Archiv der Kategorie: Barrierefreiheit & Zugänglichkeit

Neuigkeiten zur Barrierefreiheit im November 2019

Im November gab es kein Highlight in Sachen digitale Barrierefreiheit. Persönlich stelle ich fest, dass durch die aktuelle EU-Richtlinie ein wenig Bewegung in die digitale Barrierefreiheit öffentlicher Stellen gekommen ist.
Außerdem scheint es in diesem Zusammenhang auch einen Mangel an geeigneten Fachkräften in Sachen digitale Barrierefreiheit zu geben. Ich beobachte ein wenig den Arbeitsmarkt, viele der ausgeschriebenen Stellen können offenbar seit Monaten nicht besetzt werden. Der Bedarf an Fachleuten ist drastisch gestiegen, da die neuen Richtlinien zur Web-Barrierefreiheit bald umgesetzt werden müssen. Es rächt sich jetzt, dass man das Thema verschlafen und nicht in die Lehrpläne von Informatikern, Designern und anderen Verantwortlichen aufgenommen hat. Nach wie vor gibt es kaum deutsch-sprachige Fortbildungen in diesem Bereich.
Eine gute Nachricht gibt es für Freunde von Apple, die barrierefreie Dokumente erstellen wollen: Mit dem aktuellen Apple-OfficePaket lassen sich auf dem Mac barrierefreie Dokumente und PDFs erzeugen. Für die iOS-Versionen scheinen diese Funktionen noch nicht verfügbar zu sein.
PDF association Apple tags PDF
Damit ist Googles Lösung das letzte große Office-Paket, das von Haus aus keine barrierefreien PDFs erzeugen kann. Das macht deutlich, welchen Stellenwert Barrierefreiheit im Hause Google hat.

Interessante deutsch-sprachige Beiträge

Die Organisation International Association of Accessibility Professionals bemüht sich um die Professionalisierung der Barrierefreiheits-Verantwortlichen. Derzeit wird eine deutsche Niederlassung aufgebaut. Dazu gibt es ein Interview bei der Rehacare.
Rehacare: Berufsbild der Zukunft – der Barrierefreiheits-Profi
Durch die EU-Richtlinie für barrierefreie Webseiten ist vorgesehen, dass behinderte Menschen Feedback zur Barrierefreiheit ermöglicht werden muss. Wie so ein Feedback-Mechanismus aussehen kann, beschreibt die Bundesfachstelle Barrierefreiheit.
Bundesfachstelle Barrierefreiheit. Anforderungen an den Feedback-Mechanismus
Das Deutsche Institut für Normung hat Ende Oktober die DIN EN 17161 für „Barrierefreiheit von Produkten, Waren und Dienstleistungen“ veröffentlicht. Diese Norm soll es einfacher machen, die eigenen Angebote barrierefrei zu gestalten. Der Zusatz EN heißt übrigens, dass es sich zugleich um eine europäische Norm handelt.
DIN. Für eine barrierefreie Welt
Ich selbst habe einen Beitrag zu einer Blogparade zu den Digital Development Goals veröffentlicht: Warum Barrierefreiheit für NGOs wichtig ist.

Englisch-sprachige Beiträge

Barrierefreiheit wird oft unter Wohltätigkeit abgelegt. Sie ist jedoch vor allem für Unternehmen ein wirtschaftlicher Faktor. Ein aktueller Blogbeitrag zeigt, welche wirtschaftlichen Vorteile die digitale Barrierefreiheit bietet.
Deque. The Business Case for Accessibility
Nach wie vor fokussiert gerade die deutsche Barrierefreihheits-Szene stark auf körperliche Behinderungen. Viel verbreiteter sind aber psychische Erkrankungen. Ein aktueller Artikel zeigt, wie Sie diesen Personenkreis bei der Gestaltung Ihrer Website unterstützen können.
UX Design 5 tips to help people with anxiety navigate your website
Sie wollen Barrierefreiheit in Ihre Organisations-Strategie integrieren. Dafür gibt es ein Instrument des Business Disability Forum. Es nennt sich Accessibility Majority Model. Damit können Sie etwa prüfen, wie stark Barrierefreiheit beim Anforderungs-Management bereits beachtet wird.
Business Disability Forum. Accessibility Majority Model
Behinderte Menschen trugen und tragen zu sozialen und technischen Innovationen bei. Ein Artikel auf Wired bringt das sehr schön auf den Punkt.
Wired. Opinion: Blocking the Disabled on the Web Means Blocking Innovation
Wie oben erwähnt, gibt es in Deutschland kaum Weiterbildungen zur Barrierefreiheit. Die Website Digitala11y listet zahlreiche englisch-sprachige Online-Angebote auf. Sie sind teils kostenlos, teils kostenpflichtig.
DigitalA11y Digital Accessibility Courses Roundup

Anstehende Schulungen

Wo wir gerade bei Schulungen sind: Bei mir stehen die Planungen für das 1. Quartal 2020. Folgende Schulungen sind bislang geplant:
27.1.2020 Schulung zur Einführung in die Web-Barrierefreiheit in Berlin
10.2.2020 Schulung zur Einführung in die Web-Barrierefreiheit und Schulung zu barrierefreien Dokumenten mit MS Office in München
5.3.2020 Schulung zur Einführung in die Leichte Sprache und einfache Sprache in Bonn
Alle Infos zu den Schulungen.
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Warum Konflikte zur Inklusion dazu gehören

Seitdem ich mich mit dem Thema Inklusion beschäftige – es begann vor ca. 10 Jahren – haben die Konflikte zwischen behinderten Menschen und der Gesellschaft stetig zugenommen. Konflikte gelten generell als etwas Negatives, sie sind aber tatsächlich ein gutes Zeichen. Hier erfahren Sie, warum das so ist.
Die Idee zu diesem Beitrag kam mir nach der Lektüre des Buches von Aladin El-Mafaalani namens Das Integrationsparadox: Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt. Es sei euch hiermit als Lektüre empfohlen, auch wenn es darin um Migration und nicht um Behinderung geht. Es ist auch als Hörbuch in den Hörbüchereien

Früher war gar nichts besser

Schaut man sich die Vergangenheit an, gab es praktisch keine größere Veränderung, die ohne Konflikt ablief. Ein paar Schlagworte mögen reichen: Die verkrusteten Strukturen der BRD wurden erst durch die 68er aufgebrochen, die heutigen Frauen-Generationen profitieren maßgeblich von Kämpfen, die in den 70er und 80er Jahren ausgefochten wurden, die Gleichberechtigung der Afroamerikaner geht auf die gewaltlosen und auch gewalttätigen Proteste der 60er und 70er Jahre zurück. Die Verbesserungen der Arbeitsbedingungen gehen maßgeblich auf die teils sehr blutigen Proteste der Arbeiter zu verschiedenen Zeiten zurück.
Meine These ist, dass man nicht nur eine Regierung braucht, die bereit ist, Veränderungen umzusetzen. Sie braucht auch den sozialen Druck, der auch die öffentliche Meinung in diese Richtung kippen lässt. Insofern kann einer umwelt-bewussten Regierung nichts Besseres als Fridays for Future und Extintion Rebellion passieren. Es scheint eine Art tipping Point zu geben, ab diesem Zeitpunkt wird der Druck auf die Regierung so groß, dass sie zum Handeln gezwungen ist.
Auch die Dynamik, dass ein schlechtes Gesetz wie das aktuelle Klimapaket nachgebessert werden muss, kommt uns bekannt vor, Stichwort Bundesteilhabegesetz. Man könnte meinen die Regierungen probieren aus, was geht und lassen sich erst durch noch mehr Protest dazu bewegen, ein halbwegs vernünftiges Gesetz auf die Beine zu stellen. Nun ja, das aktuelle BTHG ist nicht das Gelbe vom Ei, aber der vorherige Entwurf war deutlich schlimmer.
Früher gab es schlicht deshalb weniger Konflikte, weil sich Behinderte und Nicht-Behinderte nicht begegnet sind. Es gibt nach wie vor die Behinderten-Einrichtungen, in denen man sein ganzes Leben verbringen kann: Man wohnt im Wohnheim, geht in die Werkstatt arbeiten, macht abends den Nährkus, geht in die kleine Kneipe und kauf Produkte des täglichen Bedarfs im Kiosk ein, alles auf dem gleichenGelände. Viele Blinde legen praktisch keine Strecken zurück außer von Zuhause zur Arbeit und zurück. Da die Förderschulen oft in der Großstadt sind, werden die Schüler per Fahrdienst dort hin gebracht und abgeholt. Die einzigen Icht-Behinderten, auf die man trifft sind die Mitarbeiter dieser Einrichtungen.
Mit anderen Worten: Behinderte Menschen waren und sind teilweise bis heute in der Öffentlichkeit praktisch unsichtbar. Wo man aber nicht aufeinander trifft, gibt es auch keine Konflikte.
Solche Dinge wie in diesem Video wären also früher nicht passiert, weil Behinderte gar nicht wahrgenommen wurden, nicht mal als Objekte der Ablehnung.

Insofern kommt die Incluencer-Kampagne der Aktion Mensch zur richtigen Zeit.

De-Organisation der Behinderten

Ein wichtiger Prozess ist die De-Organisation: Viele Probleme wurden früher und werden nach wie vor durch Organisationen durch Aushandlungsprozesse befriedet. Allerdings stagnieren die Mitgliederzahlen oder sind sogar rückläufig. Das gilt etwa für Gewerkschaften, Kirchen, Parteien und so weiter.
Wie stark das für Behinderten-Verbände gilt, weiß ich nicht. Mein Eindruck ist allerdings, dass vor allem junge Behinderte kaum noch Mitglied in einem Verband sind. Dazu trägt auch die Inklusion bei, junge Blinde sehen sich in erster Linie als jung und nicht als blind. Sie kommen weniger in Kontakt mit der Blindenszene und sehen vielleicht nicht die Notwendigkeit, in den Verband einzutreten.
Das heißt aber auch, dass sie die Möglichkeiten des Verbandes nicht kennen, Einfluß zu nehmen. Sie sind häufig eher bereit, den persönlichen Kontakt zu suchen und zu eskalieren, wenn sie unzufrieden sind.
Das ist unter anderem dank dem Internet und Social Media deutlich einfacher geworden. Und auch die lokale Presse lässt sich leicht für solche Konflikte gewinnen. Ob die Eskalation in jedem Fall sinnvoll ist, lasse ich mal dahin gestellt.
ePetitionen und Shitstorms sind eine weitere Möglichkeit, Druck auszuüben. Mein Eindruck ist, dass Petitionen mehr als Instrument der Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt werden, als für sich selbst wirksam zu sein. Change.org und ähnliche Plattformen haben keine rechtliche Wirkung, da sie nicht von öffentlichen Stellen betrieben werden. Ich bin ehrlich gesagt auch kein Freund von Shitstorms und beteilige mich an solchen Protesten nicht, aber das ist ein anderes Thema.
Und natürlich gibt es die klassischen Protestformen wie Demos, Blockaden und so weiter. Sie werden zwar auch von den klassischen Verbänden, aber gerne auch an ihnen vorbei organisiert. Moderne Kommunikationskanäle machens möglich.
Es hängt natürlich vom Verband ab, aber generell scheinen Einzelpersonen und unabhängige Personengruppen eher bereit, Konflikte mit der Öffentlichkeit einzugehen. Da viele Verbände mittlerweile bei Gesetzgebungs-Prozessen einbezogen sind, sitzen sie oft genug den Leuten gegenüber, gegen die sich der Protest der Nicht-Organisierten richtet.
Und tatsächlich ist es so, dass die Verbände nicht unbedingt alle Themen auf dem Schirm haben, die für die jeweilige Person wichtig sind Oder dass sie schnell genug reagieren können. Last not least haben viele lokale Vereine gar nicht mehr die Personalstärke, um mehr als das unbedingt Notwendige zu machen und manchmal wird nicht einmal das gemacht. Vielleicht wächst eine neue Generation von behinderten Menschen heran, die mehr auf Ad-Hoc-Aktionen setzt und so schnelle Ergebnisse erreicht.

Es gibt Konflikte und Konflikte

Konflikte an sich sind weder gut noch schlecht. Ihre Austragung kann allerdings so oder so erfolgen. Für meinen Geschmack sind viele Aktivisten aus der Behinderten-Szene zu aggressiv und zu persönlich. Sie nehmen es dann mit den Fakten auch nicht so genau. Viele Konflikte werden zu schnell eskaliert.Oft genug ist das persönliche Gespräch, das am Anfang stehen sollte gar nicht gesucht worden. Ich habe häufig den Eindruck, dass da eher persönliche Fehden ausgetragen und Ressentiments gegen „die da oben“ verstärkt werden.
Auch das finden wir in allen Minderheiten-Gruppen, ich habe mich aus der Migrations-Szene weitgehend verabschiedet, weil mir die ton-angebenden Personen zu undifferenziert sind.
Man sollte nichts von den Anderen einfordern, zu dem man selbst nicht bereit ist: Kritik-Fähigkeit, die Bereitschaft, Fehler zuzugeben, eine Position angreifen, nicht aber die Person, ein höflicher und zwischenmenschich respektvoller Umgang, jedem die Möglichkeit lassen, das Gesicht zu bewahren. Ich sage immer, wer nicht im gleichen Maße einstecken kann, sollte gar nicht erst austeilen.

Fazit

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ein Konflikt ist nicht für sich genommen gut. Wir alle würden uns gerne für positive Dinge engagieren anstatt gegen schwachsinnige Gesetze wie RISG oder andere Formen der Ausgrenzung zu demonstrieren. Konflikte sind kein Wert an sich.
Allerdings müssen wir uns von der Idee verabschieden, dass die Inklusion konfliktfrei umgesetzt werden wird. Im Gegenteil: Je mehr Inklusion, desto mehr Konflikte werden sich ergeben.

Warum CAPTCHAs nicht barrierefrei sein können

Wie barrierefrei können grafische Bild-Codes, die sogenannten CAPTCHAs sein? Da selbst Leute, die behaupten, etwas von Barrierefreiheit zu verstehen sie einsetzen, scheint es hier einige Missverständnisse zu geben. APTCHAs sind Mechanismen, die Menschen von automatisierten Spam-Bots unterscheiden sollen. Sie sollen Spam in Web-Formularen wie Kontaktformularen oder Kommentar-Bereichen verhindern.
Der Einsatz von CAPTCHAs verhindert wahrscheinlich eher, dass Menschen das Web-Formular nutzen, stellt aber für Bots keine große Hürde da. Ich würde soweit gehen, die Professionalität eines Webseiten-Betreibers infrage zu stellen, wenn der CAPTCHAs einsetzt. Da hat jemand keine Ahnung von Usability, Barrierefreiheit geschweige denn von effektiven Spamschutz-Mechanismen.
Vorneweg sei gesagt: Es gibt kein barrierefreies CAPTCHA. Ich wiederhole das gerne noch mal: Es gibt kein barrierefreies CAPTCHA. Im Folgenden wollen wir uns ein paar Beispiele im Detail anschauen.

Die einfache Lösung

Die simpelste Lösung, die nach wie vor zu finden ist ist eine gleichbleibende Zeichenkette, die in einer Grafik versteckt ist. Tatsächlich hält das häufig sowohl Spammer als auch Menschen ab, die Menschen, weil sie es nicht lösen können oder wollen. Die Bots, weil der Algorithmus nicht auf die spezielle Kombination aus Formularfeldern und Grafik-Code hin betrachtet wurde. Bots funktionieren am besten bei Formularen, die gleich aussehen, kein Mensch macht sich die Mühe, sie für einzelne Seiten anzupassen, die ein wenig vom Standard abweichen.
Eine weitere Möglichkeit ist das Lösen einer simplen Mathe-Aufgabe. Auch hier gilt das oben gesagte: Das lösen mathematischer Formeln ist die ur-eigene Aufgaben von Computern. Diese Lösungen funktionieren nur deshalb, weil der Bot nicht angepasst wurde. Sobald das passiert ist, können die Bots ihre Aufgabe beginnen.

ReCAPTCHA – die Möchtegern-Barrierefreie-Lösung

ReCAPTCHA ist die aktuell am weitesten verbreitete Lösung. In der Theorie soll man hier nur ein Häkchen setzen bei „Ich bin kein Roboter“. Das sollte doch auch der größte Honk hinbekommen oder?
Leider nein: Zum einen ist schon die Unterstellung, man sei ein Roboter ein bisschen unverschämt. Wichtiger ist aber, dass das Häkchen häufig nicht funktioniert. Meine Vermutung ist, dass es teils mit Datenschutz-Einstellungen des Browsers kollidiert.
Wie dem auch sei: Man bekommt also ein Bilder-Rätsel angezeigt. Das kann man als Sehbehinderter oder Blinder nur schwer oder gar nicht lösen. Nun gibt es die Audio-Alternative, die aktuell tatsächlich gut verständlich ist. Während man früher nur künstlich erzeugtes unverständliches Gebrabbel und Rauschen angeboten bekam, werden aktuell wohl Sound-Schnipsel aus Fernsehsendungen verwendet. Das dürfte für viele Schwerhörige noch relativ gut verständlich sein. Als Tastatur-Nutzer, Sehbehinderter oder Blinder muss man aber in dem Wust aus Bilder-Rätsel und Website erst mal die Audio-Alternative finden.
Und was machen wir mit lernbehinderten und älteren Personen? Verstehen sie, was da von ihnen erwartet wird, warum sie mitteilen sollen, dass sie kein Roboter sind und was dieses Bilder-Rätsel zu bedeuten hat? Was machen Leute mit psychischen Problemen, für die jede weitere Aktion eine Belastung ist?
Last not least bleibt da das Datenschutz-Problem: Google ist das schwarze Loch des Datenschutzes, niemand weiß, welche und wie viele Daten an Google übertragen werden, wenn so ein CAPTCHA eingebunden wird.

Ich bin ein Roboter

Das Problem mit CAPTCHAs besteht darin, dass sie einerseits so komplex sein sollen, dass ein Algorithmus sie nicht schnell automatisch lösen kann. Andererseits sollen sie aber so einfach sein, dass jeder Mensch sie lösen kann. Es ist leicht einzusehen, dass früher oder später der Mensch verlieren muss. Besonders gilt das für den behinderten Menschen, da seine sinnlichen und kognitiven Fähigkeiten von denen Nicht-Behinderter abweichen.
Ich habe mich einmal darüber lustig gemacht – es steckt aber ein wahrer Kern in der Satire: Algorithmen zum Maschinen-Lernen sollten schon heute in der Lage sein, die Codes besser zu lösen als Menschen. Wenn sie es noch nicht können, dann in naher Zukunft. Google, Facebook, Microsoft, Amazon und Apple arbeiten an solchen Lösungen, ganz zu schweigen von vielen kleineren Playern. Die KI zur Erkennung von Objekten auf Bildern sowie zur Sprach-Erkennung schreitet schnell voran. Man könnte sich einfach einen Zugang zur Google-Bild-Erkennungs-API kaufen und die API auf ReCAPTCHA ansetzen, dann würde man Google mit seinen eigenen Waffen schlagen.
Mit anderen Worten: CAPTCHAs werden in ihr Gegenteil verkehrt, sie werden besser von Maschinen als von Menschen erkannt.

Schön und gut – aber der ganze Spam?

Nun ist es korrekt, dass viel Spam über Web-Formulare reinkommt. Nur doof, dass CAPTCHA eher menschliche als botische Nutzer abhält. Ich könnte zähneknirschend akzeptieren, dass CAPCHAs unvermeidlich sind, das sind sie aber nicht. Ich sage immer, CAPCTHAs sind ein Instrument zur Kontakt-Vermeidung, setzen Sie sie ein, wenn Sie möchten, dass Ihr Formular nicht verwendet wird. Prüfen Sie ruhig einmal, wie hoch die Abbruchrate beim CAPTCHA ist. Aber welche Alternativen gibt es?
Wahrscheinlich kann man einen Großteil der Bots schon dadurch sperren, dass man eine Zeitverzögerung einbaut. Sagen wir, das Formular kann erst nach zehn Sekunden abgeschickt werden. Sicherlich gibt es Szenarien, in denen ein Mensch innerhalb von zehn Sekunden das Formular ausfüllt und abschicken will, das ist aber sehr unwahrscheinlich.
Eine weitere Möglichkeit sind Honeypots: Das sind Eingabefelder, die nur für den Bot sichtbar sind und von ihm ausgefüllt werden. Diese Eingaben werden automatisch als Spam klassifiziert und nicht zugestellt.
Für WordPress gibt es effiziente Spamfilter wie Akismet oder AntiSpamBee. Für andere gängige Redaktionssysteme gibt es vergleichbare Lösungen.
Sehr effizient sind auch Listen von Wörtern, die automatisch geblockt werden. Es ist unwahrscheinlich, dass ein ernsthafter Kommentator oder Kontakter Worte verwendet, die in typischen Spam-Kommentaren auftreten. Sie kennen diese Worte, sie haben meistens etwas mit Geld oder Sex zu tun.
Ein weiterer Ansatzpunkt ist das E-Mail-Post-Fach selbst. Neben den integrierten Mechanismen der E-Mail-Provider kann man auch hier mit effizienten Filtern arbeiten, die einen Großteil des Spams aussortieren.
Am effektivsten erscheint eine Mischung mehrerer Methoden. Das sollte tatsächlich bis zu 100 Prozent des Spams abhalten. Es sollte aber klar geworden sein, dass CAPTCHAs weder barrierefrei sind noch zur Spam-Prävention effizient beitragen.
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Cookies und die Barrierefreiheit

Spätestens seit der Einführung der Datenschutz-Grundverordnung sind sie allgegenwärtig- die Cookie-Messages. Oben, unten, manchmal nehmen sie auf Smartphones den gesamten Bildschirm ein. Sie sind eine Barriere geworden, hier erfahrt ihr, warum.

Bin ich da, bin ich weg?

Als Blinder kann man Cookie-Mitteilungen gut ignorieren, wenn sie sich unten am Bildschirm befinden oder man sie zumindest schnell überspringen kann. Auf dem Smartphone funktioniert das nicht so einfach, denn wie gesagt nehmen sie dort häufig viel Platz weg, so dass eine komfortable Nutzung der Website mit ihnen teils nicht möglich ist.
Nun kann es passieren, dass man sie wegklickt – also akzeptiert oder verwirft, sie aber für den Screenreader sichtbar bleiben. Das kann bedeuten, dass die Seite nicht nutzbar ist, der Screenreader bleibt quasi in der Cookie-Message hängen und kommt an den Inhalt nicht heran.

Die Cookie-Message als Overlay

Das nervigste Phänomen überhaupt sind Cookie-Messages als Overlay. Das sehen wir vor allem bei anglo-amerikanischen Webseiten. Der Hintergrund wird ausgegraut, die Cookie-Message poppt auf und muss aktiv geschlossen werden, um den Inhalt zu nutzen. Hier können die üblichen Probleme schlecht programmierter Overlays für Screenreader entstehen: Entweder bekommt der Nutzer gar nicht mit, dass eine Aktion von ihm erwartet wird und die Seite ist für ihn nicht nutzbar, weil alle anklickbaren Elemente gesperrt sind. Oder er sieht die Meldung, kann sie aber nicht akzeptieren, weil die bedienelemente nicht per tastatur bedienbar sind. Abgesehen davon sind manche dieser Cookie-Messages wirklich lang geworden, als ob man einen Roman lesen wollte, bevor man die Website nutzt.
Für Tastaturnutzer ergibt sich das Problem, dass sie einen Klick ausführen müssen, um an den Inhalt zu kommen. Für Leute, die Probleme haben, die Maus zu bedienen oder mit starker Vergrößerung arbeiten, kann das durchaus schwierig werden. Nervig ist es in jedem Fall. Reine Tastatur-Nutzer kommen oft gar nicht an die Cookie-Message heran.

Angst-Störungen und mangelnde Erfahrung mit Web-Technologien

Ein weiteres Problem kann sich für Internet-Unerfahrene und Personen mit Angststörungen ergeben. Die Internet-Unerfahrenen wissen vielleicht gar nicht, was Cookies sind, was passiert, wenn sie akzeptieren und welche Daten tatsächlich gesammelt werden und was mit diesen Daten passiert? Datenschutzerklärung ist gut und schön, aber nicht jeder hat eine Jura-Professorin mit erfahrung im Internetrecht neben sich auf der Couch sitzen.
Und selbst wenn: Vertraue ich den Versicherungen des anbieters, dass die Daten zu den genannten Zwecken verarbeitet und angemessen anonymisiert werden? Als jemand mit einer Angststörung könnte man daran zweifeln. Cookie-Messages sind ein zusätzlicher Frustfaktor.
Und sehen diese Dinger nicht so ähnlich aus wie diese Werbebanner, die eine Zeitlang en vogue waren? Sie haben gewonnen, klicken Sie in den nächsten 10 Sekunden hier, um Ihr iPhone XX einzusacken. Woher soll man als durchschnittlicher Internet-Nutzer wissen, dass es sich nicht um einen Hacking- oder Betrugs-Versuch handelt?

Cookie-Mitteilungen müssen zugänglich sein

Die einfachste Lösung wäre, die Cookie-Mitteilungen für Blinde unsichtbar zu machen, technisch wäre das kein großes Problem.
Rechtlich allerdings schon: Ähnlich wie die Informationen im Impressum müssen Cookie-Mitteilungen für Blinde zugänglich sein, das gilt sowohl im Sinne der DSGVO als auch des Telemedien-Gesetzes.
Mir stellte sich beim Schreiben die Frage, ob es reicht, dass sie Theoretisch für Screenreader nutzbar sind. Befinden sie sich aus der Perspektive des Screenreaders am Ende der Webseite, wird der Blinde sie wahrscheinlich nicht wahrnehmen – wer scrollt schon bis dort hin durch? Meiner einschätzung reicht es tatsächlich aus, wenn die Cookie-Mitteilung praktisch für den Blinden wahrnehmbar wäre, sie also für ihn barrierefrei ist. Ansonsten müsste sie sich aus der Perspektive des Screenreaders immer am Anfang der Seite befinden. Findet er sie nicht, gibt es immerhin noch die Datenschutz-Informationen des Webseiten-Betreibers, dort sollte er auf jeden Fall alle Infos sowie die Optionen finden.

Lösungen

Generell fordert die DSGVO, möglichst wenig daten zu erheben. Die erste Frage wäre also, ob Cookies in vielen Fällen nicht überflüssig sind, also gar nicht erst eine entsprechende Nachricht angezeigt werden muss. Webseiten, die vor allem der Information dienen, benötigen meines Erachtens keine Informationssammler wie Session-Cookies, Tracker oder Web Analytics, auch wenn Analytiker das verständlicherweise anders sehen. Die gute alte Webstatistik tut es auch.
Ein weiterer Weg wäre, die automatische Akzeptanz von Cookies durch das Weiternutzen der Website. Wenn ich also scrolle, ein element anklicke oder eine anderweitige Aktion ausführe, könnte die Cookie-Mitteilung automatisch ausgeblendet werden. Es müsste aber sicher gestellt sein, dass der Nutzer die Cookie-Message zumindest unbewusst wahrgenommen hat.
Ich wundere mich, dass das W3C keinen Cookie-Veraltungs-Standard veröffentlicht hat, wenn ich mir ansehe, wie viele Dokumente die Organisation so anbietet. Falls meinen Lesern was dazu bekannt ist, freue ich mich auf hinweise.
Wünschenswert wäre eine automatische Verarbeitung der Cookie-Meldungen per Browser. Dazu wird ein einheitliches Protokoll, also eine maschinenlesbare Form benötigt. Wer eine Do-Not-Track-Anforderung im Browser aktiviert hat, sollte Tracking-Cookies gar nicht erst explizit ablehnen müssen. Andere Cookies sollten entweder für die aktuelle Session oder für einen bestimmten Zeitraum akzeptiert werde. Wie gesagt, alles über Einstellungen und Mitteilungen des Browsers.

Ein paar Datenschutz-Tipps für Blinde

Dieser Abschnitt ist nur für Blinde interessant. Es gibt ein paar Tipps zum Thema Cookies und Datenschutz.
Früher habe ich standardmäßig die Erweiterung NoScript für den Firefox verwendet. Leider ist sie nicht mehr mit Screenreadern nutzbar, man kann einzelne Skripte nicht mehr ohne Weiteres freigeben, wodurch einige Seiten-Inhalte nicht mehr funktionieren. Außerdem funktionieren viele Medienseiten und kommerzielle Seiten nicht mehr, die den Skriptblocker als Werbeblocker interpretieren, was er in gewisser Weise auch ist. Ich habe das mit Profilen gelöst, dazu weiter unten mehr.
Ein Teil des Cookie-Managements lässt sich browser-seitig einstellen: Alle Browser bieten eine Do-Not-Track-Anforderung, Cookies können generell akzeptiert, abgelehnt oder für eine bestimmte Zeit akzeptiert werden. Es ist natürlich generell sinnvoll, die Datenschutz-Einstellungen des Browsers anzuschauen. Cookies generell browser-seitig zu blockieren ist hingegen oft nicht sinnvoll, weil vor allem interaktive Seiten wie Shopping-Seiten oder Webformulare dann nicht mehr funktionieren werden. Viele Medien-Seiten sperren die Inhalte, weil sie von einem Werbeblocker ausgehen. Meiner Erfahrung nach funktioniert auch die ReCaptcha-Lösung nicht mehr, wenn Cookies standardmäßig blockiert werden.
Ich habe mir im Desktop-Firefox mehrere Profile mit unterschiedlichen Konfigurationen für unterschiedliche Zwecke angelegt. Eine fürs normale Surfen, eine für Medienseiten und interaktive Anwendungen und eine für Testzwecke mit der Standardkonfiguration von Firefox.
Um Profile anzulegen geht folgendermaßen unter Windows vor:
Drückt Windows-Taste + R für den Ausführen-Dialog von Windows. Gebt dann firefox -p ein. Es wird der Profilmanager aufgerufen.
Drückt Tab, bis ihr bei Profil erstellen seid, vergebt einen Namen für das Profil.
Wenn ihr bei jedem Start von Firefox auswählen wollt, welches Profil gestartet wird, nehmt das Häkchen bei „Gewähltes Profil bei Start ohne Nachfragen verwenden“ weg.
Ansonsten könnt ihr den Profilmanager wie oben beschrieben mit firefox -p im ausführen Dialog starten. Übrigens können mehrere Profile von Firefox auch parallel gestartet werden, auch dazu einfach firefox -p über Ausführen verwenden, wenn Firefox bereits läuft. Das kann aber schnell unübersichtlich werden, weil an den einzelnen Fenstern nicht erkennbar ist, in welchem Profil sie laufen.
Habt ihr ein Profil eingerichtet, könnt ihr wie gewohnt eure Konfigurationen und Erweiterungen vornehmen, sie bleiben wie auch die Cookies im jeweiligen Profil
Einen einfachen Datenschutz gewährt auch der anonyme Modus, der sowohl in Desktop- als auch auf Smartphone-Browsern verfügbar ist. In diesem Modus werden Daten nur so lange gespeichert, wie das Fenster oder der Tab offen ist. Im Firefox wird er mit STRG + Umschalt + P aktiviert.
Um Cookie- und andere nervige Meldungen loszuwerden reicht oft auch der Lesemodus. Dieser wird im Firefox auf dem Desktop mit F9 aktiviert und verlassen. Auch die mobilen Browser bieten so eine Funktion, die zumeist oben rechts aktiviert werden kann. Im Lesemodus wird nur der Text-Inhalt der Webseite angezeigt.
Eine andere Möglichkeit ist, unterschiedliche Browser zu verwenden. Edge, Chrome und Opera funktionieren auch mit Screenreader ganz gut.
Gut gemeint – schlecht umgesetzt
Neben dem Internet-Banking ist die DSGVO ein weiteres Beispiel dafür, wie etwas, was gut gemeint war schlecht umgesetzt wurde. Einerseits neigen die EU und der deutsche Gesetzgeber dazu, jeden Einzelfall regeln zu wollen. Andererseits gehen sie nicht weit genug mit ihren Regelungen.
Die EU hätte festlegen sollen, dass die Cookie-Messages auf eine einheitliche Weise untergebracht und ausgeblendet werden können. Leider ist das Accessibility Mainstreaming bei der EU nicht angekommen und es gibt wenig Hoffnung darauf, dass sich das Ändert.

Verkehrswende barrierefrei – was Behinderung und Klimaschutz gemeinsam haben

Der Klimaschutz wird zurecht in vielen Medien diskutiert. Eines der wichtigsten Anliegen dabei ist eine Verkehrswende. Seltsamerweise höre ich da kaum Stimmen von behinderten Menschen oder ihren Verbänden, Auf den Veranstaltungen zu diesem Thema kommen die Anliegen behinderter und älterer Menschen im Grunde nicht vor. es ist Zeit, das zu ändern.
Kleines Update: Ich wurde gefragt, ob dieser Beitrag etwas mit dem Verkehrsunfall in Berlin zu tun hat, an dem ein SUV beteiligt war. Dem ist nicht so, ich hatte den Beitrag in der Schublade und ihn zufällig an diesem Wochenende fertig geschrieben. Von dem Unfall habe ich nur am Rande gehört. Leider ist es so, dass viele moderne Autos eher sportlich gestaltet sind, das scheint ein Synonym für unbequem zu sein. Für viele ältere Leute ist es schwierig, in konventionelle Autos einzusteigen, übrigens auch in die nicht bordstein-gleichen Busse. Wie ich an anderer Stelle schrieb hat die Regierung nicht nur den Klimawandel, sondern auch den demografischen Wandel verschlafen. Vielmehr scheint sie paralysiert zu sein und nicht in der Lage, auf die Probleme unserer Zeit adequate Antworten zu finden. Mein Beitrag richtet sich nicht gegen SUVs oder bestimmte Autos, sondern gegen den motorisierten Individualverkehr als solchen.

Der tägliche Verkehrsinfarkt

Niemand ist mit der heutigen Verkehrssituation in der Großstadt zufrieden: Pendler stehen im Stau, die Öffis sind die meiste Zeit überfüllt, verspätet und unzuverlässig, Fahrradfahrer leben gefährlich und die Fußgänger werden so behandelt, als ob sie nicht existieren.
Auf dem Land finden wir das Gegenteil: Es gibt teilweise keine Verkehrsversorgung, so dass die Menschen von der Großstadt ohne eigenen fahrbaren Untersatz praktisch ausgeschlossen sind. Das gilt natürlich auch für Behinderte, die nicht in der Stadt leben wollen oder können. Motorisch Behinderte sind viel stärker von der Wohnungsknappheit betroffen, weil sie barrierefreie Wohnungen und Zugänge brauchen. Diese Wohnungen sind vor allem in den Ballungszentren praktisch nicht mehr zu bekommen. Behinderte sind deshalb oft gezwungen, in die Peripherie der Städte oder aufs Land mit der schlechten Infrastruktur zu ziehen.

Keine Verkehrswende ohne uns

Das Problem der Verkehrswende lässt sich klar in einem Satz zusammenfassen: Die Politik traut sich nicht an einen großen Wurf heran, der aber notwendig wäre. Stattdessen doktert sie an einzelnen Symptomen herum, die das Problem aber eher verschärfen. Jüngstes Beispiel dafür sind die Elektro-Scooter. Ein paar Radwege, Elektro-Ladestationen und Elektro-Autos lösen aber exakt kein einziges Problem, sie werden selber zu einem Problem. Als Super-Lösung erscheint das Fahrrad.
Nun bin ich durchaus ein Freund der Fahrradisierung der Innenstadt. Aber nicht unter heutigen Bedingungen. In Bonn gibt es jetzt schon viele Bürgersteige, die wegen abgestellter Fahrräder, anderer Fahrzeuge und dem ganzen anderen Zeug für Behinderte unbenutzbar sind. Das gilt für Blinde mit ihrem Blindenstock, für Rollstuhlfahrer, für Rollator-Nutzer, für Personen mit Kinderwagen und so weiter. Auf die Straße auszuweichen ist teils nicht machbar und teils gefährlich. Wir können uns lebhaft vorstellen, was passiert, wenn auf den Bürgersteigen noch mehr Fahrzeuge, Ladestationen und so weiter dazu kommen.
Hinzu kommt, dass auch die Fahrradfahrer selbst eine Bedrohung sind. Ich stelle jeden Tag fest, dass auf Personen mit einem Blindenstock gar keine Rücksicht genommen wird. Warum muss man trotz ausreichend breiter Wege 10 Zentimeter an mir vorbei rasen, obwohl man den Stock genau gesehen hat? Ich kann nicht anders als das als asoziales Verhalten zu bewerten.
Die Fahrradfahrer fordern mehr Rücksichtnahme von Autofahrern. Gegenüber Fußgängern verhalten sie sich aber wie Rambos auf zwei Rädern. Ich habe tatsächlich nichts dagegen, wenn sie auf den Bürgersteigen unterwegs sind, aber mir leuchtet nicht ein, warum sie das nicht in einem vernünftigen Tempo tun. Wenn alle künftigen Radfahrer sich so verhalten, dann verzichte ich lieber auf die Verkehrswende. Nicht die Fahrradfahrer, sondern die Fußgänger und andere Nutzer des Bürgersteigs sind die am meisten gefährdete und behinderte Gruppe im Straßenverkehr.

Was zu tun ist

Man muss kein Verkehrs-Experte sein, um das Notwendige auszusprechen. Offenbar fällt es aber doch dem Laien, also mir, zu. Das Problem ist, dass wir den großen Wurf brauchen, denn das Rumgefrickel der letzten 40 Jahre hat die Probleme nur verschärft. Es müssen mehrere Maßnahmen parallel durchgeführt werden:

  • Der private Autoverkehr muss weitgehend aus der Innenstadt verschwinden. Das Car-Sharing muss konsequent gefördert werden, denn die meisten privaten autos stehen die meiste Zeit ihrer Existenz ungenutzt herum und tun nichts, als Platz weg zu nehmen.
  • Die Auto-Parkplätze insbesondere in den Innenstädten müssen reduziert und zu Abstellplätzen für Fahrräder und andere Kleinfahrzeuge umgestaltet werden. Am besten überdacht und mit einem passablen Diebstahlschutz.
  • Der ÖPNV muss massiv ausgebaut, billiger, zuverlässig und barrierefrei werden.
  • Das Tempo in der Innenstadt muss heruntergefahren werden: Tempo 30 ist vollkommen ausreichend. Parallel sollen Fahrräder und andere Klein-Fahrzeuge dazu berechtigt sein, die Straßen zu nutzen und zwar gleichberechtigt mit den verbleibenden Groß-Fahrzeugen. Den Groß-Fahrzeugen müssen sämtliche Vorrechte entzogen werden, die sie aktuell auf der Straße genießen. Es müssen keine neuen Radwege gebaut werden, für die in der Innenstadt ohnehin kein Platz wäre.
  • Die Bürgersteige sollen den Fußgängern, Rollstuhlfahrern, Rollator-Nutzern und anderen langsamen Personen vorbehalten bleiben, Maximal-Tempo 6 km/h. So können auch ältere Menschen, die elektro-Kleinfahrzeuge verwenden wollen, sich aber nicht auf die Straße trauen mobil bleiben. Die Kommunen müssen dafür sorgen, dass ausreichend komfortabel nutzbare Flächen freibleiben. Slalom-Laufen ist keine Lösung. In jedem Fall muss so viel Platz sein, dass zwei Personen aneinander vorbeigehen können, ohne dem Anderen auf die Pelle zu rücken.
  • Es braucht flexible und günstige Lösungen, auch für Behinderte, um Zentrum und Peripherie besser miteinander zu verknüpfen. Eine Möglichkeit sind barrierefreie Anruf-Sammeltaxis oder barrierefreies Car-Sharing.
  • Die Fußgänger und andere langsame Nutzer des Bürgersteiges sollen als gleichberechtigte Partei neben Klein- und Großfahrzeugen wahrgenommen und behandelt werden.

Es versteht sich von selbst, dass man für besonders herausgeforderte Personen wie Familien mit kleinen Kindern, Gehbehinderte, chronisch Kranke und so weiter besondere Lösungen braucht. Für den gesunden Durchschnitts-Bürger hingegen muss das Privat-Auto möglichst unattraktiv und der ÖPNV im gleichen Zuge möglichst attraktiv werden.
Heute ist genau das Gegenteil der Fall: Wer nicht muss, nutzt den ÖPNV nicht. Die Deutsche Bahn hat ihre Zuverlässigkeit in den letzten Jahren offenbar systematisch verschlechtert. Wir haben wie in vielen Bereichen seit Jahrzehnten Stillstand.
Weiterhin wird bei der Verkehrswende der zweite Schritt vor dem ersten gemacht: Der erste Schritt wäre, die Mobilitätsanlässe drastisch zu reduzieren. Zu den möglichen Maßnahmen gehören der Ausbau des Internet-Zugangs auch in der Peripherie, ein funktionierendes eGovernment, eine großzügige Home-Office-Regelung und der konsequente Einsatz von Fern-Kommunikation, um unnötige Dienstreisen zu verringern. Auch das sind Maßnahmen, von den viele behinderte Menschen profitieren könnten.

Fazit

Die Verkehrswende ist nur ein Aspekt, der uns beim Klimawandel betrifft. Vieles spricht dafür, dass uns Behinderte der Klimawandel besonders treffen wird. Fast alle Behinderten leben in Entwicklungsländern. Sie sind nicht mobil und den Folgen von Dürre und Überschwemmungen praktisch schutzlos ausgeliefert. Doch auch hierzulande sind viele Betroffen. Das Thema Strohhalme mag uns banal erscheinen, für die Betroffenen ist es durchaus relevant.
Umso wichtiger ist es, dass sich mehr Behinderte bei den Diskussionen um den notwendigen Wandel einbringen.
Ich finde es bedauerlich, dass einige Beteiligte versuchen, einen Generationen-Konflikt aufzumachen. Wenn eine Verkehrswende vernünftig gestaltet wird, können alle profitieren: Die Kinder und die Jugend, die Mittel-Alten und die Senioren. Denn im Grunde, das schrieb ich oben, ist niemand mit der heutigen Situation in den Städten zufrieden, selbst die Autofahrer wünschen sich heimlich, dass es weniger Autoverkehr und weniger aggressives Verhalten auf den Straßen gäbe.

Zum Weiterlesen

Wie die Wirtschaft von Barrierefreiheit profitieren kann

Der European Accessibility Act ist soeben verabschiedet worden. Er verpflichtet Teile der Privatwirtschaft zur Barrierefreiheit, darunter Banken, Buchverlage und Online-Shops. Ob die schon von ihrem Glück wissen?
Da unsere Wirtschaft von kurzfristigem Denken geprägt ist, sehen sie die Vorteile der Barrierefreiheit für sich nicht. Gerade deswegen sind Verpflichtungen sinnvoller als Freiwilligkeit. Das möchte ich in diesem Beitrag näher ausführen.

Das Kosten-Dilemma

Im Grunde würde der Staat der Privatwirtschaft einen Gefallen tun, wenn er sie zur Barrierefreiheit verpflichtet. Ich muss zur Erklärung ein wenig ausholen.
Barrierefreiheit ist natürlich ein Kostenfaktor – das lässt sich nicht leugnen. Die bestehende Infrastruktur muss umgebaut werden. Die Kosten sind teils recht hoch, vor allem, wenn es um Umbaumaßnahmen geht. Es gibt aber keine Verpflichtung, Einzelne müssten also vorpreschen und es umsetzen. Die Kosten dafür müssen auf die Produkte umgelegt werden, anders geht es ja in der Wirtschaft nicht. Wenn ich aber anfange und meine Konkurrenten nicht nachziehen, werden meine Produkte teurer. Die kostenbewussten Käufer gehen aber dorthin, wo die Produkte am billigsten sind. Diesbezüglich brauchen wir uns nichts vorzumachen, Barrierefreiheit ist real genau so wenig ein Attraktor wie Bio.
Wenn aber alle Barrierefreiheit umsetzen müssen, relativiert sich das Ganze. Alle Produkte werden ein wenig teurer, aber der nicht-barrierefreie Konkurrent hat keinen Kostenvorteil. Erforderlich sind dafür aber einheitliche Standards.
Klar ist aber auch: Ohne eine kräftige Förderung wird es nicht gehen. Kleinbetriebe wie Arztpraxen können die Kosten eines barrierefreien Umbaus kaum stämmen. Wenn es aber nur eine oder gar keine barrierefreie Arztpraxis gibt, schränkt das die Wahlfreiheit von gehbehinderten Menschen ein. Wobei Arztpraxis durch einen beliebigen anderen Begriff wie Arbeitsplatz, Apotheke oder Restaurant ersetzt werden kann. Und Gehbehinderte sind das anschaulichste Beispiel, wir können jede andere Behindertengruppe nehmen.

Der Vorteil für die Anbieter

Längerfristig betrachtet haben die Anbieter Vorteile, die auf Barrierefreiheit setzen. Der demografische Wandel ist oft thematisiert worden, aber die Folgen scheinen den Beteiligten nicht klar. Ein Großteil der Bevölkerung kommt in ein Alter, wo sie Einschränkungen in der Beweglichkeit, in den Sinneswahrnehmungen und in der kognitiven Verarbeitungsfähigkeit haben werden. Die Schwelle, wo das zu leichten Einschränkungen führt beginnt weit vor dem, was amtlich als Behinderung anerkannt wird. Diese Menschen werden Probleme haben, Produktbeschriftungen, Speisekarten oder Bedienungsanleitungen zu lesen. Die Beipackzettel von Medikamenten sahen ja schon immer so aus, als ob sie für die Lektüre durch Ameisen ausgelegt waren, irgedwann wird sie keiner mehr ohne Lupe lesen können.
Heißt konkret, auch wenn man keinen Rollstuhl oder Rollator braucht, wird man Probleme haben, eine Treppe hochzukommen. Im Zweifelsfall wird man also das Café vorziehen, wo man keine Treppe steigen muss und die Speisekarte ohne 200 Prozent Zoom lesen kann. Das gilt im übrigen auch, wenn man ansonsten noch relativ fit ist und längere treppenfreie Strecken problemlos laufen könnte.
Übrigens sind das – bei aller berechtigten Kritik an der Altersarmut – die Personen, die mehr Geld und mehr Freizeit haben als die hippen Jugendlichen und jungen Familien, die als bevorzugte Zielgruppe gelten. Teile der Tourismusbranche haben das zumindest schon erkannt.
Die Wirtschaft spürt das sicherlich auch schon, sie sind ja nicht dumm. Doch dürfte hier das Kostendilemma durchschlagen, das ich oben beschrieben habe. Leider taugen Apple und Co. hier nicht als Beispiel. Sie spielen gewinn- und umsatzmäßig in der höchsten Liga.

Barrierefreiheit spart auf lange Sicht Geld

Der Wohnungsmarkt ist für gehbehinderte Menschen eine Katastrophe. Rollstuhlgeeignete Wohnungen müssen häufig bundesweit gesucht werden. Der Umbau einer bestehenden Wohnung ist wenn überhaupt möglich für eine Privatperson mit durchschnittlichem Einkommen kaum zu stämmen. Denken wir an Rollatoren, wird der Bedarf in den nächsten Jahren stark steigen. Wohnungen, die jetzt nicht barrierefrei sind müssen teuer nachgerüstet werden.
Krankenkassen und andere Träger stöhnen schon heute über die Kosten, die sie für Reha und Hilfsmittel übernehmen müssen. Wie wird das aber aussehen, wenn ein Viertel der Bevölkerung darauf angewiesen ist?
Anderes Beispiel: Es ist nicht recht nachvollziehbar, warum die neuen ICEs nicht mit schwellenlosen Zugängen oder integrierten Rampen versehen sind. Die Mobilitätszentrale ist zweifellos bemüht, doch schränkt sie am Ende des Tages die Wahlfreiheit und Flexibilität gehbehinderter Menschen auf eine Weise ein, die nicht tolerierbar ist.
Ich könnte auf diese Weise noch viele Beispiele aneinander reihen. Die Kosten durch mangelnde Barrierefreiheit sind enorm, nur dass sie heute im Wesentlichen nicht durch die Firmen, sondern durch den Staat und die Sozialversicherungen, also durch uns alle getragen werden. Wie ich oben gezeigt habe, wird das nicht mehr lange gut gehen, deshalb sollte der Staat einheitliche Vorschriften zur Barrierefreiheit schaffen.
Barrierefreiheit strategisch umsetzen

Community-finanzierte Hilfsmittel – was Spenden und Crowdfunding bewirken können

Viele Menschen mit Behinderung benötigen Hilfsmittel im Alltag oder zur Nutzung eines Computers. Einige Hilfsmittel erleichtern bestimmte Aufgaben, andere Technologien sind unverzichtbar.
Leider sind viele Hilfsmittel für Privatpersonen unerschwinglich. Ein Screenreader – das ist ein Programm, mit dem Blinde ihren Computer bedienen können – kostet zwischen 2.000 und 3.000 Euro. Ein Braille-Display, das Inhalte des Computers als Blindenschrift ausgibt kostet bis zu 10.000 Euro. Deshalb sind Menschen mit Behinderung oftmals mit veralteter Technik oder Software konfrontiert, während ihnen neue Funktionen oder bessere Hilfsmittel vorenthalten bleiben.
Hinzu kommt, dass Hilfsmittelentwickler Innovationen nur langsam aufgreifen. Der Markt ist relativ klein, die Entwicklungskosten relativ hoch.
Vieles ist heute möglich, was noch vor fünf Jahren undenkbar war. Viele Smartphones und Tablet-PCs haben zum Beispiel Schnittstellen für Hilfstechnik wie Sprachein- und ausgaben integriert, auf denen die Entwickler aufbauen können.
Die Behinderten-Communities selbst haben heute Möglichkeiten, zur Entwicklung besserer Hilfstechnik beizutragen. Zwei dieser Möglichkeiten wollen wir hier vorstellen: das klassische Spendenwesen und das Crowdfunding.

Spendenfinanzierung

Vor allem OpenSource-Projekte finanzieren sich über Spenden. Während sich viele Entwickler praktisch ehrenamtlich engagieren, entstehen trotzdem Kosten für Geräte, Entwicklungsumgebungen und vieles mehr, die über spenden von der Community mitfinanziert werden können. Ein Beispiel dafür ist der kostenlose Screenreader Nonvisual Desktop Access (NVDA). Er ist der einzige offene und kostenlose Screenreader für Windows-Systeme und in einigen Bereichen der kommerziellen Konkurrenz überlegen. NVDA ist ein klassisches OpenSource-Projekt, jeder, der Zeit und Interesse hat kann an seiner Weiterentwicklung mitwirken. Wer nicht über die nötigen technischen Kenntnisse verfügt, kann das Projekt mit einer Spende unterstützen.

Crowdfunding – der Schwarm bezahlts

Crowdfunding bedeutet, dass der Schwarm die Finanzierung eines Projektes übernimmt. Es ist ein Kunstwort aus Crowd = Masse und Fundraising = Spenndensammeln und leitet sich von Crowdsourcing ab. Während beim Crowdsourcing der Schwarm kleine Aufgaben übernimmt, um ein großes gemeinsames Ziel zu erreichen finanziert der Schwarm beim Crowdfunding die Umsetzung kleinerer oder größerer Projekte.
Möchte man etwa eine App entwickeln, die Menschen mit Behinderung hilft, hat aber weder das nötige Geld noch das technische Know-How, könnte man über ein Crowdfunding-Projekt die entsprechenden Gelder akquirieren, um einen Programmierer für die Entwicklung zu bezahlen. Für Crowdfunding gibt es spezielle Plattformen wie Kickstarter.com.
Der typische Ablauf für ein Crowdfunding-Projekt sieht so aus: Der Entwickler hat eine Idee, die er auf einer Crowdfunding-Plattform vorstellt. Er legt außerdem fest, wie viel Geld er über die Plattform erhalten möchte und wie lange er um Unterstützung auf der Plattform werben möchte. Der Unterstützer bietet einen Beitrag seiner Wahl zur Unterstützung an. Wenn die nötige Summe in der anvisierten Zeit erreicht wird, erhält der Entwickler das Geld und kann mit der Umsetzung seiner Idee beginnen. Kommt die erhoffte Summe nicht zusammen, bekommen die Unterstützer in der Regel das Geld zurück. Die Prozedur kann sich je nach gewählter Plattform unterscheiden. Ähnlich wie beim Sponsoring erhalten die Unterstützer je nach Beitrag gestaffelte Dankeschöns wie die Erwähnung auf der Projektseite oder eine Vorabversion des Projektergebnisses.

Spenden sammeln versus Crowdfunding

Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen Crowdfunding und Spenden. Spenden werden über einen längeren Zeitraum gesammelt, teilweise sind sie zweckgebunden, überwiegend werden sie aber für die Organisation als solche gesammelt. Außerdem ist das Spendenwesen eine feste Einrichtung, es wird permanent nach Spendern gesucht.
Crowdfunding-Projekte hingegen sind zeitlich begrenzt. Der Crowdfunder versucht, innerhalb einer bestimmten Zeit eine bestimmte Menge Geld für ein ebenfalls zeitlich begrenztes Projekt zu erhalten. Er kann vorhandene Plattformen nutzen und muss keine spezielle Spendenorganisation aufbauen.
Beiden Finanzierungsformen gemein ist, dass auch schon relativ kleine finanzielle Beiträge zum Erfolg eines Projektes beitragen können. Um zum Beispiel 10.000 Euro zu erhalten müssten rund 1.000 Personen durchschnittlich 10 Euro spenden. Natürlich muss dafür ein wenig Marketing betrieben werden, Crowdfunding ist keinesfalls ein Selbstläufer. Außerdem muss die Community auch bereit sein, die Projekte auch finanziell und nicht nur ideell zu unterstützen. Dabei entfaltet das Internet seinen Reichweitenvorteil: mit guten Projektideen lassen sich viele tausend potentielle Unterstützer erreichen.
Crowdfunding ist deshalb vor allem für kleinere Projekte interessant, die von den Hilfsmittelanbietern nicht angegangen werden, weil sie nicht genügend Gewinn abwerfen oder die Zielgruppe als zu klein eingeschätzt wird. Oft werden die Projekte nach ihrer Beendigung als OpenSource an die Community übergeben, so dass sie von ihr weiterentwickelt werden können.

Fazit

Die community-finanzierte Entwicklung von Hilfsmitteln wird die klassische Hilfsmittelversorgung ergänzen und nicht ersetzen. Vor allem durch die Alterung der Gesellschaft ist absehbar, dass ehr viel mehr Menschen günstige und einfach bedienbare Hilfsmittel benötigen werden. Durch Spenden und Crowdfunding kann jeder ein Stück dazu beitragen, das solche Hilfsmittel entwickelt werden.
Barrierefrei mit WordPress
WordPress und Barrierefreiheit

Jeder nur ein Kreuz – behindert zur Wahl des EU-Parlaments

In wenigen Wochen stehen die Wahlen zum EU-Parlament an. Heute möchte ich meine behinderten Mitleser nicht nur dazu ermutigen, mitzuwählen und das Parlament nicht den Menschenhassern und Faschisten zu überlassen. Wenn ihr die Möglichkeit habt, solltet ihr ins Wahllokal gehen und nicht an der Briefwahl teilnehmen. Ich werde es auch machen.
Dafür gibt es zwei Gründe: Der profane ist, dass ich vergessen habe, die Wahlunterlagen rechtzeitig anzufordern.

Der weniger dämliche ist, dass ich es für wichtig halte, Gesicht zu zeigen. Oder vielmehr, Blindenstock, Rollstuhl und Rollator zu zeigen. Um das zu erklären muss ich ein wenig ausholen.

Zeigt her eure Hilfsmittel

Barrierefreiheit wird noch heute primär als Behindertengerechtigkeit verstanden und auch verkauft. Statt die Vorteile für alle Nutzer aufzuzeigen erweckt man nach wie vor den Eindruck, man würde uns einen Gefallen tun, wenn man eine Rampe über die Stufe legt. Das wirkt sich auch auf die Wahl aus: die Wahl kann nicht zum Event der junge Familie werden, weil die Eltern mit dem Kinderwagen nicht reinkommen.

Eine Ursache der mangelnden Barrierefreiheit dürfte darin bestehen, dass Behinderte in der Gesellschaft nach wie vor kaum sichtbar sind. Die Verantwortlichen und auch die Unverantwortlichen haben keine konkrete Person vor Augen, wenn sie an Barrierefreiheit denken sollen. Wir lachen gerne darüber, wenn ein Webmaster behauptet, seine barriereunfreie Website würde nicht von Behinderten besucht. Aber für viele Kleinunternehmer wie Frisöre, Kneipenwirte oder Shopbetreiber ist das Realität: sie haben nie einen Kunden mit sichtbarer Behinderung zu Gesicht bekommen, auch wenn ihr Geschäft generell zugänglich ist.

Nach wie vor ist es wahrscheinlich, dass die Wahlleiter und auch die Crews in den Wahllokalen den ganzenTag keinen Menschen zu Gesicht bekommen, egal, wie barrierefrei ihr Lokal ist. Die Frage darf ja nicht laut gestellt werden, schwingt aber unterschwellig immer mit: Warum sollen wir uns die Mühe machen, wenn die eh alle Briefwahl machen oder gleich gar nicht wählen?

Ich kann natürlich verstehen, dass ein Rollstuhlfahrer nicht das Abenteuer auf sich nehmen will, vor Ort die böse Überraschung zu erleben, dass er an der Schwelle des Wahllokals nicht weiterkommt. Auch Blinde oder Sehbehinderte wollen lieber in Ruhe zuhause ihr Kreuzchen machen, statt sich unter unnötigen Zeitdruck zu setzen. Dann bleibt aber die Frage: Warum das Wahllokal barrierefrei machen? Wir können diese Frage noch ausweiten: Wofür brauchen wir barrierefreie Märkte, wenn wir eh alles im Internet kaufen? Warum soll das Kino barrierefrei sein, wenn man sich eh alles übers Internet reinzieht? Ihr versteht, worauf ich hinauswill. Es geht nicht um das ökonomische Argument, dass sich jede Investition in x Jahren amortisieren muss. Es geht darum, dass Bewusstsein für Behinderung zu wecken und überhaupt die Notwendigkeit für Barrierefreiheit bewusst zu machen. Ob es nun eine oder zehn Millionen Behinderte sind, Zahlen in dieser Größenordnung sind immer unbegreiflich. Manchmal reicht es aber aus, einen einzigen Behinderten persönlich zu kennen, um zu verstehen, was Barrierefreiheit bedeutet.
Ein großer Erfolg der Behindertenbewegung ist, dass rund 80000 Menschen, die unter vollständiger Betreuung stehen, an der EU-Wahl und den folgenden Wahlen teilnehmen können. Behinderung wirkt also.
Auch würde ich es gerne sehen, wenn es behinderte Wahlhelfer gäbe. Bei Blinden könnte es schwieriger werden, das kann ich schlecht einschätzen. Aber Personen im Rollstuhl, Gehörlose oder mit Down-Syndrom sollten im Wesentlichen problemlos unterstützen können, vorausgesetzt, das Wahllokal ist barrierefrei.
Deshalb werde ich am 26. Mai 2019 meinen Stimmzettel in meinem Wahllokal ausfüllen und ich hoffe, ihr macht das auch.

Von Behinderten inspierierte Erfindungen

Eine ganze Reihe von Erfindungen oder Entwicklungen wurden durch Behinderte inspiriert oder durch sie vorweggenommen. In diesem Beitrag möchte ich einige davon darstellen.
Man muss hierbei natürlich immer vorsichtig sein: Kaum eine größere Entwicklung erfolgte durch einen einzigen Impuls oder eine Einzelperson. Die meisten Erfindungen wären zu einem anderen Zeitpunkt von einer anderen Person zu einem anderen Anlass auch entstanden. Und teils mag es sich auch um urband legends handeln, von denen nicht mehr nachzuprüfen ist, ob sie tatsächlich passiert sind.

Telefon

Alexander Graham Bell gilt als der Erfinder des Telefons. Sein Weg zu dieser Entwicklung führte über seine schwerhörige Mutter. Offenbar inspirierte sie ihn zu der Idee, Töne in elektrische Impulse zu verwandeln und über distanzen zu übertragen.
Neben Bells zweifellosen Verdiensten in der Wissenschaft hat er nebenbei bemerkt eine nicht ganz rühmliche Rolle für die Verbreitung der Gebärdensprache gespielt. Das ist aber ein anderes Thema.

SMS (Short Message Service)

Für die jungen Leser: SMS ist WhatsApp in teuer. Der Finne Matti Makonen entwickelte in den 90ern SMS unter anderem, damit Gehörlose untereinander und mit Hörenden kommunizieren konnten, wohl nichtsahnend, dass sie fast genau sowichtig werden würde wie das eigentliche Telefonieren.

Internet und E-Mail

Schwerhörige und Gehörlose haben auch für das Internet und E-Mail eine wichtige Rolle gespielt.
Der heute 75-jährige Vinton Cerf war bei der Entwicklung der ersten Internet- und E-Mail-Protokolle aktiv beteiligt. Er selbst ist schwerhörig. Das Internet und E-Mail ermöglichten eine nicht-verbale Kommunikation mit anderen Personen, was ihn sicherlich mitmotiviert hat, am Internet mitzuwirken. Unter anderem wollte er mit seiner gehörlosen Frau via E-Mail kommunizieren können.

Hörbücher

Hörbücher waren für uns Blinde schon vor 20 Jahren ein alter Hut. Heute gehören sie zu einem wichtigen Segment des Buchmarktes.
1931 starteten die American Foundation for the Blind und die Library of Congress das erste Hörbuch-Programm für Blinde. Lustigerweise spricht man nicht von audiobook, sondern von talking book.
Heute gibt es ca. 60.000 deutschsprachige Hörbücher speziell für Blinde, über 100.000 kommerzielle deutsche Hörbücher und wer weiß wie viele englische Hörbücher.

Schreibmaschine

Die Schreibmaschine prägt unseren Alltag bis heute. Das PC-Keyboard auf dem Schreibtisch und die Tastatur auf dem Smartpohne – beide sind von der Schreibmaschine inspiriert, was die Anordnung der Buchstaben angeht. Und wie solls anders sein, hinter ihrer Erfindung steht eine Liebesaffäre.
1808 entwickelte der Italiener Pellegrino Turri die erste funktionsfähige Schreibmaschine. Seine Geliebte, die erblindete Gräfin Carolina Fantoni da Fivizzono sollte ihm selbständig Liebesbriefe schreiben können. Einer dieser Briefe ist bis heute erhalten geblieben, was man wohl nicht von all zu vielen Liebesbriefen sagen kann.

Videotext

Auch nicht totzukriegen ist der Videotext. Der Videotext oder Teletext wurde 1974 von Mitarbeitern der BBC entwickelt. Sie suchten nach einer Möglichkeit, zu- und abschaltbare Untertitel für Gehörlose und Schwerhörige auf dem Fernseher anzuzeigen. Schnell kam heraus, dass nicht nur Untertitel, sondern ganze Seiten mit Text übermittelt werden konnten.

Sprachausgaben

Sprachausgaben sind dank Alexa, Siri und telefonischen Dialogsystemen aus dem Alltag kaum wegzudenken. Blinde Menschen arbeiten aber schon seit Jahrzehnten mit ihnen.
1986 entwickelte der Amerikaner Jim Thatcher für seinen blinden Freund Dr. Jesse Wright ein System, das den Computer für ihn zugänglich machen sollte, den IBM Screenreader. Bis heute sind Screenreader die Software, die von Blinden bei der Techniknutzung verwendet werden. Sie geben Inhalte als Sprache oder Blindenschrift aus.
Viele Leute beschweren sich über den synthetischen Klang der gängigen Programme. Wer sich aber genauer damit beschäftigt, wird feststellen, dass die synthetischen Stimmen den natürlich klingenden Stimmen teils überlegen sind. Der für Sehende interessante Faktor ist die Prosodie oder Stimm-Melodie, heißt, die Betonung bestimmter Silben, wodurch ein Satz natürlich klingt. Wer sich die typischen Bahnansagen anhört oder einen Text durch ReadSpeaker vorlesen lässt, merkt sofort, was ich meine. Die Wörter werden zusammenhanglos vorgelesen und die Pausen zwischen den Wörtern klingen unnatürlich, dadurch klingt die Aussage schnell unnatürlich.

Spracheingaben

Auch die automatische Spracherkennung ist fast schon ein Alter Hut. Sie wird von vielen Behinderten seit langem eingesetzt, um ihren Computer zu steuern und längere Texte zu diktieren.
Siri und andere Systeme haben diesen Prozess lediglich vereinfacht: Bei den klassischen Systemen wie bei Dragon Natural Speaking müssen Befehlssätze auswendig gelernt und die Systeme trainiert werden. Siri und Co. übertragen die Daten ins Internet und werden meines Wissens nicht auf eine individuelle Stimme hin trainiert. Deshalb haben die meisten virtuellen Assistenten auch Probleme mit Dialekten und werden mit der Zeit für das Individuum auch nicht besser. Und ohne Internet-Verbindung sind sie in der Regel nicht brauchbar, ganz zu schweigen davon, dass sich nicht das gesamte Gerät mit ihnen steuern lässt.

3D-Druck

Selber machen mit 3D-Druck, Phräsen und weiteren Hilfsmitteln gibt es doch erst seit ein paar Jahren außerhalb spezialisierter Produktionsbereiche oder? Keineswegs.
In Blindenschulen spielen Tastmodelle schon seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle. Sie werden etwa in der Physik, der Chemie oder Biologie eingesetzt. Hier werden zum Beispiel Tastmodelle für atome oder auch Organe verwendet. Natürlich hat der 3D-Druck auch hier vielles vereinfacht und günstiger gemacht. Doch möglich ist es schon seit langem. Nebenbei: Viele engagierte Lehrer der 80er und 90er Jahre haben sich in diesem Bereich sehr engagiert und teils in ihrer Freizeit Hilfsmittel gebastelt, um ihren Schülern einen besseren Unterricht zu ermöglichen.

Texte schneller schreiben

Stephen Hawking verlor durch seine Krankheit AMS nach und nach seine physische Fähigkeiten und vor allem die Fähigkeit zu Sprechen. Walter Woltosz, Geschäftsführer von Words Plus, hatte ein System für seine Stiefmutter entwickelt, welches ihr die Kommunikation ermöglichen sollte. Sie hatte ALS wie Hawking. Dieses System wurde für Hawking angepasst und weiter entwickelt.
Hawking benutzte eine Mischung aus Unterstützter Kommunikation – so würde man es heute nennen – und Sprachsynthesizer. Er konnte Wörter aus einer Liste von Begriffen auswählen, diese zu Sätzen zusammenfassen und sie über seine Sprachausgabe ausgeben lassen.
Eine ähnliche Technologie benutzen heute viele auf dem Smartphone: Die Auto-Ergänzung, die häufig Mist schreibt, aber auch die Wortvorschläge, die das Tippen auf dem Smartphone erheblich beschleunigen.
Hawking und seine Erkrankung haben viele Menschen zu Entwicklungen inspiriert, die natürlich in erster Linie Hawking selbst, dann aber auch Menschen in ähnlichen Situationen helfen sollten.

Der Multi-Touchscreen

Touchscreens gab es schon länger. Das erste Touchscreen, das auch Gesten verstand wurde von Wayne Westerman und John Elias entwickelt. Es richtete sich an Menschen, deren Bewegungsfähigkeit durch Erkrankungen wie dem Mausarm eingeschränkt war. Die Firma der beiden Herren wurde schließlich von Apple gekauft und drei Mal dürft ihr raten, welches Produkt Apple damit ausgestattet hat.

Augen- und berührungsfreie Technologien

Mit Augen- und berührungsfreie Technologien sind Bedienkonzepte gemeint, die ohne Display und ohne haptischen Kontakt auskommen. Input und Output erfolgen zumeist als Sprache. Nützlich sind solche Technologien etwa bei Autos, aber haben durch die Alexa-Lautsprecher eine weite Verbreitung gefunden.
Da Blinde ein Display nicht benutzen können, sind sie darauf angewiesen, dass ihnen Informationen in sprachlicher Form oder als Braille ausgegeben werden. Andere Behinderte können ein Display wegen motorischer Behinderungen nicht bedienen und verwenden deshalb andere Eingabemethoden wie Sprache. Von diesen Gruppen könnten die Interface-Gestalter einiges lernen.

Prothetik und plastische Chirurgie

Zwar hat die plastische und Schönheitschirurgie eine längere Geschichte. Einen echten Aufschwung erfuhr sie aber nach dem Ersten Weltkrieg.
Viele Soldaten und Zivilisten büßten Teile des Körpers ein oder hatten großflächige Verbrennungen erlitten. Die Chirurgie wurde verwendet, um ihnen zu helfen.
Man vergisst gerne, dass der Übergang von Schönheitschirurgie mit ihren teils zweifelhaften Eingriffen zur plastischen Chirurgie oft fließend ist. Die Spina Birifida etwa – der offene Rücken – kann heute teils schon während der Schwangerschaft oder unmittelbar nach der Geburt dank der plastischen Chirurgie behandelt werden.

Haus-Automatisierung

Seit 20 Jahren soll sie bald ihren endgültigen Durchbruch feiern: Heizungen, die aus der Ferne gesteuert werden, Rolläden, die mit der Stimme gesteuert werden können, Warnsysteme bei einem vergessenen Topf auf dem Herd. Aus verschiedenen Gründen haben sich diese Systeme bisher nicht auf breiter Fläche durchgesetzt.
Behinderte Menschen verfügen schon seit längerem über solche Systeme. Sie sind vor allem für Querschnittsgelähmte interessant, die vom Hals abwärts gelähmt sind. Sie können außer dem Kopf nichts bewegen und sind ohne solche Systeme praktisch dauerhaft auf Hilfe angewiesen. Viele Systeme wurden und werden komplett über die Stimme und einen Zentralcomputer gesteuert. Im Prinzip erlauben sie das, was die Haus-Automatisierung auch ermöglichen soll und das schon seit den 90er Jahren.
Leider muss man sagen, dass diese Systeme vor allem Menschen zur Verfügung stehen, die das nötige Großgeld haben – und das sind nicht so viele Betroffene. Wer sein Haus automatisieren möchte, findet heute günstigere Lösungen, sie kann jedoch nach wie vor einen fünfstelligen Betrag kosten. Alexa und Co. sind zwar in gewissen Situationen nützlich, doch für eine großflächige Automatisierung benötigt man deutlich mehr und teurere Systeme und Umbaumaßnahmen.

Emojis

Emojis sind aus der Alltagskommunikation kaum noch wegzudenken. Doch spielen Symbole in der Kommunikation schon wesentlich länger eine wichtige Rolle. Es gibt Menschen, die wegen einer Behinderung nicht verbal oder per Gebärdensprache kommunizieren können. Sie setzen Methoden der Unterstützten Kommunikation ein. Ein Zweig dieser Kommunikation beschäftigt sich dabei mit der symbol-basierten Kommunikation. Der Betroffene verwendet einzelne Symbole oder verbindet mehrere Symbole, um mit anderen Personen zu kommunizieren. Die Symbole werden dann häufig als Sprache von einem speziellen Hilfsmittel ausgegeben. Von diesen Symbolen bzw. Symbolsystemen finden wir viele bei den Emojis wieder.

Und es geht weiter

Die Inspirationsquelle ist noch lange nicht versiegt. So gibt es Versuche mit Bewegungs- und Augensteuerung, Gehirn-Computer-Schnittstellen und weiteren Eingabemethoden. Sie werden von behinderten Menschen teils schon Jahre oder Jahrzehnte eingesetzt, können aber auch für Nicht-Behinderte interessant sein. Schon die Gaming-Industrie verlangt immer neue Möglichkeiten der Interaktion mit Computerspielen.

Dar Mode

Der Dark Mode ist für Sehbehinderte und Programmierer ein alter Hut. Die sogenannte Bildschirm-Lupe erlaubt bereits seit Jahrzehnten, die Farben des Bildschirms umzukehren. Nur blöd, dass sich auch die Farben von Grafiken umkehren, so dass nur noch mit Training zu erkennen ist, was darauf abgebildet ist. Abhilfe verschaffen spezielle Einstellungen des ildschirms, die ebenfalls spätestens seit Windows XP möglich sind. Dabei werden nur die Farben des Betriebssystems umgekehrt, die Bilder bleiben verschont.
Auch Programmierer setzen seit langem auf einen dunklen Hintergrund, das ist noch zu erkennen an Kommandozeilen-Tools wie der PowerShell in Windows.

Auf und ab – warum Qualitätssicherung bei der Barrierefreiheit wichtig ist

Ich werde in meinen Workshops häufig nach Best-Practice-Beispielen für barrierefreie Websites gefragt. Ich muss dann die Zuhörer enttäuschen. Das hat unterschiedliche Gründe. Eine Website kann für eine Gruppe wunderbar funktionieren und für eine andere unbrauchbar sein. Ich habe noch keine Website gesehen, die mich komplett überzeugt hätte.
Der andere Grund ist, dass die Barrierefreiheit von Websites sich tatsächlich täglich ändern kann. Deswegen kann man auch nicht sagen, dass die Barrierefreiheit stetig Fortschritte macht. Zwar hat sich Vieles verbessert. Doch die zunehmende Komplexität von Websites trägt auch dazu bei, dass Barrieren eher zu- als abnehmen. Schauen wir uns dazu ein paar Beispiele an.
Vorneweg: Es liegt mir fern, jemanden an den Pranger zu stellen. Jedoch handelt es sich bei den genannten Firmen um Quasi-Monopolisten auf ihrem Gebiet. Zudem bin ich jeweils Kunde und ich sehe nicht ein, warum ein blinder Kunde offenbar weniger wert ist als ein sehender. Ich habe jeweils Kontakt mit den Firmen aufgenommen und keine oder nur halbgare Antworten erhalten.

Deutsche Bahn

Als Vielfahrer kaufe ich regelmäßig Tickets bei der DB. Der Kaufprozess, ohnehin für Blinde schon komplex, wird aber ständig verändert. Beim letzten Kauf musste man entscheiden, ob man Flexpreis oder Sparpreis auswählen wollte. Nun gab es aber kein Element in diesem Bereich, das für Blinde als anklickbar erkennbar gewesen wäre. Nur durch Ausprobieren konnte man herausfinden, dass man ganz unten im jeweiligen Element die Leertaste drücken musste, um das Element auszuwählen.
Noch schlimmer war, dass man auf der letzten Seite vor dem Abschicken der Bestellung eine Checkbox aktivieren sollte. Leider war die Checkbox für den Screenreader vollkommen unsichtbar.
Das Problem bestand einige Wochen, ist aber mittlerweile behoben. Es stellt sich aber die Frage, warum die Bahn keinen öffentlich sichtbaren Ansprechpartner für Barrierefreiheit hat. Ich hatte noch eine überflüssige Unterhaltung mit @DB_Bahn. Nach dem mich der Social-Media-Mensch minutenlang über das Problem ausgefragt hatte, verwies er mich an irgendeine E-Mail-Adresse, an die ich mich wenden sollte. Das ist Service bei der Deutschen Bahn: Erst ausquetschen, dann auf jemand Anderen verweisen, statt die Meldung direkt weiterzuleiten oder mich von Anfang an auf den korrekten Ansprechpartner hinzuweisen.

DHL/Deutsche Post

Bei der Deutschen Post/DHL finden wir ähnliche Probleme. CAPTCHAs ohne alternnatives Audio, um ein Passwort zurückzusetzen, falsch ausgezeichnete Formularelemente und hyperkomplexe Bestellseiten für Paketmarken.
Ein Negativ-Beispiel ist auch die Packstation, ist zwar keine Website, aber hier werden die Probleme recht deutlich. Früher konnte man den PIN über den haptischen 10er-Block eingeben. Mittlerweile müssen sowohl die Postnummer als auch der PIN über eine Bildschirmtastatur eingegeben werden. Ein Spaß für stark sehbehinderte Menschen. Für Blinde sind die Packstationen gar nicht zugänglich. DHL schafft es also, die Zugänglichkeit wirklich stetig zu verschlechtern. Auch hier weit und breit kein Feedback-Mechanismus oder ein Ansprechpartner für Barrierefreiheit. Bei der Post habe ich deshalb gleich auf eine Kontaktaufnahme verzichtet, auch weil ich nicht den Eindruck habe, dass sie das Thema Barrierefreiheit besonders interessiert.
Barrierefreiheit bei der Deutschen Post/DHL

Deutsche Telekom

Ein leider extrem negatives Beispiel ist die Deutsche Telekom. Die App Connect, die das Einloggen in Hotspots ermöglicht, ist seit dem letzten Update null barrierefrei. Im Ernst, wenn ihr ein Paradebeispiel dafür braucht, wie eine App nicht sein sollte, schaut euch Connect an. Praktisch keine der Informationen ist mit VoiceOver auslesbar. Dieses Kunststück bringt auf iOS sonst kaum jemand fertig. Offenbar hat man sämtliche Guidelines ignoriert, die Apple den Entwicklern zur Hand gibt. Dem Vernehmen nach sind auch andere Apps der Telekom schlecht zugänglich.
Nun habe ich öffentlich und privat an die Telekom geschrieben. Öffentlich gab es keine Reaktion. Auf @Telekom hilft wurde mir mitgeteilt, dass das Problem bekannt sei und mit einem der nächsten Updates behoben wird. Das war am 21. März und bis heute hat sich nichts getan. Das genannte Update erfolgte Anfang des Jahres, wir warten jetzt also fast ein halbes Jahr darauf, dass die App wieder nutzbar ist. Barrierefreiheit ist offenbar ein Beta- oder Gamma-Feature bei der Telekom, vielleicht kümmert man sich morgen drum, vielleicht aber auch nicht. Und natürlich gibts auch bei der Telekom keine Feedbackmöglichkeit oder einen Ansprechpartner für Barrierefreiheit.

Fazit: Das kann es nicht sein

Nun handelt es sich um große Unternehmen, die komplex und träge sind. Doch haben sie dank ihrer Größe auch die ressourcen, um eine vernünftige Qualitätssicherung zu betreiben. Was gehört dazu?

  • Ein Feedback-Mechanismus, bei dem Fragen zur Barrierefreiheit in angemessener Zeit kompetent bearbeitet werden können.
  • die Bereitschaft, Barrierefreiheit als wichtiges Feature zu betrachten, kein großes Unternehmen würde eine fehlerhafte app ein halbes Jahr lang ohne Korrekturen bestehen lassen, aber ohne Barrierefreiheit, das ist halb so schlimm.
  • Ein Prozess der laufenden Qualitätssicherung. Dazu gehört strukturiertes Testing durch automatische Prüfverfahren, qualifizierte Entwickler und behinderte Mitarbeiter sowohl entwicklungsbegleitend als auch im laufenden Betreib.
  • Ein Monitoring von Anpassungen/Veränderung in Hinsicht auf Barrierefreiheit

Natürlich lassen sich Fehler nicht vermeiden. Doch man kann ihre Wahrscheinlichkeit reduzieren und sie bei einer passenden Meldung schnell beheben. Tut man das nicht, nimmt man die Barrierefreiheit nicht wirklich ernst.