordrhein-Westfalen wird die Blindenhilfe in voller Höhe als einkommens-unabhängiges Blindengeld ausgezahlt. Manche Länder zahlen die Hälfte als einkommens-unabhängiges Blindengeld, wer Einkommen hat, muss sich also mit der Hälfte dessen begnügen, was er in NRW erhalten würde.
Schlimmer sieht es jedoch bei anderen Hilfen aus: Das ohnehin nicht besonders üppige Sehbehindertengeld wird nur in wenigen Ländern gezahlt.
Gleiches gilt für das Taubblindengeld. Eigentlich hätten die Hilfen für Taubblinde mit der Einführung des Merkzeichens TBl verbessert werden müssen. Finanzielle Hilfen gibt es jedoch nur in wenigen Bundesländern.
Auch das – nebenbei lächerlich geringe – Gehörlosengeld gibt es nur in einigen Bundesländern. Eventuell kann man dort Sachleistungen beantragen, die aber natürlich immer zweckgebunden und bürokratisch aufwendig zu beantragen sind.

Der Föderalismus schränkt unsere Rechte ein

Nebenbei gesagt sind die zuständigen Stellen auch sehr unterschiedlich. Ich habe mit dem Landschaftsverband Rheinland und dem Landeswohlfahrtsverband Hessen relativ gute Erfahrungen gemacht, was aber nicht unbedingt repräsentativ ist. Dem Vernehmen nach scheinen andere Verwaltungen wie das LAGESO in Berlin deutlich schwieriger zu sein. Man muss sich also noch mit unterschiedlichen bürokratischen Kulturen herumschlagen.
Das Ärgerlichste ist, dass das alles eigentlich nicht sein muss. Wie oben erwähnt gilt die VersMedV bundesweit. Die Kosten für behinderte Menschen hängen eher von der persönlichen Situation als vom Wohnort ab.
Ich bin kein Jurist, aber meines Erachtens verstößt die aktuelle Situation gleich gegen mehrere Prinzipien des Grundgesetzes. Zum Einen ist die Regierung verpflichtet, gleichwertige Lebensverhältnisse sicherzustellen. Das ist nicht gegeben, weil das ohnehin geringe Sehbehinderten- und Gehörlosengeld oft gar nicht gezahlt wird, ebenso wie das Taubblindengeld. Weiterhin dürfen wir uns zwar niederlassen, wo wir wollen – sofern wir eine bezahlbare barrierefreie Wohnung finden – doch ist diese Möglichkeit durch den bürokratischen Aufwand wie oben geschildert eingeschränkt und kann finanziell nachteilig sein. Würde ich fünf Kilometer weiter südlich ziehen,müsste ich meinen Schwerbehindertenausweis beim Land Rheinland-Pfalz neu beantragen, würde weniger Blindengeld bekommen und natürlich kann es immer sein, dass das Land bestimmte Behinderungen gar nicht anerkennt, wodurch ich Nachteilsausgleiche verlieren würde.
Ein Umzug ist selten anstrengungsfrei, doch wird er durch die Bürokratie unnötig schwer gemacht.

Warum Konflikte zur Inklusion dazu gehören

Seitdem ich mich mit dem Thema Inklusion beschäftige – es begann vor ca. 10 Jahren – haben die Konflikte zwischen behinderten Menschen und der Gesellschaft stetig zugenommen. Konflikte gelten generell als etwas Negatives, sie sind aber tatsächlich ein gutes Zeichen. Hier erfahren Sie, warum das so ist.
Die Idee zu diesem Beitrag kam mir nach der Lektüre des Buches von Aladin El-Mafaalani namens Das Integrationsparadox: Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt. Es sei euch hiermit als Lektüre empfohlen, auch wenn es darin um Migration und nicht um Behinderung geht. Es ist auch als Hörbuch in den Hörbüchereien

Früher war gar nichts besser

Schaut man sich die Vergangenheit an, gab es praktisch keine größere Veränderung, die ohne Konflikt ablief. Ein paar Schlagworte mögen reichen: Die verkrusteten Strukturen der BRD wurden erst durch die 68er aufgebrochen, die heutigen Frauen-Generationen profitieren maßgeblich von Kämpfen, die in den 70er und 80er Jahren ausgefochten wurden, die Gleichberechtigung der Afroamerikaner geht auf die gewaltlosen und auch gewalttätigen Proteste der 60er und 70er Jahre zurück. Die Verbesserungen der Arbeitsbedingungen gehen maßgeblich auf die teils sehr blutigen Proteste der Arbeiter zu verschiedenen Zeiten zurück.
Meine These ist, dass man nicht nur eine Regierung braucht, die bereit ist, Veränderungen umzusetzen. Sie braucht auch den sozialen Druck, der auch die öffentliche Meinung in diese Richtung kippen lässt. Insofern kann einer umwelt-bewussten Regierung nichts Besseres als Fridays for Future und Extintion Rebellion passieren. Es scheint eine Art tipping Point zu geben, ab diesem Zeitpunkt wird der Druck auf die Regierung so groß, dass sie zum Handeln gezwungen ist.
Auch die Dynamik, dass ein schlechtes Gesetz wie das aktuelle Klimapaket nachgebessert werden muss, kommt uns bekannt vor, Stichwort Bundesteilhabegesetz. Man könnte meinen die Regierungen probieren aus, was geht und lassen sich erst durch noch mehr Protest dazu bewegen, ein halbwegs vernünftiges Gesetz auf die Beine zu stellen. Nun ja, das aktuelle BTHG ist nicht das Gelbe vom Ei, aber der vorherige Entwurf war deutlich schlimmer.
Früher gab es schlicht deshalb weniger Konflikte, weil sich Behinderte und Nicht-Behinderte nicht begegnet sind. Es gibt nach wie vor die Behinderten-Einrichtungen, in denen man sein ganzes Leben verbringen kann: Man wohnt im Wohnheim, geht in die Werkstatt arbeiten, macht abends den Nährkus, geht in die kleine Kneipe und kauf Produkte des täglichen Bedarfs im Kiosk ein, alles auf dem gleichenGelände. Viele Blinde legen praktisch keine Strecken zurück außer von Zuhause zur Arbeit und zurück. Da die Förderschulen oft in der Großstadt sind, werden die Schüler per Fahrdienst dort hin gebracht und abgeholt. Die einzigen Icht-Behinderten, auf die man trifft sind die Mitarbeiter dieser Einrichtungen.
Mit anderen Worten: Behinderte Menschen waren und sind teilweise bis heute in der Öffentlichkeit praktisch unsichtbar. Wo man aber nicht aufeinander trifft, gibt es auch keine Konflikte.
Solche Dinge wie in diesem Video wären also früher nicht passiert, weil Behinderte gar nicht wahrgenommen wurden, nicht mal als Objekte der Ablehnung.

Insofern kommt die Incluencer-Kampagne der Aktion Mensch zur richtigen Zeit.

De-Organisation der Behinderten

Ein wichtiger Prozess ist die De-Organisation: Viele Probleme wurden früher und werden nach wie vor durch Organisationen durch Aushandlungsprozesse befriedet. Allerdings stagnieren die Mitgliederzahlen oder sind sogar rückläufig. Das gilt etwa für Gewerkschaften, Kirchen, Parteien und so weiter.
Wie stark das für Behinderten-Verbände gilt, weiß ich nicht. Mein Eindruck ist allerdings, dass vor allem junge Behinderte kaum noch Mitglied in einem Verband sind. Dazu trägt auch die Inklusion bei, junge Blinde sehen sich in erster Linie als jung und nicht als blind. Sie kommen weniger in Kontakt mit der Blindenszene und sehen vielleicht nicht die Notwendigkeit, in den Verband einzutreten.
Das heißt aber auch, dass sie die Möglichkeiten des Verbandes nicht kennen, Einfluß zu nehmen. Sie sind häufig eher bereit, den persönlichen Kontakt zu suchen und zu eskalieren, wenn sie unzufrieden sind.
Das ist unter anderem dank dem Internet und Social Media deutlich einfacher geworden. Und auch die lokale Presse lässt sich leicht für solche Konflikte gewinnen. Ob die Eskalation in jedem Fall sinnvoll ist, lasse ich mal dahin gestellt.
ePetitionen und Shitstorms sind eine weitere Möglichkeit, Druck auszuüben. Mein Eindruck ist, dass Petitionen mehr als Instrument der Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt werden, als für sich selbst wirksam zu sein. Change.org und ähnliche Plattformen haben keine rechtliche Wirkung, da sie nicht von öffentlichen Stellen betrieben werden. Ich bin ehrlich gesagt auch kein Freund von Shitstorms und beteilige mich an solchen Protesten nicht, aber das ist ein anderes Thema.
Und natürlich gibt es die klassischen Protestformen wie Demos, Blockaden und so weiter. Sie werden zwar auch von den klassischen Verbänden, aber gerne auch an ihnen vorbei organisiert. Moderne Kommunikationskanäle machens möglich.
Es hängt natürlich vom Verband ab, aber generell scheinen Einzelpersonen und unabhängige Personengruppen eher bereit, Konflikte mit der Öffentlichkeit einzugehen. Da viele Verbände mittlerweile bei Gesetzgebungs-Prozessen einbezogen sind, sitzen sie oft genug den Leuten gegenüber, gegen die sich der Protest der Nicht-Organisierten richtet.
Und tatsächlich ist es so, dass die Verbände nicht unbedingt alle Themen auf dem Schirm haben, die für die jeweilige Person wichtig sind Oder dass sie schnell genug reagieren können. Last not least haben viele lokale Vereine gar nicht mehr die Personalstärke, um mehr als das unbedingt Notwendige zu machen und manchmal wird nicht einmal das gemacht. Vielleicht wächst eine neue Generation von behinderten Menschen heran, die mehr auf Ad-Hoc-Aktionen setzt und so schnelle Ergebnisse erreicht.

Es gibt Konflikte und Konflikte

Konflikte an sich sind weder gut noch schlecht. Ihre Austragung kann allerdings so oder so erfolgen. Für meinen Geschmack sind viele Aktivisten aus der Behinderten-Szene zu aggressiv und zu persönlich. Sie nehmen es dann mit den Fakten auch nicht so genau. Viele Konflikte werden zu schnell eskaliert.Oft genug ist das persönliche Gespräch, das am Anfang stehen sollte gar nicht gesucht worden. Ich habe häufig den Eindruck, dass da eher persönliche Fehden ausgetragen und Ressentiments gegen „die da oben“ verstärkt werden.
Auch das finden wir in allen Minderheiten-Gruppen, ich habe mich aus der Migrations-Szene weitgehend verabschiedet, weil mir die ton-angebenden Personen zu undifferenziert sind.
Man sollte nichts von den Anderen einfordern, zu dem man selbst nicht bereit ist: Kritik-Fähigkeit, die Bereitschaft, Fehler zuzugeben, eine Position angreifen, nicht aber die Person, ein höflicher und zwischenmenschich respektvoller Umgang, jedem die Möglichkeit lassen, das Gesicht zu bewahren. Ich sage immer, wer nicht im gleichen Maße einstecken kann, sollte gar nicht erst austeilen.

Fazit

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ein Konflikt ist nicht für sich genommen gut. Wir alle würden uns gerne für positive Dinge engagieren anstatt gegen schwachsinnige Gesetze wie RISG oder andere Formen der Ausgrenzung zu demonstrieren. Konflikte sind kein Wert an sich.
Allerdings müssen wir uns von der Idee verabschieden, dass die Inklusion konfliktfrei umgesetzt werden wird. Im Gegenteil: Je mehr Inklusion, desto mehr Konflikte werden sich ergeben.

Warum CAPTCHAs nicht barrierefrei sein können

Wie barrierefrei können grafische Bild-Codes, die sogenannten CAPTCHAs sein? Da selbst Leute, die behaupten, etwas von Barrierefreiheit zu verstehen sie einsetzen, scheint es hier einige Missverständnisse zu geben. APTCHAs sind Mechanismen, die Menschen von automatisierten Spam-Bots unterscheiden sollen. Sie sollen Spam in Web-Formularen wie Kontaktformularen oder Kommentar-Bereichen verhindern.
Der Einsatz von CAPTCHAs verhindert wahrscheinlich eher, dass Menschen das Web-Formular nutzen, stellt aber für Bots keine große Hürde da. Ich würde soweit gehen, die Professionalität eines Webseiten-Betreibers infrage zu stellen, wenn der CAPTCHAs einsetzt. Da hat jemand keine Ahnung von Usability, Barrierefreiheit geschweige denn von effektiven Spamschutz-Mechanismen.
Vorneweg sei gesagt: Es gibt kein barrierefreies CAPTCHA. Ich wiederhole das gerne noch mal: Es gibt kein barrierefreies CAPTCHA. Im Folgenden wollen wir uns ein paar Beispiele im Detail anschauen.

Die einfache Lösung

Die simpelste Lösung, die nach wie vor zu finden ist ist eine gleichbleibende Zeichenkette, die in einer Grafik versteckt ist. Tatsächlich hält das häufig sowohl Spammer als auch Menschen ab, die Menschen, weil sie es nicht lösen können oder wollen. Die Bots, weil der Algorithmus nicht auf die spezielle Kombination aus Formularfeldern und Grafik-Code hin betrachtet wurde. Bots funktionieren am besten bei Formularen, die gleich aussehen, kein Mensch macht sich die Mühe, sie für einzelne Seiten anzupassen, die ein wenig vom Standard abweichen.
Eine weitere Möglichkeit ist das Lösen einer simplen Mathe-Aufgabe. Auch hier gilt das oben gesagte: Das lösen mathematischer Formeln ist die ur-eigene Aufgaben von Computern. Diese Lösungen funktionieren nur deshalb, weil der Bot nicht angepasst wurde. Sobald das passiert ist, können die Bots ihre Aufgabe beginnen.

ReCAPTCHA – die Möchtegern-Barrierefreie-Lösung

ReCAPTCHA ist die aktuell am weitesten verbreitete Lösung. In der Theorie soll man hier nur ein Häkchen setzen bei „Ich bin kein Roboter“. Das sollte doch auch der größte Honk hinbekommen oder?
Leider nein: Zum einen ist schon die Unterstellung, man sei ein Roboter ein bisschen unverschämt. Wichtiger ist aber, dass das Häkchen häufig nicht funktioniert. Meine Vermutung ist, dass es teils mit Datenschutz-Einstellungen des Browsers kollidiert.
Wie dem auch sei: Man bekommt also ein Bilder-Rätsel angezeigt. Das kann man als Sehbehinderter oder Blinder nur schwer oder gar nicht lösen. Nun gibt es die Audio-Alternative, die aktuell tatsächlich gut verständlich ist. Während man früher nur künstlich erzeugtes unverständliches Gebrabbel und Rauschen angeboten bekam, werden aktuell wohl Sound-Schnipsel aus Fernsehsendungen verwendet. Das dürfte für viele Schwerhörige noch relativ gut verständlich sein. Als Tastatur-Nutzer, Sehbehinderter oder Blinder muss man aber in dem Wust aus Bilder-Rätsel und Website erst mal die Audio-Alternative finden.
Und was machen wir mit lernbehinderten und älteren Personen? Verstehen sie, was da von ihnen erwartet wird, warum sie mitteilen sollen, dass sie kein Roboter sind und was dieses Bilder-Rätsel zu bedeuten hat? Was machen Leute mit psychischen Problemen, für die jede weitere Aktion eine Belastung ist?
Last not least bleibt da das Datenschutz-Problem: Google ist das schwarze Loch des Datenschutzes, niemand weiß, welche und wie viele Daten an Google übertragen werden, wenn so ein CAPTCHA eingebunden wird.

Ich bin ein Roboter

Das Problem mit CAPTCHAs besteht darin, dass sie einerseits so komplex sein sollen, dass ein Algorithmus sie nicht schnell automatisch lösen kann. Andererseits sollen sie aber so einfach sein, dass jeder Mensch sie lösen kann. Es ist leicht einzusehen, dass früher oder später der Mensch verlieren muss. Besonders gilt das für den behinderten Menschen, da seine sinnlichen und kognitiven Fähigkeiten von denen Nicht-Behinderter abweichen.
Ich habe mich einmal darüber lustig gemacht – es steckt aber ein wahrer Kern in der Satire: Algorithmen zum Maschinen-Lernen sollten schon heute in der Lage sein, die Codes besser zu lösen als Menschen. Wenn sie es noch nicht können, dann in naher Zukunft. Google, Facebook, Microsoft, Amazon und Apple arbeiten an solchen Lösungen, ganz zu schweigen von vielen kleineren Playern. Die KI zur Erkennung von Objekten auf Bildern sowie zur Sprach-Erkennung schreitet schnell voran. Man könnte sich einfach einen Zugang zur Google-Bild-Erkennungs-API kaufen und die API auf ReCAPTCHA ansetzen, dann würde man Google mit seinen eigenen Waffen schlagen.
Mit anderen Worten: CAPTCHAs werden in ihr Gegenteil verkehrt, sie werden besser von Maschinen als von Menschen erkannt.

Schön und gut – aber der ganze Spam?

Nun ist es korrekt, dass viel Spam über Web-Formulare reinkommt. Nur doof, dass CAPTCHA eher menschliche als botische Nutzer abhält. Ich könnte zähneknirschend akzeptieren, dass CAPCHAs unvermeidlich sind, das sind sie aber nicht. Ich sage immer, CAPCTHAs sind ein Instrument zur Kontakt-Vermeidung, setzen Sie sie ein, wenn Sie möchten, dass Ihr Formular nicht verwendet wird. Prüfen Sie ruhig einmal, wie hoch die Abbruchrate beim CAPTCHA ist. Aber welche Alternativen gibt es?
Wahrscheinlich kann man einen Großteil der Bots schon dadurch sperren, dass man eine Zeitverzögerung einbaut. Sagen wir, das Formular kann erst nach zehn Sekunden abgeschickt werden. Sicherlich gibt es Szenarien, in denen ein Mensch innerhalb von zehn Sekunden das Formular ausfüllt und abschicken will, das ist aber sehr unwahrscheinlich.
Eine weitere Möglichkeit sind Honeypots: Das sind Eingabefelder, die nur für den Bot sichtbar sind und von ihm ausgefüllt werden. Diese Eingaben werden automatisch als Spam klassifiziert und nicht zugestellt.
Für WordPress gibt es effiziente Spamfilter wie Akismet oder AntiSpamBee. Für andere gängige Redaktionssysteme gibt es vergleichbare Lösungen.
Sehr effizient sind auch Listen von Wörtern, die automatisch geblockt werden. Es ist unwahrscheinlich, dass ein ernsthafter Kommentator oder Kontakter Worte verwendet, die in typischen Spam-Kommentaren auftreten. Sie kennen diese Worte, sie haben meistens etwas mit Geld oder Sex zu tun.
Ein weiterer Ansatzpunkt ist das E-Mail-Post-Fach selbst. Neben den integrierten Mechanismen der E-Mail-Provider kann man auch hier mit effizienten Filtern arbeiten, die einen Großteil des Spams aussortieren.
Am effektivsten erscheint eine Mischung mehrerer Methoden. Das sollte tatsächlich bis zu 100 Prozent des Spams abhalten. Es sollte aber klar geworden sein, dass CAPTCHAs weder barrierefrei sind noch zur Spam-Prävention effizient beitragen.
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Cookies und die Barrierefreiheit

Spätestens seit der Einführung der Datenschutz-Grundverordnung sind sie allgegenwärtig- die Cookie-Messages. Oben, unten, manchmal nehmen sie auf Smartphones den gesamten Bildschirm ein. Sie sind eine Barriere geworden, hier erfahrt ihr, warum.

Bin ich da, bin ich weg?

Als Blinder kann man Cookie-Mitteilungen gut ignorieren, wenn sie sich unten am Bildschirm befinden oder man sie zumindest schnell überspringen kann. Auf dem Smartphone funktioniert das nicht so einfach, denn wie gesagt nehmen sie dort häufig viel Platz weg, so dass eine komfortable Nutzung der Website mit ihnen teils nicht möglich ist.
Nun kann es passieren, dass man sie wegklickt – also akzeptiert oder verwirft, sie aber für den Screenreader sichtbar bleiben. Das kann bedeuten, dass die Seite nicht nutzbar ist, der Screenreader bleibt quasi in der Cookie-Message hängen und kommt an den Inhalt nicht heran.

Die Cookie-Message als Overlay

Das nervigste Phänomen überhaupt sind Cookie-Messages als Overlay. Das sehen wir vor allem bei anglo-amerikanischen Webseiten, aber auch in Deutschland. Der Hintergrund wird ausgegraut, die Cookie-Message poppt auf und muss aktiv geschlossen werden, um den Inhalt zu nutzen. Hier können die üblichen Probleme schlecht programmierter Overlays für Screenreader entstehen: Entweder bekommt der Nutzer gar nicht mit, dass eine Aktion von ihm erwartet wird und die Seite ist für ihn nicht nutzbar, weil alle anklickbaren Elemente gesperrt sind. Oder er sieht die Meldung, kann sie aber nicht akzeptieren, weil die bedienelemente nicht per tastatur bedienbar sind. Abgesehen davon sind manche dieser Cookie-Messages wirklich lang geworden, als ob man einen Roman lesen wollte, bevor man die Website nutzt.
Für Tastaturnutzer ergibt sich das Problem, dass sie einen Klick ausführen müssen, um an den Inhalt zu kommen. Für Leute, die Probleme haben, die Maus zu bedienen oder mit starker Vergrößerung arbeiten, kann das durchaus schwierig werden. Nervig ist es in jedem Fall. Reine Tastatur-Nutzer kommen oft gar nicht an die Cookie-Message heran.

Angst-Störungen und mangelnde Erfahrung mit Web-Technologien

Ein weiteres Problem kann sich für Internet-Unerfahrene und Personen mit Angststörungen ergeben. Die Internet-Unerfahrenen wissen vielleicht gar nicht, was Cookies sind, was passiert, wenn sie akzeptieren und welche Daten tatsächlich gesammelt werden und was mit diesen Daten passiert? Datenschutzerklärung ist gut und schön, aber nicht jeder hat eine Jura-Professorin mit erfahrung im Internetrecht neben sich auf der Couch sitzen.
Und selbst wenn: Vertraue ich den Versicherungen des anbieters, dass die Daten zu den genannten Zwecken verarbeitet und angemessen anonymisiert werden? Als jemand mit einer Angststörung könnte man daran zweifeln. Cookie-Messages sind ein zusätzlicher Frustfaktor.
Und sehen diese Dinger nicht so ähnlich aus wie diese Werbebanner, die eine Zeitlang en vogue waren? Sie haben gewonnen, klicken Sie in den nächsten 10 Sekunden hier, um Ihr iPhone XX einzusacken. Woher soll man als durchschnittlicher Internet-Nutzer wissen, dass es sich nicht um einen Hacking- oder Betrugs-Versuch handelt?

Cookie-Mitteilungen müssen zugänglich sein

Die einfachste Lösung wäre, die Cookie-Mitteilungen für Blinde unsichtbar zu machen, technisch wäre das kein großes Problem.
Rechtlich allerdings schon: Ähnlich wie die Informationen im Impressum müssen Cookie-Mitteilungen für Blinde zugänglich sein, das gilt sowohl im Sinne der DSGVO als auch des Telemedien-Gesetzes.
Mir stellte sich beim Schreiben die Frage, ob es reicht, dass sie Theoretisch für Screenreader nutzbar sind. Befinden sie sich aus der Perspektive des Screenreaders am Ende der Webseite, wird der Blinde sie wahrscheinlich nicht wahrnehmen – wer scrollt schon bis dort hin durch? Meiner einschätzung reicht es tatsächlich aus, wenn die Cookie-Mitteilung praktisch für den Blinden wahrnehmbar wäre, sie also für ihn barrierefrei ist. Ansonsten müsste sie sich aus der Perspektive des Screenreaders immer am Anfang der Seite befinden. Findet er sie nicht, gibt es immerhin noch die Datenschutz-Informationen des Webseiten-Betreibers, dort sollte er auf jeden Fall alle Infos sowie die Optionen finden.

Lösungen

Generell fordert die DSGVO, möglichst wenig daten zu erheben. Die erste Frage wäre also, ob Cookies in vielen Fällen nicht überflüssig sind, also gar nicht erst eine entsprechende Nachricht angezeigt werden muss. Webseiten, die vor allem der Information dienen, benötigen meines Erachtens keine Informationssammler wie Session-Cookies, Tracker oder Web Analytics, auch wenn Analytiker das verständlicherweise anders sehen. Die gute alte Webstatistik tut es auch.
Ein weiterer Weg wäre, die automatische Akzeptanz von Cookies durch das Weiternutzen der Website. Wenn ich also scrolle, ein element anklicke oder eine anderweitige Aktion ausführe, könnte die Cookie-Mitteilung automatisch ausgeblendet werden. Es müsste aber sicher gestellt sein, dass der Nutzer die Cookie-Message zumindest unbewusst wahrgenommen hat.
Ich wundere mich, dass das W3C keinen Cookie-Veraltungs-Standard veröffentlicht hat, wenn ich mir ansehe, wie viele Dokumente die Organisation so anbietet. Falls meinen Lesern was dazu bekannt ist, freue ich mich auf hinweise.
Wünschenswert wäre eine automatische Verarbeitung der Cookie-Meldungen per Browser. Dazu wird ein einheitliches Protokoll, also eine maschinenlesbare Form benötigt. Wer eine Do-Not-Track-Anforderung im Browser aktiviert hat, sollte Tracking-Cookies gar nicht erst explizit ablehnen müssen. Andere Cookies sollten entweder für die aktuelle Session oder für einen bestimmten Zeitraum akzeptiert werde. Wie gesagt, alles über Einstellungen und Mitteilungen des Browsers.

Ein paar Datenschutz-Tipps für Blinde

Dieser Abschnitt ist nur für Blinde interessant. Es gibt ein paar Tipps zum Thema Cookies und Datenschutz.
Früher habe ich standardmäßig die Erweiterung NoScript für den Firefox verwendet. Leider ist sie nicht mehr mit Screenreadern nutzbar, man kann einzelne Skripte nicht mehr ohne Weiteres freigeben, wodurch einige Seiten-Inhalte nicht mehr funktionieren. Außerdem funktionieren viele Medienseiten und kommerzielle Seiten nicht mehr, die den Skriptblocker als Werbeblocker interpretieren, was er in gewisser Weise auch ist. Ich habe das mit Profilen gelöst, dazu weiter unten mehr.
Ein Teil des Cookie-Managements lässt sich browser-seitig einstellen: Alle Browser bieten eine Do-Not-Track-Anforderung, Cookies können generell akzeptiert, abgelehnt oder für eine bestimmte Zeit akzeptiert werden. Es ist natürlich generell sinnvoll, die Datenschutz-Einstellungen des Browsers anzuschauen. Cookies generell browser-seitig zu blockieren ist hingegen oft nicht sinnvoll, weil vor allem interaktive Seiten wie Shopping-Seiten oder Webformulare dann nicht mehr funktionieren werden. Viele Medien-Seiten sperren die Inhalte, weil sie von einem Werbeblocker ausgehen. Meiner Erfahrung nach funktioniert auch die ReCaptcha-Lösung nicht mehr, wenn Cookies standardmäßig blockiert werden.
Ich habe mir im Desktop-Firefox mehrere Profile mit unterschiedlichen Konfigurationen für unterschiedliche Zwecke angelegt. Eine fürs normale Surfen, eine für Medienseiten und interaktive Anwendungen und eine für Testzwecke mit der Standardkonfiguration von Firefox.
Um Profile anzulegen geht folgendermaßen unter Windows vor:
Drückt Windows-Taste + R für den Ausführen-Dialog von Windows. Gebt dann firefox -p ein. Es wird der Profilmanager aufgerufen.
Drückt Tab, bis ihr bei Profil erstellen seid, vergebt einen Namen für das Profil.
Wenn ihr bei jedem Start von Firefox auswählen wollt, welches Profil gestartet wird, nehmt das Häkchen bei „Gewähltes Profil bei Start ohne Nachfragen verwenden“ weg.
Ansonsten könnt ihr den Profilmanager wie oben beschrieben mit firefox -p im ausführen Dialog starten. Übrigens können mehrere Profile von Firefox auch parallel gestartet werden, auch dazu einfach firefox -p über Ausführen verwenden, wenn Firefox bereits läuft. Das kann aber schnell unübersichtlich werden, weil an den einzelnen Fenstern nicht erkennbar ist, in welchem Profil sie laufen.
Habt ihr ein Profil eingerichtet, könnt ihr wie gewohnt eure Konfigurationen und Erweiterungen vornehmen, sie bleiben wie auch die Cookies im jeweiligen Profil
Einen einfachen Datenschutz gewährt auch der anonyme Modus, der sowohl in Desktop- als auch auf Smartphone-Browsern verfügbar ist. In diesem Modus werden Daten nur so lange gespeichert, wie das Fenster oder der Tab offen ist. Im Firefox wird er mit STRG + Umschalt + P aktiviert.
Um Cookie- und andere nervige Meldungen loszuwerden reicht oft auch der Lesemodus. Dieser wird im Firefox auf dem Desktop mit F9 aktiviert und verlassen. Auch die mobilen Browser bieten so eine Funktion, die zumeist oben rechts aktiviert werden kann. Im Lesemodus wird nur der Text-Inhalt der Webseite angezeigt.
Eine andere Möglichkeit ist, unterschiedliche Browser zu verwenden. Edge, Chrome und Opera funktionieren auch mit Screenreader ganz gut.
Gut gemeint – schlecht umgesetzt
Neben dem Internet-Banking ist die DSGVO ein weiteres Beispiel dafür, wie etwas, was gut gemeint war schlecht umgesetzt wurde. Einerseits neigen die EU und der deutsche Gesetzgeber dazu, jeden Einzelfall regeln zu wollen. Andererseits gehen sie nicht weit genug mit ihren Regelungen.
Die EU hätte festlegen sollen, dass die Cookie-Messages auf eine einheitliche Weise untergebracht und ausgeblendet werden können. Leider ist das Accessibility Mainstreaming bei der EU nicht angekommen und es gibt wenig Hoffnung darauf, dass sich das Ändert.

Verkehrswende barrierefrei – was Behinderung und Klimaschutz gemeinsam haben

Der Klimaschutz wird zurecht in vielen Medien diskutiert. Eines der wichtigsten Anliegen dabei ist eine Verkehrswende. Seltsamerweise höre ich da kaum Stimmen von behinderten Menschen oder ihren Verbänden, Auf den Veranstaltungen zu diesem Thema kommen die Anliegen behinderter und älterer Menschen im Grunde nicht vor. es ist Zeit, das zu ändern.
Kleines Update: Ich wurde gefragt, ob dieser Beitrag etwas mit dem Verkehrsunfall in Berlin zu tun hat, an dem ein SUV beteiligt war. Dem ist nicht so, ich hatte den Beitrag in der Schublade und ihn zufällig an diesem Wochenende fertig geschrieben. Von dem Unfall habe ich nur am Rande gehört. Leider ist es so, dass viele moderne Autos eher sportlich gestaltet sind, das scheint ein Synonym für unbequem zu sein. Für viele ältere Leute ist es schwierig, in konventionelle Autos einzusteigen, übrigens auch in die nicht bordstein-gleichen Busse. Wie ich an anderer Stelle schrieb hat die Regierung nicht nur den Klimawandel, sondern auch den demografischen Wandel verschlafen. Vielmehr scheint sie paralysiert zu sein und nicht in der Lage, auf die Probleme unserer Zeit adequate Antworten zu finden. Mein Beitrag richtet sich nicht gegen SUVs oder bestimmte Autos, sondern gegen den motorisierten Individualverkehr als solchen.

Der tägliche Verkehrsinfarkt

Niemand ist mit der heutigen Verkehrssituation in der Großstadt zufrieden: Pendler stehen im Stau, die Öffis sind die meiste Zeit überfüllt, verspätet und unzuverlässig, Fahrradfahrer leben gefährlich und die Fußgänger werden so behandelt, als ob sie nicht existieren.
Auf dem Land finden wir das Gegenteil: Es gibt teilweise keine Verkehrsversorgung, so dass die Menschen von der Großstadt ohne eigenen fahrbaren Untersatz praktisch ausgeschlossen sind. Das gilt natürlich auch für Behinderte, die nicht in der Stadt leben wollen oder können. Motorisch Behinderte sind viel stärker von der Wohnungsknappheit betroffen, weil sie barrierefreie Wohnungen und Zugänge brauchen. Diese Wohnungen sind vor allem in den Ballungszentren praktisch nicht mehr zu bekommen. Behinderte sind deshalb oft gezwungen, in die Peripherie der Städte oder aufs Land mit der schlechten Infrastruktur zu ziehen.

Keine Verkehrswende ohne uns

Das Problem der Verkehrswende lässt sich klar in einem Satz zusammenfassen: Die Politik traut sich nicht an einen großen Wurf heran, der aber notwendig wäre. Stattdessen doktert sie an einzelnen Symptomen herum, die das Problem aber eher verschärfen. Jüngstes Beispiel dafür sind die Elektro-Scooter. Ein paar Radwege, Elektro-Ladestationen und Elektro-Autos lösen aber exakt kein einziges Problem, sie werden selber zu einem Problem. Als Super-Lösung erscheint das Fahrrad.
Nun bin ich durchaus ein Freund der Fahrradisierung der Innenstadt. Aber nicht unter heutigen Bedingungen. In Bonn gibt es jetzt schon viele Bürgersteige, die wegen abgestellter Fahrräder, anderer Fahrzeuge und dem ganzen anderen Zeug für Behinderte unbenutzbar sind. Das gilt für Blinde mit ihrem Blindenstock, für Rollstuhlfahrer, für Rollator-Nutzer, für Personen mit Kinderwagen und so weiter. Auf die Straße auszuweichen ist teils nicht machbar und teils gefährlich. Wir können uns lebhaft vorstellen, was passiert, wenn auf den Bürgersteigen noch mehr Fahrzeuge, Ladestationen und so weiter dazu kommen.
Hinzu kommt, dass auch die Fahrradfahrer selbst eine Bedrohung sind. Ich stelle jeden Tag fest, dass auf Personen mit einem Blindenstock gar keine Rücksicht genommen wird. Warum muss man trotz ausreichend breiter Wege 10 Zentimeter an mir vorbei rasen, obwohl man den Stock genau gesehen hat? Ich kann nicht anders als das als asoziales Verhalten zu bewerten.
Die Fahrradfahrer fordern mehr Rücksichtnahme von Autofahrern. Gegenüber Fußgängern verhalten sie sich aber wie Rambos auf zwei Rädern. Ich habe tatsächlich nichts dagegen, wenn sie auf den Bürgersteigen unterwegs sind, aber mir leuchtet nicht ein, warum sie das nicht in einem vernünftigen Tempo tun. Wenn alle künftigen Radfahrer sich so verhalten, dann verzichte ich lieber auf die Verkehrswende. Nicht die Fahrradfahrer, sondern die Fußgänger und andere Nutzer des Bürgersteigs sind die am meisten gefährdete und behinderte Gruppe im Straßenverkehr.

Was zu tun ist

Man muss kein Verkehrs-Experte sein, um das Notwendige auszusprechen. Offenbar fällt es aber doch dem Laien, also mir, zu. Das Problem ist, dass wir den großen Wurf brauchen, denn das Rumgefrickel der letzten 40 Jahre hat die Probleme nur verschärft. Es müssen mehrere Maßnahmen parallel durchgeführt werden:

  • Der private Autoverkehr muss weitgehend aus der Innenstadt verschwinden. Das Car-Sharing muss konsequent gefördert werden, denn die meisten privaten autos stehen die meiste Zeit ihrer Existenz ungenutzt herum und tun nichts, als Platz weg zu nehmen.
  • Die Auto-Parkplätze insbesondere in den Innenstädten müssen reduziert und zu Abstellplätzen für Fahrräder und andere Kleinfahrzeuge umgestaltet werden. Am besten überdacht und mit einem passablen Diebstahlschutz.
  • Der ÖPNV muss massiv ausgebaut, billiger, zuverlässig und barrierefrei werden.
  • Das Tempo in der Innenstadt muss heruntergefahren werden: Tempo 30 ist vollkommen ausreichend. Parallel sollen Fahrräder und andere Klein-Fahrzeuge dazu berechtigt sein, die Straßen zu nutzen und zwar gleichberechtigt mit den verbleibenden Groß-Fahrzeugen. Den Groß-Fahrzeugen müssen sämtliche Vorrechte entzogen werden, die sie aktuell auf der Straße genießen. Es müssen keine neuen Radwege gebaut werden, für die in der Innenstadt ohnehin kein Platz wäre.
  • Die Bürgersteige sollen den Fußgängern, Rollstuhlfahrern, Rollator-Nutzern und anderen langsamen Personen vorbehalten bleiben, Maximal-Tempo 6 km/h. So können auch ältere Menschen, die elektro-Kleinfahrzeuge verwenden wollen, sich aber nicht auf die Straße trauen mobil bleiben. Die Kommunen müssen dafür sorgen, dass ausreichend komfortabel nutzbare Flächen freibleiben. Slalom-Laufen ist keine Lösung. In jedem Fall muss so viel Platz sein, dass zwei Personen aneinander vorbeigehen können, ohne dem Anderen auf die Pelle zu rücken.
  • Es braucht flexible und günstige Lösungen, auch für Behinderte, um Zentrum und Peripherie besser miteinander zu verknüpfen. Eine Möglichkeit sind barrierefreie Anruf-Sammeltaxis oder barrierefreies Car-Sharing.
  • Die Fußgänger und andere langsame Nutzer des Bürgersteiges sollen als gleichberechtigte Partei neben Klein- und Großfahrzeugen wahrgenommen und behandelt werden.

Es versteht sich von selbst, dass man für besonders herausgeforderte Personen wie Familien mit kleinen Kindern, Gehbehinderte, chronisch Kranke und so weiter besondere Lösungen braucht. Für den gesunden Durchschnitts-Bürger hingegen muss das Privat-Auto möglichst unattraktiv und der ÖPNV im gleichen Zuge möglichst attraktiv werden.
Heute ist genau das Gegenteil der Fall: Wer nicht muss, nutzt den ÖPNV nicht. Die Deutsche Bahn hat ihre Zuverlässigkeit in den letzten Jahren offenbar systematisch verschlechtert. Wir haben wie in vielen Bereichen seit Jahrzehnten Stillstand.
Weiterhin wird bei der Verkehrswende der zweite Schritt vor dem ersten gemacht: Der erste Schritt wäre, die Mobilitätsanlässe drastisch zu reduzieren. Zu den möglichen Maßnahmen gehören der Ausbau des Internet-Zugangs auch in der Peripherie, ein funktionierendes eGovernment, eine großzügige Home-Office-Regelung und der konsequente Einsatz von Fern-Kommunikation, um unnötige Dienstreisen zu verringern. Auch das sind Maßnahmen, von den viele behinderte Menschen profitieren könnten.

Fazit

Die Verkehrswende ist nur ein Aspekt, der uns beim Klimawandel betrifft. Vieles spricht dafür, dass uns Behinderte der Klimawandel besonders treffen wird. Fast alle Behinderten leben in Entwicklungsländern. Sie sind nicht mobil und den Folgen von Dürre und Überschwemmungen praktisch schutzlos ausgeliefert. Doch auch hierzulande sind viele Betroffen. Das Thema Strohhalme mag uns banal erscheinen, für die Betroffenen ist es durchaus relevant.
Umso wichtiger ist es, dass sich mehr Behinderte bei den Diskussionen um den notwendigen Wandel einbringen.
Ich finde es bedauerlich, dass einige Beteiligte versuchen, einen Generationen-Konflikt aufzumachen. Wenn eine Verkehrswende vernünftig gestaltet wird, können alle profitieren: Die Kinder und die Jugend, die Mittel-Alten und die Senioren. Denn im Grunde, das schrieb ich oben, ist niemand mit der heutigen Situation in den Städten zufrieden, selbst die Autofahrer wünschen sich heimlich, dass es weniger Autoverkehr und weniger aggressives Verhalten auf den Straßen gäbe.

Zum Weiterlesen

Barfuß-Schuhe – Vorteile für Blinde

Heute gibt es einen gänzlich untechnischen und uniklusiven Beitrag: Es geht um das Thema Barfuß-Schuhe und Blindheit. Für Sehende dürfte dieser Beitrag weniger interessant sein.

Was sind Barfuß-Schuhe

Barfußschuhe sollte man korrekter als Minimal-Schuhe bezeichnen. Sie haben eine sehr dünne Schuh-Sohle und auch der Rest ist sehr minimalistisch gestaltet. Sie sind sehr leicht, leichter als Sandalen oder als viele Hausschuhe.
Blinde Personen können von dem Trend zum Barfuß-Gehen profitieren. Das Gehen mit nackten Füßen ist für Blinde eher schwierig. Sie können weniger gut Pfützen, Scherben, Dreck und anderen Problemen ausweichen. Deswegen ist das Gehen mit Barfuß-Schuhen oder Minimal-Schuhen für uns sinnvoller. Gerade beim Laufen auf Wiesen besteht das Risiko, sich Zecken einzufangen oder mit anderen teils gefährlichen Insekten in Kontakt zu kommen, deshalb bin ich kein Freund des reinen Barfuß-Gehens.
Vorneweg sei vor all zu hohen Erwartungen gewanrt: Barfuß-Gehen gilt als das neue Allheilmittel. Weil Barfuß-Gehen zu unserer Natur gehört, soll es auch gut sein. Das ist in aller Regel Unsinn. Im Gegenteil: Ein zu schneller oder unsachgemäßer Umstieg kann schwere Schäden verursachen und dann ist die Kur schlimmer als das Problem, welches damit gelöst werden sollte, aber vielleicht gar nicht existiert oder andere Ursachen hat. Bei einer Vorschädigung des Haltungs-Apparats sollte unbedingt ein Arzt konsultiert werden, bevor man die Schuhe zuhause lässt.
Das Barfuß-Gehen die natürlichste Fortbewegungsart ist, mag stimmen. Doch auch wenn der Mensch zu hoher Bequemlichkeit neigt, haben viele Erfindungen ihren tieferen Sinn. Unsere Vorfahren sind überwiegend auf weichen Gründen gelaufen, wir laufen fast immer auf harten Böden, so dass wir beim Barfuß-Laufen abfedern müssen. Die tausendfachen Stöße beim Gehen auf harten Böden können insbesondere den Füßen, den Gelenken, Knien und dem Rücken schaden.

Die Vorteile für Blinde

Blinde rutschen häufig von Bürgersteigkanten ab, wobei der Fuß umknicken kann. Verstauchungen und Verletzungen sind bei Blinden relativ häufig. In konventionellen Schuhen bleibt der Fuß unbeweglich, die Sohle ist steif und häufig hat sie kein gutes Profil, wodurch der Fuß weniger in der Lage ist, ungerade Ebenen auszugleichen. Tritt man zuerst mit der Verse auf, erhöht sich das risiko, dass man Höhenunterschiede schlechter erkennt und ausgleichen kann.
Ist der Fuß nackt bzw. steckt in einem Schuh mit flexibler Sohle, tritt man anders auf. Höhenunterschiede können früher erkannt und frühzeitig ausgeglichen werden. Der Fuß kann außerdem durch seitliche Drehungen mit leichten Höhenunterschieden besser umgehen, weil er beweglicher ist.
Durch die dünnere Sohle von Minimalschuhen haben wir ein stärkeres Gespür für die Boden-Beschaffenheit. Gerade in der freien Natur empfinden es viele Menschen als angenehm, durch Gras, Sand oder Kies zu laufen. Da Blinden die visuelle Dimension fehlt, kommt für sie durch das Nutzen von Minimalschuhen eine neue Wahrnehmungs-Dimension dazu. Dieses neue Feeling kann sehr angenehm sein.

Anderes Gehen

Zu beachten ist, dass das Gehen in Barfuß-Schuhen sowie barfuß anders ist als das Gehen in konventionellen Schuen. Im Allgemeinen ist die Schrittlänge kürzer, das Auftreten weicher und der Gang langsamer. Das liegt daran, dass die Füße die Aufgabe der Dämpfung übernehmen müssen.
Wichtig ist, weich aufzutreten und abzurollen. Treten wir auf wie bei normal gepolsterten Schuhen, würden wir die Fußgelenke, die Knie, die Wirbelsäule und den Rest des Körpers bei jedem Schritt einem starken Stoß aussetzen. Auf Dauer würde das enormen Schaden anrichten. Deswegen sollte auch jeder mit einer Vorschädigung im Haltungsbereich zumindest einen Facharzt befragen, bevor er umsteigt. Die populäre Behauptung, man solle auf dem Vorfuß statt auf der Ferse auftreten, scheint falsch zu sein.

Bessere Orientierung und reichere Sinnes-Wahrnehmung

Barfuß-Schuhe können zu einer besseren Orientierung beitragen. Zwar sind die Böden in der Stadt im Wesentlichen gleich und weisen wenige spezifische Merkmale auf. Doch sind sie durchaus vorhanden: Es gibt Böden mit Rillen, mit unterschiedlichen Formen von Pflastersteinen, es gibt Gullis minimale Unebenheiten und noch einiges mehr. Das kann einem gerade bei Wegen, die man häufig läuft bei der Nah-Orientierung helfen. Man kann diese Eigenheiten mit Barfuß-Schuhen deutlich leichter erspüren als mit unflexiblen Schuhen.
Ein schöner Nebeneffekt ist, dass die Sinnes-Wahrnehmung bereichert wird. Jeder Blinde setzt seine Hände konsequent ein. Doch die Füße können ähnlich interessante Sinnes-Eindrücke vermitteln, das Potential ist groß, wird aber durch Schuhe und Socken verkümmert.

Nachteile für Blinde

Die Vor- und Nachteile von Barfuß-Schuhen im Allgemeinen sind viel diskutiert worden. Deshalb möchte ich hier nur auf die Nachteile für Blinde eingehen.
Die Schuhe sind vergleichsweise niedrig. Dadurch wirkt es sich stärker aus, wenn man etwa durch Pfüttzen läuft. Das Wasser schwappt bei tieferen Pfützen über den Rand des Schuhes, außerdem können die Hosenbeine schneller verschmutzt werden. Als ich eines Morgens über eine Wiese lief, hatte ich relativ viel Dreck an den Hosenbeinen eingesammelt, ohne es zu merken.
Da die Polsterung fehlt, können Sachen, die einem auf den Fuß fallen oder gegen die man tritt wesentlich mehr Schmerzen verursachen bzw. das Verletzungsrisiko erhöht sich. Man sollte in jedem Fall Schuhe verwenden, bei denen der Zehenbereich zusätzlich geschützt ist.

Fazit

Barfußschuhe gibt es in allen möglichen Varianten und Sohlen-Stärken. Am besten lässt sich im Fachgeschäft beurteilen, welches Modell zum eigenen Laufstil passt. Man sollte zunächst ein einziges Paar der avisierten Marke kaufen. Denn erst draußen stellt sich heraus, ob es sich in den neuen Schuhen gut läuft.
Am Ende muss jeder selbst entscheiden, was für ihn am beste funktioniert. Am Anfang sollte man es auf jeden Fall nicht übertreiben. Es dauert einige Monate, bis sich Muskeln, Sehnen und Faszien angepasst haben. Das heißt, am Anfang sollte man eher kurze Strecken damit gehen.
Ich habe mit günstigen Surfschuhen angefangen, um erst mal auszuprobieren, wie gut es funktioniert. Erst später bin ich auf bessere Schuhe umgestiegen.

Warum wir konstruktiver mit Behinderung umgehen müssen

Heute muss ich euch ein Geständnis machen – ich lese relativ wenige Beiträge zum Thema Behinderung – sei es Media classic oder Social Media. Das hat viele Gründe, unter anderem kommt da nichts mehr wahnsinnig Neues, wenn man schon fast zehn Jahre dabei ist. Ein anderer Grund ist aber, dass mich die Berichte auf Dauer frustrieren. Ich plädiere deshalb für einen konstruktiveren Umgang mit dem Thema Behinderung in den klassischen und sozialen Medien. Konstruktiv ist hier im Sinne von Constructive journalism gemeint, heißt, dass man den Fokus nicht nur auf negative Entwicklungen legt, sondern auch über positive Entwicklungen berichtet.

Behinderung ist nicht so schlimm oder?

Es gibt einen Grund-Widerspruch in der Behinderten-Bewegung, den sie bislang nicht auflösen konnte: Einerseits möchte sie zeigen, dass Behinderte durchaus nicht unglücklich sind, ein gutes Leben führen können, selbständig sein können und so weiter. Von den Medien wird gefordert, dass sie Behinderte nicht nur als Opfer darstellen sollen.
In der Praxis sind aber 90 Prozent der Beiträge, die von behinderten Menschen kommen und über ihre Situation handeln negativ gefärbt. Ich verzichte hier auf Beispiele, ihr mögt euch selbst einen Überblick verschaffen. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass in den klassischen Medien Behinderte häufig als Helden oder Opfer dargestellt werden, die Journalisten haben im Web recherchiert, wie es von ihnen erwartet wird und das ist das Ergebnis ihrer Recherche.
Nun liegt es in der Natur der Sache, dass Positives keinen Nachrichtenwert hat: Heute 100 Prozent der Flugzeuge sicher gelandet wird man wahrscheinlich nie in der Zeitung lesen. Und natürlich handelt es sich in jedem Fall um authentische, persönliche Erfahrungen, über die dieses Individuum das erste Mal berichtet.
In summa zeichnen diese Berichte aber kein positives Bild darüber, wie es ist, eine Behinderung zu haben. Und wenn man mehrere dieser Berichte von unterschiedlichen Individuen gelesen hat, verdichtet sich dieses negative Bild zur Gewissheit. Es gibt einen Effekt der Selbstverstärkung: Je mehr negative Erfahrungen man liest, desto stärker verdichtet sich das negative Bild und zwar sowohl bei Nicht-Betroffenen als auch bei Betroffenen selbst, obwohl Letztere es ja besser wissen sollten.
Kennt ihr das: Wenn doch mal jemand etwas Positives berichtet, wird früher oder später jemand kommen, der sagt, das sei die Ausnahme oder er wirft eine negative Erfahrung ein, was dann eine Kaskade an weiteren negativen Erfahrungen nach sich zieht. Anscheinend neigen wir eher dazu, negative Erfahrungen als den Regelfall zu betrachten und positive als Ausnahme.
Wenn umgekehrt jemand über negative Erfahrungen berichtet, wird man wahrscheinlich nur einzelne positive Stimmen finden. Die Meisten werden zustimmen, kurioserweise auch Nicht-Behinderte, die über gar keine eigene Erfahrung verfügen.
Auch das wirkt sich auf diejenigen aus, die gerade erst behindert geworden sind. Da sie selbst keine Erfahrungen machen konnten, haben sie keine andere Wahl, als diese Äußerungen für bare Münze zu nehmen. Was aber macht es auf Dauer mit den Leuten, wenn sie auf Dauer nur negativen Aussagen hören?

Frisch Behinderte vom Internet fernhalten?

Gelegentlich erreichen mich Anfragen von Personen, die frisch erblindet sind oder ihren Angehörigen, in der Regel Hilfeanfragen von Leuten, die auf meine Website gestoßen sind. Ich leite sie zum Blindenverein weiter, da ich nicht geeignet oder legitimiert bin, anderen Personen in dieser Situation zu helfen. Doch häufig berichten sie mir, dass sie sich schon auf Website X oder im Forum Y umgesehen haben und ob die Gesellschaft tatsächlich so blindenfeindlich sei.
Ich muss die Leute dann erst mal beruhigen: Ja, es gibt viele Probleme und es gibt viele Personen, die nicht hilfsbereit sind. Doch im Großen und Ganzen funktioniert es und die meisten Leute sind hilfsbereit oder guten Willens, aber unsicher.
Faktisch könnte ich den Betroffenen aber mit wenigen Ausnahmen keine Website oder Blog empfehlen, wo sie sich einen anderen Eindruck verschaffen könnten – inklusive meinem, da ich mehr über Barrierefreiheit als über Blindheit schreibe.
Nebenbei fällt mir auf, wie humorfrei die deutsche Behinderten-Szene ist. Mit ein paar Ausnahmen – die machen das in der Regel beruflich – könnte ich wiederum keine Website empfehlen, die humorvoll mit dem Thema Behinderung umgeht. Ich tue das ein wenig auf Twitter, bin da aber meiner Wahrnehmung nach die Ausnahme.
Interessant wäre in dem Zusammenhang, welchen Effekt das auf junge Engagement-Willige mit Behinderung hat. Wenn sie sich auf InstGramm oder Twitter die Kanäle jetziger Aktivisten anschauen, wird sie das motivieren, sich im Bereich Behinderung zu engagieren? Oder werden sie sich anderen Themen wie etwa dem Klimaschutz zuwenden. Ich sehe durchaus die Gefahr, dass der Behindertenbewegung der Nachwuchs ausgeht.

Was tun?

Hier also meine Lösungsvorschläge:
1. Es braucht neben den legitimen negativen Berichten auch positive Erfahrungen. Ich behaupte mal, fast alle Berichterstatter könnten über mehr positive als negative Erfahrungen berichten. So ließe sich auch ein negativer Bericht mit einem positiven Fazit schließen. Es verzerrt die Realität, wenn einem 999 Mal geholfen wird, man aber über das eine Mal berichtet, wo das nicht geschehen ist.
2. Ein wenig Humor schadet nicht. Ab und zu mal eine Anekdote oder ein Witz helfen gerade neu Betroffenen. Damit ist übrigens kein Sarkasmus gemeint, den versteht nämlich keiner und lustig ist er auch nicht.
3. Wenn man keinen positiven Effekt erzielen kann, sollte man sich überlegen, ob man nicht auf den Bericht verzichtet. Positiv heißt in dem Zusammenhang, dass man eine positive Änderung anstößt, jemanden zum Nachdenken bewegt oder einen Menschen positiv erreicht, der bisher nicht informiert war. Nicht positiv ist, die Leute zu erreichen, die ohnehin schon bekehrt waren, möglichst viele Likes und Retweets oder viele zustimmende Kommentare zu bekommen. Hier mal ein schönes Zitat von Sokrates, das wohl jede Generation nach ihm unterschreiben würde:

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

Heißt, wann immer man sich negativ über die Gesellschaft äußert, wird man zustimmende Kommentare bekommen. Die „Früher-war-alles-besser“-Fraktion neigt wie wir alle dazu, die Vergangenheit zu verklären. Wir alten Hasen wissen das natürlich und können mit einem nachsichtigen Lächeln oder Kopfschütteln über solche Bemerkungen hinweg sehen. Doch sowohl die frisch Betroffenen, ihre Angehörigen, aber auch die vielen Unbeteiligten können das nicht ohne weiteres und gerade für sie sollten wir mehr Verantwortung übernehmen.
4. Sprecht mehr persönlich miteinander: Das befremdlichste Phänomen auf Facebook sind Berichte von Behinderten, die über negative Erfahrungen mit ihren Mitmenschen berichten. Fragt man nach, kommt heraus, dass sie mit den Personen, die den Ärger verursacht haben gar nicht gesprochen haben. Natürlich ist das eine Form des Coping, also des Umgangs mit angestautem Frust. Andererseits hat dieses Coping für die Leser des Beitrages eher den gegenteiligen Effekt, ihr Frust steigt, weil die Welt so ungerecht zu Behinderten ist.
Abschließend passend zu diesem Beitrag ein weiteres Zitat von Sokrates:

Plötzlich kam ein Mann aufgeregt auf ihn zu. „Sokrates, ich muss dir etwas über deinen Freund erzählen, der…“
„Warte einmal, „unterbrach ihn Sokrates. „Bevor du weitererzählst – hast du die Geschichte, die du mir erzählen möchtest, durch die drei Siebe gesiebt?“
„Die drei Siebe? Welche drei Siebe?“ fragte der Mann überrascht.
„Lass es uns ausprobieren,“ schlug Sokrates vor.
„Das erste Sieb ist das Sieb der Wahrheit. Bist du dir sicher, dass das, was du mir erzählen möchtest, wahr ist?“
„Nein, ich habe gehört, wie es jemand erzählt hat.“
„Aha. Aber dann ist es doch sicher durch das zweite Sieb gegangen, das Sieb des Guten? Ist es etwas Gutes, das du über meinen Freund erzählen möchtest?“
Zögernd antwortete der Mann: „Nein, das nicht. Im Gegenteil….“
„Hm,“ sagte Sokrates, „jetzt bleibt uns nur noch das dritte Sieb. Ist es notwendig, dass du mir erzählst, was dich so aufregt?“
„Nein, nicht wirklich notwendig,“ antwortete der Mann.
„Nun,“ sagte Sokrates lächelnd, „wenn die Geschichte, die du mir erzählen willst, nicht wahr ist, nicht gut ist und nicht notwendig ist, dann vergiss sie besser und belaste mich nicht damit!“

Ich bin behindert – Ihr enthindert mich