Das Unbehagen an der Behinderten-Kultur

Der Behinderten-Aktivismus hat in den letzten Jahren einerseits an Fahrt aufgenommen. Subjektiv wurde nie so viel über Behinderung und Inklusion geredet, wurde nie so viel über behinderte Menschen geschrieben und wurden ihre Probleme nie so stark thematisiert wie heute.
Andererseits stehen wir heute meiner Ansicht nach an einem Wendepunkt. Wir müssen uns entscheiden, in welche Richtung wir wollen. Als Enfant Terrible der Blinden bleibt mir wohl die Aufgabe überlassen, den Finger in die offene Wunde zu legen.

Der Pseudo-Aktivismus auf Twitter und Co.

Das Phänomen der Filterblase ist schon lange bekannt und hat sich durch Internet und Web 2.0 lediglich verschärft.
So dienen Tweets und Retweets weniger dem Aktivismus als vielmehr der Selbstpositionierung und der Selbstdarstellung. Man möchte zeigen, wie progressiv und liberal man ist. Dass man selbst keine Schwulen, Migranten oder Behinderten im freundeskreis hat – und auch nicht haben möchte – was solls? Es verschafft eben ein gutes Gefühl, auf der richtigen Seite zu sein und es kostet ja nix, solchen Personen zu folgen oder ihre Tweets zu teilen.

Die Publikumsbeschimpfung ohne Publikum

Altbekannt ist das geflügelte Form vom Priester, der bei den anwesenden Messe-Besuchern über die Leute schimpft, die nicht erschienen sind. Vielleicht hofft er ja, dass es durch Telekinese an die Abwesenden übertragen wird.
Das ganze Elend der Debatte zeigt sich daran, dass es den Pseudo-Aktivisten an dem Mut fehlt, Ross und Reiter zu nennen. Es wird also nicht eine konkrete Person oder Organisation genannt, die das Unrecht verursacht hat, sondern nur allgemein in der Filterblase über ominöse Ungerechtigkeiten beschimpft. Wäre ja auch doof, wenn die Angegriffenen eine Gegendarstellung verfassen oder gar zum Gegenangriff ansetzen würden. Eben Pseudo-Aktivismus, der nur der Selbstbestätigung dient. Ich kann das beim besten Willen nicht ernst nehmen.

Elitäre Probleme

Wir haben sowohl in der Migrantenkultur als auch im Behinderten-Aktivismus ein Elitenproblem: Es ist eine überdurchschnittlich gut gebildete und eloquente, aber sehr kleine Gruppe von Personen, die quasi als Klassensprecher ihrer Peer Group die Probleme artikuliert. Spricht man aber mit „normalen“ Leuten, sind die Probleme doch ganz andere. Da gehts um Wohnungssuche, Autoumbau oder das Problem, wer die geistig behinderten Kinder betreut, wenn die Eltern nicht mehr da sind, die aber als Einzige in der Lage waren, mit dem Kind adequat zu kommunizieren. Wie der Behindertenausweis heißt, ob Behinderte leidend genannt werden dürfen oder ob Inklusion eigentlich Integration ist, das steht auf der Agenda dieser Personen ziemlich weit unten. In der Regel nehmen sie diese Diskurse gar nicht wahr. Schauen Sie einfach mal in ein Forum wie Rehakids oder in die einschlägigen Facebook-Gruppen – so als kleinen Realitätscheck zwischendurch.
Machen wir das einfach mal an einem Beispiel aus einem anderen Bereich fest: Aktuell etabliert sich offenbar der Begriff „people of color“ für – ja, für wen eigentlich? Es scheint so ein Begriff zu sein, den sich Akademiker ausgedacht haben, so konkret, dass jeder glaubt zu verstehen, was gemeint ist, aber niemand es erklären kann. Wer würde sich denn ernsthaft selbst als person of color bezeichnen? Absurd wird es, wenn die Probleme von „people of color“ von diesen Elite-Migranten benannt werden: „Wo kommen Sie denn her?“ Ich frage so ziemlich jeden Deutschen, woher er kommt und von denen ist wohl noch niemand auf die Idee gekommen, ich sei deutschenfeindlich. Ich beneide Leute, deren größte Rassismus-Erfahrung in dieser Frage besteht.

Was resultiert daraus?

Sie haben bis hierher gelesen und fragen sich sicherlich, was der alte wieder für ein Gewäsch macht. Das ist doch wieder so ein Eliten-Diskurs, werden Sie vielleicht denken und in gewisser Weise haben Sie Recht. Doch folgen tatsächlich negative Konsequenzen für uns alle. Lassen Sie mich ein paar aufzählen.
Es ist bekannt, dass eine negative Stimmung sich selbst verstärkt. Wer überall nach positiven Aspekten sucht, wird sie eher finden. Wer aber überall nach vermeintlicher Diskriminierung sucht, wird sie auch überall finden. Das verstärkt die ohnehin pessimistische Stimmung, die ich in der Behindertenszene wahrnehme. Überlegen Sie einmal, wann Sie das letzte Mal eine positive Erfahrung oder humorvolle Bemerkung von einem Behindertenaktivisten gehört haben, wir lassen mal Sarkasmus und Zynismus außen vor.
Das liegt natürlich auch daran, dass man mit negativen Geschichten eher wahrgenommen wird: Es ist der berühmte Nachrichtenwert: Niemand wird darüber berichten, dass der Hund den Postboten freudig begrüßt hat, aber wenn der Postbote dem Hund auf die Pfote tritt, wird es garantiert in der gleichen Sekunde auf Facebook gepostet, gespickt mit lauter bissigen Kommentaren über die Post.
Solch eine negative Stimmung kann dazu motivieren, sich zu engagieren. Aber oft genug bewirkt sie das Gegenteil: Junge Menschen werden sich ein Feld suchen, in dem ihr Engagement vielversprechender und erfolgversprechender ist. Schauen Sie sich einfach einmal das Durchschnittsalter der Aktivisten an, die Meisten sind über 50, wenige unter 50, ganz wenige unter 40 und unter 30-jährige können Sie mit der Lupe suchen.
Negativ sind auch die Effekte für frisch Behinderte oder deren Angehörige. Wenn Sie die einschlägigen Blogs und Gruppen lesen, stoßen sie nur auf negative Berichte und Erfahrungen. Frisch Erblindete trauen sich kaum noch, vor die Türe zu gehen aus Angst, schlecht behandelt zu werden oder keine Hilfe zu bekommen. Natürlich gehören solche Erlebnisse dazu, aber sie verfälschen das Gesamtbild. Die Personen sind häufig total verängstigt – wohlgemerkt ohne eine einzige negative Erfahrung gemacht zu haben. So bewirken die Erfahrungsberichte im Grunde das Gegenteil von dem, was sie erreichen sollten, nämlich die Leute aufzubauen.

Ich bin behindert – Ihr enthindert mich