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Warum private Anbieter zur Barrierefreiheit verpflichtet werden sollten

Besenbinder, Physiotherapeut, Arbeitsloser oder Frührentner – das sind leider bis heute die wesentlichen Bereiche, auf die sich die Erwerbstätigkeit – oder Nicht-Erwerbstätigkeit – blinder Menschen beschränkt. Dennoch hat sich in den letzten Jahren viel getan.

Die Vorleser

Blinde Juristen sind in Deutschland schon seit Jahrzehnten keine Seltenheit. Dabei ist es mir immer ein Rätsel geblieben, wie sie es im Prä-Computer-Zeitalter geschafft haben, die gewaltigen Mengen an Literatur zu bewältigen. Studieren in einer Geisteswissenschaft besteht im Wesentlichen aus drei Dingen: Lesen, lesen, lesen.
Natürlich gab es die Vorlesekräfte, die bis heute einen unverzichtbaren Job machen. Aber es ist dennoch eine ganz andere Sache, sich selbst in die Bibliothek zu stürzen. Es ist ein großes Talent an Organisation erforderlich, um alle nötige Literatur auflesen zu lassen. Was oft auch vergessen wird: Ein Sehender kann einen Text wesentlich schneller lesen als ihn vorzulesen. Ein geübter Leser kann mindestens vier Mal schneller lesen als vorlesen. Es geht also jede Menge Zeit verloren.
Durch die Technik ist das alles heute einfacher. Zwar haben Sehende immer noch ein für Blinde unerklärliches Faible für bedrucktes Papier. Dennoch kann heute im Business-Bereich fast alles digital erledigt werden. Im Behördenverkehr ist das leider noch nicht so, aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben.

Keine Hilfstechnik – kein Job
Mehr noch: Keine Gruppe hat von der Digitalisierung derart stark profitiert wie die Blinden. Viele kaufmännische Berufe ließen sich ohne Hilfstechnik nicht bewältigen. Der unterste Sachbearbeiter muss seine Tabellen mit Excel und nicht mit Tinte und Bleistift erledigen. Durch die Digitalisierung sind also berufliche Wege möglich geworden, die für die Meisten von uns früher schwierig oder gar nicht zu bewältigen wären.
Ich selbst könnte meinen Job als Online-Redakteur ohne Digitalisierung und Hilfstechnik gar nicht erledigen. Das Kaufmännische liegt mir nicht, das Handwerkliche sowieso nicht und kein Arzt wäre so verrückt, mich auf seine physiotherapiebedürftigen Patienten loszulassen.

Barriereunfreie Software = kein Job

Das merkt man vor allem, wenn man immer wieder auf Business-Lösungen trifft, die nicht barrierefrei programmiert wurden. CRM, ERP, DMS – ein Haufen Abkürzungen für teils sehr komplexe Programme. Faktisch wird es schwierig, wenn man in einer Firma arbeiten möchte, deren Anwendungen nicht barrierefrei programmiert wurden. In meinen Augen ist das eine klare Diskriminierung blinder Menschen am Arbeitsplatz. Im Business-Bereich sollten alle Programme von Anfang barrierefrei gestaltet sein. Da das mit der Freiwilligkeit nicht so richtig funktioniert hat, sollte das gesetzlich verpflichtend sein. Nur so können wir sicher stellen, dass zukünftige Arbeitsplätze für Blinde zugänglich sein werden.
Es ist kaum absehbar, wie sich die Arbeitswelt längerfristig entwickelt. Sicher ist, dass die Software eher wichtiger als unwichtiger wird. Sogar Google und Microsoft, die das Thema großteils verschlafen haben, geben sich jetzt mehr Mühe. Von den deutschen Software-Schmieden und Verbänden wie der IHK und der BITKOM hört man hingegen erschreckend wenig.
Viel wäre schon geholfen, wenn die öffentlichen Einrichtungen ihre Software-Richtlinien bei der Beschaffung entsprechend anpassen würden. Zählt man alle Behörden zusammen, hat man ein gewaltiges Volumen an Software-Nachfrage. Wenn all diese Software barrierefrei programmiert werden würde, würde der Markt gewaltig ins Rutschen geraten. Es gäbe mehr in Barrierefreiheit geschulte Software-Entwickler und nebenbei ein neues Betätigungsfeld für blinde Anwendungsentwickler. Ich stelle immer wieder erstaunt fest, wie schlecht barrierefrei Software sein kann, wenn kein behinderter Mensch an der Entwicklung beteiligt war. Manche Entwickler scheinen ernsthaft zu glauben, sie könnten einen anständigen Screenreader-Test durchführen, obwohl sie keine Ahnung haben, wie Blinde mit Software umgehen.
In diesem Zusammenhang darf eine Kritik an den Hilfsmittel-Anbieter nicht fehlen. Die Update-Politik von Freedom Scientific ist eine reine Unverschämtheit, weshalb mir Jaws nicht ins Haus kommt. Trotz des stolzen Preises bittet die Firma für Major-Updates ordentlich zur Kasse. Mitschuld daran sind die Blinden, die diese absonderliche Politik unterstützen, schließlich muss ja wer Anderes die Rechnung bezahlen. Da die Kostenträger nur rund alle fünf Jahre Neuanschaffungen finanzieren, kann es passieren, dass man einige Jahre mit veralteter Software allein gelassen wird. Im Business-Bereich kommen in fünf Jahren rund zwei neue Software-Versionen heraus. Jaws erweist sich somit als zusätzlicher Hemmschuh für den Fortschritt.

Fazit

In meinen Augen liegt deshalb der Schlüssel zur Verpflichtung privater Anbieter zumindest im Software-Bereich im Bereich Arbeit. Wer eine barrierefreie Arbeitswelt möchte, muss für barrierefreie Software sorgen.

Zum Welt-Braille-Tag 2016 – Braille schafft Begegnung

Als Kind war es für mich ein Graus, die Brailleschrift zu lernen. Erst heute weiß ich sie zu schätzen, nicht zuletzt, weil ich durch die Blindenschrift oft neue Leute kennen lerne.
Ich war vielleicht zwölf Jahre alt, als ich die Brailleschrift lernte. Damals besuchte ich eine Sehbehindertenschule. Vielleicht rührte meine Abneigung gegen die Blindenschrift daher, dass ich zu den wenigen Schülern gehörte, die sie lernen mussten. Als Kind fürchtet man ja nichts so sehr wie das Anderssein. Vielleicht spürte ich aber auch damals schon, dass mir das Schicksal der Erblindung drohte.
Ich erinnere mich noch heute vor allem an die alte Blista-Punktschriftmaschine und ihr lautes Hämmern mit dem sie die Zeichen ins Papier stanzte. Es gibt wohl kein besseres Krafttraining für die Finger, eine mechanische Schreibmaschine ist dagegen leichtgängig.
Als der Kurs zu Ende war, hatte ich nichts Besseres zu tun, als alle meine Punktschrift-Blätter ins Altpapier zu geben. Ich lernte sehr bald Sprachausgaben und Hörbücher kennen und ging davon aus, Braille nie wieder nutzen zu müssen.
Doch irgendwann, ich war vielleicht 30, habe ich mir gedacht, das kann doch nicht wahr sein. Ein Blinder, der kein Braille liest ist wie Weihnachten ohne Schnee. Ich begann also, mich mühsam wieder an Braille heranzutasten. Leider habe ich bis heute kein komfortables Lesetempo erreicht, aber ich bin stolz darauf, fast jeden Tag ein paar Seiten zu lesen.
Obwohl ich ein Fan digitaler Braillezeilen bin, habe ich mir ein gedrucktes Buch besorgt. Der Vorteil ist, dass ich auch bequem zwischendurch lesen kann, ohne Computer und Braille-Display auszupacken. Braille lenkt den Leser nicht so stark von Durchsagen ab wie Hörbücher, Sprachausgaben und Musik. Man hat die Ohren frei und ist trotzdem beschäftigt.
Ein unerwarteter Nebeneffekt war, dass ich über die Brailleschrift zahlreiche neue Bekanntschaften geschlossen habe. Viele Leute scheuen sich davor, einen Blinden auf der Straße oder in der Bahn anzusprechen. Entweder ist er mit seinem Blindenstock oder mit seinem Smartphone beschäftigt. Auch wenn er nur da sitzt, wirkt das auf Sehende eher abschreckend, vielleicht meditiert er ja. Aber ein Braillebuch scheint den Bann zu brechen. So wie sich Raucher oder Hundebesitzer automatisch solidarisieren, scheint die Brailleschrift die Scheu vor dem Erstkontakt zu nehmen.
So unterhielt ich mich mit einer älteren Frau fast eine ganze Bahnfahrt lang über Bücher. Ein jüngerer Student war so fasziniert von dem Typen, der mit dem Finger liest, dass er unbedingt ein Foto machen wollte. Hoffentlich hat er nichts Verrücktes mit dem Bild angestellt. Ein Kind quetschte mich eine halbe Stunde lang über Blindheit aus. Ohne Braille wäre das nicht passiert.
Die große Liebe habe ich über Braille nicht gefunden – noch nicht – aber Braille kann als Eisbrecher gute Dienste leisten.

John F. Kennedy: Was er in Berlin wirklich sagte.

Um kaum einen amerikanischen Präsidenten ranken sich so viele Mythen wie um John F. Kennedy. So soll zum Beispiel das F in seinem Namen für „fucking good“ stehen. Doch hat Blind-Text inzwischen ein weiteres finsteres Geheimnis aufdecken können.
Eine der bekanntesten Reden Kennedys ist sicherlich die Rede anlässlich seines Berlin-Besuchs. Doch hat Kennedy tatsächlich jene berühmten Worte „Ick bin ein Börlinör“ gesprochen? Neueste Audio-Analysen von Blind-Text zeigen, das er eigentlich „Ick möckte einön Börlönör“ gesagt hat. Wie konnte es zu solch einem fatalen Mißverständnis kommen?
Wir fragen Jan Trapolta, Poltergeist und Ghost-Writer bei den Kennedys: „Johnny war ziemlich nervös vor der Rede erzählt Trapolta, und ich hatte ihm während des Fluges von diesem wunderbaren Gebäck namens Berliner erzählt, um ihn zu entspannen. Er meinte, er werde Will I. Feuer, den damaligen Bürgermeister, nach so einem Börlinör fragen.
Kennedy machte sich eine Notiz darüber. Doch fatalerweise nahm er keinen Notizblock, die wurden erst 1998 von Steve Jobs erfunden, sondern schrieb die Erinnerung direkt in sein Redemanuskript.
Trapolta weiter: Johnny war eigentlich mehr Holzpuppe als Mensch. Er las einfach nur vor, was du ihm vorher aufgeschrieben hast. Und so ist dieser Satz gefallen.
Gott sei Dank hatte Will I. Feuer von seinem Nachbarn aus Ost-Berlin eine Zensur-Funktion ausgeliehen. Niemand merkte, dass Kennedy mit einer Sekunde Zeitverzögerung übertragen wurde. Diese Sekunde gab den Zensoren Zeit genug, die Passage abzuändern. Und so hörten die Zuhörer jenen falschen Satz, der kennedy zu größter Beliebtheit in Deutschland verhalf.

ReCap – Zukunftskongress der Inklusion

Wer am 2. und 3. Dezember auf Twitter war und sich für Barrierefreiheit interessiert, hat sicher etwas vom Zukunftskongress Inklusion 2025 mitbekommen. Die Diskussionen waren recht vielfältig, so dass ich hier nur ein paar Gedankenfetzen auffangen möchte, mit denen wir als Accessibility-Experten und Interessierte uns schon heute beschäftigen werden müssen. Wenn die Videos im Internet stehen, werde ich hier darauf hinweisen.

Verschärft die Inklusion die Exklusion?

Wie so oft stellt sich auch bei der Barrierefreiheit die Frage, ob die Inklusion der Einen die Exklusion der Anderen verschärft.

So hat sich die Barrierefreiheit für blinde Menschen in den letzten 20 Jahren drastisch verbessert. Vor sechs Jahren hat noch niemand von einem ab Fabrik blindentauglichen Handy geträumt. Als ich 1996 das erste Mal alleine mit der Bahn fuhr, gab es kaum Durchsagen in den Bahnhöfen oder in den Zügen, heute gehören sie zum Standard.

Andererseits hat sich für Gehörlose, Lernbehinderte oder Taubblinde wesentlich weniger getan. In der BITV 2.0 werden sie kaum berücksichtigt, bei der Informationstechnik bleiben ihre Bedürfnisse im Wesentlichen unbeachtet und die Bahn scheint sie einfach zu ignorieren. Im Grunde befinden wir uns also in einer Situation, in der bestimmte Gruppen von Behinderten Anderen gegenüber privilegiert sind. Dafür werde wir Lösungen finden müssen.

Big Data – Geschenk oder Belastung?

Selbstvermessung und das Internet der Dinge versprechen den nächsten Schub bei der digitalen Barrierefreiheit.

So werden die Smartphones in der Lage sein, mit den Dingen in unserer Umgebung zu kommunizieren und so eine wesentlich genauere Standortbestimmung und Navigation zu ermöglichen. Jede Ampel und jeder Zebrastreifen kann seine eigene IP-Adresse bekommen und mich dadurch metergenau lotzen. Die Ampel sagt meinem Smartphone – oder was immer wir dann mit uns herumtragen – ob sie grün ist, Sensoren im Boden teilen mir mit, ob die Straße gerade frei ist. Die S-Bahn teilt mit, wohin sie fährt und das Gebäude, zu dem ich will beschreibt mir den schnellsten Weg, wie ich zu ihm komme. Das alles ist heute schon möglich und nur noch eine Frage des Aufbaus einer entsprechenden Infrastruktur und deren informationstechnischer Integration in ein Gesamtsystem.

Zugleich entsteht dadurch ein gewaltiger Berg an Daten, der dazu auch noch gespeichert werden kann. So wissen die Internet-Dinge, mit denen ich mich verbinde exakt, wo ich mich an einem bestimmten Zeitpunkt befinde, aus meiner Geschwindigkeit kann abgeleitet werden, ob ich es eilig habe oder eventuell krank bin und deshalb langsam gehe. Der Sexshop kann wissen, dass ich 20 Sekunden dort stehen geblieben bin und mir passende Werbung schicken etc. Dabei ist das einzelne Datum weniger wichtig als die sogenannten Meta-Daten und aggregierte statistische Daten, die Rüschlüsse auf die Motive des Einzelnen zulassen. Die Frage des Datenschutzes tut sich mehr denn je auf.

Ich muss sagen, dass ich da relativ unbedarft bin. Man kann natürlich datensparsam leben, nur noch ins Internet-Café gehen und Briefe statt Mails verschicken. Aber wenn Big Brother uns habe will, wird er auch unsere Briefe lesen, uns verwanzen und wir machen uns gerade dadurch verdächtig, dass wir dem digitalen Zeug aus dem Weg gehen. Die Frage ist nicht, ob wir Big Data wollen oder nicht, sondern nur noch, ob wir die Vorteile nutzen wollen, die daraus entstehen und ich werde diese Frage meistens mit „ja“ beantworten.

Mehr Barrierefreiheit bedeutet mehr Selbstbestimmung

Ein Projekt beschäftigt sich damit, wie man CNC-Maschinen für Lernbehinderte zugänglich machen kann.

Der Hintergrund ist recht schnell erklärt. Die Massenproduktion ist heute im kleinen Maßstab nicht mehr rentabel. An deren Stelle tritt die Just-in-Time-Produktion von einzelnen, passgenauen Teilen. Die Stückkosten sind einerseits höher, andererseits kann dadurch auch wesentlich mehr verdient werden. Die Massenproduktion lässt sich weitgehend automatisieren, während bei der Einzelstück-Produktion Menschen verlangt werden, eine interessante Möglichkeit für Behinderten-Werkstätten und andere Produktionsstätten, in denen Lernbehinderte beschäftigt werden. Damit das funktioniert, müssen die Maschinen so gestaltet sein, dass sie von ihnen bedient werden können.

Hier wird spannend sein zu sehen, wie sich die Selbstbestimmung verbessert. Schon heute hat der Chef in konventionellen Betrieben nur koordinierende Aufgaben, während das Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter steckt. In den Behindertenwerkstätten scheint das bisher nicht der Fall zu sein – das vermute ich zumindest, mir fehlt der tiefere Einblick in diese Strukturen.

Hier könnte die Machtverschiebung besonders interessant sein. Lernbehinderte bekommen über die Kontrolle der Maschinen die Kontrolle über den Produktionsprozess. Wenn sie noch die Qualitätssicherung übernehmen, haben die Werkleiter nur noch die Aufgabe, die Maschinen in Schuss zu halten oder sich um die Auftragsabwicklung zu kümmern. Abgesehen davon werden auch normale Gehälter für die Angestellten möglich. Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass die großen Träger heute von den Behindertenwerkstätten profitieren – ganz zu schweigen von anderen Behinderten-Einrichtungen – und genau besehen kein Interesse an der Inklusion und der Auflösung dieser Organisationen haben. Während die Verwaltungsangestellten aber gutes Geld verdienen, leben die Werkstatt-Angestellten auf dem Niveau der Grundsicherung.

Welchen Beitrag sollten Behinderte zur Inklusion leisten?

Im Abschluss-Plenum wurde die Frage gestellt, welchen Beitrag Behinderte zur Inklusion leisten können und müssen. Raul und andere Prominente aus der Behinderten-Szene vertreten die Ansicht, dass die Gesellschaft in der Bringschuld ist, eine Meinung, die ich bekanntermaßen nicht teile. Ich meine, dass jeder Behinderte das leisten muss, was in seinen Möglichkeiten liegt. Dass man diese Möglichkeiten von Seiten der Verantwortungsträger für viele Gruppen verbessern muss, steht außer Frage. Schaut man sich die teils miserable digitale Infrastruktur z.B. beim eGoverment an könnte man meinen, in der Prä-WCAG-Ära zu leben.

Wenn ich aber andererseits sehe, dass viele Behinderte vorhandene Möglichkeiten nicht nutzen, muss ich leider konstatieren, dass Viele das Inklusions-Angebot gar nicht wahrnehmen wollen. Das ist natürlich die Entscheidung jedes Einzelnen, man kann niemanden zur Inklusion zwingen, die Person kann sich dann aber auch nicht über mangelnde Exklusion beschweren.

Inklusion von unten – wir sind die Zukunft

In einem älteren Beitrag habe ich gezeigt, wie jeder zur Barrierefreiheit beitragen kann. Heute wiederhole ich das gleiche Spiel für die Inklusion, das gleichberechtigte Zusammenleben von Behinderten und Nicht-Behinderten – das ist ein Beitrag zur aktuellen Blog-Parade der Aktion Mensch Inklusion 2025. Ein Resümee gibt es hier.

Inklusion Top-Down

Die diversen Regierungen und NGOs tun recht viel für die Inklusion. Nicht nur, dass sie die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung ratifiziert haben – ein schönes Wort. Sie machen auch Aktionspläne, erstellen regelmäßige Berichte und Schatten-Berichte – äh ja.

Mit anderen Worten: Man kann als Behinderter ein Leben lang durch die Weltgeschichte spazieren, ohne etwas von diesen Aktivitäten mitzubekommen und man kann sogar Paris sehen und sterben, ohne zu wissen, was ein Aktionsplan oder ein Schattenbericht sein soll.

Hingehen, wo es manchmal riecht

Währenddessen kocht es an vielen Orten, wo behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden sollen. Hier und nicht in Berlin werden die entscheidenden Kämpfe ausgetragen, wenn es um die Zukunft der Inklusion geht. Die behinderten Schüler von heute werden – das hoffe ich zumindest – ganz selbstverständlich mit Nicht-Behinderten aufwachsen. Deren Eltern – die Entscheidungsträger und Führungskräfte von morgen, werden schon in naher Zukunft darüber entscheiden können, ob sie einen Job an einen Behinderten geben, ihn als Arbeitskollegen oder Mieter haben wollen.

Es ist also weniger der Teilhabe-Bericht als die behinderten Kinder vor Ort, die die meiste Entscheidungsarbeit leisten. Sie überzeugen durch ihre pure Anwesenheit, wenn sie schreiend mit ihren Schulkameraden über den Schulhof toben. Nicht nur die behinderten Kinder, auch ihre nicht-behinderten Mitschüler werden ganz anders mit Behinderten umgehen, als es die heute Erwachsenen tun.

Niemand kann erwarten, dass das Ganze konfliktfrei abläuft. Alle großen Veränderungen gehen mit Zwistigkeiten einher, die für viele der Beteiligten auch anstrengend oder schmerzhaft sind. Am Ende wird aber – darauf kommt es an – etwas heraus kommen, was für alle Beteiligten besser ist als die Gegenwart. Und was ist schon ein Sieg, für ddn man sich nicht anstrengen musste – gar nichts.

Was nicht inklusiv ist, wird inklusiv gemacht

Junge Behinderte sind immer weniger bereit, spezielle Angebote für Behinderte in Anspruch zu nehmen. Stattdessen gehen sie einfach in den nächstbesten Sportclub und fragen, warum es keine Rampe oder inklusive Gruppe gibt. Und oftmals rennen sie angelehnte Türen ein.

Wenn man sich ein wenig umschaut bekommt man schnell den Eindruck, viele Behinderte würden die Geellschaft als Feind betrachten. Hat mich der Typ jetzt über den Haufen gerannt, weil ich blind bin? Nein, vermutlich ist er nur ein ignorantes Arschloch, dass jeden Anderen auch über den Haufen gerannt hätten. Oder er ist zu dumm, um einen Blindenstock zu erkennen, auch das kommt vor. Aber den meisten Menschen ist es egal, ob jemand behindert ist oder nicht und Viele sind offen dafür, Behinderten entgegenzukommen, wenn man ihnen nicht ins Gesicht keift.

Dieser Dogmatismus „Sei lieb zu mir oder du bist ein Behindertenfeind“ ist für junge Behinderte nicht mehr angesagt. Sie gehen mit ihrer Behinderung sehr offen um, sind bereit, anderen bei der Inklusion auf die Sprünge zu helfen und können auch damit leben, wenn jemand Behinderte offensichtlich nicht leiden kann.

Jeder von uns kann also zur Inklusion beitragen und sollte es auch tun, denn die Inklusion wird sich nicht von selbst einstellen. Wir betreten Neuland, wie unsere Kanzlerin sagen würde und es spricht nichts dagegen, auch Spaß dabei zu haben.

Hörensagen – was weißt du über den?

Am Mittwoch starb Steve Jobs. Nun habe ich persönlich mit dem Mann natürlich nichts zu tun gehabt. Aber ich werde immer zwei Dinge mit ihm verbinden:
Mit dem iPhone, dem iPad und dem Mac hat er einen großen Schritt Richtung Universal Access gemacht. Wenn Steve Jobs nicht an die Spitze von Apple zurückgekehrt wäre, ist es zweifelhaft, ob es das jemals gegeben hätte. Apple war bis dato ein teures Produkt, gekauft hauptsächlich von Designern und Leuten, die es sich leisten konnten. Mit den modernen Eingabehilfen sind alle Produkte von Apple mit aktuellen Betriebssystemen eine Plattform, die für viele Behinderte zugänglich ist.
Das zweite ist seine bekannte Rede an der Uni Yale. Man mag denken, dass das auch nur Imagepolitik war, aber darauf kommt es gar nicht an. Wichtig ist, dass er die Leute damit berührt hat und wie viele Redner können das schon?Welcher Wall-Street-Banker würde ernsthaft sagen, dass man seinen Traum leben solle?

Was mich aber eigentlich zu diesem Beitrag bewegt ist die Frage, wie wir zu unserem Urteil über Menschen kommen. Jobs hat zu seinen Lebzeiten polarisiert, und er wird das in zehn Jahren noch tun. Kurioserweise kennen die meisten Kritiker ihn nicht persönlich.
Es ranken sich zahllose Anekdoten um berühmte Persönlichkeiten, die angeblich deren Charakter beschreiben. Oftmals wissen wir gar nicht mehr, wer diese Geschichten in die Welt gesetzt hat. Dann heißt es nur noch „Man erzählt sich“. Häufig genug dürfte es sich um Gegner oder frustrierte ehemalige Mitarbeiter handeln.
Im Grunde wissen wir also nicht, wie Jobs wirklich war und wir werden es nie wissen.
Mohandas Gandhi zum Beispiel war eine durchaus ambivalente Figur, wie er selbst in seiner Autobiographie deutlich macht.
Wir haben uns angewöhnt, durch Anekdoten über Menschen zu urteilen, wie orientieren uns nicht daran, was diese Menschen tatsächlich getan haben.
Es gibt etwas, was ich als die Ästhetik des Dagegenseins definieren würde. Wenn alle Welt behauptet, die Erde sei rund, dann würde es immer noch ein kleines Grüppchen geben, welche das Gegenteil behauptet. Die Freunde der Scheibenwelt würden sich je nach Gusto als kritische Geister, als eingeschworene Gemeinschaft oder als etwas Vergleichbares sehen. Wenn jemand sagt: „Alle sind der Meinung dass…“, juckt es euch da nicht auch in den Fingern zu sagen, ihr seid nicht dieser Meinung. Nicht, weil ihr wirklich dagegen seid, sondern weil das, was die Mehrheit annimmt, eigentlich falsch sein muss, weil wir ja klüger sind als die Masse und so weiter.

Magnum p. i. – warum die Serie bis heute funktioniert

Viele Serien der 80er wirken heute antiquiert und wären wohl nicht mehr erfolgreich. Kinight Rider oder Street Hawk zum Beispiel
Magnum ist eine Krimiserie, die in gewisser Weise das Band zwischen den 70ern und 90ern bildet. Viele Menschen zwischen 30 und 50 sind mit den Serien der 80er aufgewachsen: A-Team, Hart aber herzlich, Knight Rider, Ein Colt für alle Fälle, Simon und Simon oder Ein Trio mit vier Fäusten. Obwohl sie alle sehr unterschiedlich sind, strahlen sie alle einen heute etwas muffig wirkenden Charme aus. Allen gemein sind die etwas flachen Geschichten. Außerdem sind die Serien als klassische Serienplots angelegt, die Folgen stehen zusammenhanlos nebeneinander.
Magnum dürfte eine der ersten populären Serien sein, wo dieses Schema durchbrochen wurde. Ähnlich wie später bei Deep Space Nine gibt es Personen, die in größeren Abständen wieder auftauchen.
Die Serie gewinnt ihren Charme weniger aus den oft nicht so spannenden Geschichten, sondern aus dem Zusammenspiel der Charaktäre und den Running Gags, von denen die Serie durchzogen ist. Magnum ist ständig pleite, eher schlampig und geht körperlichen Auseinandersetzungen aus dem Weg. Er verhandelt vor allem in den ersten Staffeln mit Higgins ständig über die Nutzung der Ressurcen des Anwesens und nimmt Leistungen von T.C. und Rick ständig in Anspruch, ohne eine echte Gegenleistung anzubieten. Die Charaktäre prallen ähnlich wie beim A-Team aufeinander und die Komik erwächst aus diesem Zusammentreffen, wobei das A-Team die Selbstironie stärker herausstellt
Wie bei einer Zwiebel schälen sich nach und nach die Eigenschaften und die Vergangenheit der Hauptfiguren heraus. Erst allmählich erfährt man mehr über die Vergangenheit der vier Hauptfiguren. Der etwas blasse Rick gewinnt im Rahmen der Serie erst nach und nach an Charakter, Higgins wird einem erst später allmählich sympathisch und auch TC wirkt am Anfang noch ein wenig flach. In den ersten Staffeln wirken die drei oft nur als Stichwortgeber und Nebenfiguren der Serie, während sie später nach und nach wichtigere Rollen einnehmen.
Ähnlich wie bei den Simpsons funktioniert jede Episode als eigenständige Folge, aber anders als bei den Simpsons ist eine Weiterentwicklung auf der Metaebene zu erkennen.
Das Vietnam-Thema zieht sich durch die komplette Serie, Magnum, Rick und T.C. sind Kriegskameraden, der Krieg nur wenige Jahre her. Vor allem in der ersten Staffel, die Ende der 70er Jahre spielt, erlebt Magnum Flashbacks, die sich um seine Erfahrungen in Vietnam drehen. Wie im realen Leben lassen diese Flashbacks allmählich nach, ohne das die Vietnamproblematik vollständig verschwindet. Obwohl T.C. und Magnum das Vietnam-Trauma verfolgt, sind sie kaum in der Lage, sich das gegenüber einzugestehen.
Die Spannungen zwischen Magnum und Higgins sind zu Beginn wesentlich schärfer und weichen nach und nach einer freundschaftlichen Rivalität, einem respektvollen Wetzen der Klingen. Higgins freundet sich nach und nach auch mit T.C. und Rick an, was aufgrund der unterschiedlichen Charaktäre und Lebensstile sehr überaschend ist. In der Rückschau lässt sich die gesamte Serie als die Suche nach einem Sinn für sein Leben durch Magnum verstehen. „On the road of experience, trying to find my way, sometimes I wish, I could fly away“ ein Countrysong von John Denver ist das Hauptthema der letzten Magnum-Folge.
Magnum ist zugleich das perfekte Gegenstück zu den hard boiled-Detektiven a la Philip Marlowe. Er geht körperlichen Auseinandersetzungen und Problemen oft aus dem Weg, ohne dass er ihnen entkommen kann. Er ist zwar chronisch pleite, lebt aber auf die Kosten von Robin Masters und seiner Freunde ein teils aufwendiges Leben. Die beiden Welten der hard boiled Stories und der 80er Deteektiv-Serien prallen zusammen in den Folgen, in denen Luther Gilles auftritt.
Anders als die harten Macho-Typen wird Magnum oft unterschätzt wegen seines legeren Auftretens. Er ist fast immer in Hawaii-Hemd und kurzen Hosen unterwegs und deswegen nicht ganz ernst genommen.
Dennoch scheint er sich während der Serie weiter zu entwickeln. Er legt sich nach und nach ein seriöseres Image zu und versucht zuletzt sogar, einen langweilen Job als Hoteldetektiv zu bekommen.
Viele Folgen und die Serie als Ganze sind an die klassische Heldenreise angelegt. Oft wider Willen wird Magnum in Schwierigkeiten hineingezogen. Er kämpft einerseits gegen die Schurken der Gegenwart, aber auch gegen die Dämonen der Vergangenheit, die ihn und seine Freunde heimsuchen.
Last not least ist Magnum eine Geschichte über Männerfreundschaft. Obwohl die vier Hauptfiguren grundverschieden sind, werden sie durch die gemeinsamen Erlebnisse zusammengeschweißt und sie halten trotz Konflikten immer zusammen.
Interessant ist auch, das wichtige nebencharaktäre der Serie sterben. Das kennt man so aus keiner Serie dieser Zeit.
Einige der Folgen weichen vom typischen Schema der Serie ab. So finden sich die vier Hauptcharaktäre auf einmal in Kamboscha mitten in einem Kriegsgebiet wieder. Ein andermal wird die Serie eine Omage an Sherlock Holmes. Und dann findet sich Magnum plötzlich in den 30er Jahren.
Gelegentlich gleitet die Serie auch ins Soapige ab, wenn Magnums Ex-Frau Michelle die Bühne betritt. Nicht alle Folgen sind gleichermaßen gelungen, aber das ist bei 160 Folgen auch zu erwarten. Die Serie folgt ein wenig zu oft dem Klischee der hübschen Mandantin, die durch den bärigen Detektiv gerettet wird.
Interessant ist das Serienschema von Magnum dennoch. Während andere Serien dieser Zeit wie Raumschiff Enterprise – das nächste Jahrhundert, aber auch viele andere Serien folgen einem sehr starren Serienschema, das praktisch in keiner Folge durchbrochen wird. Bei Magnum werden einzelne Figuren in einzelnen Episoden näher betrachtet. Auch Nebenfiguren wie Mack, Tanaka oder Luther Gilles werden teilweise in den Vordergrund gerückt. Beim A-Team waren die meisten Nebenfiguren praktisch nur Animateure für die Hauptfiguren.

Ist Higgins Robin Masters

Robin Masters ist der offizielle Eigentümer des Grundstücks, das von Higgins verwaltet wird. Magnum ist für die Sicherheit zuständig. Masters ist so gut wie nie auf seinem Grundstück und taucht nur in wenigen Folgen überhaupt auf. Erst in der siebten Staffel stellt Magnum die Frage, ob Higgins der eigentliche Robin Masters ist. Als Magnum Higgins direkt fragt, sagt dieser zunächst Ja, um dieses Geständnis später zu widerrufen.

Könnte Higgins Robin Masters sein? Aus der Serienlogik heraus lässt sich das eindeutig verneinen. Robin Masters existiert offensichtlich als Person, und es gibt zahlreiche Personen, die ihn schon lange kennen.

Möglich ist aber, dass Higgins der eigentliche Eigentümer des Grundstücks und Autor der Schmöker ist, die angeblich aus Robins Feder stammen. Higgins ist ein englischer Lord, der sich möglicherweise geniert, als Autor von Schundliteratur betrachtet zu werden. Es gibt zahlreiche Analogien zur Shakespeare-Debate. Demnach hat ein englischer Adliger die Stücke geschrieben, die von dem untalentierten Shakespeare inszeniert wurden.

Higgins kann in seiner Rolle als Gutsverwalter die Vorzüge des Reichtums genießen, ohne von Journalisten und anderen Leuten belästigt zu werden. Sein Vermögen sollte ausreichen, um die eigene extravaganten Hobbies zu pflegen und Robin Masters durch die Weltgeschichte tingeln zu lassen.

Es gibt ein paar episoden, die dagegen sprechen: Einmal verspielt Robin das Grundstück bei einem Baseballspiel, allerdings war das Spiel gezinkt. Ein anderes Mal behauptet Higgins, das Grundstück gehöre ihm vor einigen seiner Militärkollegen. Anschließend gesteht er ein, dass ihm Ehrlichkeit wichtiger ist als Prallerrei und das er nur Gutsverwalter ist.

In beiden Fällen hätte Higgins eingestehen können, dass er der ware Herr ist und Robin somit kein Recht habe, das Grundstück zu verspielen. Vielleicht hätte er das auch gemacht, wenn die Gefahr, das Grundstück zu verlieren real geworden wäre. Andererseits gilt das Gentleman Agreement, demnach ist ein Spiel ein Spiel und die Regeln müssen auch eingehalten werden, wenn es unangenehm wird.

Man mag argumentieren, dass das Versteckspiel auch unehrlich ist und damit gegen Higgins Auffassung von Ehre verstoßen würde. Das widerum denke ich nicht. Higgins hätte es als Spiel betrachten können, welches er so lange weiter spielt, bis er eindeutig geschlagen würde.

Für die Higgins-Theorie spricht, dass Higgins ein typischer Erzähler ist und auch viel schreibt. Sein Hang, langweilige Kriegsanekdoten zu erzählen deutet auf eine Affinität zum Erzählen hin. Als ein Kamerad ermordet wird und ein zweiter Kamerad auftaucht und mit Higgins die Hintergründe aufklärt schreibt Higgins anschließend diese Geschichte auf, das ist die erwähnte Omage an Sherlock Holmes. Er hat also Talent zum Schreiben.

Vieles spricht also dafür, dass Higgins der Autor der Masters-Werke und Eigentümer des Grundstücks ist.

Warum es Großstädte eigentlich nicht geben dürfte

Die Großstadt hat zu allen Zeiten eine große Anziehungskraft. Heute ist die Urbanisierung vor allem in Dritte-Welt-Staaten ein Megatrend.
Doch ist die reine Existenz der Großstadt unwahrscheinlich. Dazu muss man sich nur ihre vielen Nachteile anschauen.

Die Nachteile der Siedlung

In den Frühzeiten der Menschheit schlossen sich unsere Vorfahren zu kleinen Gruppen zusammen. Sie lebten im Wesentlichen nomadisch, grasten eine Landschaft ab, müllten sie voll und zogen weiter. Die Gemeinschaft bestand wahrscheinlich aus bis zu 150 Individuen, eine Gruppe, die sich nach allgemeiner Meinung gut überschauen lässt und in der jeder jeden kennt. Wurden die Gruppen zu groß, teilten sie sich auf.
Aus einem Grund, über den Wissenschaftler viel spekulieren, fingen die Menschen an, Landwirtschaft zu betreiben. Das erfordert Seßhaftigkeit: Die Felder müssen bewacht, gepflegt und von Insekten befreit werden. Die Menschen hörten auf, umherzuziehen und bauten sich feste Behausungen.
Durch das erhöhte Nahrungsangebot stieg die Bevölkerung schnell an. Jäger und Sammler wurden durch den demografischen Wandel und die bessere Organisation der Siedler allmählich verdrängt. Kleine Dörfer wurden immer größer. Die erste Arbeitsteilung entstand.
Die Siedlungen wurden immer komplexer. Es gab Handwerker, welche die Gerätschaften herstellten. Es gab Leute, die sich um die Bewässerung kümmerten. Und je komplexer die Siedlung wurde, desto wichtiger war eine Verwaltung. Es ergab sich eine Arbeitsteilung.
Doch bot die Siedlung auch Nachteile. Je größer die Zahl der Menschen, desto größer ist auch die Zahl an Krankheitserregern. Diese konnten sich rasend schnell in der Siedlung verbreiten. Durch den Handel mit anderen Siedlungen breiteten sich die Krankheiten auch über andere Orte aus.
Der Abfall der Siedlung lockte auch Ungeziefer wie Ratten und Mäuse an, die ihrerseits Krankheitserreger mitbrachten.
Nebenbei brachte die Landwirtschaft ein weiteres Problem, dessen Tragweite wir erst heute richtig zu spüren bekommen: Das Getreide. Getreide liefert reichlich Kalorien auf Basis von Kohlenhydraten. In der Natur gibt es solche Produkte nicht. Mehl und Zucker sind die Hauptursachen für Karies, Diabetes und Übergewicht.

Der Stress der Stadt

Wie oben erwähnt kennen wir in einer kleinen Gruppe fast jeden Menschen zumindest vom Sehen. In einer größeren Siedlung ist es jedoch wahrscheinlich, dass wir nicht jeden Menschen kennen.
Während es auf einem Dorf wahrscheinlich ist, dass man jemanden vom Sehen kennt, ist das in der Großstadt extrem unwahrscheinlich. Gleichzeitig kommt man sich näher, ohne dies zu wollen: Im Supermarkt, im Bus, in der Kantine. Hier zeigt sich, dass wir auf das Leben in der Großstadt im Grunde nicht eingerichtet sind. Wir schauen weg, lesen ein Buch, spielen mit dem Handy oder schließen die Augen. Wir gehen einander und Konflikten mit Fremden möglichst aus dem Weg. Doch bleibt das Leben in der Großstadt eine psychische und physische Herausforderung. Man merkt das vor allem im Straßenverkehr. Hat jemand schon einmal ein aggressiveres Völkchen als die Autofahrer kennengelernt?

Der große Gestank

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war die Großstadt vor allem eines: Eine Ansammlung von unangenehmen Gerüchen. Wer dies live erleben will, sollte sich Bombay oder Kairo anschauen. Der große Gestank von London hat es sogar in die Geschichtsbücher geschafft.

Anonymität als Fluch und Segen

Die Großstadt bedeutet für viele Menschen Freiheit. Jemand ist schwul, gehört einer niedrigen Kaste an, der falschen Religion oder ist das Falsche? In der Großstadt ist das nicht egal, aber man hält sich weitgehend aus dem Leben der Anderen raus. Auf dem Dorf, wo jeder alles über jeden weiß, sieht das anders aus.
Doch hat die Anonymität auch ihre Nachteile: Assoziales Verhalten gehört in der Stadt eigentlich zum Standard. Einen Platz im Bus für einen Behinderten frei räumen? Jemandem helfen, der verlezt ist? Jemandem den Weg erklären? Ein Großstädte lernt schnell, sich rauszuhalten. Irgendwer anderes wird sich schon kümmern.

Die Masse isoliert

In der Masse kann man wunderbar untertauchen. Doch ist es ebenso wahrschenlich, dass man in der Masse vereinsamt. Die Zahl der Singles, der allein wohnenden Senioren und der insgesamt Vereinsamten nimmt stetig zu. Obwohl man jeden Tag hunderten von Menschen begegnet, können echte Kontakte nur schwer zustande kommen. Auf dem Dorf gibt es zumindest noch den Schützenverein oder die Kirche. Natürlich kann man auch dort isoliert werden. Doch ist die Wahrscheinlichkeit dafür deutlich geringer.

Der vermessene Mensch – welche Leute nehmen an Studien teil?

Egal, was man studiert, früher oder später wird man gefragt, ob man nicht Lust hat, an einer Untersuchung teilzunehmen. Psychologie-Studenten mussten zu meiner Zeit in Marburg 25 Versuchsstunden bis zum Vordiplom zusammen bekommen. Sie mussten an Versuchen teilnehmen, die von älteren Studierenden durchgeführt werden, die ihre Zwischen- oder Abschlussarbeiten mit empirischen Untersuchungen untermauern müssen. Auch in der Soziologie und der Pädagogik gehören Studien zum Standard.

Die Unmessbaren messen

Was aber macht man mit Leuten, die sich schlicht weigern, an solchen Studien teilzunehmen? Darüber schweigen sich die Studien aus. Gibt es den Typus des Studiengroupies, der sich darum reißt, befragt, vermessen, gewogen und durchleuchtet zu werden? Vielleicht, ganz sicher gibt es den Menschen, der sich kategorisch verweigert. Seine Motive kennt niemand, er läßt sich ja nicht befragen.

Beliebt sind die Befragungen per Telefon oder direkt an der haustür. Sie finden zu einer Zeit statt, wo Berufstätige normalerweise nicht zu Hause sind. Viele jüngere Leute haben gar kein Festnetz mehr und stehen mit ihren Handy-Nummern nicht im Telefonbuch.

Auch die Zahl der Totalverweigerer lässt sich kaum herausfinden. Bei postalischen Umfragen, wo Fragebögen ausgefüllt zurückgesendet werden müssen, läßt sich die Zahl der Rückläufe ermitteln.Man weiß aber nie, ob man hier einen Verweigerer vor sich hat oder jemanden, der schlicht keine Zeit hat oder vergisst, den Bogen auszufüllen. Und wer bei obskuren Anrufern einfach auflegt, ist vielleicht einmal zuviel von Werbeanrufern belästigt worden. Selbiges gilt für unbekannte Leute, die eines Tages vor der Tür stehen oder jemanden in der Fußgängerzone anhalten. Religiöse Freaks, Verkaufs-Genies, Bettler, Politiker auf Stimmenfang und wirre Zeitgenossen, nach solchen Erfahrungen wird jeder Mensch bei Spontan-Begegnungen nervös.

Spontan würde ich die Zahl der Studienverweigerer auf 20 – 30 Prozent schätzen. Doch selbst wenn es nur zehn Prozent wären, würde sich das signifikant auf die Studienergebnisse auswirken.

Die exakten Angaben der Studienergebnisse verführen zu dem Glauben, sie wären irgendwie näher an der Realität als andere Forschungsmethoden. Das können sie im Grunde genommen aber nicht sein, wenn rund ein Drittel der Menschen sich schlicht weigert, daran teilzunehmen oder einfach nicht erreicht wird.

Falls einer meiner Leser zufällig etwas mehr darüber weiß, würde ich mich über Hinweise freuen.