Verdrängen Sprachausgaben und smarte Lautsprecher die Blindenschrift? – ein launiger Kommentar zum Braille-Tag 2020

mein name in brailleEigentlich wollte ich dieses Jahr nichts mehr zum Braille-Tag schreiben – irgendwie ist alles gesagt, nur noch nicht von mir. Dann stieß ich auf diese etwas merkwürdigen Diskussionen auf Twitter. Demnach verdrängen smarte Lautsprecher und Sprachausgaben Braille. Ich bin noch nicht alt genug, vermute aber, dass diese Diskussionen schon seit den 80ern geführt werden. Also, seitdem die synthetischen Sprachausgaben aufkamen.
Es erinnert mich ein wenig an die Sehenden-Diskussionen um den Verlust der Handschrift. Da werden esoterisch anmutende Thesen darüber angestellt, welche Verbindung zwischen der Bewegung der Hand beim Kritzeln und dem Denken bestehen. Wahrscheinlich denken die gleichen Leute auch, der amerikanische Geheimdienst könnte mit Mobilfunkwellen in ihren Kopf schauen.

Mehr Braille als je zuvor

Richtig ist, dass Braille heute präsenter ist als je zuvor: Schauen Sie in den Mediekamenten-Schrank, auf viele Broschüren oder Visitenkarten, Aufzüge, an die Sitze vieler Fernzüge und so weiter.
Es stimmt, dass es in vielen Fällen zu wenig Literatur in Braille gibt. das liegt aber daran, dass die Nachfrage nach solcher Literatur generell rückläufig ist. Es macht keinen Sinn, dass die Braillebibliotheken große Mengen an Büchern vorhalten, die so gut wie gar nicht ausgeliehen werden. Hier macht eventuell ein Print-on-Demand-Service Sinn, also die Produktion eines Buches erst, wenn es nachgefragt wird.

Die Sprachausgabe ist praktischer

Richtig ist aber auch, dass die Sprachausgabe in zahlreichen Fällen praktischer ist. Wenn man nicht von Kindesbeinen an Braille liest, ist es sehr schwer, ein angenehmes Lesetempo zu erreichen. Ich würde grob geschätzt 6 mal so lange brauchen, um meine Arbeit zu erledigen, wenn ich nur mit Braille arbeiten würde. Ja, durch die Übung würde ich irgendwann schneller werden, aber das Tempo der Sprachausgabe würde ich nie erreichen. Und hätte so keine Chance, effizient und konkurrenzfähig zu einem Sehenden zu arbeiten.
Die meisten Personen erblinden heute im Erwachsenen-Alter. Sie lernen wenn überhaupt erst spät Braille. Für sie sind Smartphones und die Lautsprecher nicht der beste, sondern oft der einzige Zugang zu Internet und Technologien.

Kein Verdrängen, sondern ein Nebeneinander

Die Schrift verdrängte das Gedächtnis, das Radio das Schreiben, das Fernsehen das Denken und dank dem Internet gibts kein Fernsehen mehr. Sie haben sich also nur eingebildet, gestern das Dschungel-Camp gesehen zu haben,
Insgesamt hat Braille weder an Bedeutung gewonnen noch verloren. Wie schon häufiger dargestellt geht es eher darum, dass die Gesamt-Zahl blind geborener Kinder und damit der nativen Braille-Leser zurückgeht. Wenn man von den blinden Viel-Lesern, den blinden Akademikern und ein paar anderen Hoch-Qualifizierten absieht, kommen die meisten Blinden tatsächlich ohne Braille oder mit sehr rudimentären Kenntnissen aus. Es sind vor allem die Berufstätigen, die es können sollten.
Richtig ist aber auch, dass das aktive Lesen von Braille im Berufs-Alltag wichtiger wird. Ich glaube, dass korrekte Orthografie und Braille-Lektüre stark miteinander zusammenhängen. Wenn man sich den Unsinn ansieht, den manche Blinde unkorrigiert mit der Spracherkennung eindiktieren zweifelt man daran, dass diese Personen eine Job-Perspektive haben werden.
Ansonsten ist aber klar, dass wir einen Mix unterschiedlicher Zugänge und Technologien brauchen. Für meinen Geschmack sind die smarten Lautsprecher immer noch zu dummm, sie können nach wie vor keine beliebigen Webseiten oder Bücher vorlesen. Wenn man in seinem Alltag Wege gefunden hat, ohne Braille auszukommen, freut mich das für diese Personen.

Die ungelösten Probleme von Braille

Ich bin weit davon weg, ein Experte für Braille zu sein. Mir scheint aber, dass wir die Probleme von Braille nach wie vor ungelöst vor uns herschieben. Der Katzenjammer bringt allerdings relativ wenig, ansonsten würden wir uns bemühen, sie zu lösen. Ich wiederhole sie noch mal, falls Sie einschlafen sollten, holen Sie sich doch eine Koffein-Tablette aus dem Medikamentenschrank, dann können Sie schon mal Braille-Lesen üben. Falls kein Braille auf der Medikamenten-Schachtel drauf steht, schreiben Sie eine böse Mail an den Hersteller.
1. Braille-Druck ist in der gesamten Produktions-Kette zu teuer, sowohl als natives Braille-Buch als auch bei Hybriden aus Braille- und Schwarz-Schrift.
2. Digitale Braillezeilen sind nach wie vor zu teuer. Braille-Schreibmaschinen sind nicht nur teuer, sondern schwer.
3. Braille ist vor allem für ältere Menschen schwer zu erlernen. Das hat natürlich was mit den Problemen des Lernens im Alter zu tun, aber auch mit der hohen Sensibilität, die zum Unterscheiden und Erfassen der Punkte notwendig ist.
Last not least gibt es schlicht zu wenige wohnort-nahe und finanzierbare Angebote für Spät-Lerner. Fast alles findet im Rahmen von Schulen, anderen Blinden-Einrichtungen und dann fast nur als Teil einer blindentechnischen Grundausbildung statt. Für Menschen, die nicht zur Schule gehen oder keine berufliche Reha erhalten ist es kaum möglich, Braille zu lernen. Zumindest in diesem Bereich könnten die Blindenverbände meines Erachtens mehr machen.

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