Archiv der Kategorie: Blinde & Sehbehinderte

Wie sieht der Alltag für Blinde und Sehbehinderte aus?

Wie schnell können Blinde die Blindenschrift lesen?

Aus verschiedenen Gründen beschäftige ich mich gerade mit Fragen zum Thema lesen. Dabei geht es besonders um das Lesen von Braille. Leider muss ich ein wenig weiter ausholen und hoffe, dass ihr mir bis zum Ende folgt.

150 Wörter pro Minute

Forscher gehen davon aus, dass man mindestens 150 Wörter pro Minute lesen können muss, um von einer ausreichenden Lesegeschwindigkeit zum Lese-Verstehen sprechen zu können. Das klingt viel, aber tatsächlich dürften die meisten von euch deutlich schneller lesen. 150 Wörter pro Minute sollten Schüler bereits nach der vierten Klasse lesen können.
Diese 150 Wörter scheinen der durchschnittlichen Sprechgeschwindigkeit zu entsprechen. 150 Wörter entspricht also der Geschwindigkeit, in der unser Gehirn gesprochene Sprache gut verarbeiten kann.

Lesen ist nicht gleich Verstehen

Dabei muss man zwei Vorgänge unterscheiden:

  • Das Lesen ist an sich ein rein physischer Vorgang. Ich könnte auch einen italienischen Text problemlos lesen – eine Sprache, die ich nicht einmal im Ansatz beherrsche. Ebenso würde es mir aber auch mit einem Fachbeitrag aus der Mathematik ergehen. Ich kann zwar die Worte entziffern, grammatikalische Strukturen erkennen und vielleicht sogar erraten, worum es geht. Aber verstehen ist das nicht.
  • Der zweite Vorgang ist das eigentliche Verstehen des Gelesenen. Ich spreche deshalb von Lese-Verstehen.

Interessant daran ist, dass sowohl zu schnelles als auch zu langsames Lesen das Verstehen verhindern kann. Nehmen wir das oben genannte Beispiel eines Mathe-Textes. Klar kann ich die Zeichen schnell entziffern. Doch ob etwas hängen bleibt, ist fraglich.
Lese ich andererseits zu langsam – zum Beispiel Zeichen für Zeichen – werde ich den Text auf Wortebene erfassen, aber schon bei etwas komplexeren Sätzen werde ich schon den einzelnen Satz nicht mehr verstehen. Und das gilt im Prinzip für jeden Text, der über dem Niveau der zweiten Klasse liegt.
Um Vergnügen am Lesen zu haben, muss der physiologische Vorgang des Erfassens von Zeichen vollständig in den Hintergrund treten. Das heißt, ich muss mühelos lesen können, um mich komplett mit der Verarbeitung des Gelesenen beschäftigen zu können. Ist das nicht der Fall, werde ich nie etwas freiwillig lesen. Das heißt aber umgekehrt: Je weniger ich lese, desto weniger Routine kann ich entwickeln.

Das Scheitern am Verstehen

Ein Großteil der funktionalen Analphabeten kann tatsächlich auf Wortebene lesen, scheitert aber an komplexeren Strukturen wie Sätzen, Absätzen und Abschnitten. Versteht man diese nicht, versteht man den ganzen Text nicht. Interessant wäre in diesem Zusammenhang, ob die Betroffenen die gleichen Inhalte verstehen würden, wenn sie ihnen vorgelesen werden. Dazu habe ich leider keine Infos.
Wie ich schon mal erzählt habe, habe ich fast 20 Jahre lang kein Braille mehr gelesen. Vor ein paar Jahren habe ich wieder damit angefangen. Obwohl ich sowohl Braille als auch die Schwarzschrift im Grundsatz beherrsche, bin ich am Anfang meines Braille-Abenteuers zuerst auf Wort- und dann auf Satzebene gescheitert. Ich konnte die einzelnen Wörter lesen, aber ich hatte Probleme, den Satz zu einem Ganzen zusammen zu setzen. Ich kenne also das Problem aus eigener Erfahrung.
Für uns relevant ist, dass Sehbehinderte und Blinde aus ähnlichen Gründen vor dem gleichen Problem stehen. Fangen wir mit den Blinden an.

Lesen auf Zeichenebene

Blinde lesen bekanntlich mit dem Finger. Sehende erfassen Zeichengruppen, Worte und ganze Phrasen mit einer einzigen Augenbewegung. Nur deshalb sind hohe Lesegeschwindigkeiten möglich. Blinde hingegen sind nicht in der Lage, über den aktuellen Fokus ihres Fingers hinauszusehen. Die einzige Möglichkeit, die mir einfallen würde wäre, mit mehreren Lesefingern zu arbeiten. Bei mir zumindest hat das nicht funktioniert.
Vor allem für Braille-Lese-Anfänger ist die Schwelle sehr hoch. Sie müssen zum einen die Zeichen lernen. Parallel müssen sie die nötige Sensibilität in den Fingern ausbilden. Und sie müssen möglichst früh erste Erfolgserlebnisse haben, da sie sonst schnell frustriert sind.
Sind erst einmal alle Zeichen gelernt, müssen sie regelmäßig lesen, um eine halbwegs annehmbare Lesegeschwindigkeit zu erreichen.
Dennoch schaffen Blinde nur rund 60 bis 80 Wörter pro Minute. Geübte Braille-Leser schaffen zwischen 100 und 150 Wörter pro Minute. Sie erreichen also gerade einmal die Mindestschwelle dessen, was in der 4. Klasse als wünschenswert gilt. Die Studie entstand zu einer Zeit, wo Braille an den Schulen noch eine wesentlich größere Rolle gespielt hat als heute. Das heißt, die getesteten Personen dürften wesentlich mehr Leseerfahrung haben als heutige Schüler oder erwachsene Blinde.
Das Fatale an der Sache ist, dass Blinde wiederum mehr Zeit brauchen als Sehende. Ich habe als Schüler noch mit meinem kläglichen Sehrest und Schwarzschrift gearbeitet. Meine Lesegeschwindigkeit war nie besonders gut. Doch musste ich mich zumindest nicht mit meterhohen Papierstapeln abschleppen wie meine blinden Mitschüler. Unser Geschichtslehrer hatte ein großes Vergnügen daran, enorme Textmengen zu verteilen.
Die blinden Mitschüler mussten also viel mehr Zeit für das Lesen dieser Dokumente aufwenden als ihre sehbehinderten oder gar die sehenden Mitschüler. Im Studium oder Arbeitsleben schaut es nicht besser aus.
Sehbehinderte stehen aus anderen Gründen vor ähnlichen Problemen. Bei starker Vergrößerung oder bei einem kleinen Gesichtsfeld können sie oft nur kurze Worte oder Wortbestandteile auf einen Blick erfassen. Mit ein wenig Leseerfahrung können sie Wörter erraten oder andere Tricks anwenden. Aber schnelles oder angenehmes Lesen ist so kaum möglich.

Das Problem ist mit Braille nicht lösbar

Nun wissen wir, dass Lesen heute essentieller Teil fast jeder Jobbeschreibung ist. Jenseits von Höchstleistungen besonders effizienter Leser ist es aber schon physiologisch nicht möglich, als normaler Blinder Geschwindigkeiten wie ein Sehender zu erreichen.
Eine Möglichkeit ist theoretisch, die Brailleschrift weiter zu komprimieren. Wir haben ja schon die Kurzschrift, bei der geläufige Wörter und Texteile in einzelnen Zeichen zusammengefasst werden. Dadurch können bis zu 30 Prozent an Platz eingespart werden. Für geübte Leser erhöht das auch die Lesegeschwindigkeit. Daneben gibt es ein Braille-Steno, das wohl früher von blinden Schreibkräften verwendet wurde.
Das Problem dabei ist, dass natürlich der Lernaufwand noch einmal steigt. Im Prinzip muss eine neue Schrift gelernt und eingeprägt werden. Da es kaum Texte in Braille-Steno gibt, könnten die Leser auch nur auf elektronische Texte zurückgreifen, die von einem Programm automatisch in Braille-Steno übersetzt werden. Ob uns das die Lesegeschwindigkeit eines Sehenden bringt, weiß ich leider nicht.
Es bleibt uns also kaum etwas übrig, als die Sprachausgabe zu bevorzugen. Sie hat ihre eigenen Nachteile, die ich vielleicht ein anderes Mal behandeln werde. Sie ist aber tatsächlich die beste Möglichkeit, eine adäquate und alltagstaugliche Lesegeschwindigkeit zu erreichen. 300 Wörter pro Minute sind mit der Sprachausgabe mühelos erreichbar.

Die psychische Belastung blinder Menschen

mit lügen begonnen
in schmerzen zerronnen
den tod nur gewonnen
zitiert aus Riptide von Douglas Preston und Lincoln Child

Jeder kennt es, kaum jemand spricht darüber: die psychische Belastung, die eine Behinderung mit sich bringt. Heute möchte ich über diese Belastungen schreiben. Dabei geht es mir nicht direkt um die Behinderung. Es geht um die Frage, welche Belastungen indirekt durch die Blindheit oder Sehbehinderung entstehen.
Es ist klar, dass heute fast jeder Mensch solchen Belastungen ausgesetzt ist. Das hat nicht nur mit der individuellen Situation zu tun. Es hängt natürlich auch viel von der Persönlichkeit ab. Der Eine mag sich wunderbar mit einem vollgestopften Alltag arrangieren, während für jemand Anderes das Nichtstun eine Belastung ist. Deswegen gehe ich hier nur auf behindertenspezifische Fragen ein.
Die von mir genannten Faktoren können eine psychische Erkrankung begünstigen, müssen aber nicht. Solche Erkrankungen sind von vielen weiteren Faktoren wie dem Umfeld und der individuellen Situation abhängig.

Der Alltag frisst die Zeit auf

Schon die kleinen Dinge des Alltags kosten viel Zeit. Ob Körperpflege, Einkaufen oder der Gang zum Arzt: für viele Dinge des Alltags müssen wir mehr Zeit einplanen als Sehende. Wir reden hier nicht von Minuten. Ihr könnt die Zeit nehmen, die ihr normalerweise braucht und mit dem Faktor drei oder vier multiplizieren, das sollte ungefähr hinkommen. Es kann aber auch noch wesentlich mehr sein. Der Blick in den Spiegel reicht uns nicht, um zu wissen, dass wir gut gepflegt sind. Dann kippt irgendwas um und muss aufgewischt werden. Oder die frisch angezogenen Klamotten werden mit Kaffee vollgekleckert. Für Blinde ist das Alltag.
Eine der allgemeinen Ungerechtigkeiten: Je mehr Hilfe wir brauchen, desto mehr Papierkram haben wir. Egal ob Grundsicherung, Wertmarke, Assistenz. Alle Leistungen erfordern Papierkram. Überweisungen wollen getätigt, Unterlagen eingescannt und abgeheftet, Anträge gestellt und Anfragen beantwortet werden. Mein Leben steht in Form von 7 gefüllten Leitz-Ordnern auf meinem Regal und jedes Jahr kommt einer dazu. Ich sehe das nicht wie viele andere Behinderte als Schikane der Ämter. Es gibt halt nichts umsonst. Und dennoch kann ich keine Liebe zu Papierkram entwickeln. Auch dafür gilt, nehmt die Zeit, die ihr braucht mal 4, dann wisst ihr, wie viel Zeit das kostet.

Familien-Idylle

Wenn ein blindes Paar eine Familie gründet, steigt der Stresspegel noch weiter. Schon Sehende sind gezwungen, ihr Leben um das Kind herum zu organisieren. Für blinde Menschen sind die Herausforderungen ungleich größer. Wickeln und füttern geht auch, wenn man blind ist. Aber spätestens, wenn das Kind zu krabbeln anfängt, geht es los. Wir müssen aufpassen, wo wir hintreten, schließlich könnte es gerade vor uns sein. Wir müssen alles Gefährliche aus dem Weg räumen, an dem es sich verletzen oder das es runterschlucken könnte. Nur zur Erinnerung: Ein Sehender erfasst einen Raum auf einen Blick. Ein Blinder Fuß praktisch jeden Zentimeter abtasten und wird trotzdem Vieles übersehen.
Wenn das Baby weint, müssen wir herausfinden, ob es sich weh getan hat. Und wenn es krank ist – nun, ihr wisst, worauf ich hinaus möchte.
Wenn es dann schließlich anfängt zu laufen müssen wir natürlich mit ihm raus. Wir müssen dann nicht nur uns selbst orientieren. Wir müssen aufpassen, dass uns das Kind nicht davon oder auf die Straße läuft. Außerdem sind diese Kinder verdammt schlau. Sie finden schnell heraus, wie man Türen öffnet. Und sie haben ein tierisches Vergnügen daran, an den Reglern des Herds zu drehen oder Handys, Schlüssel und Fernbedienungen zu verstecken.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Häufig steht man als Blinder unter verstärkter Beobachtung. Kümmert er sich richtig um das Kind? Das betrifft nicht nur Fremde, sondern auch die eigene Familie. Hat sich das Kind also verletzt, ist das Gesicht verschmutzt, sind die Klamotten vollgekleckert – kein Wunder, der ist ja blind und kann sich nicht richtig um das Kind kümmern.

Nichts als Arbeit

Der berufliche Alltag ist Stress pur. Es ist wirklich frustrierend, wenn man für eine Aufgabe mehrere Minuten braucht, die ein Sehender in 5 Sekunden erledigt hätte. Egal, wie viel Training und Routine wir haben, das Problem ist nicht lösbar.
Dabei geht es mir nicht um die Zeit, die ich mehr brauche. Es ärgert mich, dass ein Sehender das wesentlich schneller machen könnte. Ein Blinder kann sich nicht entscheiden, heute mal das Auto oder Fahrrad zu nehmen. Die Bahn streikt, der Bus hält einfach mal 10 Meter weiter hinten, die Straße ist total vereist? Pech gehabt, dann dauert der Arbeitsweg halt drei Mal so lang wie der eines Sehenden.
Es gibt Tage, an denen die Technik Streiche spielt. Da ist der Internetzugang so langsam, dass man nicht produktiv arbeiten kann. Da ist irgend ein Tool oder eine Web-Anwendung, die partout nicht mit dem Screenreader zusammenarbeiten will. Da ist schon wieder eine Software angeschafft worden, die offensichtlich nicht barrierefrei war.
Hinzu kommen weitere Faktoren. Ich empfinde es schon als Belastung, die Arbeitskollegen weder in der Firma noch auf der Straße zu erkennen. Die Leute sind oft beleidigt, auch wenn sie es nicht zugeben. Der Transfer von „der sieht nicht gut“ bis „der kann mich nicht erkennen und ist nicht unfreundlich“ scheint nicht stattzufinden. Irgendwann ist es mir zu blöd, es den Leuten zu erklären.
Natürlich ist es eine gute Sache, Arbeitsassistenz zu haben. Doch auch hier gilt, sie nimmt einem nicht die Arbeit ab, sie macht zusätzliche Arbeit. Aufgaben müssen abgestimmt, die Pflichten eines Arbeitgebers erfüllt und – wie kann es anders sein – jede Menge Papierkram muss erledigt werden.
Ich habe oft gedacht, wie viel einfacher das Leben wäre, wenn man sich auf Arbeitslosengeld oder Erwerbsminderungsrente und Blindengeld zurückzieht. Da hat man immerhin 1000 Euro pro Monat zur Verfügung und keine anderen Verpflichtungen. Aber ich glaube, das Leben kann auch zu bequem sein.

Wie mit der Belastung umgehen?

Um die Wahrheit zu sagen, ich weiß nicht, wie man mit dieser Belastung umgehen kann. Wir können uns nicht entscheiden, diese Dinge nicht zu tun. Sie müssen getan werden und es gibt niemanden, der sie uns abnehmen könnte.
Jeder muss seinen eigenen Weg finden, mit diesen Belastungen umzugehen. Dazu gehört vielleicht eine bewusste Entschleunigung. Soziale Kontakte sind ebenfalls wichtig.
Manchen Leuten hilft es, Entspannungstrainings zu machen. Es ist egal, ob Yoga, Meditation oder MBSR, es läuft alles aufs Gleiche hinaus: Phasen suchen, in denen man nichts tut außer sich zu entspannen.
Der einzige Rat, den ich euch geben kann: Hört auf euren Geist und Körper. Warnsignale wie Schlaflosigkeit, Herzrasen oder Abhängigkeit von Suchtmitteln sollte rechtzeitig erkannt werden. Holt euch professionelle Hilfe, bevor es zu spät ist. Ich kenne genügend Leute, die wegen eines Burnouts monatelang ausgefallen sind. Das wollt ihr nicht erleben.

Weitere Berichte

Tipp für Screenreader-Nutzer: Ungestört am Arbeitsplatz

Die Blinden kennen das sicherlich, da versucht man, im Büro oder im Zug zu arbeiten und pausenlos quatscht jemand im Hintergrund herum. Ich kann relativ gut Alltagsgeräusche wie normalen Verkehrslärm oder das undifferenzierte Grundrauschen eines Mittagstisches ausblenden, solange ich nicht direkt daneben sitze. Aber sobald jemand etwas sagt, was ich verstehen kann, bin ich automatisch abgelenkt.
Ich habe verschiedene Dinge ausprobiert: Schallisolierende Ohrhörer waren nicht ausreichend. Schallisolierende Übers-Ohr-Kopfhörer waren mir zu teuer. Ohropax sind ungeeignet, da sie den Screenreader zu stark dämpfen. Dann gibt es noch die Kopfhörer mit aktiver Geräuschunterdrückung. Die scheinen aber eher für gleichmäßige Geräusche geeignet. Allerdings war mir der Preis zu hoch, um sie einfach mal auszuprobieren. Um nur mit der Braillezeile zu arbeiten, bin ich zu langsam.
Letztlich bin ich bei einem einfachen Gehörschutz gelandet. Er kostet im Baumarkt etwa 20 Euro.
Der Gehörschutz sieht aus wie ein großer Kopfhörer ohne Kabel. Der Bügel bewirkt, dass die Muscheln sehr stark auf das Ohr gedrückt werden. Wenn man ihn richtig aufsetzt, ist das kein Problem. Wenn man es falsch macht, tut es tierisch weh.
Die Hauptfunktion besteht darin, dass er das Ohr isoliert, so dass der Schall das Ohr nicht erreicht. Es ist nicht so, dass man nichts mehr hört, es sei denn, man befindet sich ohnehin in einer sehr leisen Umgebung. Man hört lautere Geräusche gedämpft. Man hört zum Beispiel, dass jemand redet, versteht aber nicht, was er sagt. Professioneller Ohrenschutz dämpft wahrscheinlich stärker, da ich mein Büro aber nicht neben dem Preßlufthammer betreibe, reicht mir der günstige Gehörschutz.
Ganz unproblematisch ist das aber auch nicht. Man kriegt eventuell nicht mit, wenn man angesprochen wird. Man hat zwar Ruhe vor dem üblichen Lärm einer Zugfahrt im Regionalzug am Wochenende, kriegt aber auch die Durchsagen im Zug nicht mit.
Ein weiteres Problem könnte sein, dass man keine Kopfhörer mit dem Gehörschutz verwenden kann. Liegt der Gehörschutz nicht direkt auf dem Ohr, ist er relativ wirkungslos. Man muss also Ohrhörer verwenden.
Ansonsten ist das aber eine gute Lösung. Man muss den Gehörschutz auch nicht immer tragen, sondern nur dann, wenn es tatsächlich laut ist.

Die Kostenlos-Mentalität unter Blinden

Neulich saß ich mit einer Freundin in einem Marburger Café und wir unterhielten uns über Bahnfahrten. Ich erzählte ihr, dass ich im Zug das Ticket für Hin- und Rückfahrt gekauft hätte – es ging um einen Fernzug. Darauf meinte sie, sie würde das Ticket erst bei der jeweiligen Fahrt kaufen. Drei Mal dürft ihr raten, welchen Grund sie angab: Sie hoffte, durch die Ticketkontrolle durchzuschlüpfen.
Zur Erklärung für meine Sehenden Leser: Inhaber eines Schwerbehindertenausweises dürfen ihre Tickets im Fernzügen – für den Nahverkehr brauchen sie keins – zuschlagsfrei im Zug kaufen. Scheiß drauf, dass der Spaß den Schaffner gut fünf Minuten kosten, die er vielleicht gern anders verbringen wollen würde.
Nun, das konnte ich in gewisser Weise noch nachvollziehen, das Mädel ist arbeitslos und deshalb verzieh ich ihr auch die Peinlichkeit, dass sie weder im Café noch in der Pizzaria Trinkgeld gegeben hat. Das erinnerte mich allerdings an eine andere Freundin, die gut verdient und es ebenso macht – also das mit den Tickets.
Nun mag man sagen, dass ich mich mit den falschen Leuten umgeben habe, doch die Geschichte ist nicht zu Ende. In unserer Facebook-Gruppe fragte ein Blinder, ob man als Blinder kostenlos in Nachtclubs kommen könnte. Der Tenor war, versuch es, mehr als ablehnen können sie nicht.
Nun will ich mich nicht im Detail mit solchen Angelegenheiten beschäftigen, aber es zeigt fatal, welche Mentalität viele Blinde in Deutschland haben. Man findet es also in Ordnung, wenn alle anderen Clubbesucher inklusive sehender Freunde – so man sie denn hat – für einen mitbezahlen. Ich habe dann frech gefragt, ob er auch im Restaurant umsonst essen und im Supermarkt umsonst einkaufen möchte. Ich glaube, aus der Gruppe bin ich jetzt rausgeflogen.
Dahinter steht wohl die Einstellung, dass einem die Gesellschaft etwas schulde, weil man blind ist. Frei nach dem Motto „Ich bin blind, deshalb ist das okay, wenn ich mich durchschnorre“.
Man findet es auch in Ordnung, schwarz zu fahren – nichts anderes ist das Fahren ohne gültigen Fahrschein – und es ist also kein Problem, dass alle anderen Mitfahrer für einen mitbezahlen. Das sind übrigens die gleichen Personen, die sich jedes Jahr das neueste iPhone zulegen, warum sie das nicht umsonst haben wollen, habe ich noch nicht herausgefunden. Obwohl – es gibt auch regelmäßig die Frage, ob die Krankenkasse ein iPhone bezahlt.
Manchmal glaube ich, dass es den Blinden in Deutschland zu gut geht. Gehörlose und andere Behinderte bekommen nichts Vergleichbares zum Blindengeld. Würden die Sehenden wissen, wie viel Geld ein Blinder vom Staat erhält, ich bezweifle, ob die Sehenden noch so nett zu uns wären.
Und wie wird das eigentlich, wenn wir die Inklusion haben: Werden wir dann mit dem Schwerbehindertenausweis winken und für jeden Furz einen Rabatt fordern? Mit der Folge, dass die Anderen inklusive der Leute ohne Geld für uns mitbezahlen? Ist das die Solidarität, die wir einfordern? Das möchte ich zumindest nicht hoffen. Manchmal glaube ich, es würde den Blinden ganz gut tun, wenn sie eine Weile lang auf ihre Privilegien verzichten würden, wir sind zu verwöhnt von den Nachteilsausgleichen.
PS: Mir ist bewusst, dass mich Viele jetzt als Nestbeschmutzer abtun werden, aber die Zeit, wo Behinderte wegen ihrer Behinderung Welpenschutz genießen, ist vorbei. Nur mit Selbstkritik lässt sich eine Verbesserung herbei führen.

Warum Blinde alte Technik nutzen

Immer wieder fällt mir auf, wie konservativ viele Blinde gegenüber Neuerungen im Technikbereich sind. Dieser Technik-Konservatismus, wie ich das Problem nennen möchte, behindert die Weiterentwicklung der Barrierefreiheit.

Beispiel Windows

Ein Gutteil der hartnäckigen User von Windows XP dürften Blinde sein, die nicht updaten wollten oder konnten. Neulich klagte jemand auf unserer englischen NVDA-Liste darüber, dass man keine Rechner mit Windows XP mehr bekommen würde. In der deutschen Liste wurde mit haarsträubender Begründung empfohlen, Windows 7 zu nutzen, als ob es dafür noch halbwegs brauchbare Hardware gäbe. Windows 8 sei nur mit Classic Shell zu gebrauchen. Diese Anmerkung kam wohlgemerkt von jemandem, der im IT-Bereich arbeitet.
Zur Erinnerung, der Mainstream-Support für Win 7 ist Anfang 2015 eingestellt worden. Es ist äußerst zweifelhaft, dass MS jenseits des Unternehmensbereiches noch nennenswert Ressourcen für Win 7 aufwenden wird, zumal in der Zwischenzeit zwei aktuellere Systeme veröffentlicht wurden, die MS mit aller Gewalt in den Markt drücken möchte. Man mag von Win 8 und höher halten, was man möchte, sicher ist aber, dass die Sicherheitsarchitektur neurer Betriebssysteme deutlich besser ist, ein Punkt, der bei der Empfehlung von Win 7 außer Acht gelassen wird.
Noch geringer ist die Bereitschaft, neue Betriebssysteme wie Linux oder den Mac auszuprobieren. Zugegebenermaßen gibt es hierfür auch zu wenig Support in der Blinden-Community, in den Bildungs-Einrichtungen oder durch kommerzielle Hilfsmittelfirmen wird gleich gar keine Unterstützung angeboten.

Beispiel 2: Mailinglisten

Das Trauerspiel geht weiter bei Mailinglisten. Es gibt gefühlt 2000 Mailinglisten von Blinden zu allen möglichen Themen, aber kein einziges deutschsprachiges Forum oder Newsboard mit nennenswertem Zulauf.
Das ist okay, solange sich Blinde untereinander austauschen, das ist blöd, wenn man Sehende einbeziehen möchte. Für Sehende sind Mailinglisten chronisch unattraktiv. Viele Jüngere sind komplett auf WhatsApp, Tumblr oder andere Plattformen umgestiegen, deren Namen ich nicht mehr kenne – bin halt auch schon ein Oldie. Mailinglisten befördern ein wenig diese Einigelungs-Mentalität, die es vor allem unter älteren Blinden gibt.
Wo wir ohne Apple heute ständen, kann ich mir kaum vorstellen. Kein Facebook, kein WhatsApp, nur uralte Software und überteuerte Spezial-Handys mit eingeschränkter Funktionalität.

Screenreader

Ein echtes Hindernis sind veraltete Betriebssysteme, wenn auch noch veraltete Software wie alte Screenreader zum Einsatz kommen. Jaws 9 etwa läuft noch auf Windows XP, unterstützt aber kaum moderne Standards, das Programm ist halt schon zig Jahre alt. Dann muss man sich aber auch nicht darüber wundern, dass viele „modernere“ Anwendungen nicht mehr funktionieren. HTML5, ARIA und so weiter waren in Jaws 9 halt nicht vorgesehen.
Mein Angebot an einige Blinde, ihnen natürlich kostenlos beim Umstieg auf NVDA zu helfen ist undankend abgelehnt worden. Begründung war natürlich die Stimme von NVDA – die eSpeak. Die Wahrheit ist aber auch, dass viele Blinde keine Lust haben, umzulernen. Aus den gleichen Gründen wird auch der Umstieg auf das günstigere Window Eyes abgelehnt, das eine wesentlich humanere Update-Politik hat als Jaws.

Fazit

Ein veralteter Screenreader veraltete Betriebssysteme und Benutzeroberflächen verhindern natürlich auch, dass man an Neuerungen der Barrierefreiheit teilhaben kann. Ich bin mir sicher, dass die Letzten, die sich von Windows XP und 7 verabschieden Blinde sein werden, die nicht in der Lage waren upzudaten oder es nicht wollten. In diesem Fall müssen sie sich aber auch nicht darüber wundern, dass einige Anwendungen und neue Hardware nicht mehr bei ihnen funktionieren. Mein neues Epson Multifunktionsgerät zum Beispiel wurde von Win 10 problemlos erkannt und installiert, während ich auf meinem Win-7-Desktop-Rechner die Treiber manuell nachinstallieren musste. Ich bezweifle aber ehrlich gesagt, dass die iPhone-Generation solche Probleme erkennen geschweige denn beheben könnte.
Wir sind ein wenig an einem toten Punkt angekommen, was die Weiterentwicklung der Desktop-Betriebssysteme angeht. Ich habe ja den direkten Vergleich mit Office 2003 und 2013 und muss sagen, dass sich da bezüglich Barrierefreiheit nicht mehr viel getan hat. Es ist immer noch schwierig, Word oder PowerPoint daran zu hindern, seltsame Schrift-Formatierungen oder Einrückungen in den Text zu machen. Für Blinde ist das unsichtbar, für Sehende sieht das schlicht unprofessionell aus. Schlimmer ist in meinen Augen, dass die Bedienung mit den Ribbons noch ein wenig hakeliger geworden ist und einige Bereiche immer noch nicht vernünftig zugänglich sind. Hat es jemand von euch hinbekommen, vernünftig mit Revisionen eines Dokumentes, also Änderungen nachzuverfolgen, die jemand anderes gemacht hat? Wenn ja, freue ich mich über Tipps. Für mich ist das sowohl mit Jaws als auch mit NVDA ein echter Krampf.
Im Ergebnis heißt das, dass wir nach Alternativen zu den heute gängigen Systemen suchen müssen. Das erfordert aber auch die Bereitschaft, umzulernen.

Windows 10 für Blinde – ein erstes Fazit

Nachdem mein Notebook mich mit einem Update auf Windows 10 zwangsbeglückt hat, möchte ich ein erstes Fazit ziehen.
Vorneweg sei gesagt, dass Win 10 mit der aktuellen Version von NVDA 15.3 gut zu bedienen ist. Ich konnte bislang nur wenige Probleme feststellen. Der Browser Edge ist nur rudimentär zugänglich, aber das Problem ist bekannt. Das Startmenü bedient sich ein wenig holprig, aber das sind die typischen Macken von Windows. Als Blinder sollte man das Update nicht alleine durchführen, da NVDA während der Installation nicht spricht. Da das Update einige Zeit in Anspruch nimmt, kann man nicht wissen, wann das Update fertiggestellt ist. Bei der Einrichtung und Erst-Anmeldung steht NVDA nicht zur Verfügung. Hier sollte man mit Windows + Return den Narrator starten und die nötigen Schritte so durchlaufen.

Barrierefreiheit

Was immer Microsoft mit seinem neuen OS im Sinne hatte, Barrierefreiheit hatte keine hohe Priorität. Viele Blinde hatten darauf gehofft, dass der Narrator weiterentwickelt werden würde, doch Microsoft scheint nach dem Deal mit Window Eyes kein Interesse daran zu haben, das Thema weiter zu verfolgen. Im Center für erleichterte Bedienung ist nichts zu entdecken, dass es in Windows 8 nicht schon gegeben hätte.
So gab es ab Windows 8 den rudimentären Screenreader Narrator sowie eine deutsche Sprachausgabe. Die Spracheingabe war recht brauchbar, die Bildschirm-Lupe war recht gut und lief auch, wenn man nicht das Windows-Standardlayout verwendet hat. Cortana mag für Menschen mit Bewegungseinschränkung Vorteile haben, ist aber laut CT bislang auf Deutsch nicht brauchbar.
An einigen Stellen macht MS Rückschritte. Der Browser Edge ist mit NVDA nur rudimentär zugänglich, in Office 2013 gibt es einige Bereiche, die mit NVDA nicht erreichbar sind, zum Beispiel das Menü zur Hinterlegung von Alternativtexten für Bilder in Word.
Was nervt sind auch die vielen Kleinigkeiten, die nicht mehr wie gewohnt funktionieren. So habe ich in Win 8 immer per Alt-Tab in den Desktop gewechselt, um Informationen aus der Taskleiste wie den Energiestand oder W-Lan auszulesen und zu ändern, geht nicht mehr, der Desktop ist per Alt Tab nicht mehr erreichbar. Die Liste der verfügbaren W-Lans ist nicht mehr per Cursor-Tasten durchgehbar, sondern nur noch per Tab. Verschiedene Schalter oder Links im System lassen sich nur noch per Return und nicht per Leertaste aktivieren. So zwingt MS den Nutzer immer wieder, tradierte Arbeitsabläufe umzustellen, das hält jung und frisch.

Die Oberfläche

Für Blinde hat sich an der Bedienoberfläche nicht so viel getan. Das Startmenü aus Win 7 ist zurückgekehrt und bildet jetzt einen Zwitter mit der Kacheloberfläche von Win 8. Da ich die Live-Kacheln nie genutzt habe und das auch nicht plane, habe ich Beides ignoriert. Ich habe mir irgendwann angewöhnt, einfach den Namen des Programmes einzutippen, das ist für mich die schnellste Arbeitsweise.

Einstellung – wo bist du?

So lobenswert ich den Versuch finde, ein Betriebssystem für alle Einsatzzwecke zu etablieren, so sehr mißlingt es Microsoft, dies adequat umzusetzen. Es gibt zum Beispiel mindestens zwei Stellen für Einstellungen: die altbekannte Systemsteuerung und die für Mobilgeräte optimierten System-Einstellungen. Das gibt es Win 8 und man muss daran zweifeln, dass Microsoft Usability-Experten beschäftigt, wenn sie das nicht nach so langer Zeit in den Griff bekommen.
Anderes Beispiel: Es ist mir nur einmal gelungen, mein Bluetooth-Headset mit dem Notebook zu koppeln. Als ich es später koppeln wollte, gelang es mir nicht mehr. Das ist bei anderen mobilen Betriebssystemen eine Standard-Einstellung. Ich habe es dann einfach gelöscht und neu erkennen lassen. Ein ähnliches Problem tritt mit Bluetooth-Braillezeilen auf, Geräte, die weder unter iOS noch unter Android Probleme machen.
Ein stetiges Ärgernis bei wirklich allen Microsoft-Betriebssystemen ist der ständige Ressourcenhunger. Wenn Windows 8 auf einen brandneuen Mitteklasse-Laptop zu langsam ist, gibt es dafür keine Entschuldigung. Zwar hat Microsoft Tools wie die Ressourcen-Übersicht entwickelt, die einem sagen sollen, was besonders viel Rechenleistung kostet. Das war es aber auch. Mit ein paar Ausnahmen wie der Defragmentierung im Hintergrund muss man das System immer noch mit externen Tools wie CCleaner aufräummen, wenn man halbwegs ungestört arbeiten möchte. Wie man so ein System auf Geräten mit geringen Ressourcen betreiben möchte, muss Microsoft noch zeigen.

Fazit: Muss man nicht haben

Was die Barrierefreiheit angeht, bietet Win 10 im Augenblick keinerlei Mehrwert gegenüber Win 8. Man scheint dieses Feld kampflos Apple überlassen zu wollen. Die mangelnde Zugänglichkeit von Edge ist – um das mal klar zu sagen – ein Schlag ins Gesicht der Blinden-Community. Das Thema Barrierefreiheit steht ja nicht erst seit gestern auf der Agenda und es ist nicht nachvollziehbar, warum Microsoft das nicht berücksichtigt hat, die einzige Erklärung ist, dass es ihnen nicht wichtig genug war.
Was mich angeht, gebe ich Microsoft auf. Früher habe ich mich in der Diskussion Windows vs. Mac immer auf die Seite von MS geschlagen, das ist jetzt vorbei. Ein Betriebssystem ist wie ein Haus, wenn man keinen Blödsinn anstellt, sollte es seinen Dienst tun und dadurch auffallen, dass es nicht auffällt. Bei MS hat man das nie begriffen. Es nimmt einem Dinge aus der Hand, die man selbst bestimmen möchte: Wenn es etwa mitten in der Arbeit für Updates neu startet. Ein nicht einfach abstellbares Update auf ein neues Betriebssystem würde nicht einmal Apple seinen Nutzern zumuten.
Es überlässt einem Dinge wie das Aufräumen der Festplatte, die man sicher nicht tun möchte. Über das Thema Datenschutz haben wir noch gar nicht gesprochen. Ich sehe das aus vielen Gründen lockerer als viele Andere, die Gründe möchte ich hier nicht ausführen. Klar ist aber, dass man eine zentrale Stelle benötigt, an der man solche Einstellungen treffen kann.
Für mich ist Win 10 das, was für viele Win 8 war, ein großer Wurf, der leider daneben ging. Man kann es nutzen, man kann es aber auch lassen.

Die perfekte Shopping- und Einkaufs-App für Blinde

Ich liebe es, mich durch den Supermarkt zu wühlen, um Produkte zu finden, die ich noch nicht kenne. Mit meinem geringen Sehrest ist das leider schwierig und zeitaufwändig. Ich muss jedes Produkt in die Hand nehmen und wenn ich nicht an der Verpackung erkenne, was es ist, muss ich nach der Beschriftung suchen, die oft zu klein oder zu kontrastarm ist, um sie vernünftig zu lesen. Das führt mich zu meinen Überlegungen zur perfekten Shopping-App für Blinde.
Die bisherigen Lösungen basieren darauf, den Barcode zu scannen. Das kann man mit speziellen Geräten oder dem Smartphone machen. Das mag okay sein, wenn man nur wissen möchte, ob das Kamillentee oder Pfefferminztee ist, aber niemand wird ernsthaft eine große Shopping-Tour damit machen. Schließlich muss jedes Produkt in die Hand genommen und der Strichcode gefunden werden, der sich bekanntermaßen nicht erfühlen lässt. Mir geht es dabei weniger um das Finden von Produkten des täglichen Bedarfs, sondern um Zufallsfunde. Also Produkte, die man nicht kennt, die einem aber gefallen würden, wenn man sie denn fände.
Untechnisch kann man eine Einkaufshilfe oder die beste Freundin mitschleppen, aber selbst der geduldigsten Person dürfte bald die Geduld ausgehen, wenn man sich im supermarkt herumtreibt. Die Ausnahme sind vielleicht noch Frauen, die tatsächlich Kleider shoppen gehen. Wenn man weiß, was man sucht, ist das generell kein Problem. Das Problem entsteht, wenn man eben auf Zufallsfunde aus ist.
Eine weitere Möglichkeit wäre die Echtzeit-Erkennung von Objekten. Das halte ich trotz der Fortschritte in diesem Bereich aktuell nicht für realistisch. Die Latenz, also die Wartezeit zwischen Fokussierung des Objektes und deren Erkennung ist zu hoch. Es gibt außerdem zu viele ähnliche Produkte mit zu vielen unterschiedlichen Informationen.
Die Lösung ist recht simpel. Das Smartphone muss die Produkte bereits erkennen, wenn sie mit der Kamera fokussiert werden. Klingt kompliziert, ist aber keine große Geschichte.
Via MFC oder RFID müssten entweder die Produkte selbst oder zumindest die Beschilderungen an den Regalen mit einem Sender ausgestattet werden. Das Smartphone empfängt die Signale und ruft die passenden Infos ab: Produktname, Preis, Zutaten und das ganze Pipapo. Aufgrund der engen Platzierung der Produkte muss natürlich sichergestellt sein, dass dir richtigen Informationen zum fokussierten Produkt ausgegeben werden.
Am einfachsten wäre es, wenn der Supermarkt die Infos direkt per W-Lan bereit stellt, dann muss keine komplette Datenbank auf dem Smartphone landen und die Latenz durch Internet-Zugriffe wird minimiert. Um halbwegs komfortabel zu sein muss das Ganze in Echtzeit ablaufen, das heißt, es darf keine nennenswerte Zeit zwischen dem Fokussieren des Objektes und der Ausgabe der Informationen geben.
Das klingt zunächst aufwendig, ist aber durchaus realistisch. Die Metro hat heute schon Barcodes und digitale Preisanzeigen an den Regalen. Die Supermärkte könnten so zum Beispiel in Echtzeit feststellen, dass bestimmte Produkte knapp werden und diese auffüllen. RFID-Chips sind bereits so billig, dass es verwunderlich ist, warum noch nicht in jedem Produkt einer steckt.
Das Einzig Blöde an der Sache ist, dass es den Leuten nicht hilft, die keinen Zugang zur Technologie haben. Leider fällt mir für diese Gruppe keine nichttechnische Lösung ein.

Als Blinder präsentieren

Präsentationen gehören ja in vielen Berufen heute zum Standard. Nur blöd, dass Blinde die Leinwand nicht sehen können. Nun haben alle Blinden – außer mir – ein gutes Gedächtnis und lernen die Präsentation einfach auswendig. Die Assistenz darf dann die undankbare Aufgabe übernehmen, weiterzuklicken und durchzusagen, auf welcher Folie man sich gerade befindet. Wirklich glücklich war ich mit dieser Lösung nicht.
Eher zufällig habe ich dann entdeckt, dass NVDA den Folien-Inhalt vorliest, wenn man sich im Präsentations-Modus befindet. Selbiger wird in MS Office mit F5 aktiviert. Ärgerlicherweise sagt NVDA bei jedem Folienwechsel „Präsentation Folie X“, aber damit kann ich leben. NVDA liest anschließend den Titel vor, dann den kompletten Text-Inhalt der Folie, was man aber den Zuhörern nicht antun sollte, ein beherztes Drücken von STRG beendet den Lese-Fluss. Mir ist es ausreichend, den Folien-Titel zu hören, um zu wissen, was ich erzählen muss. Wer sich in seinem Stoff auskennt, sollte das auch mit 200 Folien schaffen, zumindest ist mir das gelungen. Natürlich sollte dann jede Folie nur eine Information enthalten.
Mit Return blättert man eine Folie weiter, mit Löschen eine Folie zurück. Das geht auch mit den Bild-Auf-und-Ab-Tasten.
Das Ganze funktioniert ab Office 2003 aufwärts, leider bisher nicht mit Libre und OpenOffice, überhaupt ist die Zugänglichkeit von Impress mit NVDA derzeit noch – hm – ausbaufähig.
Das Ganze funktioniert auch mit Jaws. Natürlich braucht man immer noch einen Sehenden, der reinschreit, wenn irgendwas nicht funktioniert wie es sollte. Für mich ist das aber ein großer Schritt Richtung Unabhängigkeit.
Eine textlastige Präsentation zu erstellen ist ebenfalls mit Screenreadern möglich. Dazu müsst ihr in der normalen Folienansicht in die Folie tabben und Return drücken, dann könnt ihr zum Beispiel den Titel oder den Inhalt editieren. Wenn ihr fertig seid, drückt Escape, um zur Ansicht zurückzukehren.
Allerdings ist es für Blinde nicht möglich, Grafiken oder Bilder korrekt einzufügen, dass wird soweit ich das sehe ohnehin nie möglich sein. Überhaupt stoßen Powerpoint und auch Word dort an ihre Grenzen, wenn es um die fehlerfreie Gestaltung von Dokumenten geht. Gewiss, man kann Fehler bei der Schrift, leere Zeilen und Tabulatoren und so weiter korrigieren. Die Schlusskorrektur muss aber immer ein Sehender machen.
Wir hatten neulich auf Facebook diskutiert, ob Blinde Präsentationen erstellen können. Die meisten Blinden, die sich dort meldeten meinten, sie würden den Text vorschreiben und den visuellen Rest von sehenden Assistenten erledigen lassen. Das mag im Studium okay sein, aber spätestens, wenn es ums Berufliche geht, stößt man bei dieser Strategie an Grenzen. Der Wissensabstand zwischen Berufstätigen und ihren Assistenten wächst stetig, so dass die Assistenten zwar in der Lage sind, eine Folie zur erstellen. Die inhaltliche Verantwortung liegt aber eindeutig beim Blinden selbst. Er muss entscheiden können, wie viele Infos auf eine Folie passen, welche Grafiken das visualisieren können und so weiter. Kann er das nicht, erfüllt er genau genommen nicht die Qualifikation für seinen Job. Sorry, wenn ich das so hart sagen muss. Dass auch Sehende schlechte Folien machen, ist keine Entschuldigung.
Mir ist bei der Gelegenheit mal wieder aufgefallen, wie mangelnde Barrierefreiheit ganz praktisch die Karriere-Chancen verbauen kann. Nicht, dass ich für einen Führungsposten taugen würde. Aber faktisch ist es doch so: Assistenz hin, Assistenz her, wenn du bestimmte Sachen nicht machen kannst, wirst du nicht nur beruflich nicht aufsteigen. Es wird sogar schwierig für dich, deinen aktuellen Posten zu behalten. Der Job bleibt der Gleiche, aber die Anforderungen ändern sich stetig. Heute gibt es praktisch keinen Job mehr, der ohne die Bedienung von Software auskommt. Dabei ist vieles keine Standard-Software mehr, sondern Programme, die nebenbei von Entwicklern zusammengestoppelt wurden, ohne Rücksicht auf Barrierefreiheit. Ich hatte schon häufiger den Fall, dass selbstentwickelte Software nicht mit angemessenem Aufwand barrierefrei zu machen war, wobei „angemessen“ natürlich dem Maßstab des Auftraggebers folgt. Die Ausdifferenzierung der Software-Landschaft durch die zahlreichen Windows-Versionen, Browser, Screenreader und Mobile haben das Problem eher noch verschärft. Früher reichten ein paar Jaws-Skripte für Windows XP, um ein Programm bedienbar zu machen. Heute brauchen wir plattform-unabhängige Barrierefreiheit.

Touchscreens für Blinde und Sehbehinderte unter Windows

Dass Blinde Touchscreens auf Tablets und Smartphones benutzen, ist fast schon ein alter Hut. Ein Bereich, wo sie sich bisher nicht durchgesetzt haben sind Desktop-Computer und Notebooks. Touchscreens sind die letzte nennenswerte Innovation bei Notebooks. Serienmäßig werden sie allerdings nur für Windows angeboten. Win 8 war damit angetreten, das erste OS zu sein, dass sich gleichermaßen per Touch, Maus und Tastatur bedienen lässt.
So schnell, wie die ersten Touch-Notebooks auftauchten, sind sie auch wieder verschwunden. Bis auf die Convertibles gibt es vor allem im unteren Preissegment kaum noch Touchbooks. Das ist in gewisser Weise auch nachvollziehbar. Ein Tablet hat man in der Hand oder vor sich liegen, ein Notebook ist typischerweise eine Armlänge entfernt. Bevor einem der ausgestreckte Arm abfällt, greif man eher zur Maus.
Ein weiterer Nachteil von Touchbooks besteht darin, dass sie beim Bildschirm-Tipp leicht wackeln, Tablets machen das nicht. Dadurch ist die Erkennung der Gesten ungenauer.

Blinde

Für blinde haben Touchbooks allerdings doch einige Vorteile. So ist die Erkundung des Bildschirms per Touch immer einfacher als mit den typischen Screenreader-Funktionen. Der Jaws-Cursor scheint gar nicht mehr unterstützt zu werden und die Objekt-Navigation von NVDA ist nutzbar, aber nicht wirklich intuitiv.
Auf dem Touchscreens hingegen lassen sich Elemente gut erfassen. Damit wird auch die Ribbon-Leiste von MS Office leichter erschließbar, als per Tastatur.
Wenn man sich einmal gemerkt hat, wo sich bestimmte Elemente befinden, kann man auch wesentlich schneller Informationen auslesen. Die typischen Windows-Fenster besitzen zahlreiche nicht-relevante Elemente. Möchte man zum Beispiel eine Statusmeldung im Wartungs-Center abrufen, muss man sich entweder alles vorlesen lassen oder mit der Objekt-Navigation zu diesem Element „herabsteigen“. Bei Touch berührt man einfach die entsprechende Stelle auf dem Bildschirm irgendwo in der rechten Hälfte ca. in der Mitte
Bei Webseiten bietet sich der bekannte Vorteil, dass wir nicht nur die Struktur, sondern auch ihren viesuellen Aufbau erfassen können. Bei dynamischen Anwendungen mit zahlreichen Bedien-Elementen gibt es bislang das Problem, dass diese Elemente für Blinde oft nur hakelig zu erreichen sind – wenn überhaupt, es fehlen unsere geliebten tastaturbedienbaren Menüs und Shortcuts. Per Touch können wir zumindest die Buttons und Ausklappfelder recht gut erreichen. .
Mit Touch ist es auch einfacher, komplexe Dokumente wie Excel-Tabellen zu erkunden. So eine Tabelle ist schon was Feines, nur blöd, wenn der Cursor auf B3 steht und man wissen will, was in D24 steht. Ich bin sicher, dass man das auch mit Jaws oder NVDA erfahren kann, ohne den Hauptfokus von der B3 zu nehmen, allerdings fehlt mir ernsthaft die Lust, mir noch mehr Tastenkombinationen zu merken.

Keine einheitliche Bedien-Schnittstelle

Womit wir auch zur Krux der Sache kommen. Auch die Touchsteuerung ist für Blinde leider nicht einheitlich gelöst. iOS, Android, Windows, jeder hat seine eigenen Touchgesten. Während einige Dinge wie der Duble-Tap oder das Wischen sich intuitiv erlernen lassen, sieht es bei komplexen Gesten anders aus. Dazu kommt noch, dass natürlich jeder Windows-Screenreader seine eigenen Steuergesten mitbringt. Irgendwann werden uns diese Tastenkombinationen und Touchgesten noch zum Wahnsinn treiben.
Ärgerlich ist, dass Sehende diese einheitliche und intuitive Erfahrung haben. Auch für sie sind natürlich viele Touch-Gesten unterschiedlich, aber sie brauchen im Kern auch viel weniger als wir und die wesentlichen Gesten wie Tap und Wischen sind doch gleich. Ein Knackpunkt könnte auch sein, dass die Implementierung von Touch bei Windows bzw. bei den Windows-Screenreadern nicht so sauber ist wie bei Tablets oder Smartphones. Mein vielleicht subjektiver Eindruck ist, dass Windows die Gesten nicht immer sauber verarbeitet. Auch die Screenreader sind für die Steuerung via Tastatur ausgelegt und die Implementation von Touch ist ein eher subalternes Feature. Aber das mag sich noch ändern.
Ein Vorteil für uns ist, dass es uns egal sein kann, ob ein Button zu groß oder zu klein ist. Per Wischgeste erfassen wir ohnehin alle Elemente.

Echter Vorteil für Sehbehinderte

Eine Ausnahme gilt für stark Sehbehinderte, sie haben mit großen Touchscreens einen großen Vorteil: Ein kernproblem für Sehbehinderte besteht darin, zum Beispiel ein anklickbares Element zu finden, um anschließend den Mauscursor zu finden, um anschließend das anklickbare Element wieder zu finden und beide zusammenzuführen. Das Problem besteht darin, dass es extrem schwierig und anstrengend ist, bei starker vergrößerung zwei Elemente zusammenzuführen, von denen eines ständig bewegt werden muss. Bei großen Touchscreens reicht es, dass anklickbare Element anzutippen. Ein anderer Vorteil ist, dass sie gezielter bestimmte Bereiche vergrößern können. Möchte man z.B. im Browser einen Kartenausschnitt mit den Browserfunktionen vergrößern, verschiebt sich der Inhalt in der Regel nach rechts unten. Wenn sie Pech haben, müssen sie das Browser-Fenster solange horizontal und vertikal scrollen, bis sie den Abschnitt wieder im Blick haben. Beim Touchscreen können sie per Touchgeste genau den Bereich vergrößern, in dem sie auf diesem Bereich die Spreizgeste ausführen. Last not least sagt der Schnarchator, die in Windows eingebaute Vorlesefunktion, wenn sie eingeschaltet ist an, wie das Element heißt, welches man gerade berührt. Touchscreens bieten also eine recht einfache Möglichkeit, einfacher mit Sprachausgabe und Vergrößerung zu arbeiten – und zwar onboard. Für Menschen mit solchen Sehbehinderungen kann sich die Anschaffung eines Touchbooks also lohnen.

Vorläufiges Fazit: Muss man nicht haben

Windows 8.1 lässt sich recht gut per tastatur bedienen und auch für die meisten Anwendungen wie Office benötigt man kein Touch. Es ist ein nettes Goodie, was man aber in der Praxis wohl kaum benutzen wird. Für die Erkundung per Touch dürften die meisten Blinden auf das intuitivere iOS zurückgreifen.
Es fehlen noch für Blinden interessante Anwendungsgebiete. Komplexe Diagramme wie Ablaufschemata ließen sich per Touch zum Beispiel segment-weise erschließen, wobei wir per Touch nicht nur die lineare Anordnung, erkunden, sondern auch z.B. sehr leicht über- und untergeordnete Elemente und Knoten unterscheiden könnten. Mit Technologien wie SVG sollte das kein Problem sein. Allerdings werden die meisten Diagramme noch als Rastergrafik angeboten, was für uns nicht hilfreich ist. Es bleibt abzuwarten, ob Touch doch noch zu einem Innovationsschub bei blindengerechten Darstellungen führen wird.
Wer es dennoch und für kleines Geld ausprobieren möchte: Windows-Tablets sind bereits auf dem Preis-Niveau von Android. Das HP Stream mit Win 8.1 und ohne Junk-Ware gibt es aktuell für 80 Euro, ein Tablet von Dell für 90 Euro. Ansonsten warten wir mal ab, ob Windows 10 den erwarteten Durchbruch für die Touchbedienung bringt.

Game Over mit verbundenen Augen

Wie schon berichtet habe ich als Experte für digitale Barrierefreiheit am Montag an einer Veranstaltung zu Audio-Games in Hannover teilgenommen. Mit 40 bis 50 Besuchern war das Interesse doch recht groß.

Die Besucher hatten die Gelegenheit, mehrere Spiele auszuprobieren. Ein wirklich fieses Spiel ist Game Over, es ist so gestaltet, dass man nicht gewinnen kann. Barrieren gehören hier zum Konzept. Vielleicht sollten wir mal was Analoges fürs Internet basteln, obwohl, da gibt es ja schon genug real existierende und ernst gemeinte Anschauungsobjekte.

Naturgemäß zieht man mit so einer Veranstaltung nicht unbedingt die Hardcore-Gamer an, obwohl auch sie die Idee eines guten Audiodesigns schätzen dürften. Andererseits sind die Nicht- und Wenig-Spieler auch offener für andere Spielideen, da sie nicht durch Hochglanz-Optik und Highend-Grafik verdorben sind.

Mich würde nebenbei mal interessieren, wie groß die Zahl blinder Gamer ist, die regelmäßig spielt. Einen gewissen Markt scheint es doch zu geben, die Spiele fürs iPhone sind zwar nicht teuer, aber auch nicht kostenlos. Persönlich kenne ich nur wenige regelmäßige Spieler.

Wohl bei allen Besuchern hat es ein Aha-Erlebnis gegeben. Auch wenn die Spiele selbst nicht immer überzeugen, grenzt es für viele Besucher an ein Wunder, dass es überhaupt möglich ist, ein Spiel nur mit Sound umzusetzen. Ich bin mir sicher, dass einige die Spiele auch zuhause ausprobieren werden. Es geht dabei nicht um die pädagogisch aufgeladene Frage „Was lernen wir daraus?“, sondern einfach ums spielen und ums Spaßhaben. Ich fühle mich auch in der Annahme bestätigt, das Ausprobieren immer nachhaltiger wirkt als wohlgemeinte Vorträge.

Übrigens ist der Pavillion eine schöne und soweit ich das beurteilen kann auch barrierefreie Location, also falls ihr mal eine Veranstaltung in Hannover plant, ist er einen Blick wert.