Am besten für lau – über die mangelnde Anerkennung behinderter Experten

Stilisierte Figur neben einem HakenIch stelle immer wieder fest, dass man als Experte nicht wirklich anerkannt wird – was das Monetäre angeht – wenn man im sozialen Bereich arbeitet.
Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass einigen Leuten die Kinnlade runterklappt, wenn sie die Beträge lesen, die wir fordern. Gerade wenn man noch nie mit Freiberuflern zu tun hatte, scheint man ganz falsche Erwartungen zu haben.
Aus den Antworten – oder häufiger Nicht-Antworten – kann man aber auch den Schluss ziehen, dass die Leute tatsächlich erwartet haben, dass wir unsere Arbeit für eine kleine Aufwandsentschädigung oder gar kostenlos erledigen. Die gleichen Leute haben aber kein Problem, vierstellige Tagessätze an Unternehmensberater zu zahlen.
Der übliche Ablauf sieht so aus: Ich werde meistens per Mail angefragt. Fast immer muss man den Leuten aus der Nase ziehen, was sie tatsächlich wollen. Dann schickt man ein Angebot und hört meistens nie wieder was von denen. Meine persönlichen Lieblinge sind diejenigen, die einen eine halbe Stunde am Telefon eine Beratung abluchsen lassen und dann nie wieder von sich hören lassen.
Ich lasse mich nicht dafür bezahlen, dass ich behindert bin, das ist keine besondere Leistung. Ich werde bezahlt für die Expertise, die ich mir im Laufe der Jahre angeeignet habe. Ich sehe mich weniger als Aktivisten, ohne diesen Begriff abwerten zu wollen und mehr als Experten.

Die Kosten der Selbständigkeit

Vielleicht mal als Einblick: Ein Freiberufler muss seine komplette Renten- und Krankenversicherung selbst zahlen. Ist man nicht in der Künstlersozialkasse, können das gerne mal 800 € und mehr pro Monat sein. Man möchte nicht ständig zuhause rumhängen, also soll es ein Büroplatz sein, roundabout 250 € Minimum im Co-Working, je nach Lage kann es aber auch deutlich mehr sein. Technisch muss man möglichst gut ausgestattet sein, ein gutes und vor allem reisefestes Notebook, ein ordentliches Smartphone, ein Tarif mit reichlich Volumen, diverse Adapter (ihr würdet nicht glauben, wie viele Einrichtungen noch Beamer mit VGA betreiben). Dazu kommen viele andere Dinge wie eine BahnCard, eine Website, Software-Lizenzen, diverse Versicherungen und vieles mehr.
Und weiter gehts, natürlich ist es nett, wenn jemand die Reise- und Übernachtungskosten übernimmt. Allerdings kann ich in der Zeit, in der ich an Bahnhöfen oder in der Bahn stehe nichts anderes machen. Diese Zeit muss man also als Arbeitszeit mit kalkulieren.
Natürlich kommen nach einigen Dutzend Schulungen und Vorträgen zahlreiche Materialien zusammen. Sie wurden in vielen Stunden Arbeit erstellt. Sie müssen stetig aktualisiert und natürlich für die jeweilige Zielgruppe optimiert werden. Ein halber Tages-Workshop kostet also ungefähr einen halben Tag Arbeit.
In der Regel sind die Kosten und der Stress für einen behinderten Referenten auf Dienstreise höher. Oft finden die Veranstaltungen irgendwo in der Pampa statt. Unter Pampa fallen bei mir auch Bahnhöfe ohne Lautsprecherdurchsagen oder Taxistand. Ohne Assistenz würde ich solche Aufträge gar nicht annehmen.

Nicht-barrierefreie Ausschreibungen

Eine öffentliche Stelle ließ mir letztes Jahr eine Ausschreibung für einen 1-Tages-Workshop in Berlin zukommen. Es waren glaube ich rund ein Dutzend Dokumente, PDFs, Excel-Tabellen und weiterer Schmus, ich muss nicht erwähnen, dass nichts davon barrierefrei war. Eine Uni schickte mir eine Ausschreibung als PDF, die aus eingescannten Bildern bestand, für Blinde also unzugänglich. Ich habe sofort verstanden, warum sie Support für Barrierefreiheit brauchten.
Ich schätze, dass ich mit Assistenz mindestens einen halben Tag allein für die Ausschreibung gebraucht hätte. Natürlich gibt es viele kompetente Leute in Berlin, so dass ich dankend abgesagt habe.

Mangelnder Respekt

Im Grunde ist es schon frech, die Auftraggeber erwarten schnelle Angebote und zuverlässige Erbringung. Aber von selbst mitzuteilen, dass man sich für einen anderen Anbieter entschieden hat, so viel Verbindlichkeit darf man von ihnen nicht erwarten. Man sollte dazu sagen, dass viele dieser Ausschreibungen schon einen halben Tag oder mehr erfordern, um sie auszufüllen. Sollte man dabei einen Fehler machen – das passiert schnell, wenn man blind ist – wird man ohne Weiteres nicht berücksichtigt. Das Wort „unverbindlich“ wird von den potentiellen Auftraggebern gerne großzügig ausgelegt.
Vieles davon trifft natürlich auch auf die nicht-behinderten Freiberufler zu. Doch habe ich durchaus den Eindruck, dass im im sozialen Bereich der Respekt vor dem Experten noch geringer ist. Arbeitet man mit Menschen, wird selbstverständlich erwartet, dass man günstig oder umsonst arbeitet. Niemand würde aber erwarten, dass der Maler das Haus umsonst streicht oder der Programmierer die Datenbank für ein kaltes Buffet inklusive Getränke fertigstellt.

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