Warum ich kein Öko mehr bin

Vielfach wurde ich gefragt, warum ich mich nicht mehr für die ökologische Bewegung engagiere. In meiner Jugend war ich sehr aktiv. Unter anderem war ich Umweltreferent an der Uni. In diesem Beitrag möchte ich die Frage beantworten, warum ich kein Öko mehr bin.

Wenn Öko nicht Öko ist

Menschen wie Nico Paech haben die Probleme gezeigt, die durch Bio-Produkte entstehen können. So müssen zusätzliche Produktionsstraßen und Lager geschaffen werden, damit Öko und Nicht-Öko voneinander getrennt verarbeitet und gelagert werden können. Zusätzliche Produktionsstraßen, die natürlich gewartet, gereinigt und ersetzt werden müssen wie die Nicht-Öko-Produktionsanlagen. Wie lange dauert es wohl, bis sich die ökologischen Kosten dieser zusätzlichen Anlagen amortisiert haben? Wie viele Produkte müssen dort verarbeitet worden sein, bevor die negative Öko-Bilanz der Anlage mit der positiven Bilanz der Produkte ausgeglichen wurde?
Schlimmer sind jedoch viele Langzeitfolgen der Ökologie: Solaranlagen oder Dämm-Materialien, die nicht recycelt werden können. In einigen Jahrzehnten werden wir viele tausend Tonnen von diesem Zeug haben.
Der damalige Umweltminister Jürgen Trittin führte das Pfand auf Einwegflaschen ein und machte dadurch Einweg erst salonfähig. Zugegeben, es landen weniger PET-Flaschen in der Natur oder im Restmüll, eine Mehrweg-Politik wäre jedoch nachhaltiger gewesen.

Der Hipster-Öko

Wie alle Missionare nerven die Leute, die ihr Öko-Bewusstsein aggressiv zur Schau stellen. Studien zeigen, dass Menschen, die glauben, sich in einer Hinsicht positiv zu verhalten oft in anderen Bereichen assozial sind. Wahrscheinlich denken sie an eine Art Karma-Konto, böses und gutes Verhalten gleichen sich aus. So habe ich selten eine aggressivere Spezies als Fahrradfahrer getroffen, die Leute mit eBikes sind darunter die Schlimmsten. Sie halten sich gleichzeitig wahrscheinlich für besonders gute Menschen, sie sind ja so ökologisch.
Aber auch die ganzen Hybrids, Teslas und anderen eAutos sind ein großer Selbstbetrug. Mal ehrlich, wer fährt sein Auto bis zum bitteren Ende? Was soll daran ökologisch sein, ein fahrtüchtiges Auto, dass mehrere Tonnen Ressourcen zu seiner Erzeugung gebraucht hat zu verschrotten, um sich eben so ein grün gefärbtes Auto zuzulegen? Das ist das Gegenteil von ökologischem Verhalten. Das ist reines Hipstertum.
Absurd wird es dann, wenn die Menschen eine Art modernen Ablass-Handel betreiben: Statt zum Beispiel auf das Fliegen zu verzichten, fliegen sie in die Karibik – natürlich machen sie dort einen total ökologischen Urlaub – und bezahlen ein paar Euro an Atmosfair. Und glauben wahrscheinlich, der Natur noch etwas Gutes getan zu haben.
Aber sie kaufen doch im Bio-Supermarkt? Ja, der Bio-Apfel mag ökologischer sein als der konventionelle Apfel, aber selbst das gilt nicht immer. Doch ist der Unterschied relativ gering. Wir alle müssen essen und Nahrungsmittel verursachen so oder so Öko-Emissionen, der Öko-Apfel macht einen relativ geringen Unterschied. Unter allen Faktoren macht die Ernährung einen relativ geringen Faktor aus. Wir müssen alle essen, deswegen macht das keinen so großartigen Unterschied. So ziemlich alles andere im Lebensstil ist wichtiger. Deswegen kann ich auch Veganer nicht ernst nehmen, die ein Auto besitzen oder in Urlaub fliegen. Zumindest, wenn sie es aus ökologischen Gründen machen wäre es nachhaltiger, mit dem Fahrrad zu fahren und Fleisch zu essen.
Den Ökos fehlt der Blick für die Verhältnisse: Während viele Einzel-Aspekte des Lebenswandels bis aufs Kleinste analysiert werden, leistet man sich Gadgets, Flugreisen oder andere Splinigkeiten, die allein wesentlich mehr Emissionen verursachen als alle kleinen Einzelmaßnahmen zusammen.

Arme Menschen leben ökologischer

Wenn du ökologisch leben möchtest, solltest du Hartz IV bekommen: Kein Urlaub im Ausland, kein dicker SUV, kein teures Smartphone jedes halbe Jahr.
Auch wenn sich arme Menschen oft gar nicht ökologisch im allggemeinen Sinne verhalten – sie rauchen häufig, kaufen beim Discounter, essen oft ungesund und produzieren viel Müll – sind sie am Ende doch ökologischer als die Wohlstands-Grünen. Das so ökologische Hamburg etwa hat pro Person einen deutlich größeren ökologischen Fußabdruck als Berlin. Warum? Weil die Hamburger im Schnitt reicher sind, ihre Wohnfläche größer ist, sie mehr verreisen, mehr Fahrten mit dem Auto erledigen etc.

Logisches Denken fehlt

Die meisten Ökos gehören tatsächlich zu den formal gebildeteren Zeitgenossen. Doch leider findet man dort absurdes Denken verbreitet. Nehmen wir als Beispiel das Thema Atomenergie: Was ist der tiefere Sinn, einen Zug mit Atommüll zu blockieren? Der Müll ist da und er muss irgendwo gelagert werden.
Schlimmer ist jedoch die Abschaltung der Atomkraftwerke. Man mag von Atomkraft halten, was man will. Doch sind Unfälle in AKWs – soweit wir wissen – relativ selten. Die AKWs sind aber nun einmal gebaut, das Material ist da. Logischerweise sollte man – auch aus Sicht der Ökologie – die Meiler solange wie möglich nutzen, denn es ist viel Energie für ihren Bau aufgewendet worden. Aber nein, sie werden vorzeitig abgeschaltet. Die Anlagen sind bis auf Weiteres für keinen anderen Zweck verwendbar. Das verstrahlte Material muss für sehr lange Zeit gelagert werden, statt für die Energieerzeugung verwendet zu werden. Ersetzt werden AKWs durch die dreckigste Art der Energieerzeugung, Kohle.
Entsetzt hat mich die Panikmache vor der Gentechnik. Seit dem Greenpeace ganz Deutschland zu einem Anti-Gentechnik-Land gemacht hat, kann ich diese Organisation bei allen Verdiensten nicht mehr ernst nehmen. Wenn man sich die anderen Verfahren ansieht, die zur Erzeugung neuer Eigenschaften bei Pflanzen verwendet werden, ist die Gentechnik eine wesentlich sicherere und effizientere Methode. Bei Greenpeace und Co. ist die Neigung groß, unwissenschaftliches Verhalten damit zu rechtfertigen, dass es ja der Natur diene.
Große Teile der Öko-Bewegung pflegen mehr Vorurteile und ignorieren die Wissenschaft, wenn sie nicht in ihr Konzept passt.

Der Öko-Wettbewerb nervt

Last not least ist da die ewige Debatte zwischen Ökos und noch besseren Ökos. Egal, wie ökologisch man selber lebt, es kommt gleich jemand um die Ecke und sagt, er sei viel ökologischer und du seist es im Grunde nicht.
Dieser schwachsinnige Wettbewerb hat so viele Ressourcen gekostet, dass die Ökobewegung sich selbst blockiert. Man neigt automatisch in diesen Wettbewerb einzusteigen, wie ich oben selbst gezeigt habe, als ich über Veganer und autos sprach.

Der Natürlichkeits-Wahn

„Das ist gesund, das ist natürlich“ ist einer der häufigsten und dümmsten Sätze in der Ökobewegung, zu lesen etwa bei utopia.de. Chemie ist also giftig, Natur ist gut. Das war tatsächlich der Grund, warum ich mich von der Ökobewegung verabschiedet habe.
Sicherlich gibt es viele fragwürdige Stoffe in gängigen Produkten. Allerdings beruhen die meisten Allergien auf natürlichen Produkten. Die stärksten Gifte kommen aus der Natur.
Und was soll daranökologisch sein, einen unökologischen Produktionsprozess durchzuführen, um ein möglichst naturnahes Produkt zu erzeugen, wenn ein anderer Prozess weniger aufwendig wäre? Natürlich sind die großen Hersteller auf den Zug aufgesprungen und verwenden alle möglichen Tricks, um ihre Produkte besonders ökologisch erscheinen zu lassen.

Vegetarische und vegane Ernährung

Vegetarische und vegane Ernährung haben durchaus ihre Vorzüge. Sie stoßen aber dort an Grenzen, wo behauptet wird, diese oder jene Ernährungsweise sei gesund. Nach vielen Jahrzehnten Ernährungsforschung ist klar, dass es die gesunde, für alle geeignete Ernährungsweise nicht gibt. Gut, wir verzichten auf fleisch und tierische Produkte. Stattdessen müssen wir uns B12, Eisen, Zink und weitere Vitalstoffe künstlich zuführen. Ist das wirklich ökologischer als ab und an Fleisch zu essen? Oder ist es ökologisch, einen Mangel an diesen Nährstoffen zu erleiden? Wenn Person A mit einer veganen Ernährung vollkommen klar kommt, muss das auch für Person B gelten, obwohl sie offensichtlich ständig erkältet ist? Im Übrigen können sich die Ergebnisse einer Mangelernährung auch nach Jahren erst zeigen. So ist der B12-Speicher erst nach ein paar Monaten aufgebraucht, die ersten Erkrankungen zeigen sich erst nach Jahren. Die Aussage, man käme wunderbar mit der veganen Ernährung klar ist also nur eingeschränkt ernst zu nehmen.
Richtig ist, dass Fleisch und andere tierische Produkte viele Ressourcen verbrauchen, um erzeugt zu werden. Aber ein veganer Lebensstil ist nicht unbedingt ökologischer als ein durchschnittlicher Fleisch-Konsum. Die Veganer haben zum Beispiel Avocados salonfähig gemacht, eine der ökologisch anspruchvollsten Lebensmittel. Amaranth, Quinoa, Goji-Beeren, Cashew-Kerne, Jackfruit und viele weitere Lebensmittel müssen ökologisch aufwendig angebaut, verarbeitet und nach Deutschland geschafft werden. Das beliebte Kokosöl ist in der Produktionskette viel aufwendiger und weniger effizient als das verteufelte Palmöl. Die Mandeln für Mandelmilch werden mit kalifornischem Grundwasser produziert.
Richtig liegen also nur die Veganer, die es aus Tierschutzgründen tun und denen die Ökobilanz ansonsten egal ist. Richtig, es gibt Veganer, die nur Bio und regional essen, aber das ist meiner Wahrnehmung nach die Minderheit. Viele Veganer pflegen ein Hipstertum und essen aufwendig hergestellte und weit gereiste Lebensmittel, die in der Ökobilanz nicht viel besser abschneiden als Fleisch.

Bio ist oft nicht besser

Bio mag für die Landwirtschaft besser sein als konventionell. Für die Lebensmittel gilt das allerdings nicht unbedingt. So zeigen diverse Untersuchungen, dass sich in Bio-Kräutertees höhere Anteile an Pyrrolizidinalkaloide befinden. Das sind sekundäre Pfflanzenstoffe, die zum Selbstschutz der Pflanzen dienen. Sie sollen Leberschäden und Krebs begünstigen. Sie sind vielen Tees zu finden, doch besonders häufig in Bio-Tees, weil dort weniger Pflanzenschutz-Mittel zur Bekämpfung von Unkräutern eingesetzt werden. Die Unkräuter werden mitverarbeitet und gelangen so in die Tees. Das ist deshalb fatal, weil ausgerechnet Kräutertees als besonders gesund gelten.

Die deutsche Staatsgläubigkeit

In Deutschland wartet man emsig darauf, dass der Staat einem alles abnimmt. Unser Verhalten verursacht zu viel Müll? Der Staat soll sich darum kümmern. Wir fahren zu schnell? Der Staat soll Tempolimits einführen. Fliegen ist zu billig? Der Staat soll sich darum kümmern.
Das kritisiere ich auch an Fridays for future: Sie stellen berechtigte Forderungen auf. Doch wie viele der protestierenden Jugendlichen wären tatsächlich bereit, auf die nächste Flugreise, das teure Gadget, den Motoroller und so weiter zu verzichten. Die Konsequenz aus ihren Forderungen wäre im Grunde, dass fast alles nicht-ökologische Verhalten verteuert oder verboten werden müsste – auch wenn eine Sozialquote umgesetzt wird.
Und wenn sie dazu bereit sind, warum stellen sie lediglich Forderungen an den Staat? Warum veranlassen sie nicht ihre Eltern, das Auto abzuschaffen, die Flugreise abzusagen und das Smartphone so lange zu benutzen, bis es kaputt ist? Wenn nur 100.000 Haushalte mitmachen würden, samt der Großeltern wären es noch ein paar mehr, könnten sie einen großen Druck auf den Markt ausüben. Aber sie scheinen lieber auf den Staat zu warten. Einige ziehen sicher diese Konsequenz, aber mein Eindruck ist, dass das eine kleine Minderheit ist.
Aber ich räume durchaus ein, dass meine Generation diesbezüglich total versagt hat. Wir, unsere Eltern und die in den 80ern geborenen haben das Umweltproblem gekannt – oder hätten es kennen können – und haben nicht das getan, was notwendig gewesen wäre. Aber wir können die Vergangenheit nicht ändern. Wir können aber durchaus ändern, was jetzt und in Zukunft passiert. Seid ihr, liebe Jugendliche auch bereit, die Konsequenzen aus euren Forderungen selbst zu tragen?

Fazit

Ich habe mich deshalb und um meine Nerven zu schonen weitgehend aus der Ökobewegung zurückgezogen. Natürlich finden wir ähnliche Erscheinungen in fast allen sozialen Bewegungen. Schade ist dennoch, dass die Ökos nicht dazu gelernt haben.
Ich versuche nach wie vor, ein ökologisches Leben zu führen. Doch habe ich die Idee aufgegeben, andere bekehren zu wollen. Ich lese und diskutiere nicht mehr in den einschlägigen Ökogruppen mit. Und nenne mich selbst nicht mehr öko.

Ich bin behindert – Ihr enthindert mich