Blinde und Schlaflosigkeit – die Mode-Diagnose Non 24

Schlaflosigkeit ist unter Menschen mit Blindheit weit verbreitet. Allerdings kommt Schlaflosigkeit unter Blinden nicht wesentlich häufiger vor als unter Sehenden. Warum sich Non 24 trotzdem wie ein Lauffeuer in der Szene verbreitet, möchte ich in diesem Beitrag zeigen. Non 24 ist ein Beispiel aus dem Lehrbuch für eine Mode-Diagnose.

Warum Blinde unter Schlaflosigkeit leiden

Zu wenig Schlaf zu haben ist eine Volkskrankheit, allerdings in gewisser Weise auch ein Statussymbol. Wer geht schon morgens ins Büro und sagt, er habe von gestern auf heute 9 Stunden geschlafen? Er gilt entweder als Faulpelz oder als jemand, der keine Freunde hat. Ist man nicht gerade erkrankt, sollten es sechs Stunden sein, am Wochenende vielleicht 8. Wer sich eines regen Nacht- und Sexuallebens rühmen kann oder wahlweise die Nacht durchgearbeitet hat, der gilt als Partylöwe, sexual erfolgreich oder als ehrgeizig. Wer sich nachts die letzten 20 Folgen von Game of Thrones reingezogen hat, gilt nicht mal als verschroben.
Zudem gibt es natürlich die Störung des Nacht-Wach-Rhytmus, die heute zum Alltag gehören. Bis spät in die Nacht sitzen wir vor Geräten mit einem hohen Blaulicht-Anteil oder verwenden künstliches Licht, welches unseren Tag-Wach-Rhytmus beeinflusst. Heute schaut man zuerst aufs Handy, dann in den Spiegel, dann in den Himmel, bei letzterem bin ich mir aber nicht sicher. Auch wenn jemand keine bewusste Lichtwahrnehmung hat, kann das Licht aus unterschiedlichen Quellen auf den Körper einwirken.
Der zweite wichtige Faktor ist der Konsum von Stimulanzien. Kaffee, Cola, Tee in verschiedenen Varianten, Zucker, Zigaretten und Alkohol wirken sich auf unterschiedliche Weise auf den Schlaf aus. Kaffee bis in den Nachmittag, das Feierabend-Bierchen und der Absacker am Abend tragen leider nicht zu einem gesunden Schlaf bei. Hinzu kommen eventuell noch Medikamente.
Dritter wichtiger Faktor ist der Mangel an Bewegung. Bis vor nicht all zu langer Zeit war der Mensch im Wesentlichen ein Bewegungstier. Die digitale Technik hat uns neben all ihrer Segnungen auch einen Trend zu weniger Bewegung gebracht. Einkäufe, Post, Bankgeschäfte – wenn man wollte, bräuchte man heute gar nicht mehr aus dem Haus zu gehen, um fast alle Angelegenheiten des täglichen Lebens zu erledigen. Der Körper ist nicht ausgelastet und daher tritt auch das Müdigkeitsgefühl spät oder gar nicht ein. Das kann für Blinde, die eventuell keinen Sport machen oder nicht berufstätig sind umso mehr gelten.
Dazu sind Smartphones und andere Gadgets ein stetiger Quell der Ablenkung. Es würde mich nicht wundern, wenn wir tatsächlich mitten in der Nacht durch einen biologischen Mechanismus aufgeweckt werden, um auf unser Smartphone zu schauen, ob es was Neues gibt. Solch ein Mechanismus hätte zu anderen Zeiten mit natürlich wichtigeren Gründen durchaus Sinn gemacht. Das Smartphone verkürzt unsere Schlafzeit, obwohl es nur neben dem Bett liegt.
Und dann gibt es natürlich noch eine Reihe physiologischer Gründe, die nichts mit Blindheit zu tun haben: Übergewicht, Bluthochdruck, Atemaussetzer, Schnarchen, Schlafamnoe, Schilddrüsenunterfunktion, psychische Belastungen etc. Das alles lässt sich im Schlaflabor abklären. Das alles gilt natürlich auch für Blinde.

non 24 – ein Musterbeispiel für eine Mode-Diagnose

Nun gibt es Blinde, deren Tag-Wach-Rhytmus tatsächlich wegen der Blindheit selbst gestört ist. Denen sollte natürlich geholfen werden. Ansonsten ist Non 24 allerdings ein Musterbeispiel für eine Mode-Diagnose, mit der sich die Pharmabranche die Taschen füllt. Googeln Sie einfach mal nach Non 24 und schauen Sie in das Impressum der Websites, die dazu weit oben stehen.
In Deutschland ist es wesentlich schwieriger, diese Modediagnose in den Markt zu drücken. In den USA, wo die meisten großen Pharmakonzerne beheimatet sind, und viel mehr Blinde als in Deutschland leben, ist die Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente an Endverbraucher nicht nur erlaubt, sondern der übliche Weg, um Mode-Diagnosen in den Markt zu drücken. Die Pharma-Industrie ist einer der gewinnträchtigsten Wirtschaftsbereiche der Welt. Und nebenbei auch einer der skrupellosesten: Da werden Abgeordnete bestochen, es werden Selbsthilfe-Organisationen unterwandert, Ärzte werden korrumpiert – es ist vielleicht eines der schmutzigsten Branchen, die sich im Halbschatten der Legalität bewegen – moarlisch verwerflich, aber wahrscheinlich im wesentlich legal. Das Unwichtigste in diesem Geschäft sind die Patienten und deren Gesundheit.
So ist zu lesen, dass jeder zweite Blinde an Schlaflosigkeit leiden würde. Die Frage bleibt offen, ob es sich um Vollblinde handelt – die einen relativ geringen Anteil unter den gesetzlich Blinden ausmachen – ob dieser Anteil höher ist als unter der Gesamtbevölkerung und ob diese Probleme auf eine gestörte Lichtwahrnehmung zurückzuführen sind.

Was tun

Die kleine Zahl von Blinden, die an blindheits-bedingter Schlaflosigkeit leiden, sollte natürlich angemessen behandelt werden. Wie oben gezeigt, gibt es mindestens ein halbes Dutzend Gründe, warum Sie an Schlaflosigkeit leiden könnten.
1. Gehen Sie bitte nicht zum Arzt und verlangen ein bestimmtes Medikament. Lassen Sie stattdessen im Schlaflabor untersuchen, ob einer der anderen Erkrankungen auf Sie zutrifft, insbesondere dann, wenn andere Erkrankungen wie Adipositas oder Bluthochdruck vorliegen. Dann werden Ihnen nämlich die Non-24-Medikamente nichts bringen.
2. Seien Sie generell kritisch: Schauen Sie immer ins Impressum der Website, auf der Sie sich informieren. Leider sind die Zeiten, in denen wir uns auf Nachrichten-Magazine verlassen konnten, endgültig vorbei. Auch dort werden häufig fast unverändert Pressemeldungen der Pharma-Konzerne veröffentlicht. In den Redaktionen fehlt es an Zeit, Sachverstand und kritischem Geist.
3. Das Letztere gilt meines Erachtens auch für die Publikationen und Verlautbarungen der Selbsthilfe-Organisationen: Die Pharma-Konzerne sind sehr subtil und geschickt dabei, ihre Informationen in der Selbsthilfe unterzubringen. Mittlerweile sind sie auch in einschlägigen Facebook-Gruppen präsent und versuchen auch, Aktivisten einzuspannen. Ich selbst bin mehrfach angesprochen worden und habe das abgelehnt.
4. Sie mögen einwenden, dass ein Medikament gegen Schlaflosigkeit im Grunde unschädlich ist. Das ist es sicherlich nicht. Es gibt kein – in Worten kein – Medikament mit einer nennenswerten Wirkung ohne Nebenwirkung. Wenn die Schlaflosigkeit andere Ursachen hat, wirkt es halt nicht gegen die Schlaflosigkeit. Sie haben Zeit und Ressourcen verschwendet, die sinnvoller eingesetzt werden könnten.
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