Alternativen zur AudioDeskription

Ich muss zugeben, so richtig überzeugt hat mich die AudioDeskription (AD) – die Filmbeschreibung für Blinde aus dem Off – bisher nicht. Für mich ist es, als ob jemand einen Witz erzählt und mir im gleichen Atemzug die Pointe erklärt. Durch eine kleine Diskussion auf Facebook bin ich zu diesem Beitrag angeregt worden.
Für mich ist das Fernsehen das Medium der 90er. Seit meiner Mittelstufe habe ich immer weniger ferngesehen, das war bis Mitte der 90er. Damals gab es so gut wie keine Sendungen mit AD, zumal bei den amerikanischen Sendungen, die wir damals bevorzugt geschaut haben. Einen Fernseher besitze ich seit vielen Jahren nicht mehr, die Serien auf Netflix interessieren mich nicht. Die wenigen Sendungen, die mich interessiere, lasse ich über einen Online-Service aufzeichnen und höre sie mir dann übers Handy an. Meine Medien sind das Internet und Hörbücher.
Von dem her bin ich nicht uptodate, was die neueste Fernsehtechnik und Fernseh-Ästhetik angeht. Und Blinden, die von Kindesbeinen an mit der AudioDeskription aufgewachsen sind, mag es leichter fallen, sie zu akzeptieren.

Die AudioDeskription ist ein Fremdkörper

Nach meinem Empfinden ist die AD ein Fremdkörper im Film. Normalerweise werden die stillen Teile des Films durch stimmungsvolle Musik untermalt. Musik wirkt sehr unterbewusst und dennoch suggestiv. Durch die AD wird diese Stimmung ein Stück weit unterbrochen. Kommunikationstheoretisch würde man sagen, die Kommunikation wird durch Meta-Kommunikation unterbrochen. Oder plastischer: Stellt euch vor, euer Partner würde sich bei einem romantischem Zusammensein über die Farbe der Kerze und die Qualität des Kerzenwachses auslassen.
Ein Problem besteht auch darin, dass die AD niemals alle blinden Zuschauer befriedigen kann: Entweder berichtet sie zu viel und ist teilweise redundant. Oder sie berichtet zu wenig, so dass man auch ganz ohne sie auskäme. Im Prinzip enthält jede Szene tausende von Informationen, die der Sehende auf einen Blick aufnimmt. Die AD kann naturgemäß nur einen Bruchteil davon vermitteln.
Und meines Erachtens kann sie eine Stimmung nicht so rüberbringen wie der eigentliche Film. Aktuell gilt, dass die AD-Stimme monoton wie ein Nachrichtensprecher sein soll. Das ist durchaus generell sinnvoll, aber eine neutrale Stimme kann nur schlecht Emotionen auslösen. Da wäre es besser, die Musik wirken zu lassen.
Konzeptionell wäre es in jedem Fall geschickter, die AD bereits bei der Erstellung des Filmes mit einzu planen. Die Regisseure, Drehbuchautoren oder wer auch immer sollten die nicht-visuelle Ebene von Anfang an stärker gewichten und die Produktion der AD sollte im Film-Team geschehen, dann würde isch einige Probleme von selbst erledigen.

Die AudioDeskription als Teil des Filmes

Und natürlich geht es auch anders. Eine Möglichkeit ist, dass der Moderator in einer Sendung bzw. die Off-Stimme die Aufgabe der Beschreibung übernimmt. Sie kann natürlich nicht so viele Informationen liefern wie eine ausgewachsene AD. Doch ein guter Texter kann genügend Informationen mitgeben, so dass auch der blinde Zuschauer etwas mehr Futter bekommt.
In Filmen kann diese Aufgabe ein Ich-Erzähler übernehmen. Wir kennen das aus Serien wie Magnum, Scrubs oder Malcolm mittendrin. Dort empfindet niemand die Einwürfe als störend, weil sie einfach Teil des Films sind.

Ein Hybrid aus Hörspiel und Film

Und natürlich kennt jeder den Film, der ohne Bild auskommt – das Hörspiel. Ein gutes Hörspiel – davon gibt es nicht so viele – setzt für jede Message das richtige Medium ein: Stimme, Musik, Geräusche, Stille.
Bei unseren sündhaft teuren Hollywood-Blockbustern werden aber diese Faktoren nur wenig eingesetzt: Es kommen natürlich neben dem Visuellen die Stimmen und die Musik zum Einsatz. Aber Geräusche werden im Vergleich zum Hörspiel sehr sparsam eingesetzt. Wie wäre es also, die Geräuschemacher in Filmen stärker zur Geltung kommen zu lassen? Dadurch könnte man wesentlich mehr Informationen transportieren, ohne dass jemand reinquatschen muss.
Nebenbei hätte das Ganze den Vorteil, dass die AD auch von Sehbehinderten – die auch profitieren würden – stärker akzeptiert würden. Entweder wissen sie gar nicht, dass es sie gibt. Oder sie lehnen sie ab, weil sie sie nervig finden.
Anleitung zum Erstellen einer AudioDeskription

Zum Braille-Tag 2019 – wir brauchen einen neuen Louis Braille

Heute wäre Louis Braille, der Erfinder der Braille-Schrift, 210 Jahre alt geworden. Grund genug, eine weitere Stichelei gegen Braille zu starten.
Schaut man sich die Entwicklung von Braille in den letzten Jahrzehnt an muss man leider feststellen, dass sich unheimlich wenig getan hat. Es wird heute mehr darüber gesprochen und es gibt eine ganze Reihe mehr Produkte mit Braille, aber das Killer-Feature blieb aus. Das wird vielleicht deutlicher, wenn wir uns anschauen, was in anderen Gebieten so alles passiert ist: Smartphones, 3D-Drucker, mobiles Internet, Geräte mit Sprachsteuerung, eBook-Reader auf eInk-Basis… Braille hingegen scheint im Zeitalter von Louis stehen geblieben zu sein.
Was muss also passieren? Ich gebe hier im Wesentlichen die gleichen Antworten wie Kevin Carey in einem Vortrag „The Democratization of Braille “ auf dem Kongress Braille 21. Das ist jetzt gut zehn Jahre her, deshalb spreche ich vom verlorenen Jahrzehnt. Leider ist die deutsche Fassung des Vortrags nicht mehr online zugänglich.

Braille muss deutlich billiger werden

Elektronisches Braille muss insgesamt deutlich billiger werden. Wir haben es als kleine Revolution gefeiert, dass der Orbit-Reader 500 Dollar kosten sollte. Und natürlich gibt es hier noch das Problem, dass solche Geräte nicht im industriellen Maßstab gefertigt werden: Je mehr Stücke man produziert, desto geringer die Kosten pro Stück. Dennoch ist das nach wie vor zu teuer. 300 Dollar wären für so ein Gerät in Ordnung – und wir sprechen gar nicht von den Entwicklungsländern, für die selbst das schon ein Jahreseinkommen wäre. Traurigerweise leben die meisten Blinden in solchen Ländern.
Natürlich haben die Blinden-Institutionen nicht das Geld, das für die Entwicklung alternativer Systeme notwendig wäre. Hier sehe ich die öffentlichen Einrichtungen in der Pflicht. Im Übrigen könnten Unternehmen wie Apple und Google auch problemlos ein wenig Geld dafür locker machen, wenn ihnen Barrierefreiheit tatsächlich so am Herzen liegen würde. Ein sechsstelliger Betrag könnte wahrscheinlich schon ausreichen, das zahlen die aus der Portokasse.
Das Gleiche gilt für die Produktion von analogem Braille. Es ist nach wie vor zu teuer und aufwendig, Braille-Unterlagen drucken zu lassen oder Produkte mit Braille zu versehen. Wenn sich Braille nicht in industrielle Fertigungs- und Druckprozesse lückenlos integrieren lässt, wird es NIE Einzug in den Mainstream halten.
Und es gilt auch für das Schreiben von Braille: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Braille-Schreibmaschinen sich in den letzten Jahren weiter entwickelt haben. Sie sind klobig, schwer und laut. Das Gleiche gilt für die Braille-Drucker. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwelche Innovationen in diesem Bereich auf der Sight City gesehen zu haben.

Typografische Möglichkeiten erweitern

Ich bin auch mit den typografischen Möglichkeiten von Braille unzufrieden. Mir gefällt die Idee eines Hybrids aus Braille und fühlbarer Schwarzschrift. In speziellen Bereichen, in denen Sonderzeichen wie griechische Buchstaben verwendet werden, wäre es vielleicht praktisch, solche Symbole als Schwarzschrift fühlbar zu machen. Blinde, die in diesem Bereich arbeiten müssten weniger spezielle Systematiken lernen und sie könnten sich leichter mit sehenden Kollegen austauschen.
Ich finde diesen Bereich besonders wichtig, um Braille für Spät-Erblindete interessanter zu machen. Wer aus der sehenden Welt mit ihren vielen visuellen Reizen kommt, für den ist Braille eine echte Verarmung der Sinne. Man kann natürlich auch darüber nachdenken, welche Möglichkeiten taktile Bilder bieten.
Aus dem gleichen Grund muss darüber nachgedacht werden, wie Braille leichter erfühlbar gemacht werden kann. Der Knackpunkt für ältere Menschen ist, dass sie selten noch die Sensibilität in den Fingern haben, um konventionelles Braille zu lesen. Mit dem auf Medikamentenschachteln üblichen Braille dürften sie in aller regel überfordert sein, das ist sogar für geübte Blinde schwierig zu lesen. Für solche kurzen Texte wäre es vielleicht sinnvoller, vom DIN-Standard abzuweichen und größere Punkte oder wie an anderer Stelle vorgeschlagen fühlbare Schwarzschrift zu verwenden. So, wie es jetzt ist hilft es nur den Blinden, die sich auch anders behelfen könnten.

Die Kurzschrift ist elitär

Zumindest die deutsche Kurzschrift ist ein System für die Elite-Blinden. Klar kann man sie lernen, aber selbst ich, der sie seit einigen Jahren liest hat Probleme, einige Kürzungen richtig zuzuordnen. Wir sollten uns darauf beschränken, erwachsenen Blinden die Vollschrift beizubringen und froh sein, wenn sie diese lernen und regelmäßig verwenden. Natürlich muss man die Kurzschrift nicht abschaffen, aber sie ist auch nicht der heilige Gral, als der sie oft gefeiert wird. Das heißt, es sollte mehr Angebote zum Erlernen der Vollschrift geben.
Ich würde ja vorschlagen, das System der deutschen Kurzschrift zu vereinfachen. Aber wie das so ist: Wer vereinfachen will, hat es hinterher komplizierter gemacht. Abgesehen davon dürften dann wieder mindestens zehn Jahre vergehen, bis man sich geeinigt hat.

Fazit: Wir brauchen einen neuen Louis Braille

Louis wird häufig als der Gutenberg der Blinden betrachtet. Er hat uns in einigen Punkten aus der Abhängigkeit von Sehenden befreit und ein Stück Selbständigkeit gegeben. Das Wort revolutionär wird heute sehr inflationär verwendet, doch wäre eine kleine Revolution in der Blindenschrift wieder fällig.
Ich glaube, wir Geburts-Blinden betrachten Braille immer aus unserer Perspektive. Dabei sollten wir aber diejenigen in den Blick nehmen, die erst im Alter erblinden. Denn das wird dank der besseren Versorgung Neugeborener und dem demografischen Wandel bald die Mehrheit sein. Die Spät-Erblindeten sind in der Regel nicht in den Gremien präsent, die die Entwicklung von Braille steuern. Auch wenn viele Personen aus den Gremien Braille unterrichten, scheinen sie die Probleme Spät-Erblindeter nicht zu antizipieren.
Es ist aber absehbar und nachvollziehbar, wenn sich frisch Erblindete eher für Mainstream-Technologien entscheiden. So habe ich gehört, dass einige Blinde eine Art TipToi verwenden, um etwa Lebensmittelverpackungen und Ähnliches zu kennzeichnen. Haushaltsgeräte lernen dank einer technischen Erweiterung von Amazon bald sprechen. Handys und Computer quatschen ohnehin schon. Wer möchte sich dann noch mit teuren und aufwendigen Braille-Zusatz-Geräten belasten?
Ich gebe gerne zu, dass mir sowohl die Expertise als auch der Ehrgeiz fehlt, diese Revolution einzuleiten. Aber ielleicht fühlt sich ja jemand anderes dazu berufen, der Louis Braille des 21. Jahrhundert zu werden.

Langsamer bitte – warum behinderte sich für Entschleunigung einsetzen sollten

Mit diesem Beitrag verabschiedet sich der Blog in die Weihnachtsferien. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine angenehme Zeit. Der Beitrag passt ganz zufällig zur Vorweihnachtszeit, er lag schon länger auf meinem To-Do-Stapel.
Je älter man wird, desto schneller scheint die Welt abzulaufen. Und tatsächlich ist das nicht rein subjektiv. Man vergleiche einfach mal eine Serie der 80er Jahre mit einem aktuellen Krimi: Sowohl die Schnitte als auch die Dialoge sind schneller geworden. Wer einen beliebigen Artikel aus einem der dicken Wälzer bestellt hat (RIP Otto-Katalog) , musste mehrere Wochen darauf warten, heute kann man in einigen Ballungsräumen bestimmte Produkte innerhalb von Stunden erhalten.

Die neue Ungeduld

Ein Großteil der Unfälle, insbesondere im Straßenverkehr ist auf zu hohe Geschwindigkeiten zurückzuführen. Eine banale Erkenntnis, die aber zu keinerlei Konsequenzen führt. Wer als Politiker ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen fordert, kann praktisch einpacken. Dabei haben wohl die wenigsten Autofahrer die Gelegenheit, mehr als 120 Stundenkilometer zu fahren.
Heute lese ich beim Deutschlandfunk, dass die Hälfte der Todesfälle bei Verkehrsunfällen Senioren sind. Was sagt unser Verkehrsminister, was sagen die Autofahrer dazu? Leider nichts.
Als Umweltfritze begrüße ich, dass immer mehr menschen mit Fahrrad unterwegs sind. Als Blinder ärgere ich mich jede Minute, die ich unterwegs bin über die Rücksichtslosigkeit praktisch aller Fahrradfahrer. Und hat jemand schon mal einen aggressiveren Menschenschlag als den Autofahrer gesehen? Ich kenne wirklich kein Völkchen, das so auf langsamere Verkehrsteilnehmer reagiert. Dabei geht es da häufig nur um ein paar Stundenkilometer oder ein paar Minuten mehr Fahrzeit. Was mag mit denen los sein? Sollte man in der Fahrschule vielleicht noch ein Training in Gelassenheit und ein paar Beutel Beruhigungstee mitgeben? Leider ist die Idiotenquote unter den Fußgängern nicht wesentlich geringer, nur hat deren Verhalten selten so negative Folgen, da sie qua Masse und möglicher Höchstgeschwindigkeit nicht so viel Schaden anrichten können. Heutzutage halte ich aber leider Fahrradfahrer und eBikes für die gefährlichsten Verkehrsteilnehmer für uns Bürgersteignutzer.

Alter und Behinderung

Wir entdecken gewisse Parallelen zwischen behinderten und älteren Menschen. Beide haben mit Einschränkungen zu kämpfen. Der Blinde mag deutlich weniger sehen als ein Senior mit grauem Star. Doch mag der Blinde besser damit umgehen können als der Senior, für den diese Situation neu ist. Bei letzterem mögen zudem noch weitere Einschränkungen vorliegen, die sich zusätzlich auf seine Fähigkeiten auswirken.
Beide Gruppen brauchen mehr Zeit. Der Senior benötigt mehr Zeit, um in den Bus einzusteigen, weil er nicht mehr so beweglich ist. Der Blinde muss den Eingang finden, der Rolstuhlfahrer muss die Rampe verwenden und seine Position im Bus finden.
Ähnliches finden wir im Internet: Blinde können deutlich mehr Zeit für eine Aktion auf einer fremden Webseite benötigen. Ältere mögen mehr Zeit benötigen, um sich zu orientieren, den Text zu lesen und zu verarbeiten oder um die Informationsarchitektur zu verstehen.
Bei beiden Gruppen ist zudem die Reaktionszeit verlangsamt: Entweder weil ein Sinn, die kognitiven Fähigkeiten oder schlicht die körperliche Reaktionsfähigkeit eingeschränkt sind. Wir haben also allen Grund, uns mit den Senioren zu solidarisieren und eine Entschleunigung zu fordern.
Der Grund, warum viele Rollstuhl-Rampen an Straßenbahnen nicht ausgefahren oder ausgeklappt werden ist zumeist der hohe Zeitdruck und die Verspätungen. Viele Blinde bekommen keine Hilfe von Passanten, weil denen beim Vorüberhasten nicht auffällt, dass die Blinden Hilfe brauchen könnten. Viele Hilfegesuche werden abgelehnt, weil die Leute subjektiv glauben, dafür keine Zeit zu haben.

Was tun?

Als Individuen können wir uns dafür entscheiden, den Druck rauszunehmen. Man muss nicht als Erster an der neu eröffneten Kasse sein, über den Bürgersteig rasen oder den Postboten zur Sau machen, weil das Paket einen Tag später gekommen ist.
Allerdings muss das gesamte System entschleunigt werden. Das heißt auch, dass wir als Blinde oder Rollstuhlfahrer uns nicht darüber aufregen sollten, wenn ein Zug zu spät kommt. Immerhin kann es sein, dass es an einem von uns lag.
Ich glaube, das Harrtmut Rosa – den ich ansonsten sehr schätze – sich irrt, wenn er sich gegen eine Entschleunigung ausspricht. Auch icht will nicht zurück zu 3G und ich weiß es zu schätzen, wenn ein Artikel innerhalb von zwei Tagen ankommt.
Doch hat uns die Beschleunigung tatsächlich so viel Lebensqualität gebracht? Was bringt die Beschleunigung etwa im Bahnverkehr, wenn man die gesparte Zeit damit verbringt, auf den Anschlusszug zu warten? Gibt es ein Recht darauf, ein Paket innerhalb eines Tages zu bekommen und was genau hat man damit gewonnen außer ausgebrannten Paketboten? Was bringt es, über die Autobahn zu rasen, wenn man anschließend im City-Verkehr feststeckt? Niemand will die Uhr vollständig zurückdrehen, doch ehrlicherweise hat die Beschleunigung nicht immer und vor allem nicht für alle den Gewinn an Lebensqualität gebracht, den uns unsere kapitalistischen Freunde versprochen haben.

Von Behinderten inspierierte Erfindungen

Eine ganze Reihe von Erfindungen oder Entwicklungen wurden durch Behinderte inspiriert oder durch sie vorweggenommen. In diesem Beitrag möchte ich einige davon darstellen.
Man muss hierbei natürlich immer vorsichtig sein: Kaum eine größere Entwicklung erfolgte durch einen einzigen Impuls oder eine Einzelperson. Die meisten Erfindungen wären zu einem anderen Zeitpunkt von einer anderen Person zu einem anderen Anlass auch entstanden. Und teils mag es sich auch um urband legends handeln, von denen nicht mehr nachzuprüfen ist, ob sie tatsächlich passiert sind.

Telefon

Alexander Graham Bell gilt als der Erfinder des Telefons. Sein Weg zu dieser Entwicklung führte über seine schwerhörige Mutter. Offenbar inspirierte sie ihn zu der Idee, Töne in elektrische Impulse zu verwandeln und über distanzen zu übertragen.
Neben Bells zweifellosen Verdiensten in der Wissenschaft hat er nebenbei bemerkt eine nicht ganz rühmliche Rolle für die Verbreitung der Gebärdensprache gespielt. Das ist aber ein anderes Thema.

SMS (Short Message Service)

Für die jungen Leser: SMS ist WhatsApp in teuer. Der Finne Matti Makonen entwickelte in den 90ern SMS unter anderem, damit Gehörlose untereinander und mit Hörenden kommunizieren konnten, wohl nichtsahnend, dass sie fast genau sowichtig werden würde wie das eigentliche Telefonieren.

Internet und E-Mail

Schwerhörige und Gehörlose haben auch für das Internet und E-Mail eine wichtige Rolle gespielt.
Der heute 75-jährige Vinton Cerf war bei der Entwicklung der ersten Internet- und E-Mail-Protokolle aktiv beteiligt. Er selbst ist schwerhörig. Das Internet und E-Mail ermöglichten eine nicht-verbale Kommunikation mit anderen Personen, was ihn sicherlich mitmotiviert hat, am Internet mitzuwirken. Unter anderem wollte er mit seiner gehörlosen Frau via E-Mail kommunizieren können.

Hörbücher

Hörbücher waren für uns Blinde schon vor 20 Jahren ein alter Hut. Heute gehören sie zu einem wichtigen Segment des Buchmarktes.
1931 starteten die American Foundation for the Blind und die Library of Congress das erste Hörbuch-Programm für Blinde. Lustigerweise spricht man nicht von audiobook, sondern von talking book.
Heute gibt es ca. 60.000 deutschsprachige Hörbücher speziell für Blinde, über 100.000 kommerzielle deutsche Hörbücher und wer weiß wie viele englische Hörbücher.

Schreibmaschine

Die Schreibmaschine prägt unseren Alltag bis heute. Das PC-Keyboard auf dem Schreibtisch und die Tastatur auf dem Smartpohne – beide sind von der Schreibmaschine inspiriert, was die Anordnung der Buchstaben angeht. Und wie solls anders sein, hinter ihrer Erfindung steht eine Liebesaffäre.
1808 entwickelte der Italiener Pellegrino Turri die erste funktionsfähige Schreibmaschine. Seine Geliebte, die erblindete Gräfin Carolina Fantoni da Fivizzono sollte ihm selbständig Liebesbriefe schreiben können. Einer dieser Briefe ist bis heute erhalten geblieben, was man wohl nicht von all zu vielen Liebesbriefen sagen kann.

Videotext

Auch nicht totzukriegen ist der Videotext. Der Videotext oder Teletext wurde 1974 von Mitarbeitern der BBC entwickelt. Sie suchten nach einer Möglichkeit, zu- und abschaltbare Untertitel für Gehörlose und Schwerhörige auf dem Fernseher anzuzeigen. Schnell kam heraus, dass nicht nur Untertitel, sondern ganze Seiten mit Text übermittelt werden konnten.

Sprachausgaben

Sprachausgaben sind dank Alexa, Siri und telefonischen Dialogsystemen aus dem Alltag kaum wegzudenken. Blinde Menschen arbeiten aber schon seit Jahrzehnten mit ihnen.
1986 entwickelte der Amerikaner Jim Thatcher für seinen blinden Freund Dr. Jesse Wright ein System, das den Computer für ihn zugänglich machen sollte, den IBM Screenreader. Bis heute sind Screenreader die Software, die von Blinden bei der Techniknutzung verwendet werden. Sie geben Inhalte als Sprache oder Blindenschrift aus.
Viele Leute beschweren sich über den synthetischen Klang der gängigen Programme. Wer sich aber genauer damit beschäftigt, wird feststellen, dass die synthetischen Stimmen den natürlich klingenden Stimmen teils überlegen sind. Der für Sehende interessante Faktor ist die Prosodie oder Stimm-Melodie, heißt, die Betonung bestimmter Silben, wodurch ein Satz natürlich klingt. Wer sich die typischen Bahnansagen anhört oder einen Text durch ReadSpeaker vorlesen lässt, merkt sofort, was ich meine. Die Wörter werden zusammenhanglos vorgelesen und die Pausen zwischen den Wörtern klingen unnatürlich, dadurch klingt die Aussage schnell unnatürlich.

Spracheingaben

Auch die automatische Spracherkennung ist fast schon ein Alter Hut. Sie wird von vielen Behinderten seit langem eingesetzt, um ihren Computer zu steuern und längere Texte zu diktieren.
Siri und andere Systeme haben diesen Prozess lediglich vereinfacht: Bei den klassischen Systemen wie bei Dragon Natural Speaking müssen Befehlssätze auswendig gelernt und die Systeme trainiert werden. Siri und Co. übertragen die Daten ins Internet und werden meines Wissens nicht auf eine individuelle Stimme hin trainiert. Deshalb haben die meisten virtuellen Assistenten auch Probleme mit Dialekten und werden mit der Zeit für das Individuum auch nicht besser. Und ohne Internet-Verbindung sind sie in der Regel nicht brauchbar, ganz zu schweigen davon, dass sich nicht das gesamte Gerät mit ihnen steuern lässt.

3D-Druck

Selber machen mit 3D-Druck, Phräsen und weiteren Hilfsmitteln gibt es doch erst seit ein paar Jahren außerhalb spezialisierter Produktionsbereiche oder? Keineswegs.
In Blindenschulen spielen Tastmodelle schon seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle. Sie werden etwa in der Physik, der Chemie oder Biologie eingesetzt. Hier werden zum Beispiel Tastmodelle für atome oder auch Organe verwendet. Natürlich hat der 3D-Druck auch hier vielles vereinfacht und günstiger gemacht. Doch möglich ist es schon seit langem. Nebenbei: Viele engagierte Lehrer der 80er und 90er Jahre haben sich in diesem Bereich sehr engagiert und teils in ihrer Freizeit Hilfsmittel gebastelt, um ihren Schülern einen besseren Unterricht zu ermöglichen.

Texte schneller schreiben

Stephen Hawking verlor durch seine Krankheit AMS nach und nach seine physische Fähigkeiten und vor allem die Fähigkeit zu Sprechen. Walter Woltosz, Geschäftsführer von Words Plus, hatte ein System für seine Stiefmutter entwickelt, welches ihr die Kommunikation ermöglichen sollte. Sie hatte ALS wie Hawking. Dieses System wurde für Hawking angepasst und weiter entwickelt.
Hawking benutzte eine Mischung aus Unterstützter Kommunikation – so würde man es heute nennen – und Sprachsynthesizer. Er konnte Wörter aus einer Liste von Begriffen auswählen, diese zu Sätzen zusammenfassen und sie über seine Sprachausgabe ausgeben lassen.
Eine ähnliche Technologie benutzen heute viele auf dem Smartphone: Die Auto-Ergänzung, die häufig Mist schreibt, aber auch die Wortvorschläge, die das Tippen auf dem Smartphone erheblich beschleunigen.
Hawking und seine Erkrankung haben viele Menschen zu Entwicklungen inspiriert, die natürlich in erster Linie Hawking selbst, dann aber auch Menschen in ähnlichen Situationen helfen sollten.

Der Multi-Touchscreen

Touchscreens gab es schon länger. Das erste Touchscreen, das auch Gesten verstand wurde von Wayne Westerman und John Elias entwickelt. Es richtete sich an Menschen, deren Bewegungsfähigkeit durch Erkrankungen wie dem Mausarm eingeschränkt war. Die Firma der beiden Herren wurde schließlich von Apple gekauft und drei Mal dürft ihr raten, welches Produkt Apple damit ausgestattet hat.

Augen- und berührungsfreie Technologien

Mit Augen- und berührungsfreie Technologien sind Bedienkonzepte gemeint, die ohne Display und ohne haptischen Kontakt auskommen. Input und Output erfolgen zumeist als Sprache. Nützlich sind solche Technologien etwa bei Autos, aber haben durch die Alexa-Lautsprecher eine weite Verbreitung gefunden.
Da Blinde ein Display nicht benutzen können, sind sie darauf angewiesen, dass ihnen Informationen in sprachlicher Form oder als Braille ausgegeben werden. Andere Behinderte können ein Display wegen motorischer Behinderungen nicht bedienen und verwenden deshalb andere Eingabemethoden wie Sprache. Von diesen Gruppen könnten die Interface-Gestalter einiges lernen.

Prothetik und plastische Chirurgie

Zwar hat die plastische und Schönheitschirurgie eine längere Geschichte. Einen echten Aufschwung erfuhr sie aber nach dem Ersten Weltkrieg.
Viele Soldaten und Zivilisten büßten Teile des Körpers ein oder hatten großflächige Verbrennungen erlitten. Die Chirurgie wurde verwendet, um ihnen zu helfen.
Man vergisst gerne, dass der Übergang von Schönheitschirurgie mit ihren teils zweifelhaften Eingriffen zur plastischen Chirurgie oft fließend ist. Die Spina Birifida etwa – der offene Rücken – kann heute teils schon während der Schwangerschaft oder unmittelbar nach der Geburt dank der plastischen Chirurgie behandelt werden.

Haus-Automatisierung

Seit 20 Jahren soll sie bald ihren endgültigen Durchbruch feiern: Heizungen, die aus der Ferne gesteuert werden, Rolläden, die mit der Stimme gesteuert werden können, Warnsysteme bei einem vergessenen Topf auf dem Herd. Aus verschiedenen Gründen haben sich diese Systeme bisher nicht auf breiter Fläche durchgesetzt.
Behinderte Menschen verfügen schon seit längerem über solche Systeme. Sie sind vor allem für Querschnittsgelähmte interessant, die vom Hals abwärts gelähmt sind. Sie können außer dem Kopf nichts bewegen und sind ohne solche Systeme praktisch dauerhaft auf Hilfe angewiesen. Viele Systeme wurden und werden komplett über die Stimme und einen Zentralcomputer gesteuert. Im Prinzip erlauben sie das, was die Haus-Automatisierung auch ermöglichen soll und das schon seit den 90er Jahren.
Leider muss man sagen, dass diese Systeme vor allem Menschen zur Verfügung stehen, die das nötige Großgeld haben – und das sind nicht so viele Betroffene. Wer sein Haus automatisieren möchte, findet heute günstigere Lösungen, sie kann jedoch nach wie vor einen fünfstelligen Betrag kosten. Alexa und Co. sind zwar in gewissen Situationen nützlich, doch für eine großflächige Automatisierung benötigt man deutlich mehr und teurere Systeme und Umbaumaßnahmen.

Emojis

Emojis sind aus der Alltagskommunikation kaum noch wegzudenken. Doch spielen Symbole in der Kommunikation schon wesentlich länger eine wichtige Rolle. Es gibt Menschen, die wegen einer Behinderung nicht verbal oder per Gebärdensprache kommunizieren können. Sie setzen Methoden der Unterstützten Kommunikation ein. Ein Zweig dieser Kommunikation beschäftigt sich dabei mit der symbol-basierten Kommunikation. Der Betroffene verwendet einzelne Symbole oder verbindet mehrere Symbole, um mit anderen Personen zu kommunizieren. Die Symbole werden dann häufig als Sprache von einem speziellen Hilfsmittel ausgegeben. Von diesen Symbolen bzw. Symbolsystemen finden wir viele bei den Emojis wieder.

Und es geht weiter

Die Inspirationsquelle ist noch lange nicht versiegt. So gibt es Versuche mit Bewegungs- und Augensteuerung, Gehirn-Computer-Schnittstellen und weiteren Eingabemethoden. Sie werden von behinderten Menschen teils schon Jahre oder Jahrzehnte eingesetzt, können aber auch für Nicht-Behinderte interessant sein. Schon die Gaming-Industrie verlangt immer neue Möglichkeiten der Interaktion mit Spielkonsolen.

Smartphones in der Schule – wie sie den Unterricht für Blinde und Sehbehinderte erleichtern

Smartphones und Tablets im Unterricht sind ein kritisches Thema. Doch gerade für den inklusiven Unterricht für Blinde und Sehbehinderte bieten sie viele Vorteile.

Texte schnell erfassen

Probleme gibt es, wenn der Lehrer spontan einen Text verteilen möchte. Er kann dem Kind den Text vorher zuschicken, im Netzwerk bereit stellen oder das Kind digitalisiert ihn einfach mit der Kamera des Smartphone selber. Die Qualität der Texterkennung ist mit den aktuellen Geräten und einer App wie SeeingAI von Microsoft mittlerweile recht gut. Eine Einscannhilfe zur Positionierung der Kamera ist sinnvoll und immer noch wesentlich flexibler als ein Flachbettscanner.

Texte und Bücher immer dabei

Ab und zu sehe ich Kinder und fühle ich an meine Schulzeit erinnert. Ich sehe vor allem viel zu große, volle und wahrcheinlich auch schwere Schultaschen mit weiß Gott wie vielen Schulbüchern. Das Faible Sehender für bedrucktes Papier konnte ich noch nie nachvollziehen, aber muss das heutzutage noch sein?
Digital ist vieles einfacher. Ganze Bibiliotheken finden bequem auf einem Smartphone Platz. Ein Tablet macht es wesentlich einfacher, Texte zu vergrößern, sie strukturiert durchzugehen, sich Lesezeichen und Notizen zu machen und so weiter. Im Übrigen ist die Bildschirmqualität der aktuelleren iPads wesentlich besser als die Bildschirme der meisten Computer und Notebooks. Die Schlepperei von Büchern ist wirklich nicht mehr zeitgemäß.

Das Smart Device als Fernglas

Für Sehbehinderte ist die Situation häufig noch komplizierter. Sie brauchen vielleicht eine Lupe oder ein Bildschirm-Lesegerät. Wenn sie in unterschiedliche Klassenräume müssen, ist das natürlich schwierig, denn das Gerät müssten sie ja mitnehmen. Auch das könnte durch ein mobiles Gerät erleichtert werden. Sie können die Tafel einfach abfotografieren oder sich Texte digital zuschicken lassen.

Schreiben

Das Schreiben längerer Texte auf diesen Geräten ist aber auch mit der besten Bildschirm-Tastatur schwierig. Da zudem die Autokorrektur und automatische Vorschläge integriert sind, wird die Rechtschreibung nicht vernünftig überprüfbar. Das ist vor allem für Shulen wichtig. Diktieren geht in der Klasse eher nicht.
Das Problem lässt sich aber recht einfach mit einer externen Tastatur lösen.

Lesen

Da die blinden Kinder nicht alles per Sprachausgabe machen sollen, benötigen sie noch eine externe Braillezeile. Das ist wesentlich flexibler als einen eigenen Brailledrucker zu betreiben oder gar die Dokumente extern aufbereiten und ausdrucken zu lassen.
Ich kann schlecht einschätzen, wie viele Zeichen so eine Braillezeile darstellen sollte. Eine kleine Braillezeile mit 40 Zeichen sollte aber für die meisten Fälle reichen. Die 80er-Zeilen sind zu sperrig. Normalerweise ist es aber besser, je mehr Zeichen dargestellt werden können.
Für die Sehbehinderten ist das Lesen auf einem Gerät ohne Hintergrundbeleuchtung deutlich einfacher. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie anstrengend die Arbeit mit einem Bildschirmlesegerät ist. Ein eBook-Reader auf der Basis elektronischer Tinte mit eingebauter Beleuchtung ist deutlich angehmer. Die Displays sind mittlerweile von der Lesequalität her dem Papier überlegen – meiner Einschätzung nach. Die eBook-Reader erlauben eine fast beliebige Anpassung der Schriftgröße, Schriftart, der Textformatierung und so weiter.

Fazit

Das ganze Paket, also ein Tablet, eine große Brailletastatur, für die Blinden noch eine Braillezeile und für die Sehbehinderten noch eine Art Stütze, um das Tablet bequem positionieren zu können passt problemlos in einen Kinderrucksack, kann gut transportiert werden und ist insgesamt gesehen wesentlich billiger als das meiste, was heute von Hilfsmittelfirmen angeboten wird. Nur die Braillezeile geht wirklich ins Geld, aber mit dem Orbit-Reader scheint sich auch hier eine günstige Alternative zu entwickeln.
Das Schöne daran ist auch, dass es natürlich nicht auf die Schulbildung begrenzt bleibt. Auch die Erwachsenenbildung, die sich mit der Inklusion noch ein wenig schwer tut, kann natürlich mit den gleichen Mitteln funktionieren. Es sind natürlich erst einmal die Teilnehmer selbst gefordert, sich mit der Technik zu beschäftigen.

Wie sinnvoll sind Beschriftungen in Braille/Blindenschrift?

gefühlt gibt es eine Inflation an Blindenschrift/Braille im alltäglichen Lebensraum. Man findet sie an ICE-sitzen und in Toiletten, als Teil der Raum-Beschriftungen, auf Medikamentenverpackungen. Warum das Schaden kann und wie es besser geht, erfahrt ihr in diesem Beitrag.
Irgendwer, ich glaube das Büro des Behindertenbeauftragten, schickt mir regelmäßig Einladungen zu Veranstaltungen in Berlin. Dabei ist immer eine Karte mit Braille-Ausdruck. Sie landen bei mir ungelesen im Altpapier, ich habe bisher nicht herausgefunden, wie ich in deren Verteiler gelandet bin, aber für eine Abend-Vernissage oder einen Kinofilm ist mir die Fahrt nach Berlin doch zu weit. Der Punkt ist, dass das Bedrucken solcher Karten mit Braille sehr viel Geld kostet, in geringen Stückzahlen sogar noch mehr und es für die Meisten, an die das Teil verschickt wird komplett nutzlos ist.
In Griechenland soll ein Gesetz beschlossen worden sein, wonach alle Restaurants Speisekarten in Blindenschrift bereithalten sollen. Falls die Blindenschrift in GR nicht wesentlich weiterverbreitet ist als in Deutschland, dafür habe ich keinen Anhaltspunkt, frage ich mich schon, wer auf diese absolut sinnfreie Idee gekommen ist. Es ergeben sich durch Braille Probleme, die man nur als Blinder kennt: Da man die Texte mit dem Finger berühren muss und Papier ein hervorragender Träger für Fett ist, lagern sich nach und nach Keime in der Fettschicht auf den Buchstaben ab. Sind sie ein paar Mal gelesen worden, hat man also irgendwann eine wunderbare Keimschleuder insbesondere im gastronomischen Bereich. Von Speiseflecken reden wir gar nicht. Falls sich Papier dieser Art überhaupt desinfizieren ließe, würde wohl keiner auf die Idee kommen, dies zu tun. Mir persönlich ist es relativ egal, aber ich kenne Blinde, die kein Buch anfassen würden, welches ein Anderer gelesen hat. Es lässt sich natürlich einwenden, dass Geldscheine ähnlich verkeimt sind, mit diesen hat man aber selten so intensiven Kontakt.

Wer kann Braille?

Es ist ein offenes Geheimnis unter Blinden, dass die meisten Blinden kein Braille können. diejenigen, die eine Blindenschule besucht haben oder eine Blinden-Reha – eine blindentechnische Grundausbildung – gemacht haben, können in der Regel Braille. Für später Erblindete ist Braille schwierig zu erlernen und zu behalten.

Was regt sich der Alte auf

Nun schadet es auf den ersten Blick erst mal niemandem, wenn etwas mit Blindenschrift ausgestattet ist. Doch schadet es indirekt doch. Es bindet nämlich Ressourcen, die anderswo besser genutzt wären. Die Preise für Braille-Visitenkarten sind der absolute Wahnsinn und wie gesagt, wenn es nicht um Symbolik geht totale Verschwendung. Die Wahrscheinlichkeit, einen Blinden zu treffen, der deine Visitenkarte haben möchte ist ohnehin gering. Die Wahrscheinlichkeit, einen Blinden zu treffen, der deine Visitenkarte will und Blindenschrift lesen kann, ist jenseits bestimmter Branchen = 0.

Das Schweigen der Sehenden

Als Blinder mache ich häufig Witze darüber: Man hat mit einer sichtbaren Behinderung häufig Narrenfreiheit. Der Pulli ist dreckig, der Hosenstall offen, der Kerl riecht wie ein Iltis – macht doch nichts, er ist blind. Sag lieber nichts, sonst ist er traurig, beleidigt oder verklagt dich wegen Diskriminierung.
Ein ähnlicher Mechanismus greift, wenn es um Maßnahmen zum Thema Blindheit geht. Wer hier als Sehender mit Geld oder Logistik-Problemen argumentiert, darf sich auf einen Shitstorm vorbereiten. Das hat zur Folge, dass sich jeder Unsinn mit dem Argument Inklusion oder Barrierefreiheit verkaufen lässt. Es ist aber nun mal so, dass die Ressourcen endlich sind und wer Geld für Blödsinn ausgegeben hat, dem fehlt das Geld für sinnvolle Maßnahmen. Falls das mal bei den Beratern der Blindenverbände und wer immer noch in diesem Bereich aktiv ist ankommt, können wir vielleicht mal dazu übergehen, Maßnahmen vorzuschlagen, die nicht nur symbolisch, sondern auch praktisch nutzen. Mal ehrlich, welche Sehenden-Organisation würde es heute wagen zu sagen, dass ihnen etwa Braille-Beschriftungen zu teuer sind und das Leitsysteme in kleinen geschlossenen Gebäuden so überflüssig wie ein Kropf sind? Wir stoßen hier auf die Schattenseite der Geschäftemacherei mit Inklusion und Barrierefreiheit.
Man kann mir gerne vorwerfen, dass ich etwa XING und andere Anbieter für ihre mangelhafte Barrierefreiheit kritisiert habe. Doch habe ich immer meine Gründe dafür genannt: Es gibt etwa ein Quasi-Monopol, die Ressourcen sind vorhanden oder man hat sich selber seiner Barrierefreiheit gerühmt oder ist verpflichtet.

Was ist die Lösung?

Nun bin ich niemand, der gerne meckert ohne eine Alternative zu präsentieren. Und diese ist so einfach, dass es mich wundert, warum sie niemand nennt: Sie heißt fühlbare Schwarzschrift. Schwarzschrift nennen wir die Schrift, die Sehende lesen. Sie fühlbar zu machen, ist kein großer Aufwand. Wir haben entsprechende Maschinen, wir haben 3D-Drucker, wir haben Stoff, der sich leicht ausschneiden und aufkleben lässt.
Der Vorteil dieser fühlbaren Schrift ist, dass sowohl spät Erblindete sie lesen können als auch blind geborene Kinder. Letztere müssen die Schwarzschrift in der Schule lernen. Und es schadet ihnen nicht, auch später noch die Form der Schwarzschrift-Buchstaben zu kennen.
Die Zeichen können auch von Personen gelesen werden, die wir in der Blindenszene komplett ausklammern: Menschen, welchen die Sensibilität in den Fingern fehlt, um Braille lesen zu können. Jeder sehende Mensch, den ich bisher gefragt habe hatte große Probleme, die Punkte komplexerer Braillezeichen wie etwa dem K, dem O und so weiter taktil zu erkennen.
Die Buchstaben aus Kunststoff oder Metall können sehr einfach hygienisch sauber gehalten und ggf. ersetzt werden. Vor allem können sie von Sehenden gelesen werden, womit diese feststellen, ob die Informationen noch stimmen. Das ist ja etwa das Problem bei Bürobeschriftungen: Es stehen zwar die Nummern der Büros auf den Schildern, nicht aber die Namen der jeweiligen Mitarbeiter, weil das organisatorisch, finanziell und platztechnisch schwierig ist.
Einen Vorteil gibt es für stark Sehbehinderte: Sie können die Buchstaben ebenfalls abtasten. Für sie ist es nämlich nachteilig, wenn sich die Büro-Beschriftungen auf Hüft- und nicht auf Kopfhöhe befinden, weil sie sie sich eventuell vorbeugen müssen, um die hüftigen Beschriftungen zu lesen.
Längere Texte damit zu produzieren ist natürlich nicht sinnvoll. Viele Buchstaben abzutasten ist nicht komfortabel möglich. Doch was spricht dagegen, dem Blinden ein iPhone zu geben, auf dem er die Speisekarte tagesaktuell ablesen kann? Die paar Gesten, die er dafür braucht, kann man ihm zur Not auch zeigen. Und wenn er damit nicht klarkommt, wird die Speisekarte oder was auch immer selbständig lesen zu können sicher nicht sein größtes Problem sein. Eine weitere Möglichkeit wäre ein einfacher DAISY-Player, den der Betreiber des Etablissements im Zweifelsfall selbst besprechen und dadurch tagesaktuell halten könnte.

Fazit

Vieles von dem, was angeblich für Blinde gemacht wird ist leider reine Symbolpolitik. Ich habe nichts gegen Braille und übrigens auch nichts gegen Symbolik, doch endet mein Verständnis da, wo der Symbolik nichts Praktisches für die Mehrheit der Blinden gegenübersteht. Mir ist es trotz Braille noch kein einziges Mal gelungen, meinen Sitz im ICE selbständig zu finden. Die Sanitäranlagen abzutasten dürfte für jemanden ohne sehrest eine etwas widerliche Angelegenheit sein.
Und die Verantwortlichen glauben tatsächlich, den meisten Blinden etwas Gutes getan zu haben. Wir kennen das schon aus der Verhaltensforschung: Es gibt das Phänomen, dass Personen, die etwas Gutes getan haben glauben, sich schlechter benehmen zu dürfen, es ist sozusagen das Karma des Verhaltens, am Ende kommt Plus Minus Null raus. der Schaffner fragt sich etwa, warum er den Blinden zum Platz führen soll, wenn die Bahn doch zehntausende Euro für Platzbeschriftungen ausgegeben hat. Der Restaurant-Besitzer hat 200 Euro in die Karte in Blindenschrift investiert, aber der Blinde will vom Kellner vorgelesen haben, was es gibt. Der Hotel-Angestellte will den Blinden nichts auf sein Zimmer bringen, es ist doch alles mit Braille beschriftet, wofür soll denn das gut gewesen sein? Warum haben wir jetzt dieses Leitsystem installiert, wenn der Blinde trotzdem kreuz und quer läuft? Und diese Fragen sind leider berechtigt, denn wer immer diese Systeme angepriesen oder verkauft hat, hat die Zuständigen nicht richtig aufgeklärt, im Zweifelsfall natürlich, weil er ohne Auftrag kein Geld verdient.

Wie schütze ich mich als Blinder vor Belästigung und Gewalt?

Eine session von Oliver auf dem gestrigen Sozialcamp hat mich dazu motiviert, über das Thema Sicherheit für Blinde und Sehbehinderte nachzudenken.
Dabei spielt es keine Rolle, ob die Kriminalität statistisch gesehen abnimmt und es spielt auch keine Rolle, welche Nationalität oder Gesinnung ein Täter hat. Wenn ich überfallen werde, interessiert mich nicht, wie statistisch wahrscheinlich es ist, an diesem Ort überfallen zu werden.
Vielleicht bin ich der Einzige, der das spürt, doch gibt es in der Großstadt eine latente Aggressivität, die von so ziemlich jeden Bürger zwischen 13 und 60 ausgeht. Man drängelt sich vor, tritt einem auf die Füße, ohne sich zu entschuldigen, fahrrad-klingelt und hupt wie ein Vollidiot und so weiter. Diese Aggressivität kann jederzeit in latente Gewalt umschlagen. Vielleicht habe ich auch nur falsche Erwartungen an die Großstadt.
Hinzu kommt die tatsächlich zunehmende Gewaltbereitschaft gegenüber Helfern wie Polizisten, Sanitätern oder Feuerwehrleuten. Lehrer, Pflegekräfte, Verwaltungsangestellte, Politiker – sie alle werden bedroht und leider bleibt es oft genug nicht bei Worten.
Ich möchte ausdrücklich dazu sagen, dass ich keine Angst davor habe, Opfer einer Gewalttat zu werden. Das liegt zum Einen daran, dass ich nicht wie ein leichtes Opfer aussehe, trotz meines Blindenstockes. Ich habe eine kräftige Statur und wirke wie ein Bulldozer, wenn ich durch die Landschaft pflüge.Wichtiger ist aber, dass ich Situationen aus dem Weg gehe, in denen ich Opfer werden könnte. Das Nachtleben reizt mich nicht, ich meide Menschengruppen und anrüchige Stadtviertel und wohne auch in einer Gegend, in der soweit ich weiß so gut wie nie etwas passiert.
Nichtsdestotrotz möchte ich hier ein paar Tipps sammeln, wie wir uns schützen können. Wenn ihr weitere Hinweise habt, schreibt sie gerne in die Kommentare, wenn ihr mögt auch anonym oder schickt mir eine Nachricht mit euren Hinweisen, ich werde sie dann gern hier veröffentlichen.

Risiken minimieren

Der erste Tipp, der immer gilt ist, dass wir Situationen vermeiden sollten, in denen Gefahren entstehen könnten. Noch mal zum Mitschreiben: Unsere wichtigste Aufgabe besteht darin, riskante Situationen für uns und unsere Lieben zu vermeiden, deshalb widmet sich fast der gesamte Beitrag diesen Vermeidungsstrategien. Am Ende des Beitrags sehen wir den Grund für diese Empfehlung.
Ich setze einmal voraus, dass ihr am Nachtleben und sonstigen Dingen teilnehmen wollt. Man kann auch zuhause überfallen werden und selbst, wenn da das Risiko gering ist: Wenn wir aus Angst zuhause bleiben, haben die Arschlöcher gewonnen.
Jeder kennt in seinem Heimatort die Ecken, in denen es gefährlich werden kann. Dazu gehören auch bestimmte Bahnstationen, Waldwege, Hinterhöfe und was euch noch so einfällt.
Man sollte auch nie zu würdevoll oder feige sein, um eine Begleitung durch einen Freund zu bitten und auch nicht zu geizig für ein Taxi.

Schau nicht wie ein Opfer aus

Schläger und Kriminelle sind in der Regel faule und feige Typen. Sie suchen sich ihre Opfer gezielt danach aus, ob sie leichtes Spiel mit ihnen haben. Bei Vergewaltigungen zum Beispiel geht es dem Vernehmen nach weniger um Sex als um Macht und Macht gibt es nur dort, wo sich jemand unterwirft.
Es sind vor allem Körpersignale wie ein geneigter Kopf sowie ein eiliger und verschüchterter Gang. Es gibt noch mehr Signale, die ich allerdings selber nicht kenne, da ich sie auch nicht bei Anderen wahrnehmen kann.
Auch das Äußerliche wie Aussehen und Kleidung können eine Rolle spielen. Flapsig gesagt: Habe ich mein Lieblingskuschltier an meinem Rucksack hängen, sehe ich nicht besonders wehrhaft aus.
Es gibt Selbstbehauptungstrainings zum Beispiel von den Frauenbüros, wo ihr genau so etwas lernen könnt – ein Stichwort dazu ist Wen-Do. Ob es was Vergleichbares für Männer gibt, weiß ich nicht.

Stetige Aufmerksamkeit bewahren

Das heißt, wir halten ständig unsere Umwelt im Auge. Als Blinde müssen wir das ohnehin tun, da wir ja ständig von Gefahren anderer Art wie Stolperfallen, Passanten oder Fahrzeugen umgeben sind.
Zusätzlich sollten wir unseren geistigen Fokus auf weitere verdächtige Elemente richten: Eilige Schritte, die direkt auf uns zukommen, verdächtiges Rascheln in einem Hauseingang, der Geruch eines Afterschaves, wo eigentlich niemand sein sollte und so weiter. Das klingt komplizierter, als es ist. Es geht darum, den Alltag achtsam wahrzunehmen und nicht die ganze Zeit nur auf das Handy zu hören oder gar Stöpsel im Ohr zu haben.

Körperliche Fitness bewahren

Generell ist es sinnvoll, eine Kampfkunst zu beherrschen. Ich kenne mich hierbei nicht aus, deswegen will ich keine Empfehlung abgeben. Als Selbstverteidigung wird Krav Maga häufig empfohlen. Ich kann aber nicht einschätzen, ob es für Blinde gut geeignet ist. Kampfkunst ist besser als Kampfsport, weil Kampfsportarten den sportlichen Aspekt in den Vordergrund stellen. Es gibt auch Selbstverteidigungstraining mit dem Blindenstock, wobei ich ich mir nicht sicher bin, wie sinnvoll das ist. Ich selbst habe an solchen Kursen bisher nicht teilgenommen.
Generell gilt: Ein Selbstverteidigungstraining ist nichts, was man einmal und nie wieder macht. Sind die Bewegungen nicht durch regelmäßige Übung in Fleisch und Blut übergegangen, bringt es nichts und man kann es gleich ganz lassen. Entscheidend ist übrigens, dass man im Falle eines Falles auch bereit ist, das Gelernte auch gegen einen Menschen einzusetzen. Klingt banal, doch wir alle haben eine natürliche Abneigung dagegen, andere Menschen zu verletzen. Das ist durchaus sinnvoll und eine zivilisatorische Errungenschaft. Doch zögern wir im falschen Moment, wird uns das Gelernte auch nicht weiterbringen.
Außerdem sollte man generell auf die eigene Fitness achten. Bodybuilding ist absolute Show und ansonsten Zeitverschwendung. Aber eine gewisse Kondition und Kraft sollte jeder von uns schon seiner Gsundheit zuliebe haben.
Oliver empiehlt außerdem Trainings zur Stärkung der Gleichgewichts- und Körperkoordination. Es geht darum, seinen Körper zu kennen. Außerdem kann das unsereins bei der Sturzprävention helfen.
Ein Nebeneffekt körperlicher Fitness ist ein erhöhtes Selbstbewusstsein. Das ist natürlich immer nützlich, aber vor allem dann, wenn wir wie oben beschrieben nicht wie ein Opfer aussehen wollen.

Das hinguckende Weggucken

Klingt ein wenig nach Zen, ist aber recht simpel: Man sollte seine Mitmenschen im Auge behalten, ohne Blickkontakt herzustellen. Blickkontakt wird häufig als Aufforderung zu Irgendwas verstanden und kann auch als Ängstlichkeit interpretiert werden. Ebenso kann aber auch das krampfhafte Weggucken als Ängstlichkeit interpretiert werden. Der Mittelweg scheint also am sinnvollsten zu sein.
Das funktioniert natürlich nur für Sehrestler, aber Vollblinde können immerhin steuern, ob sie geradeaus oder auf den Boden schauen.

Allgemeine Tipps

Und hier ohne Priorität ein paar allgemeine Tipps:

  • Wenn wir irgendwo länger stehen, sollten wir immer eine Wand oder etwas Anderes im Rücken haben, so bieten wir weniger Angriffsfläche.
  • Taschen sollte man entweder am Körper tragen oder zwischen die Beine stellen. Ich staune immer wieder darüber, wie viele Blinde sich leichtfertig beklauen lassen. Wertsachen, die nicht ständig gebraucht werden, sollten zuhause bleiben
  • Wertsachen wie Brieftaschen oder teure Handys sollten möglichst nicht offen gezeigt werden. Sie wecken nur Begehrlichkeiten bei Anderen. BTW sollte man seine Kärtchen lieber in einer seperaten Brieftasche aufbewahren und nur das Bargeld in der Gesäß-Brieftasche haben. So ist man nicht gleich alles los, wenn man beklaut wird. Und vor allem kennt der Täter nicht Deine Adresse, weil er Deinen Personalausweis hat.
  • Man sollte immer mindestens einen Schritt Abstand zwischen sich und eine potentiellen Gefahrenquelle wie einer Straße, Bahnschienen oder einer Treppe haben. Ein kräftiger Stoß reicht schon aus, um uns umkippen zu lassen. In dem Zusammenhang sollte man sich auch immer so hinstellen, dass man einen sicheren Stand hat, also etwa das Hauptgewicht auf dem hinteren Bein haben, das zweite Bein nach vorn stellen und die Füße leicht spreizen, so kann man weniger leicht von hinten oder von der Seite umgestoßen werden.
  • In Bus und Bahn sollte man sich nie in eine Situation begeben, in der man bedrängt werden kann. Also nicht auf die Innenseite setzen und wenn sich jemand neben euch setzen möchte, steht auf und lasst ihn rein oder er hat Pech gehabt.
  • Wenn ihr alleine seid, tut so, als ob ihr zu einer Gruppe gehört. Stellt Euch nahe der Gruppe auf oder setzt euch in den Öffis in deren Nähe. Natürlich nur, wenn diese Gruppe harmlos ist, sie zum Beispiel aus Frauen und Männern besteht.
  • Nutzt lieber Haltestellen, an denen viele andere Menschen aus- bzw. zusteigen, auch wenn die Wege dadurch länger werden
  • Hauptstraßen sind immer besser als Nebenstraßen, auch wenn der Weg dann länger dauert.
  • Verwendet immer bekannte Wege, wenn ihr nachts unterwegs seid. Dort seid ihr wahrscheinlich, fühlt euch aber auf jeden Fall sicherer.
  • Reizgas ist in den meisten Situationen Mist, schlecht zu finden und das Meiste kriegt man selbst ab, wenn man überhaupt zum Schuss kommt. Das Gleiche gilt für Messer.
  • Nehmt möglichst immer eine Person eures Vertrauens mit, auch wenn diese Person euch nervt.
  • Lasst niemanden ins Haus, wenn er euch nicht bekannt oder angemeldet ist. Wenn jemand von einer Behörde oder anderen Stelle sein will, ruft dort an. Am besten geht ihr nicht an die Tür, wenn ihr nicht jemanden erwartet

Und wenn es doch passiert

Was im Falle eines Falles zu tun ist, hängt immer von der konkreten Situation ab: Wenn jemand euer Handy oder eure Brieftasche will, dann gebt sie ihm. Wer ein teures Handy oder eine Brieftasche voller Bargeld mit sich schleppt oder den PIN auf die Bankkarte geschrieben hat, ist danach hoffentlich trotzdem unverletzt, am Leben und hat eine gute Lektion gelernt.
Andere Situationen sind komplizierter: Im Zweifelsfall ist es immer schwierig für uns, eine Gefahrensituation richtig einzuschätzen. Folgende Möglichkeiten gibt es:

  • Um Hilfe rufen: So laut wie möglich um Hilfe rufen. Schon die mögliche Aufmerksamkeit der Umgebung kann helfen.
  • Weglaufen, wenn man sich das zutraut: Für unsereins ist es schwierig, doch manchmal möglich. Wie oben erwähnt sind die meisten täter zu faul oder zu feige, um euch zu folgen, um so mehr, wenn ihr beim Weglaufen um Hilfe schreit.
  • Verhandeln: Damit ist nicht gemeint, um Gnade zu flehen, sondern eher etwas wie „Verpiss Dich, Du Arschloch“. Wie gesagt haben es die Täter auf leichte und ängstliche Opfer abgesehen und sie riechen Angst noch drei Meilen gegen den Wind. Wenn jemand sich so verhält, als ob er sich wehren kann und wird, wird man im Zweifel von ihm ablassen.
  • Kämpfen: Ich nenne dies als Letztes, weil wir praktisch keine Situation richtig einschätzen können. Der Täter ist nicht so nett, uns zu sagen, ob er einen Baseballschläger, ein Messer oder eine Pistole auf uns richtet. Er sagt uns nicht, ob er Kickboxer, oder Judomeister ist. Wir sehen nicht, ob er kräftig oder ein Würstchen ist. Mit anderen Worten: Wir können unseren Gegner und die Umgebung null einschätzen
    und wenn wir kämpfen, müssten wir von Anfang an darauf setzen, den Gegner möglichst mit dem ersten Akt auszuschalten, denn ein leichter Angriff wird ihn eher aggressiver machen und was er als Nächstes tun wird, wissen wir nicht. Wie oben geschrieben müssen wir bereit sein, den Anderen ggf. zu verletzen und sind wir das nicht, sollten wir lieber davonlaufen.

Deswegen sollten wir, wie oben geschildert, immer versuchen zu vermeiden, in solche Situationen zu kommen.
Einem Kampf aus dem Weg zu gehen ist Klugheit und nicht Feigheit, denn in den meisten Fällen werden wir keine Chance haben, unversehrt aus so einer Situation zu kommen.
Tipps für Frauen bietet auch der DBSV in einer kostenlosen Broschüre.
Adaptive Krav Maga ist eine Selbstverteidigungstechnik, ein für Behinderte angepasstes Krav Maga.

Mein Rückblick auf das #Sozialcamp 2018

Am 25. und 26. Oktober 2018 fand das mittlerweile dritte Barcamp Soziale Arbeit statt. Wie fast immer möchte ich einen kleinen Rückblick wagen. Infos und Material zu meinen Sessions findet ihr ganz unten.
Das Barcamp war wie immer hervorragend organisiert. Nur das W-Lan hat zwischendurch gelahmt.
Gut gefallen hat mir, dass sich viele Frauen beteiligt hatten und auch jüngere Menschen dabei waren. Sie sind auf Barcamps normalerweise Mangelware. Erstaunlich war der Personenschwund am Freitag, aber das lag sicherlich nicht an der Qualität des Barcamps.
Nur eine kritische Anmerkung sei mir erlaubt: Auch wenn das Fotografieren fremder Personen heute zum Volkssport gehört, finde ich eine Generalvollmacht dafür eher fragwürdig. Es gibt nun mal Leute, die sich nicht fotografieren lassen möchten. Sie würden sich an einem Barcamp nicht anmelden, bei dem sie praktisch jeder ablichten kann und sie nicht wissen, was mit den Fotos passiert. Ich denke da zum Beispiel an Mobbingopfer. Es kostet nichts, die Leute vorher um Erlaubnis zu bitten. Anonymität ist dank der Namensschilder und der Möglichkeiten der Gesichtserkennung heute selbst in einer Menschengruppe nicht mehr garantiert.

Rückblick auf die Sessions

Wie immer ein kleiner Rückblick auf Sessions, die ich besucht habe, natürlich 100 Prozent subjektiv. Soweit mir die Namen bekannt sind, verlinke ich hier ihre Twitterprofile. Ob sie Materialien online haben, fragt ihr am besten dort an. Die Beschreibungen erfolgen hier nicht-chronologisch.

Fremde Sessions

Interessant, wenn auch für mich nicht neu war die Session von Helpteers. Helpteers versucht mit modernen Ansätzen, Projekte und Freiwillige zusammenzubringen.
Das ist ein cooles Projekt und ich wünsche den Kollegen weiterhin viel Erfolg.
Weniger gelungen fand ich die Session von Benjamin zum Thema Digitalisierung und Kinder. Eine Tirade gegen Manfred Spitzer und eine Polemik gegen den ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans Georg Masen blieb uns nicht erspart. Auch wenn man da seiner Meinung sein kann, ich bin immer maximal genervt, wenn mir jemand seine Ansichten als einzige Wahrheit aufs Brot schmieren möchte und das als Diskussionsbeitrag verkauft.
Wie bei vielen Medienpädagogen fällt auch bei Benjamin auf, dass man die Probleme der Digitalisierung bei Kindern und Jugendlichen geradezu zwanghaft leugnet. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass man sich nicht mit den Problemen der Unterschicht-Kinder beschäftigen möchte. Bei diesen Kindern zeigen sich die Folgen der Digitalisierung wie Übergewicht und Kommunikationsprobleme ganz real. Ich stamme selber aus dieser Schicht und kann das deshalb vielleicht besser beurteilen. Dennoch fände ich es nett, wenn das auch die Mittelschichts-Pädagogen zur Kenntnis nehmen würden. Ich hatte nicht den Eindruck, dass eine Diskussion darüber erwünscht war und habe es daher nicht zur Sprache gebracht.
Eine weitere Session drehte sich um den digitalen Wandel in Organisationen, hier speziell den Caritassen, ich hoffe, der Plural ist hier falsch gebildet worden. Wie jede Groß-Organisation kämpft auch die Caritas mit der Frage der Digitalisierung. Hinzu kommen die diversen Hierarchien innerhalb der Organisationen sowie natürlich das Problem, dass es die lokalen, regionalen und Bundes-Akteure gibt. Da war allerdings nichts dabei, was man aus dem Change-Management nicht bereits kennt. Ich habe da live getwittert und wenn ihr mögt, könnt ihr das dort nachlesen.
Gut gefallen haben mir die beiden Sessions von Oliver: Da ging es zum einen um die Auswahl von Fotos für Social Media und in einer zweiten Session um Selbstverteidigung.
Das Fazit von Session 1: Ein Social-Media-Posting sollte stets von einem Foto begleitet werden. Die fotos sollten möglichst aufmerksamsstark ausgewählt werden. Es gab noch ein paar allgemeine Tipps zur Fotografie, die ihr aber auch woanders nachlesen könnt. Bei der zweiten Session habe ich mitgetwittert, ihr könnt das also auf Twitter nachlesen. Nur als kleine Ergänzung: Bitte beschreibt eure Bilder auf Twitter und Facebook für Blinde. Beide Plattformen stellen dafür technische Möglichkeiten zur Verfügung.

Meine Sessions

Ich hatte zwei Sessions: Eine zum Thema barrierefreies Internet, zum anderen eine Diskussionsrunde zum Thema Inklusion. Die Materialien zu Barrierefreiheits-Session habe ich online gestellt. Wer Slideshare doof findet, fragt mich einfach an.

Einfach barrierefrei from Domingos de Oliveira

Eine Teilnehmerin fragte nach Social Media, auch dafür stehen Infos von mir online.

In der Inklusions-Session ging es um zwei Fragestellungen:

  • Was sollte man Besonderes beim Marketing und Inklusion beachten? Dabei wurde der Leitfaden vom Campaign Boost Camp empfohlen.
  • Zum Zweiten fragte eine Teilnehmerin nach Möglichkeiten der Vernetzung. Dabei ging es um die Initiative Bonn Rhein Sieg fair-bindet. Sie will Arbeitgeber und behinderte Arbeitnehmer zusammenführen und sucht zusätzliche Verbindungen nach beiden seiten.

Mein Rückblick auf das m-Enabling-Forum 2018

Am 27.9.2018 fand das M-Enabling-Forum 2018 in Düsseldorf parallel zur Rehacare statt. Es war ein reichhaltiger Tag. Heute gibts einen kleinen Rückblick. Leider weiß ich nicht, ob und wie die Teilnehmer ihre Inhalte online stellen. Wenn das passiert, werde ich das hier verlinken.

Organisation

Für meinen Geschmack organisatorisch nicht ganz geschickt: Konferenzen sollten frühestens um 10 Uhr beginnen. Und 9 Stunden waren dann zu viel des Guten.
Ein offenes W-Lan fürs Twittern wäre auch nett gewesen. Hier hat man Potential für die Öffentlichkeitsarbeit verschenkt. Im Saal selbst gab es gar keinen Mobil-Empfang, auch ein wenig seltsam für eine Messe Düsseldorf.
Auch hätte man mehr Interaktionen und Interaktionsmöglichkeiten mit dem Publikum ermöglichen sollen. So glich es eher einer Produkt-Schau

Das Programm

Wenn man ein paar dieser Konferenzen besucht hat und im Thema ist, erfahrt man irgendwann nichts mehr Neues. Im Vordergrund steht vor allem der Austausch unter den Besuchern.
Interessant und für mich neu waren die Bemühungen, Barrierefreiheit zu zertifizieren. Ich selbst bin kein Fan solcher Programme. Sie riechen immer ein wenig nach Stempel drauf und für die nächsten zehn Jahre erledigt. Doch mag es in einigen Fällen sinnvoll sein.

Apple nervt

Nervtötend war das Statement von apple. Ich nutze gerne die Geräte von Apple. Was mich allerdings ärgert ist, wenn ein Konzern, der fast 1 BillionenDollar wert ist so tut, als ob Barrierefreiheit für ihn kein Geschäftsfaktor wäre. – Die Eyes-Free-Technologien zum Beispiel kommen auch Autofahrern zugute. Es gibt reichlich Blinde, welche gleich mehrere Produkte von Apple besitzen. Da kann man nicht ernsthaft so tun, als ob Barrierefreiheit reine Wohltätigkeit wäre. Wohlgemerkt, es stört mich nicht, dass Apple damit Geld verdient, sondern dass sie so tun, als ob das nicht so wäre. So ist Apple kein Vorbild für andere Unternehmen, die Barrierefreiheit ernst zu nehmen. Denn es kommt bei apple so rüber, als ob sie für die Barrierefreiheit drauf zahlen müssten. Es wäre dann ein Verlust-Geschäft, so gewinnt man in der Privat-Wirtschaft keine Freunde für die Barrierefreiheit, sondern schadet ihr indirekt.
Absurd wird es dann, wenn Apple Pseudo-Entwicklungen für sich reklamiert. Armbänder zur Sturzmeldung und tragbare Notruf-Systeme gab es schon lange. Wenn man Apple so hört könnte man meinen, sie hätten es für die Apple Watch erfunden. Und die App Kurzbefehle ist sicherlich nett, früher nannten wir das Makros und brauchen es vor allem, weil Siri so miserabel ist. Hier stellt sich eher die Frage, warum es das nicht schon in iOS 6 gab.

Fazit: Rausgehen oder reinholen

Und hier noch meine drei nicht ganz neuen Erkentnisse aus der Konferenz:
Erstens: Es ist zwar immer nett in der Barrierefreiheits-Szene. Diese ist aber klein und scheint mir in der Zeit, in der ich dabei war kaum gewachsen zu sein.
Entweder geht man aus der Szene raus, zum Beispiel auf andere Messen oder Kongresse. Oder man holt diese Leute gezielt rein.
Meine zweite Erkenntnis: Es fehlt eine zentrale Instanz, die Informationen und Nachrichten zur Barrierefreiheit bündelt. Es gibt viele Projekte, die einfach nicht bekannt sind. Die Szene ist nicht nur in Deutschland sehr atomisiert. Es bräuchte ein neues Einfach für alle.
Meine dritte Erkenntnis ist, dass zu wenig über existierende Bedienungshilfen aufgeklärt wird. Von den drei großen Software-Anbietern Apple, Google und Microsoft macht es letzteres am besten: Bei Microsoft bekommt man die Bedienungshilfen schon bei der Erst-Installation und im Anmeldebildschirm angeboten. Bei Apple und Google muss man – zumindest in den mobilen Betriebssystemen – danach suchen. Das heißt, man muss im Prinzip schon wissen, dass es Hilfen gibt. Dafür gibt es keinen nachvollziehbaren Grund. Ich habe gerade erst ein Android-Phone eingerichtet und ihr würdet gar nicht glauben, wie viel Platz auf dem ersten Screen ist, auf jeden Fall genug, um den Start von Bedienungshilfen anzubieten. Wenn ihr das lest, ihr Großen Drei, bitte mehr Geld in Aufklärung und weniger in PR-Maßnahmen stecken.

Nachtrag: Leider nicht geliefert

Einen Kritikpunkt muss ich an den Organisatoren noch loswerden: Den Teilnehmern wurden die Präsentationen zu den Vorträgen versprochen. Diese sind leider bis heute nicht geliefert worden. Das ist sehr schade, weil ich ein paar Sachen nachlesen wollte. Das sieht mir leider nicht nach Professsionalität aus.

Was sehen Blinde eigentlich?

Nichts, wird die volksmündliche Antwort lauten. Leider ist die Situation aber ein wenig komplizierter. In diesem Beitrag werden wir uns anschauen, was Blinde visuell wahrnehmen können.

Eine kleine Begriffskunde

Wie immer ist es sinnvoll, die Begriffe zu kennen:

  • Wir sprechen von vollblind, wenn jemand nichts oder so gut wie nichts sehen kann.
  • Gesetzlich blind sind Menschen, die einen bestimmten Sehrest unterschreiten. Das betrifft entweder die Sehschärfe, die im Visus angegeben wird. Oder die Größe des Gesichtsfeldes. Diese Gruppe wird als Sehrestler bezeichnet.

Beide genannten Gruppen sind im gesetzlichen Sinne blind. Davon abgrenzen können wir die hochgradig Sehbehinderten, die Sehbehinderten und natürlich die Sehenden. Letztere haben entweder keine oder zumindest nicht solche Sehprobleme, die sich nicht mit Brillen oder Kontaktlinsen ausgleichen lassen. Die Grenzen zwischen hochgradig sehbehindert und Sehrest-Blinden ist fließend. In der Regel arbeiten
hochgradig Sehbehinderte noch visuell am Computer und benutzen keinen Blindenstock. Die Sehrestler arbeiten in der Regel mit Screenreader und Braille und verwenden einen Blindenstock im Alltag. Doch gibt es hier keine absolute Regel.

Ich sehe was, was Du nicht siehst

Sehen ist die Verarbeitung von Licht. Entweder wird Licht ausgestrahlt, zum Beispiel von einem Bildschirm oder es wird reflektiert. Das war es schon, alles, was wir sehen, ist die Reflektion von Licht. Manchmal lohnt es sich, sich an diese einfache Tatsache zu erinnern.
Das Spektrum des Sehens unter Sehrestlern ist relativ groß. Was der Eine sieht, sieht der Andere nicht und umgekehrt. Wenn ein Sehender einem anderen Sehenden etwas zeigt, z.B. auf der Straße, kann er ziemlich sicher sein, dass der Andere es auch sehen wird. Unter Sehrestlern ist die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Personen das Gleiche erkenne, relativ gering. In meiner Schulzeit konnte einer meiner Freunde Personen am Gesicht erkennen, aber keine Schwarzschrift lesen. Schwarzschrift nennen wir Blindgänger die gedruckte Schrift. Ich kann bis heute ein wenig Schwarzschrift lesen, wenn sie so groß wie eine Zeitungsüberschrift ist. Aber ich konnte in meinem ganzen Leben niemanden am Gesicht, der Kleidung oder am Gang erkennen.
Die Mess-Instrumente, die Augenärzte verwenden sind natürlich nicht auf Unsereins ausgelegt, sondern auf Normal-Sichtige. Ich weiß leider nicht, ob es spezielle Messmethoden für sehschwache Personen gibt oder ob solche Mess-Instrumente überhaupt sinnvoll wären.

Sehen mit dem ganzen Körper

Wer lediglich auf das Sehen achtet, verkennt viele andere Faktoren. Im Computerbereich würde man das integrierte Informationsverarbeitung nennen. Da ist natürlich das Gehör. Aber auch der haptische Kontakt zum Boden, der Geruchsinn. Der Geschmacksinn als fünfter Sinn ist an der Stelle nicht so wichtig. Sehende benutzen solche Faktoren oft unbewusst. Der Geruchssinn zum Beispiel funktioniert sehr stark intuitiv. Aber auch das Gehör spielt eine Rolle: Wem ist es noch nicht passiert, dass er das Auto hinter sich zuerst gehört hat und dann zur Seite sprang, ohne sich umzudrehen und zu gucken, ob es einen tatsächlich gleich überfährt?
Als weiterer Faktor kommen Gedächtnis und Erfahrung hinzu. Als kleines Kind bereits mussten wir lernen, visuelle und auditive Reize zu unterscheiden. In unserem Gedächtnis gibt es tausende Geräusche. Jeder erkennt zum Beispiel das charakteristische Geräusch eines entriegelnden Kofferraums, eines bremsenden Fahrrads oder eines tappenden Hundes, auch wenn wir kein Auto, kein Fahrrad und keinen Hund haben.
Als weiteren Faktor haben wir die Situationsabhängigkeit: An einer Straße dürfen wir mit anderen Gegenständen rechnen als im Park oder im Wald.
Und das Gedächtnis verrät uns, dass das Gelbe da vorne, wo wir jeden Tag vorbei gehen ein Briefkasten und keine gelbe Tonne ist. Grob geschätzt nutzen wir 90 Prozent unseres Lebens immer die gleichen Wege. Wenn jemand in unsere Wohnung spazieren und unsere Bücher umstellen würde, würden wir das sofort merken. Und zwar nicht, weil wir ein so ausgefeiltes Ordnungssystem haben, sondern weil uns das Muster der Aufstellung vertraut ist. Wenn aber etwas jeden Tag anders ist, wie die Autos, die an der Straße parken, achten wir in der Regel nicht darauf. Wenn wir wissen, was etwas ist, reichen auch sehr unscharfe Seheindrücke, um es zu erkennen bzw. Veränderungen zu bemerken.

Im Gegensatz zum Menschen, wir schauen mal von der künstlichen Intelligenz und Fuzzy Logic ab, versteht ein Computer nur ja oder nein. Er wird sich zwangsläufig entscheiden, ist es ein Mensch oder ein Laternenpfahl? Ein Mensch hingegen könnte schlussfolgern, das Objekt könnte ein Mensch sein, aber Menschen stehen normalerweise nicht stocksteif in der Gegend rum. Es wird also doch ein Pfahl sein. Befindet es sich hingegen mitten auf einem Bürgersteig, wird es wohl eher ein Mensch sein.

Fazit

Es ist also schlicht gesagt unmöglich, einem anderen Menschen exakt zu beschreiben, was man als Sehrestler wahrnimmt. Wir behelfen uns immer an Beispielen, die aber oft unzureichend sind. Deswegen dürft ihr auf die Frage: „Was siehst du eigentlich?“ nie eine klare Antwort von uns erwarten.
Das scheint die Frage zu sein, die Sehende am meisten verwirrt, wenn sie mit Sehrestlern zu tun haben. Leider ist das eine Frage, auf die es keine eindeutige Antwort gibt oder jemals geben wird.

Ich bin behindert – Ihr enthindert mich