Archiv der Kategorie: Barrierefreiheit & Zugänglichkeit

Lange Texte barrierefrei anbieten

Zu einem der wichtigsten Komponenten der Text-Verständlichkeit gehört die Textlänge. Sehbehinderte, Lese-Anfänger und Lese-Unerfahrene sowie Menschen mit Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen mögen keine langen Text-Wüsten.
Kurze Texte gehören im Internet- und vor allem im Smartphone-Zeitalter ohnehin zum guten Ton. Dabei ist Kürze kein Wert an sich. Es geht vielmehr darum, sich auf die jeweils relevanten Informationen zu beschränken und alles Unwichtige wegzulassen.
Nun ist es aber nicht immer machbar, einen Text zu kürzen. Wir wollen uns in diesem Beitrag ansehen, welche Alternativen es zum langen Text auf einer Webseite gibt.

Mehrere Unterseiten

Die einfachste Lösung ist, einen Text auf mehrere Unterseiten zu verteilen.
Aus Lesersicht ist das die schlechteste Lösung. Scrollen ist den meisten Menschen lieber als klicken. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aussteigt ist an der Stelle, wo er weiter klicken sollte am höchsten.
Sucht man nach einer bestimmten Information, muss man sich durch im schlimmsten Fall mehr als drei Seiten durchblättern. Das macht heute noch kaum jemand.
Blinde müssen sich bei jedem Seitenaufruf neu orientieren. Bei schlecht strukturierten Webseiten ist das schwierig.

Verlinktes Inhaltsverzeichnis

Selten benötigt man alle Informationen, die in einem langen Text enthalten sind. Die Wikipedia hat dieses Problem gelöst, indem sie dem Text ein verlinktes Inhaltsverzeichnis voranstellt. Man kann zwischen Textstelle und Inhaltsverzeichnis mittels seiteninterner Links hin und herspringen.

Das Akkordeon

Eine Variante des verlinkten Inhaltsverzeichnisses, die man immer häufiger sieht ist das Akkordeon. Dabei bekommt man alle Überschriften des Textes angezeigt. Bei einem Klick auf eine Überschrift klappt der darunterliegende Text-Abschnitt aus.
Diese Variante ist für Blinde generell nutzbar. Wichtig ist, dass die ausklappbaren Elemente für den Screenreader als anklickbar erkennbar sind. Ansonsten wundert sich der Blinde, warum er lauter Überschriften, aber keine zugehörigen Infos findet. Und natürlich sollte der jeweils ausgeklappte Text-Abschnitt für den Blinden lesbar sein. Auch für alle anderen Nutzer sollte sichtbar sein, dass etwas anklickbar ist.
Ein Streitpunkt ist, ob ein Ausschnitt ausgeklappt bleiben sollte, wenn man einen anderen Abschnitt anklickt. Ich halte das generell für sinnvoll, weil es sein kann, dass man sich mehrere Abschnitte parallel ansehen oder Informationen abgleichen möchte.

Welche Variante ist wann sinnvoll?

Das Verteilen vieler kurzer Texte auf mehrere Unterseiten ist heute nicht mehr zeitgemäß. Niemand hat ein Interesse daran, sorgfältig verstreute Informationen zusammen zu puzzeln.
Das verlinkte Inhaltsverzeichnis bietet sich an, wenn Texte gerne überflogen werden. Außerdem ist es sinnvoll, wenn sich jemand wahrscheinlich mehrere Teile des Textes anschauen wird. Auch bei stark verschachtelten Texten wie etwa bei langen Wikipedia-Artikeln erscheint das Inhaltsverzeichnis sinnvoll. Das Akkordeon ist meines Erachtens nur dann sinnvoll, wenn die einzelnen Text-Abschnitte nicht zu umfangreich sind.
Das Akkordeon-Prinzip bietet sich an, wenn ein Text nicht nach einer bestimmten Informationshierarchie aufgebaut ist. Das heißt, man muss nicht einen bestimmten Abschnitt gelesen haben, um einen bestimmten späteren Abschnitt zu verstehe. Sind bestimmte Informationen in jedem Fall notwendig, sollten sie vorangestellt und immer ohne Klick sichtbar sein.
Gerade für die ellenlangen FAQs bietet sich das Akkordeon an. Es kommt selten vor, dass man sich alle Fragen und Antworten durchlesen muss oder möchte.
Ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Leser den gesamten Text lesen wird, etwa bei Unterhaltungstexten, sollte er vollständig auf einer Seite sein. Ein verlinktes Inhaltsverzeichnis stört im Grunde niemanden, ist aber tatsächlich erst notwendig, wenn der Text überlang ist. Wenn also die Wahrscheinlichkeit, dass der Text in einem Rutsch durchgelesen wird eher gering ist. Außerdem ist ein verlinktes Inhaltsverzeichnis vor allem sinnvoll, wenn die Text-Überschriften, aus denen es generiert wird selbst erklärend sind. In Unterhaltungstexten werden eher Teaser-Überschriften eingesetzt, die nicht selbst-erklärend sind.

Endlich – CAPTCHAs werden zum sinnvollen Spam-Test

Wer kennt das nicht, tanzende Buchstaben vor buntem Hintergrund erhöhen seit Jahren den Knobelspaß im Internet. Ganze Familienabende sollen schon mit dem Lösen der bunten Bildchen verbracht worden sein. Wer braucht da noch memory oder Wetten dass…? Und auch wenn man nicht zur erhofften E-Mail-Adrese, zum Kauf des Tickets oder zum Gewinn des iPhone niX kam, die sinnfreien Zeichencodes aus Bild oder Ton waren doch immer unterhaltsam. Vor allem Blinde und Schwerhörige haben sich ordentlich amüsiert, indem sie entnervt ihren PC kurz und klein schlugen.
Doch nun ist Schluss mit Lustig, wie Blind-Text aus verlässlicher Quelle erfuhr. Auch den Captcha-Anbietern ist nämlich nach Milliarden Dollar teuren Studien und Billionen falscher Eingaben durch Menschen aufgegangen, dass automatische Bots besser in der Lage sind, Captchas zu lösen als Menschen. Die fixen Jungs aus Silicon Valley haben sich deshalb überlegt, den Anti-Spam-Mechanismus einfach umzukehren. Künftig heißt es: Wenn Du das lesen respektive verstehen kannst, bist Du ein Bot. Dann gibts keine kostenlose E-Mail-Adresse, keine Nackedei-Bildchen und kein iPhone niX. Nur, wer den Code falsch eingibt – also richtig – ähm, also ihr wisst schon, bekommt den heißen Preis.
Blind-Text sagt: Bravo Jungs! Es kann nur noch einige Jahrzehnte dauern, bis man im Valley kapiert, was Farbkontraste, benannte Schaltflächen und Labels für Formulare bedeuten. Aber wie wir sehen, zahlt sich Geduld aus.
Wie barrierefrei sind CAPTCHAs

Der Charme der Gleichmäßigkeit

Ein häufiges Missverständnis in der Barrierefreiheit besteht darin, dass man Text möglichst groß und Ton möglichst laut anbieten sollte, damit Hör- und Sehbehinderte glücklich sind.
Bei diesen Behinderungen lässt sich wenig verallgemeinern, da die konkreten Auswirkungen von Seh- und Hörbehinderungen sehr unterschiedlich sind. Ein wichtiger Faktor ist aber, dass die Adaptionsfähigkeit häufig eingeschränkt ist. Auge und Ohr können sich normalerweise recht schnell an Wechsel der Helligkeit oder Lautstärke anpassen. Bei Behinderten ist diese Fähigkeit oft eingeschränkt. Sie brauchen wesentlich länger für die Anpassung. Das ist dann ärgerlich, wenn diese Anpassung häufig notwendig ist.
Extrem wird das Ganze, wenn man mit Verstärkung arbeitet. In der klassischen Musik etwa gibt es häufig Wechsel zwischen lauten und leisen Passagen. Ein Hörbehinderter müsste bei jedem Wechsel den Lautstärkeregler anpassen. Das ist dann schwierig, wenn er die Lautstärke ohnehin schon stärker aufgedreht hat, als ein Hörender das machen würde. Wer mit einer starken Textvergrößerung am Bildschirm arbeitet, müsste bei jeder Änderung der Schriftgröße die Darstellungsgröße anpassen.

Was heißt das konkret?

Für Designer bedeutet das, dass wir mit möglichst geringen Größenänderungen schriftlicher Inhalte arbeiten sollten, insbesondere bei Fließtext. Die Größenänderungen sollten möglichst graduell sein, natürlich noch erkennbar, aber mit geringer Varianz.
Für die Toningenieure heißt das, sie sollten möglichst wenig Dynamik bei der Lautstärke einsetzen. Leise Stimmen können natürlich hochgepegelt und laute runtergepegelt werden, insgesamt sollte aber ein gleichmäßiges Niveau angestrebt werden. Schlimmer als verrauschte Aufnahmen sind Aufnahmen, bei denen sich die Tonqualität ständig ändert, weil etwa unterschiedlich gute Mikrofone verwendet wurden.

An Hilfsmitteln führt leider kein Weg vorbei

Nun ist es bei der Bandbreite an Sinneseinschränkungen schlicht nicht möglich, eine Lösung zu schaffen, die allen gerecht wird. Ich wiederhole das noch mal: Es ist nicht möglich, eine Lösung zu schaffen, mit der alle zurechtkommen. Zwei Aspekte helfen uns aus dieser Klemme.
Das ist zum Einen die Anpassbarkeit zumindest auf digitalen Interfaces. Die Schrift muss nicht riesig sein, aber es muss einfach möglich sein, sie zu vergrößern oder zu verkleinern oder vielleicht auch Kontraste einzustellen. Mit einfach meine ich, das solche Möglichkeiten zu jederzeit aktivierbar sein sollen.
Zum Zweiten sind das die Hilfsmittel. Da es schlicht nicht möglich ist, alle möglichen Größen bzw. Lautstärken anzubieten, führt kein Weg an passenden Hör- bzw. Vergrößerungshilfen vorbei. Dabei ist es wünschenswert, dass diese Geräte besser in der Lage sind, sich automatisch an die Gegebenheiten anzupassen.

Das Ende der Selbstgespräche – Engagement jenseits ausgetretener Wege

Inklusions-Konferenz ist, wenn immer die gleichen Leute über immer die gleichen Dinge reden und die immer gleichen Appelle an Leute richten, die davon aber nichts mitbekommen, weil sie nicht da sind. Doch es geht auch anders. Hier meine Ideen, wie wir andere Leute erreichen und aufhören, Selbstgespräche zu führen.

Raus aus dem eigenen Dunstkreis

Fach-Veranstaltungen zum Thema digitale Barrierefreiheit gibt es immer weniger. Schade für die Community, für die der Austausch natürlich wichtig ist. Andererseits verschafft uns das Zeit, auch aus dem eigenen Dunstkreis zu treten. Es gibt zahllose Veranstaltungen zum Thema Internet, auf denen wir Präsenz zeigen können.
Nach dem Motto, wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, sollten wir auf diese Veranstaltungen gehen und für unsere jeweiligen Themen werben. Wichtig ist dabei, auf Augenhöhe und nicht mit erhobenem Zeigefinger mit den Menschen zu sprechen.
Nicht zu vernachlässigen ist dabei, dass man natürlich kompetent über das jeweilige Thema sprechen können muss. Wenn ich keine Ahnung etwa von eCommerce und deren Fragestellungen habe, kann ich mit den verantwortlichen Personen auch nicht kompetent sprechen. Last not least ist das persönliche Auftreten wichtig. Wir sind keine Bitt-Steller und wenn sich jemand nicht für unser Thema interessiert, müssen wir damit leben. Und auch was das Äußere angeht, sollten wir uns anpassen. Wer in Schlabber-Jeans auf den Anzugträger trifft, wird vom Letzteren leider nicht ernst genommen.
Daneben diskutiere ich recht viel in Facebook-Gruppen zu anderen Themen mit. Gelegentlich kommen dort auch Fragen zum Thema Inklusion oder Barrierefreiheit auf. Ich gebe dann auch meinen Senf dazu. Ich äußere mich aber auch zu anderen Themen, wenn ich etwas zu sagen habe.

Mal andere Leute ranlassen

Wie in den Polit-Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen sieht man auch in den üblichen Diskussionsrunden immer die gleichen Personen. Vielleicht ein Dutzend Nasen dürfen die gesamte Behinderten-Szene vertreten. Und das auch bei fachspezifischen Themen, zu denen sie sich eigentlich nicht im Detail kompetent äußern können. Ich nenne sie gerne die Alphas. Es gibt aber für jeden Bereich kompetente behinderte Menschen, die sich fachspezifisch äußern können und auch sprechfähig sind. Es liegt in der Verantwortung der Alphas, auf diese Personen zu verweisen statt jedes Podium für sich selbst zu beanspruchen.
Nicht zuletzt werden Fach-Kollegen in Fachkreisen ernster genommen als Universalisten. Also Leute, die über alles ein wenig wissen, aber eigentlich keinen vertieften Einblick haben. Ich selbst habe ein wenig im Kulturbereich gearbeitet, kann aber nur theoretisch über die Erwartungen im Kulturbereich an Barrierefreiheit sprechen. Eine entsprechende Einladung würde ich nicht annehmen, sondern auf meine kompetenten kulturschaffenden Kollegen verweisen.

Mit anderen Themen verknüpfen

Die Themen Barrierefreiheit und Inklusion sind vielfältig mit anderen Themenbereichen verknüpft: Sei es Alter, Gebrauchstauglichkeit, Mobilität und vieles andere.
Indem wir diese Verknüpfungen herstellen, können wir die Leute, die sich für diese Themen interessieren auch für das Thema Behinderung anspitzen. Ein Koch interessiert sich etwa wahrscheinlich dafür, wie ein Blinder kocht. Ein Mobilitätsexperte sucht vielleicht gerade nach Leuten, denen er spezifische Fragen stellen kann, ohne ihnen 100 Euro die Stunde zu zahlen.
Auch hierfür verweise ich auf spezielle Veranstaltungen, Diskussionsgruppen im Internet und Ähnliches.
Entscheidend ist, dass man nicht in der eigenen Komfortzone verbleibt, sondern einmal nach links und rechts schaut.

Mein Rückblick auf das Camp Nimm

Am 14.9. hat das erste Barcamp zum Thema Inklusive Medienarbeit stattgefunden. Hier kommt mein kleiner Rückblick.
Die Lokation war die Jugendherberge in Düsselldorf. Für eine Jugendherberge wirkte das Gebäude recht modern. Vielleicht sind aber auch meine Vorstellungen von Jugendherbergen veraltet. Bleibt nur noch der Rückblick auf die von mir besuchten Sessions.
Ich selbst habe eine kleine Session zum Thema barrierefreies Internet abgehalten. In meinen eigenen Sessions finde ich es immer interessant zu erfahren, warum die Teilnehmer kommen und welche Fragen sie mitbringen. In der Regel kommen sie tatsächlich dann, wenn sie das Thema Barrierefreiheit aktuell und konkret betrifft. Was ich nicht so kritisch finde. Es gibt vieles, mit dem man sich beschäftigen muss und das auf Vorrat zu tun bringt meistens nichts. Als Fazit meiner Session kann man sagen, dass Barrierefreiheit im Internet sich mit relativ geringen Ressourcen umsetzen lässt. Dazu werdet ihr in nächster Zeit noch von mir hören.
Session Nr. 2 von Cinderella Glücklich drehte sich um die Arbeit von Leidmedien. Als Erkenntnis nehme ich mit, dass es da noch viel zu tun gibt und dass es wichtig ist, als Behinderter mehr mit den Medien in Kontakt zu treten, um sie auf Diskriminierungen aufmerksam zu machen. Das Ganze sollte respektvoll erfolgen und nicht in Shitstorm-Manier.
Die dritte Session vom Projekt barrierefrei kommunizieren drehte sich um die Arbeit mit jungen Geflüchteten. Wenn ich Notizen gemacht hätte, könnte ich jetzt auch ein Fazit ziehen.
Barcamps zum Thema Inklusion sind ja fast ein Klassentreffen. Es ist immer schön, alte Bekannte wieder zu treffen und da ist ein Barcamp einfach die perfekte Gelegenheit.
Gut gefallen hat mir, dass das Thema Inklusion nicht nur in Bezug zu Behinderung gefasst wurde. Auch Flüchtlingsarbeit wurde explizit genannt, doch geht es bei Inklusion generell um den einbezug benachteiligter Gruppen in die Gesellschaft. Und die Methoden unterscheiden sich in der konkreten Arbeit nicht so stark.
Leider wurde nur wenig getwitter. Bei meinem Notebook war der Saft alle und auf dem Smartphone kann ich nicht gut tippen, ansonsten hätte ich auch mehr getwittert. Aber durch die Etherpads ist ja quasi eine alternative Dokumentation entstanden.
Insgesamt hat mir das Barcamp gut gefallen und ich freue mich, wenn es eine zweite Auflage gibt.

Ein kleiner Rückblick auf das Care Camp 2017

Was macht jemand, der relativ wenig mit dem Gesundheitswesen zu tun hat auf einem Barcamp, das sich genau um dieses Thema dreht? Das habe ich mich auch gefragt. Und auf eine konventionelle Konferenz zu diesem Thema wäre ich auch sicher nicht gegangen. Aber bei Barcamps ist alles anders.
Das Coole an Barcamps ist, dass man immer mit Leuten zusammen sitzt, die sich genau in diesem Moment für genau dieses Thema interessieren. Wer schon mal in die gelangweilten Gesichter von Konferenzteilnehmern geblickt hat weiß, was ich meine.
Hier ein kleiner Rückblick auf die Sessions, die ich besucht habe.
Der erste Beitrag drehte sich um das Thema eHealth. Hier wurden alle möglichen Themen diskutiert, wobei wir uns nicht einig darüber waren, was eHealth eigentlich ist bzw. nicht ist. Es wurde über alle möglichen Themen diskutiertl Ein etwas stärkerer Fokus auf ein bestimmtes Thema oder einen bestimmten Aspekt hätte der Diskussion nicht geschadet. Leider weiß ich nicht, wer die Session veranstaltet hat.
Session Nr. 2 drehte sich um das Thema Storytelling in der Medizin. Es ging um die Frage, wie Patientengeschichten dazu beitragen können, dass sich die Situation der Patienten im Gesundheitssystem verbessert. Sessiongeber war das Storyatelier.
Session Nr. 3 wurde von einem gewissen Domingos de Oliveira angeboten. Thema der Diskussion war die Situation Behinderter im Gesundheitssystem. Hier war interessant, die unterschiedlichen Problemlagen zu sehen. Domingos verwies darauf, dass ein behinderter Patient als Ausnahme gesehen wird. Und das, obwohl ein Großteil der Patientenältere Menschen sind, die mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens eine Einschränkung haben. Einer der Teilnehmer verwies darauf, dass die Krankenhäuser tatsächlich nur darauf eingerichtet sind, eine einzige Erkrankung zu behandeln. Das System sei nicht dafür geeignet, eine Person zu betreuen, die von mehreren Erkrankungen betroffen ist.
Domingos meint, dass man so weit kommen müsse, dass eine Behinderung nicht mehr als Ausnahme, sondern als Normalfall angesehen wird. Leider hat er nicht näher ausgeführt, was er damit meint.
Interessant war auch der Bericht eines Vaters von zwei Kindern mit Down-Syndrom. Seine Tochter hatte eine Zeit lang in einem Altersheim gearbeitet. Es wäre eigentlich wünschenswert, dass mehr behinderte Menschen im Gesundheitswesen arbeiten.
Sein Sohn hat eine stärkere Einschränkung der Kommunikationsfähigkeit, so dass er bei Erkrankungen immer begleitet werden muss, damit die Eltern für ihn übersetzen. Das ist leider ein Problem, mit dem viele Eltern beschäftigt sind, die sich um ihre erwachsenen Kinder kümmern. Was passiert, wenn die Eltern selbst nicht mehr dazu in der Lage sind?
Auch sind die Krankenhäuser nicht darauf vorbereitet, eine Begleitperson ohne Mehrkosten aufzunehmen. Bei kleinen Kindern ist das zwar keine Seltenheit. Aber eine Person, die auf ständige Unterstützung angewiesen ist, hat große Probleme, ihre Begleitperson mitzunehmen. Aber jeder kennt die Situation in Krankenhäusern, die Schwestern und Pfleger sind selten dazu in der Lage, mehr als das Minimum zu leisten. Die Personaldecke ist zu dünn.
Wie immer gab es Sessions, die ich gern besucht hätte, leider hat der Trick mit der Aufteilung auf mehrere parallele Sessions nicht funktioniert. Es gab eine Session zur automatischen Erkennung von Emotionen sowie eine Session, in der eine Person über ihren Suizid-Versuch und die Folgen berichtete.
Insgesamt war es ein sehr spannendes Barcamp mit einer guten Themenmischung. Mein Dank geht an die Organisatoren für den reibungslosen Ablauf.

Ich befreie das Web von Barrieren – Interview mit Marc Haunschild

Ich freue mich, heute das erste Interview auf meinem Blog veröfffentlichen zu können. Meinen Fragen per Mail stellte sich Marc Haunschild, der sich schon seit längerem mit dem Thema barrierefreie Webgestaltung beschäftigt und soeben das Buch „“Das Web barrierefrei gestalten“ veröffentlicht hat. Ich drücke die Daumen, dass es Deine Erwartungen erfüllt, Marc.
Domingos: Sag bitte ein paar Sätze zu Dir selbst. Wie bist Du zum Thema Barrierefreiheit gekommen?
Marc: Ich habe 2001 im öffentlichen Dienst angefangen und habe mich also gleich von Anfang an auf das Thema gestürzt. Zunächst aus einer Mischung aus Neugier und natürlich auch weil es eben gemacht werden musste. Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto klarer wurde mir allerdings, dass Barrierefreiheit Blödsinn ist.
Ich verstehe das, was man als Behinderung bezeichnet, nur als eine überdurchschnittlich ausgeprägte Schwäche, wie sie jeder von uns hat. Das heißt, der Unterschied zwischen einer Behinderung und dem, was so leichthin „normal“ genannt wird, ist bestenfalls ein gradueller Unterschied.
Ob jemand einen Rollstuhl benötigt, spielt doch gar keine Rolle. Steven Hawking kann wie ein normal gehender Mensch überall hin – es sei denn, jemand legt ihm einen Stein in den Weg oder baut ihm eine Stufe vor eine Tür.
Das ist gemeint, wenn man sagt: Menschen sind nicht behindert, Menschen werden behindert.
Wir Menschen schaffen uns unser Lebensumfeld. Warum designen wir unsere Welt mit Stufen?
Warum nicht ohne Stufen bauen? – Nicht nur für die wenigen Rollstuhlfahrer, sondern auch weil gehende Menschen viel seltener stürzen oder sich Zehen anstoßen.
Um auf die Frage zurück zu kommen, wie ich zur Barrierefreiheit gekommen bin: Ich befreie das Web von Barrieren, weil ich nicht mir selbst und allen anderen Menschen Steine in den Weg legen möchte.
Zugängliche Webseiten sind die einzig richtigen Webseiten.
Domingos: Es gibt ja schon eine Reihe von Büchern zum barrierefreien Webdesign, unter anderem das Buch „Barrierefreiheit verstehen und umsetzen“ von Probiesch und Hellbusch. Wieso hast Du ein weiteres Buch für notwendig gehalten?
Marc: Ich habe eine Agentur in Mönchen-Gladbach zu dem Thema sensibilisiert und beraten und wurde gefragt, ob es nicht eine Checkliste zum Thema Barrierefreiheit gibt. Da hatte ich die Idee, mal eben was ganz kurz zusammen zu schreiben, einen Leitfaden für Entwickler (die meisten Entwickler hassen dicke Bücher). Es hat sich dann herausgestellt, das es ziemlich lange dauert, etwas kurzes zu dem Thema zu schreiben, das alle wichtigen Aspekte abhandelt. Ich hatte mir vorgenommen, nicht mehr als 40 Seiten zu schreiben. Das schien mir realistisch. Es wurden dann fast 70 Seiten – vollgestopft mit Infos, Handungsanweisungen, Code und weiterführenden Links.
Das Buch von Jan und Kerstin ist 800 Seiten dick, meines nicht einmal ein Zehntel davon. Es ist also ein ganz anderes Konzept.
Zu allen wesentlichen Aspekten gibt es Verweise auf Webseiten, wo wichtiges ausführlich erläutert wird, wenn man sich über die Hintergründe informieren möchte. Ich verweise reichlich auf Texte von Jan, Kerstin, Marco Zehe, aber auch vielen Persönlichkeiten aus dem englischsprachigen Raum wie Heydon Pickering, Steve Faulkner oder Leonie Watson.
Auch zu Primär-Quellen, wie die diversen Standards, Gesetze im Web oder Richtlinien der EU gibt es die nötigen Referenzen.
Aber es sollte genügen, das Buch zu lesen, um Webseiten barrierefrei zu entwickeln. – Ich hoffe auf reichlich Rückmeldung, wenn jemand noch Fragen hat. Dann wird die nächste Auflage noch besser.
Domingos: Wo würdest Du sagen ist der Schwerpunkt Deines Buches?
Marc: Das Buch enthält viele Handlungsanweisungen. Zum Beispiel: verwende HTML bestimmungsgemäß. Benutze also das Button-Element, wenn der Nutzer eine Funktion auslösen soll und einen Link, wenn du auf etwas verweisen möchtest. Vermische das nicht und komm erst gar nicht auf die Idee, bedeutungsfreie Elemente wie div oder span mit JavaScript interaktiv zu machen.
Domingos: Wie viele Vorkenntnisse braucht man, um von Deinem Buch zu profitieren?
Marc: Vorausgesetzt werden HTML- und CSS-Kenntnisse.
Domingos: Wo findet man weitere Infos über Dich und Dein Buch?
Marc:
Über mich? – Tante Google kennt mich gut! ;-)
Ich habe zwei Seiten – meine geschäftliche unter www.mhis.de und mein Blog unter www.haunschild.de – auch hier gibt es viele Tipps zum Thema Barrierefreiheit, aber auch HTML, CSS und andere Webtechniken.
Außerdem bin ich auf Facebook.
Das Buch ist beim HERDT Verlag für Bildungsmedien erschienen und kann dort bestellt werden. Hier die Links zur gedruckten und digitalen Version:
Gebunden
E-Book
Domingos: Danke Dir für das Interview!
Marc: Ich habe zu danken, Domingos!

Vorträge vor Schwerhörigen halten – darauf solltet ihr achten

Regelmäßige Leser meines Blogs wissen, dass ich auf einem Ohr praktisch taub bin und auf dem anderen nur eingeschränkt höre. Da ich daneben auch viele Vorträge und Workshops halte, finde ich das Thema hörgerechte Vorträge aus jeder Perspektive wichtig.

Gehörlos im Gottesdienst

Als Hörgeschädigter ist man halligen Räumen abgeneigt. Das Ohr kann Stimmen nicht vernünftig herausfiltern, so dass man nur Gebrabel hört. Zwar ist man als ungläubiger Kirchenbesucher fast dankbar, die Predigt nicht zu verstehen. Angesichts des demografischen Wandels, der in der Kirche noch wesentlich schneller statt findet bleibt aber die Frage,ob die Kirche mit Leuten umgehen kann, die weder gut sehen noch hören können. Kirchen sind schummrige Räume, also nicht optimal, um Gesangstexte mitzulesen. Das nur nebenbei. Die Kirche ist kein Ort für alte Männer – und Frauen.

Das größte Problem sind Nebengeräusche

Schwierig sind vor allem auch Situationen mit einem hohen Anteil an Nebengeräuschen. Da reicht schon das schlecht isolierte Fenster, durch das die Verkehrsstraße durchschallt. Oder, was ich auch schon häufiger hatte, man hört nicht nur den eigenen Vortragenden, sondern auch den von nebenan.
Ganz unangenehm sind Mensen und Kantinen. Der Pegel an Nebengeräuschen ist extrem, hinzu kommen die Geräusche , die durch Besteck und Geschirr ausgelöst werden. Und natürlich haben diese Räume durch die oft hohen Decken einen unheimlichen Hall. Für einen Schwerhörigen ist es das Worst Case. Leider ist die Situation bei vielen Veranstaltungen ähnlich, denn auch hier sind Mahlzeiten in großen Sälen üblich. Ob das tatsächlich die Kommunikation fördert, möchte ich mal dahin gestellt sein lassen.

Raum checken

Zunächst einmal solltet ihr den Raum rechtzeitig vor dem Vortrag in Augenschein nehmen. Wichtig ist die Größe des Raums sowie die Entfernung zum am weitesten entfernt sitzenden Teilnehmer.
Zu prüfen sind die Lautstärke von Heizung und Klimaanlage. Letztere verursachen oft ein unangenehmes Rauschen.
Ist keine Soundanlage vorhanden, sollten die Leute möglichst nahe zusammen und am Redner sitzen. Nötigenfalls stellt die Tische und Stühle so auf, dass sich das nicht vermeiden lässt. Aus irgend einem Grund mögen es die Deutschen, sich möglichst weit voneinander wegzusetzen als ob der Sitzer eine ansteckende Krankheit hätte. Wenn sich aber 30 Leute in einem Raum verteilen, der für 100 Personen ausgelegt ist, macht das weder für sie noch für den Vortragenden die Situation einfacher.
Von Vorteil sind Vorhänge, Teppiche und andere weiche Materialien. Sie schlucken störende Nebengeräusche wie Stühlerücken und ähnliches. Das kann man sich nicht immer aussuchen, aber manchmal schon.
Liegen die Fenster an einer Hauptverkehrsader, sollte das zu der entsprechenden Zeit überprüft werden. Man kann da im Prinzip nichts machen, sollte aber solche Räume nicht bevorzugen.

Tipps für den Redner

Zunächst ist es von Vorteil, eine tiefe Stimme zu haben. Leider sind wir nicht alle mit einem Bariton gesegnet, aber ein bißchen was lässt sich durch Stimmtraining machen.
Die Grundregel für jeden Redner ist: Langsam und deutlich sprechen. Nicht jedes Wort muss roboterhaft artikuliert werden. Allerdings sollten Dialekte und andere Sprach-Eigenheiten zurückgefahren werden.
Natürlich sollten wir Tempo und so weiter variieren, schließlich soll das Publikum nicht einschlafen. Alles sollte aber in einem bestimmten Rahmen bleiben.
Der Redner sollte sich immer dem Publikum zuwenden. Vieles lässt sich von den Lippen ablesen sowie aus Gestik und Mimik ableiten. Sorgt dafür, dass ihr auch in den hinteren Reihen gut gesehen werdet und gut ausgeleuchtet seid. Man ist kein guter Redner, wenn man seine Notizen verliebt anguckt oder sich ständig zur Präsentation umdreht.
Sorgt für zusätzlichen Input. Ich fasse die wichtigsten Infos jeweils auf einer Folie zusammen, die parallel angezeigt wird. Wer mich also nicht versteht, kann kurz nachlesen. Der Nachteil ist, dass die Folien recht textlastig sind. Aber das ist ein in meinen Augen sinnvoller Kompromiss.
In Räumen ohne Sound-Anlage sollte Getuschel im Publikum möglichst sofort unterbunden werden. Das ist ohnehin kein gutes Zeichen, stört aber die Umsitzenden.
Für sehende Redner ist es ganz hilfreich, sofortiges Feedback zu bekommen. Wenn ihm die Leute einschlafen kann das an dem unspannenden Thema liegen. Oder daran, dass das Zuhören zu anstrengend ist.
Mein Vorschlag wäre, verschieden farbige Karten zu verteilen, mit denen die Zuhörer winken können. Zum Beispiel grün für „du redest zu schnell“, blau für „bitte lauter“ oder rot für „kapier ich nicht“. Es ist ein guter Service des Redners. Bei blinden Rednern funktioniert das natürlich nicht, aber dafür gibts die Assistenz. Die Hemmschwelle, etwas hoch zu halten ist geringer als das laute Aussprechen eines Problems.

Auch Hörende profitieren

Der Redner mag noch so gut sein, wenn er zu leise spricht, wird er sein Publikum verlieren. Wer sich darauf konzentrieren muss, jedes Wort zu verstehen hat weniger Ressourcen zum Verstehen und Einprägen des Gesagten. Nervosität breitet sich aus und die Leute gehen sich einen Kaffee holen und kommen nicht mehr wieder.
Nun kann man trainieren, laut zu sprechen. Bei Manchen ist das aber schwierig. Gerade helle Stimmen sind schnell schlecht zu verstehen, wenn sie laut sind. Vor allem Frauen scheint es schwer zu fallen, die Stimme zu erheben. Und wenn sie es tun, sind sie oft trotzdem schwer zu verstehen.

Höranlage im Eigenbau

Nun verfügen nicht alle Räume über Mikrofon und Lautsprecheranlage. Mit der heutigen Technik kann man sich aber relativ gut selbst helfen.
Die Technik ist schnell zusammengestellt. Gebraucht wird ein guter Bluetooth- oder anderer Funkkopfhörer für den Schwerhörigen. Der Kopfhörer sollte den Sprecher möglichst ohne Verzögerung übertragen können. Schließlich müssen Mimik, Gestik und das Gesagte zusammenpassen. Der Sprecher verwendet ein Headset, welches entweder seperat funktioniert oder an den Computer angeschlossen ist. Der Computer überträgt das Gesprochene per Kabel oder Funk an den schwerhörigen Zuhörer. Das nötige Equipment sollte nicht mehr als 150 Euro kosten.
Da viele Leute heutzutage mit Smartphones oder Tablets ausgestattet sind, kann man eventuell auch mit diesen Geräten arbeiten. Eventuell lässt sich der Sound per W-LAN oder Bluetooth übertragen. Leider bin ich nicht wirklich tief in der Sound-Technik drin. Aber nach meiner Einschätzung sollte das technisch machbar sein. Wenn man sich die Sprachqualität von Skype, WhatsApp oder Facebook anschaut, ist die Sprachqualität schon besser als im Mobilfunknetz. Nur die Latenz bei der Übertragung könnte noch ein Problem sein.
Ist der Raum ein wenig größer und der Sprecher stimmlich vielleicht nicht so laut, bietet sich ein funkbasiertes Surround-System an. Natürlich sollte es nicht das Billigste sein, schließlich ist die Sprachverständlichkeit extrem wichtig. Funkbasiert, weil man so Probleme mit der Verlage von Kabeln vermeidet und beim Aufstellen viel Freiheit hat. Die Positionierung der Boxen sollte von einer damit erfahrenen Person vorgenommen werden.
Wenn man solche Technik einsetzt, muss sie qualitativ ausreichend sein und einwandfrei funktionieren. Es hilft weder dem Sprecher noch dem Veranstalter oder den Teilnehmern, wenn die Anlage rauscht, Puff-Geräusche nicht filtern kann oder Rückkopplungen verursacht.

Schwerhörige nach vorn

Nun möchte ich den Schwerhörigen die Verantwortung nicht ganz absprechen. Wer sich nicht traut, dem Veranstalter oder Redner vorher mitzuteilen, dass spezielle Vorkehrungen für ihn notwendig sind, muss Probleme in Kauf nehmen. Unsere hellseherischen Fähigkeiten sind begrenzt.
Zudem sollte man sich natürlich bei einer Hörschädigung nicht ausgerechnet in die letzte Reihe setzen. Niemand muss sich öffentlich bekennen, wenn er nicht möchte. Aber auch wir können nicht erraten, was das Problem sein könnte, wenn uns jemand entflieht.

Mein Rückblick auf das Digital Media Camp in München #dgcmuc

Barcamps sind eine schöne Sache, weil hier unterschiedliche Menschen mit einem gemeinsamen Interesse zusammen kommen. Ich bin ein großer Barcamp-Fan und das nicht nur, weil ich den Leuten was über Barrierefreiheit vorlabern kann.

Barrierefreiheit in Multimedia – und warum jeder profitiert from Domingos de Oliveira

Gestern war ich zu Gast beim Digital Media Camp in meiner ehemaligen Heimatstadt München. Leider musste ich erkältungsbedingt den heutigen zweiten Tag ausfallen lassen. Deshalb ist das hier quasi nur ein halber Rückblick.

Die Sessions

Erfreulicherweise konnte ich gleich eine der ersten Sessions halten und habe immerhin ein paar Leute einfangen können, die meinem verschnupften Vortrag lauschten. Oben seht ihr die Präsentation auf Slideshare und hier sind sie als PowerPoint zum Download.
Ich finde es ja wesentlich spannender, mit Neulingen oder Nicht-Überzeugten über Barrierefreiheit zu diskutieren. Was soll man auch mit Leuten diskutieren, die ohnehin der gleichen Meinung sind wie man selbst? Deshalb sind Sessions auf eigentlich fachfremden Veranstaltungen für mich am spannensten.
Im Folgenden noch ein kleiner Rückblick auf die Sessions, an denen ich teilgenommen habe. Leider sind mir sowohl die Namen von den Referenten als auch von den Sessions visuell bedingt entgangen. Wenn ihr euch wieder findet, kommentiert oder schreibt mir eine Mail, ich ergänze dann Namen und Websites der Betreffenden. Jetzt wo ich das gerade schreibe fällt mir nebenbei auf, dass die Frauenquote bei den Sessiongebern erfreulich hoch war. Alle von mir besuchten Sessions wurden von Frauen geleitet.
Session Nr. 1 drehte sich um Schreibblockaden. Die Tricks waren mir tatsächlich schon bekannt. Mir fehlt es eher an der Zeit und Disziplin als an Schreiblust. Für die anderen Teilnehmer war die Session aber sicher eine große Hilfe.
Besuchte Session Nr. 2 drehte sich um das Thema User Experience und Website-Optimierung. Auch hier habe ich nicht viel Neues erfahren. Im Grunde weiß man schon viele Dinge: Konkrete User befragen, aus deren Perspektive betrachten und die eigenen Ansichten hinten anstellen – das Problem ist eher die Umsetzung.
Session Nr. 3 drehte sich um das Thema Zukunft des Storytelling. Hier ging es vor allem um die Frage, inwieweit neue Technologien wie Virtual Reality genutzt werden können, um Geschichten besser zu erzählen. Die Stimmen schwankten zwischen Euphorie – das neue Superding – hin zu Skepsis – Hype wie 3D, ist bald vorbei. Ich tendiere eher zu letzterer Ansicht. VR ist derzeit zu teuer und zu kompliziert. Es fehlt die WOW-Anwendung, etwas, was den Mainstream davon überzeugt, dass er die Brillen, Headsets und was es alles gibt tatsächlich benötigt.

Mein persönliches Fazit

Realistisch muss man sagen, dass ein Barcamp mit weit mehr als 100 Personen schon in Richtung Massenkonferenz geht. Natürlich kann man die für Barcamps klassische Vorstellungsrunde mit 300 Personen nicht abhalten. Für mich wäre es jedoch interessant gewesen, ob unter den Campern mir bekannte Namen waren. Und da meine Ohren meine Augen sind und ich tatsächlich bezüglich digitaler Vernetzung ein Frischling bin, wäre eine Vorstellungsrunde nicht schlecht gewesen. Wenn eine Vorstellungsrunde in einer vernünftigen Zeit nicht möglich ist, sollte man das Barcamp vielleicht eine Nummer kleiner machen. Es geht einfach viel von dem persönlichen Charakter verloren, wenn sich nicht zumindest jeder einmal vorstellt und damit zu Wort gekommen ist.
Mein Dank geht ans Media Lab Bayern für eine hervorragend organisierte Veranstaltung. Als Außenstehender weiß man ja nie, wie viel Arbeit dahinter steht, aber es ist sicherlich mehr, als ich mir vorstellen kann.

Der menschliche Faktor in der Barrierefreiheit

Nachdem ich mich in den letzten Blogbeiträgen etwas mehr mit meiner Blindheit beschäftigt habe, möchte ich mich wieder verstärkt dem Thema Barrierefreiheit widmen.
Wenn es um Barrierefreiheit geht, lassen sich drei ausschlaggebende Faktoren unterscheiden.

  • Die objektiv überprüfbare Barrierefreiheit
  • die individuellen Fähigkeiten und Möglickeiten des einzelnen Behinderten
  • Der menschliche Faktor

Faktor 1: Die objektiv prüfbare Barrierefreiheit

Heute gibt es für viele Bereiche Normen, Standards und Richtlinien zur Barrierefreiheit, zum Beispiel fürs Internet, für Gebäude, für PDF-Dokumente und so weiter.
In weiteren Bereichen gibt es Maßnahmen-Kataloge, die jeweils auf ein Projekt zugeschnitten werden müssen. Ob ein Kurs in der Erwachsenenbildung oder eine Kunstausstellung barrierefrei sind, lässt sich anhand dieser Maßnahmen und ihrer Umsetzung beurteilen.
Das Problem bei diesem Faktor ist, dass er einen Grad an Absolutheit vortäuscht, der in der Realität nicht möglich ist. Auch wenn wir WCAG 2.0 AAA erfüllen, wird es immer noch Leute geben, die mit der Website nicht zurecht kommen. Der Standard PDF UA kümmert sich nicht um die Bedürfnisse lernbehinderter Personen. In den meisten barrierefreien Zimmern wird man mit einem Liegerollstuhl Probleme haben. Das heißt, Barrierefreiheit nach Checklisten schließt auch immer Personen aus, aber man spricht dennoch von Barrierefreiheit, wenn diese Standards erfüllt wurden.

Faktor 2: Die Fähigkeiten des Einzelnen

Es ist kein Geheimnis, dass die Fähigkeiten der Behinderten auch innerhalb der einzelnen Behinderungsgruppen extrem unterschiedlich sind. Der eine Blinde pflügt schneller als jeder Sehende durchs Netz, der Nächste braucht fünf Minuten, um eine Bahnverbindung herauszufinden. Der Eine tourt durch das gebirgige Tibet, der Nächste verirrt sich in der eigenen Wohnung.
Für diese Fähigkeiten spielen eine ganze Reihe von Faktoren eine wichtige Rolle:

  • Es gibt die kognitiven oder physiologischen Grenzen, die der Körper selbst setzt. Und natürlich sind auch die Behinderungen selbst sehr unterschiedlich ausgeprägt.
  • Dann ist die Frage, wie lange jemand behindert ist. Geburtsbehinderte sind in der Regel wesentlich angepasster an ihre Behinderung als Spät-Behindderte.
  • Die Persönlichkeit ist wichtig. Ängstliche Personen probieren ungern Neues aus. Andere können es gar nicht abwarten, die Grenzen auszutesten und zu überschreiten.
  • Ein weiterer limitierender Faktor sind die Hilfsmittel. Wer veraltete oder halbdefekte Technik einsetzt wird wahrscheinlich nicht mit jemandem mithalten können, der auf dem neuesten Stand ist.
  • Dann reicht es nicht aus, die neueste Technik zu besitzen. Man muss auch in der Lage sein, sie zu bedienen. Das ist ein Faktor, der häufig übersehen wird.

Zu den sinnvollen Fähigkeiten eines Behinderten gehört im übrigen auch, sich Hilfe zu holen, wenn man sie benötigt. Oft genug erlebe ich, dass die Leute die Hände in den Schoß legen, wenn sie etwas nicht hinbekommen. Oder sie unternehmen erst gar nichts, wenn es mit Schwierigkeiten verbunden sein könnte. Womit wir zum letzten Faktor kommen.

Der dritte Faktor: Menschliche Hilfe

Last not least gibt es Probleme, die man als Behinderter partout nicht ohne die Hilfe Dritter lösen kann. Ein blinder Redakteur wie ich zum Beispiel kann keine Bilder recherchieren und nur in Grenzen bearbeiten. Ich kann meine Präsentationen nur begrenzt selbst erstellen und visuell überprüfen. Ich kann meine Unterrichtsarbeit nicht ohne Assistenz durchführen.
Allgemein gilt die Barrierefreiheit als erreicht, wenn etwas grundsätzlich ohne fremde Hilfe möglich ist. Es gibt aber einige Bereiche, in denen zumindest die meisten Blinden nie ohne fremde Hilfe auskommen werden. Daran ist im übrigen nichts verwerfliches. Menschliche Hilfe ist nichts Negatives und es ist kein Wert an sich, vollkommen ohne sie auskommen zu wollen. Alle Menschen sind gelegentlich auf die Unterstützung durch andere Personen angewiesen. Ich nenne das den sozialen Faktor in der Barrierefreiheit.

Warum thematisiere ich das nun?

Da ich mich in letzter Zeit mit nicht-digitaler Barrierefreiheit beschäftigt habe, stoße ich gelegentlich auch auf die Grenzen der Technik.
Dabei gibt es sehr unterschiedliche Grenzen. Eine Großstadt kann theoretisch zu einem sehr hohem Grad blindengerecht gemacht werden. Aber mal im Ernst: Die Milliarden, die dafür notwendig sind wird keine Stadt aufbringen wollen. Und selbst wenn das passiert, wird es immer noch viele Blinde geben, die Probleme haben werden. Es ist also egal, wie viel Geld wir investieren, wir Blinde werden immer zu einem gewissen Grad auf fremde Hilfe angewiesen sein.
In der erwachsenen-Bildung wird von den Dozenten gefordert, dass er auf jeden Teilnehmer individuell eingehen soll. Hier stoßen wir auf zwei Grenzzen:

  1. Die Resource Zeit ist knapp
  2. Die Ressource Geduld ist knapp

Einerseits hat natürlich jeder Teilnehmer Aufmerksamkeit verdient, andererseits muss jeder Dozent ein gewisses Maß an Mindest-Bildungsleistung für alle Teilnehmer erbringen. Als Dozent verspreche ich ein bestimmtes Lernziel und wenn ich das nicht erbringe, fällt das nicht auf den Teilnehmer, sondern auf mich zurück.
Der behinderte Teilnehmer muss in gewissem Maße bereit sein, eine Eigenleistung zu erbringen. Ganz ohne geht es nicht. Ich kann ihn dabei so weit wie möglich unterstützen. Ich kann aber nicht ihm zu Liebe die gesamte Gruppe vernachlässigen.
In vielen Fällen ist es am sinnvollsten, wenn sich der Behinderte eine Assistenz organisiert. SSie kann ihn bei den Aufgaben unterstützen, die von mir als Dienstleister nicht oder nicht ausreichend erbracht werden können.
Wie ich unter Punkt 1 schon ausgeführt habe, ist eine absolute Barrierefreiheit nicht möglich. Eine Behinderung ist – Punkt 2 – in gewissen Grenzen kompensierbar. Wir stoßen aber an Grenzen, wenn es etwa um neu erworbene Behinderung, Mehrfachbehinderung oder weitere Einschränkungen geht.
Natürlich sollte größtmögliche Barrierefreiheit hergestellt werden. Wenn ich eine Software nicht bedienen kann, die ich benötige, dann kann ich meinen Job nicht machen.
Auf der anderen Seite sollte der menschliche Faktor nicht vernachlässigt werden. Die Menschen brauchen menschliche Unterstützung, falls unsere Roboter nicht bald lernen, soziale Empathie zu entwickeln und auch komplexere Aufgaben zu übernehmen.
Ein wichtiger Faktor ist auch eine vernünftige Bezahlung der Assistenten. Je nach dem, welche Hilfestellung sie erbringen, müssen sie teils hohe Ansprüche erfüllen. Gleichzeitig werden gerade im sozialen Sektor – da, wo es um Menschen geht – die Betroffenen am schlechtesten bezahlt. Kellnern oder Putzen gehen wäre kaum weniger anstrengend, aber besser entlohnt. Vielleicht sollten wir , statt 700 Euro für ein iPhone auszugeben uns einmal darum bemühen, dass unsere Unterstütze vernünftig bezahlt werden. Die Technik ist eben nicht alles.