Sieht schön blöd aus – der Columbo-Effekt

Der Columbo-Effekt ist eine relativ simple, aber effektive Strategie. Der altbekannte Detektiv Columbo stellte durch seine Ungepflegtheit, den zerschlissenen Mantel und seine Schrottkarre den Contrapunkt zum aalglatten Superagenten James Bond dar. Durch Zerstreutheit, seltsame Anekdoten und scheinbar belanglose Fragen erweckte er bei den Befragten einerseits den Eindruck von Grenzdebilität, quetschte sie andererseits gnadenlos aus. Er nutzte den Fakt aus, dass Menschen immer dem äußeren Anschein trauen und auf ihren ersten Eindruck vertrauen.

Dabei sagt die Schale nichts über die Qualität des Inhalts aus. Wer am Empfang eines Unternehmens sitzt, trägt oft einen Anzug oder ein Kostüm, ist aber in der Firmenhierachie relativ weit unten. Die anderen Abteilungen mögen in Jeans und T-Shirt herum laufen, sind aber meist besserverdienend und werden wohl höher aufsteigen.

Die Columbo-Strategie besteht also darin, den Gegner in Sicherheit zu wiegen. Durch scheinbar achtlos ausgestreute Bemerkungen bröckelt diese Sicherheit oft, so dass der Täter einen Fehler macht. Columbos Sherlock-Holmes-mäßige Beobachtungsgabe und Intelligenz lässt ihn dann den Täter überführen.

Link – die Kunst der richtigen Verbindung

Auch Links wollen richtig gesetzt werden. Es ist zwar nett, am Ende eines elektroischen Textes alle Links zu erhalten, auf die im Text verwiesen wurde, aber dieses Verfahren stammt noch aud Zeiten des Papiers. Wir erinnern uns mit Schaudern an ellenlange Listen mit Fuß- und Endnoten und Anmerkungen, die zwar kleingedruckt aber dennoch um so umfangreicher sind.

Womit wir mitten im Thema sind: Eine Fußnote innerhalb eines elektronischen Textes muss prinzipiell anklickbar sein. Dabei öffnet sich entweder ein kleines neues Fenster, in dem der Text der Fußnote angezeigt wird oder das Dokument springt zur Fußnote. In letzterem Falle ist es unbedingt notwendig, eine Möglichkeit zu schaffen, damit der Leser genau dort hin zurück kommt, wo er herkam.

Häufiger tritt aber der Fall auf, dass man auf ein Dokument verweisen möchte: vielleicht als Beispiel, als Quellenverweis oder als weiter gehende Informationsquelle. In diesem Falle wird der Link direkt im Text gesetzt.

Möchte ich auf eine Pressemitteilung der Messe München verweisen, dann schreibe ich etwa: „Die Messe München sagt“, wobei der ganze Text ein Link ist, daraus schließt der Leser, dass hier auf die quelle der Aussage zurückverwiesen wird.

Dabei müssen Links deutlich erkennbar sein, etwa farblich oder unterstrichen. Dabei verwendet man am besten die klassischen Linkfarben des Web: blau für nicht-besuchte Links, lila für besuchte Seiten. Auf jeden Fall sollte man darauf verzichten, den User durch verschieden farbige Texte zu verwenden. Farben sollten immer eine bestimmte Bedeutung haben, die sich möglichst schnell erschließt.

Wenig hilfreich sind nackte Links, ob sie anklickbar sind oder nicht. Wenn sie „sprechend“ sind, also im Linktext etwas aussagekräftiges drin steht, ist das schon besser, dennoch nicht unbedingt zielführend: http://www.oliveira-online.net/wordpress/wp-admin/post.php?action=edit&post=246

Betreibt man eine professionelle Site mit vielen externen und internen Links sollte man sich überlegen, ob man ein neues Fenster öffnen will oder ob der Link im gleichen Fenster geöffnet werden soll. Wird der Link im gleichen Fenster geöffnet, ist es aufwendiger, zum ursprünglichen Artikel zurückzukehren, sofern man das möchte. Öffnet man den Link in einem neuen Fenster, ärgert sich der User gegebenenfalls darüber. Folgende Regel halte ich für einen sinnvollen Kompromiß: Siteinterne Links werden im gleichen Fenster geöffnet, externe Links in neuem Fenster. Man kann auch im Title-Tag des Ankers hierauf hinweisen.

Wohin der Online-Journalismus steuert und wie man Links nicht verwendet, erfährt man in diesem Telepolis-Artikel.

Fake – die Kunst der Fälschung

Es wäre lohnenswert, ein Buch über berühmte Fälschungen zu schreiben. Die Geschichte wimmelt von Betrügern. Während aber der Kleingangster sich aber damit begnügt, alte Damen und arglosen Zeitgenossen um ihr Erspartes zu erleichtern, besitzen große Fälscher eine gewisse Genialität, die neben Verachtung ob ihrer negativen Taten auch ein gewisses Maß an Bewunderung hervorruft.Das Motiv ist schließlich zumeist genau dasselbe wie bei Kleingangstern, nur das sie wesentlich mehr Intellekt und Energie aufwenden, freilich um noch bessere Ergenisse zu erlangen.

Der berühmteste deutsche Fälscher war Konrad Kujau, der Fälscher der Hitler-Tagebücher. Kujau führte damit den größten Presseskandal der Bundesrepublik Deutschland herbei, von dem sich der Stern – der die Tagebücher veröffentlichte – niemals erholt hat.

Noch größere Ausmaße hatte ein Betrug, der fast 100 Jahre alt ist: der Piltdown-Mensch. Er wurde 1912 im Süden Englands entdeckt und galt als das „missing link“, als die berühmte Verbindung zwischen Affen und Menschen. Der Betrug wurde erst 1953 entdeckt, wer genau der Fälscher war und welches Ziel er hatte, bleibt bis heute unklar. So ziemlich jeder der Beteiligten steht unter Verdacht, sogar der Autor von „Sherlock Holmes“ Arthur Conan Doyle, hätte laut Wikipedia ein Motiv gehabt. Ein Grund dafür, dass der Betrug überhaupt funktionieren konnte war der Umstand, dass die Engländer daran glauben wollten. Schließlich hatte der Erzfeind Frankreich gleich fünf Skelette gefunden, im südfranzösischen Cro-Magnon. Der Cro-Magnon-Mensch gilt seitdem als eine Grundkonstante menschlicher Evolution.

Das ist lange her, mag man meinen, doch vor rund zwanzig Jahren ereignete sich ein Betrug, der die moderne Technik kaum gut da stehen lässt: Das Getty-Museum kaufte eine – angeblich antike – Statue griechischer Herkunft. Die Statue war künstlich auf alt gemacht. Stutzig wurden einige der Experten, weil die Statue zu sauber war. Das Getty-Museum hingegen muss sich die Schmach gefallen lassen, hier nicht genau genug hingesehen zu haben, weil man einen schnellen Gewinn machen wollte.

Literatur: Der Skandal um die griechische Statue wurde sehr schön von Malcolm Gladwell in „Blink!“ beschrieben, erschienen bei Piper-Verlag 2008.
Die Geschichte um den Piltdown-Menschen und eine ganze Reihe anderer Betrügereien beschreibt Ferderico DiTrocchio. Der große Schwindel – Betrug und Fälschung in der Wissenschaft. Campus-Verlag 1994

Geschlossene Gesellschaft – warum es Minderheiten oft vorziehen, unter sich zu bleiben

Man redet gerne über das Problem der Parallelgesellschaft, wobei der jeweiligen Gruppe vorgeworfen wird, sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen zu wollen. darin steckt auch der Vorwurf der INtegrations- bzw. Assimilationsverweigerung. Mehr oder weniger befürchtet die Mehrheit, dass die Minderheit ihre Werte nicht teilt oder gar vorhat, die Mehrheitsgesellschaft zu verändern.

Barack Obama hat das in seinem Buch „Ein amerikanischer Traum“ von der anderen Seite her beleuchtet und er stellt klar: die Minderheiten verbringen ihre Zeit bevorzugt untereinander, weil sie dort nicht auf ihren Minderheitenstatus reduziert werden.

Ein Schwarzer ist nur ein Schwarzer, wenn er seine Zeit unter Leuten verbringt, die ihn auf das Attribut seiner Hautfarbe reduzieren. Der englisch mit Akzent sprechende Hispanic fühlt sich wohler Unter Leuten, die den gleichen Akzent wie er haben. Der Blinde zieht es vor, unter Blinden zu sein, weil er die Nase voll davon hat, wie ein Riesenbaby behandelt zu werden.

Das gilt natürlich nicht für alle: So mancher versucht genau das Gegenteil: es gibt den Türken, der seine Freunde bewusst unter Deutschen sucht. Und dagegen ist nichts einzuwenden. Genauso wenig läßt sich aber etwas gegen Personen sagen, die sich vernünftig integrieren, ihre Zeit aber dennoch lieber unter sich verbringen. Malcolm X erwähnt am Rande in seiner Autobiographie, wie sich Schwarze der gehobenen Schicht über ihre weißen „Freunde“ aufregen, wenn sie unter sich sind. Und dass die Weißen sich vermutlich untereinander nicht anders verhalten als die Schwarzen, sich also über ihre schwarzen „Freunde“ lustig machen.

Jean Paul Sartre schrieb in seinem Essay „Überlegungen zur Judenfrage“, dass der Antisemit den Juden „macht“. Frantz Fanon zeigte in „Schwarze Haut – Weiße Masken“, wie der Weiße den Schwarzen „macht“. Wir haben uns bis heute von diesen Zuschreibungen nicht verabschieden können, weshalb es auch bis heute für Menschen mit äußerlichen Attributen unangenehm ist, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Solange wir uns von solchen Vorurteilen nicht verabschieden, wird es keine große Einigung in der Gesellschaft geben.

Alexis Tocqueville urteilte in „Über die Demokratie in Amerika“ im ersten Band, dass er die Chancen zum Überleben der amerikanischen Gesellschaft nur in einer Vermischung sieht, eine Vermischung, wie sie Barack Obama repräsentiert. Das gilt global und ist durchaus nicht so unwahrscheinlich, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Viele Polen, die um die vorletzte Jahrhundertwende ins Ruhrgebiet zum Kohleabbau eingewandert sind, gelten heute als Deutsche. Niemand kommt ohne weiteres auf die Idee, ein Mensch, dessen Name auf „insky“, „inski“ oder „owski“ endet, habe nicht die deutsche Staatsangehörigkeit oder sei eingewandert.

Psycho – die Ästhetisierung des perversen Mordes

Der Psycho-Mord erfreut sich zumindest in der Literatur zunehmender Beliebtheit. Las man früher Patricia Highsmith oder Stephen King, dominieren heute James Patterson, Jean-Christophe Grange und Patricia Cormwell. Vor allem Cormwell und Grange beschreiben mit Vorliebe perverse Mörder, die selten aus Gier und oft aus Freude am Quellen töten. Minutiös werden Einzelheiten beschrieben, die den Mageninhalt in Bewegung versetzen können.
Der König des Horros Stephen King hat so etwas nie gemacht. Bei Patricia Highsmith spielte vor allem das Spiel aus Mörder, Opfer und Ermittler die Hauptrolle, die Morde wurden meistens sauber und leidenschaftslos ausgeführt. Bei Agatha Christie spielten die Morde so gut wie keine Rolle, es standen immer der Täter und der Ermittler im Vordergrund.
Dabei entsteht der durchaus falsche Eindruck, solche bestialischen Morde seien an der Tagesordnung. Dabei sind sie insgesamt wohl relativ selten. Jack the Ripper, der Kannibale von Rothenburg und viele andere existieren zwar als reale Figuren, aber die meisten Morde werden aus Gier begangen oder um Spuren zu verwischen.
Dann gibt es natürlich die Massaker, die von Soldaten oder Söldnern etwa in Ruanda verübt wurden. Bestialisch sicherlich, aber nicht geplant, sondern im Blutrausch ausgeführt.
Da wären auch die eben so seltenen Amokläufe zu nennen. Sie sind ebenfalls brutal, werden aber meistens mit Schusswaffen ausgeführt. Die Täter sind zu feige, sich ihren Opfern zu nähern.
Dabei kann man Leuten wie Patricia Cormwell durchaus eigennützige Motive unterstellen. In „Das Kreuz des Südens“ lässt sie ganz unverblümt ihre Protagonisten härtere Straftaten für Straffällige fordern. Dass sie in den USA lebt und vor allem im Süden, wo die Strafen ohnehin hoch sind, es zudem die Todesstrafe gibt, macht die Sache um so erstaunlicher.
Bildet man sich das ein oder genießen die Schreiber es zumindest ein wenig, sich in die Psyche von Perversen zu versetzen, um genüßlich die ferngelegensten Verletzungen ihren Opfern zuzufügen?
Die Gefahr besteht darin, dass man glaubt, solche Dinge kämen wesentlich häufiger vor, als sie das in der Realität tun. Studien haben gezeigt, dass vor allem ältere Menschen und Personen, die viel fernsehen, große Angst haben, Opfer von Gewaltstraftaten zu werden und die Zahl der tatsächlichen Gewaltstraftaten überschätzen. Das liegt daran, dass diese Leute den Kontakt zur Außenwelt nicht haben, weil sie einfach nicht vor die Tür gehen. Und da sie nicht vor die Tür gehen und die Türe nachts wahrscheinlich gar nicht öffnen, ist es um so unwahrscheinlicher, dass sie tatsächlich Opfer einer Straftat werden. Als Kind habe ich freitag abends gerne Aktenzeichen XY gesehen und mich immer gegruselt.
Die durchaus realen Folgen von Krimiserien wie CSI und der Berichterstattung über Amokläufe, Kindesentführungen, Kindesmißbrauch und anderen Gewaltstraftaten bestehen darin, dass auch Juristen aus der TV-Generation höhere und härtere Strafen fordern. Viele von ihnen werden später an Gesetzen basteln, die eben das herbeiführen.
Solche drakonischen Maßnahmen halten natürlich keinen Psycho davon ab, seinem bösartigen Tun nachzugehen. Womit wir den Kreis geschlossen haben, die Freude an gewalthaltigen Medien zeitigt früher oder später Wirkungen in der Realität.

Das More-More- oder Matthäus-Prinzip

Wer hat, dem wird gegeben, steht schon in der Bibel. Soll heißen, wer einen Schritt auf Gott zugeht, dem kommt Gott zwei Schritte entgegen. Oder realitärer: Das Zinseszins-Prinzip, je mehr Geld man investiert, desto mehr Geld bekommt man am Ende heraus.

Das Zineszinsprinzip erfüllt die Matthäus-Regel allerdings nicht ganz. Denn es handelt sich nicht um ein Proportionsprinzip. Ein proportionales Wachstum bedeutet: Ob ich zehn Euro auf zehn Prozent anlege oder zehn Mio. Euro auf zehn Prozent, am Ende habe ich relativ gesehen gleich viel Gewinn gemacht, nämlich zehn Prozent meines Einsatzes.

Das Matthäusprinzip ist aber potentiert zu verstehen, heisst: je mehr man investiert, desto mehr kriegt man sowohl absolut als auch relativ gesehen.
Unsere Gesellschaft funktioniert nach dieser Regel: Wer in eine reiche Familie hineingeboren wird, hat wesentlich bessere Chancen, sozial noch weiter aufzusteigen als jener, der in eine arme Familie hineingeboren wird. Die Chancen auf den sozialen Aufstieg steigen überproportional mit dem Bildungsgrad.

Der Soziologe Hartmut Rosa spricht auch vom More-More-Prinzip.

Don – Die Ästhetisierung des Kriminellen

Früher glaubte man – und viele tun das auch heute – dass Kriminelle ein besonders negatives Aussehen haben. Unbewusst steht vieeleicht der Gedanke dahinter, dass negative Emotionen und Absichten nicht ohne Effekt auf die eigene Ausstrahlung bleiben können.

Der Verbrecher ohne Ehre wurde verdrängt durch die Verbrecherehre. Mario Puzo hat mit seinen Mafiabüchern die Ehre der Mafia salonfähig gemacht. Die Verfilmung durch Francis Ford Coppola in der episch angelegten „Paten“-Trilogie hat eine spezifische Mafiaästhetik geschaffen, die wie gemunkelt wird, selbst von der Mafia übernommen wurde. Besonders die italienische Mafia und ihre Nachahmer haben sich hier einiges abgeguckt.

Ähnliches gilt für die japanische Mafia – die Yakuza – die angeblich Tugenden der Samurai übernommen haben. Glaubt man Ian Buruma, gehören japanische Gangster zu den größten Fans japanischer Gangsterfilme.

Weniger gerne wird konstatiert, dass organisierte Kriminalität auch Tugenden des Kaptialismus übernommen hat. Dazu gehört Fleiß, Selbstdisziplin, die Erkennung ungenutzter Potentiale und Geschäftschance, der Aufbau effizienter Organisationen, die Buchhaltung, die Hierarchie im Personal und vieles mehr. Was ein echter Krimiboss sein will, muss ebenso hart arbeiten wie ein gestandener CEO oder Manager, wenn er erfolgreich sein will. Und auch hier gilt, Konkurrenz belebt das Geschäft.

Natürlich geht man – zumindest im Westen – nicht mit Schußwaffen gegen unliebsame Konkurrenten vor. Man darf die Ähnlichkeiten auch nicht übertreiben.

Der Verdacht liegt nahe, dass vieles, was heute im Fernsehen als historisch verkauft werden, so nie Wirklichkeit gewesen ist. Die ritterliche Tugend war zu ihrer Zeit schon mehr Wunschdenken als Realität, Cowboys im Western scheinen nur selten mit echten Kühen beschäftigt zu sein, „Wallstreet“ von Oliver Stone hat vielleicht nicht die Bänkermentalität geschaffen, aber die jüngere Generation von Bänkern und Managern mitgeprägt.

Alles Pareto – die 20:80-Regel

Der italienische Soziologe und Ökonom Wilfredo Pareto entdeckte eine soziale Regel – Gesetzmäßigkeit wäre hier zu weit gegriffen – die besagt, dass 20 Prozent des Aufwandes 80 Prozent der Ergebnisse bedingen. Diese Regel gilt für so ziemlich alle Bereiche: 20 Prozent der Bevölkerung besitzen 80 Prozent des Einkommens, 20 Prozent der Angestellten erledigen 80 Prozent der Arbeit und so fort.

Zwei Irrtümer sollten allerdings vermieden werden:

1. Diese Regel ist als Annäherung, nicht als absolutes Faktum zu verstehen. Es könnten auch 10:90 oder 60:40 sein. Worum es hier geht ist der Umstand, dass in sozialen Bereichen Durchschnittswerte fast nie aussagekräftig sind, wie wir schon beim Matthäus-Prinzip gesehen haben.

2. Niemand kann ernsthaft behaupten, diese 20 Prozent „Leistungserbringer“ könnten den Laden alleine schmeißen; auf die 80 Prozent bzw. die 20 Prozent Arbeit, die sie tun, seien überflüssig. Auch Arbeit mit geringer Wertschöpfung – Putzarbeit, Terminmanagement, Organisationsaufgaben – müssen erledigt werden. Die 80 Prozent leisten tatsächlich oft die Arbeit, ohne die die 20 Prozent ihre Leistung gar nicht vollbringen könnten.

Warum Organisationen ewig leben

Menschen werden geboren, Menschen sterben. Organisationen scheinen von diesem Zyklus ausgeschlossen zu sein. Organisationen leben heute, auch wenn ihre Existenz sich überlebt hat, von Anfang an überflüssig war, sie sich selbst überflüssig gemacht oder wenn sie ihre Aufgaben auch nicht erfüllen kann. Woran liegt das?

Entwicklungshilfeorganisationen sind ideale Beispiele dafür. Die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit ist ein elitärer Club, über die die Bundesregierung große Wirtschaftsprojekte ankurbeln oder ihre überflüssig gewordenen Leute parken kann. Entwicklungshilfe wird hier betrieben  – Entwicklungshilfe für Deutschland.


TransFair ist ein anderer Verein, der sich der Entwicklung verschrieben hat. Wer denkt, dass hier freiwillig und uneigennützig Leistungen vollbracht werden, ist vollkommen auf dem falschen Dampfer. Transfair e. V. beschäftigt 18 Festangestellte. Man kann beruhigt davon ausgehen, dass jeder dieser Leute mehr verdient als 100 Kaffeebauern, die sie unterstützen wollen.

Der Faire Handel dient vor allem der Prestige-Aufwertung bestimmter Geschäfte, etwa einem Discounter, der anderswo zweifelhafte Prozesse vollführt. FairTrade ist ein Wohlfühlprogramm für betuchte Mittelschichtler, die sich ihrer Ausbeutung anderer schämen.

Dass TransFair und Lidl miteinander Geschäfte machen, hat nur jene überrascht, die glaubten, FairTrade wäre dazu da, faire Lebensbedingungen durchzusetzen.

Bestehen diese Organisationen aus eine Gruppe zynischer Verschwörer? Normalerweise nicht. Wie in jeder Organisation gibt es diese Zyniker natürlich. Je länger man in einer Organisation ist, desto stärker glaubt man an deren Mission. Der Zweck einer Organisation müsste es sein, sich selbst überflüssig zu machen. Das geht natürlich nicht. Im Gegenteil: Organisationen streben nach Macht und mehr Macht. So wie die drei Organe des Staates Judikative, Exekutive und Legislative.

Doch während sich die drei Staatsorgane gegenseitig kontrollieren, wuchern Organisationen vor sich hin. Wenn sie eine kritische Größe und ein bestimmtes Alter überschritten haben, halten sie sich für unverzichtbar.

Aber tatsächlich würde es gar nicht auffallen, wenn FairTrade von heute auf morgen verschwinden würde. Zwei leere Regalmeter, ein paar Alibi-Euro weniger und vielleicht wären sogar die Kaffee-Bauern besser dran.

Denn sie müssten sich nicht für ein paar Cent mehr abrackern, ohne über das Lebensminimum herauszukommen. FairTrade bindet den Bauern an das Land, es hält ihn davon ab, ein eventuell besseres Leben in der Stadt zu suchen.

Fairtrade ist vor allem ein Gewinn für einige wenige Westler und für einige tausend Leute, die sich ein gutes Gewissen kaufen möchten, eine Art moderner Ablaßhandel.

Literatur

Jean-Pierre Boris. (Un)fair Trade. Das profitable Geschäft mit unserem schlechten Gewissen. Goldmann 2006

William Easterly. wir retten die Welt zu Tode.

Richtet die Umweltbewegung mehr Schaden als Nutzen an?

Eine polemische, aber notwendige Frage. Die Umweltbewegung hat nie kritisch reflektiert, welchen Schaden ihre Glaubenssätze angerichtet haben.

  • Das Biosiegel für angeblich biologisch angebaute Lebensmittel verhindert heute, dass die allgemeinen Standards für Lebensmittel erhöht werden.
  • Der faire Handel verhindert, dass globale Regeln für minimale Arbeitsstandards gesetzt werden, ob in der Produktion von Kaffee, Baumwolle oder Fußbällen.
  • Die Offshore-Windparks können, wie auch stationäre Windanlagen, den Vogelbestand gefährden, weil keine Maßnahmen getroffen werden, um das Hinein-Fliegen von Vögeln zu verhindern. Schlimmer ist noch, dass die Windanlagen unter Wasser gewaltigen Lärm erzeugen – Wasser leitet Schall besser als Luft – und damit auch der Fisch-Population schaden.
  • Die Ökos fahren gerne mit Pflanzensprit, der wiederum droht, den Anbau von Lebensmitteln zu verdrängen.
  • Das System der deutschen Mülltrennung ist albern, ineffizient und richtet vermutlich mehr Schaden an als Müllkippen. Schon seit langem wäre es sinnvoller gewesen, nur Bio- und sonstige Abfälle voneinander zu trennen und den Rest maschinell sortieren zu lassen. Die Müllwagen verstopfen die Straßen, die Müllsortierung findet ohnehin eher schlampig statt, doch selbst, wer das System ernst nimmt, fährt mit dem Auto zum Glascontainer, um seinen Glasabfall loszuwerden.
  • Der möglicherweise größte Schaden, den die Ökos angerichtet haben, hängt mit dem Klimawandel zusammen: Der Glaube, das Treibhausgas CO2 sei allein für den Klimawandel verantwortlich, lässt wichtige andere Gase wie das ungleich schlimmere Methan, welches in der Landwirtschaft entsteht, außer Acht.

Die Umweltbewegung mag das alles nicht mit Absicht angerichtet haben, aber sie drückt dem ihre Legitimation auf. Sie hat ihre Fehldeutungen, Missverständnisse und Dummheiten nie einer kritischen Reflexion unterzogen. Wer aber nicht aus seinen Fehlern lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Die traurige Ironie besteht darin, dass sie dem Tier-, Umwelt- und Naturschutz einen Bärendienst erwiesen hat.

Ich bin behindert – Ihr enthindert mich